Grimme-Preis 2022 für „Tina mobil“, „Wer stiehlt mir die Show?“ und „Charité intensiv“

    Gleich zwei Auszeichnungen für Bjarne Mädel

    Lukas Respondek
    Lukas Respondek – 31.05.2022, 11:00 Uhr

    Ausgezeichnet und geehrt werden u. a. „Tina mobil“, „Wer stiehlt mir die Show?“ und Anke Engelke – Bild: rbb/Stefan Erhard, ProSieben / Claudius Pflug, ProSieben/Florida TV / Anna Thut
    Ausgezeichnet und geehrt werden u. a. „Tina mobil“, „Wer stiehlt mir die Show?“ und Anke Engelke

    Die Preisträgerinnen und Preisträger der diesjährigen „Grimme-Preise“ sind bekannt gegeben worden. Insgesamt 16 nominierte Fernsehproduktionen und Einzelleistungen werden mit dem renommierten Preis ausgezeichnet. Zudem vergibt die Marler Gruppe einen Publikumspreis. Studentinnen und Studenten der Universität zu Köln vergeben erstmals einen eigenen „Preis der Studierendenjury“. Anke Engelke wird für ihre herausragenden Leistungen geehrt. Die Preisverleihung findet am 26. August in Marl statt.

    Ausgezeichnet in der Kategorie Fiktion des 58. Grimme-Preises werden der Sky-Vierteiler „Die Ibiza-Affäre“, den die Jury als „wilde Mischung aus Krimi, Polit-Thriller, Drama und Slapstick-Komödie“ bezeichnet, sowie der 90-Minüter „Sörensen hat Angst“. Außerdem ausgezeichnet werden der Fernsehfilm „Geliefert“, der Film „Sabine“ aus der Reihe „Polizeiruf 110“ und die Serie „Tina mobil“ vom rbb („in diesem Genre eine Klasse für sich“) – allesamt Geschichten rund um prekäre Arbeitsbedingungen. Doppelt freuen darf sich Schauspieler Bjarne Mädel, der dieses Jahr für „Geliefert“ und „Sörensen hat Angst“ gleich zwei Grimme-Preise in einer Kategorie erhält. Der Publikumspreis der Marler Gruppe zeichnet mit „The Mopes“ derweil erstmals eine Serie aus. Insbesondere die schauspielerische Leistung von Nora Tschirner hat die Jury überzeugt.

    In der Kategorie Unterhaltung erhalten die WDR-Reihe „Freitagnacht Jews“ mit Daniel Donskoy und das Primetime-Quiz „Wer stiehlt mir die Show?“ mit Joko Winterscheidt den Grimme-Preis. Zudem wird diejenige „Chez Krömer“-Folge ausgezeichnet, in der Kurt Krömer mit Torsten Sträter offen über ihre Erfahrungen mit Depressionen spricht – „ein herausragender Fernsehmoment“, so die Jury.

    Für ihre Besondere Journalistische Leistung in vier „auslandsjournal“-Reportagen und -Dokus über die Lage der Frauen und Mädchen in Afghanistan wird die ZDF-Journalistin Katrin Eigendorf ausgezeichnet. Ihre „exzellenten Reportagen“ von jeweils maximal 30 Minuten Länge seien ein „Optimum journalistischen Arbeitens in Krisenzeiten“, urteilt die Jury.

    In der Kategorie Information & Kultur ebenfalls ausgezeichnet werden der rbb-Vierteiler „Charité intensiv: Station 43“, der „in viermal 30 Minuten eine der schlimmsten Phasen der Pandemie konserviert“ hat, sowie die Einzeldokumentationen „Hanau – Eine Nacht und ihr Folgen“ über die Angehörigen der Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau 2020, „Oeconomia“ über die simpel zu stellende, aber schwer zu beantwortende Frage „Wie entsteht Geld?“ sowie „Schwarze Adler“ über Rassismus im Fußball. Die erstmals einberufene Studierendenjury bestehend aus Studentinnen und Studenten der Universität zu Köln vergibt ihren Preis an das Familienporträt „Una Primavera“, das häusliche Gewalt und seine Auswirkungen auf eine Familie auf sehr persönliche Weise zeigt und dabei, so die Jury, „zur kritischen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen“ auffordert.

    Mit dem Grimme-Preis in der Kategorie Kinder & Jugend wird der MDR-Kurzfilm „Seepferdchen“ über eine über das Mittelmeer nach Deutschland geflüchtete Schwimmlehrerin ausgezeichnet. Auch die funk-Reihe „offen un’ ehrlich“ des Saarländischen Rundfunks erhält den Preis. Das unterhaltsame Verbrauchermagazin bewege sich inzwischen „nicht bloß inhaltlich, sondern auch handwerklich auf höchstem Niveau“, findet die Jury. Den Grimme-Preis Spezial erhalten Petra Boberg und Christine Rütten für die „sensible, zielgruppenorientierte und crossmedial ausgerichtete“ Konzeption und Realisation der Doku-Reihe „Am Limit?! Jetzt reden WIR!“ vom Hessischen Rundfunk. Die „herausragende Doku-Serie“ ließ erst Kinder und Jugendliche in der Pandemie, später auch Auszubildende und Studierende zu Wort kommen.

    Die Besondere Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbands (DVV) geht in diesem Jahr an Entertainerin, Komikerin, Moderatorin und Schauspielerin Anke Engelke, die sich mit ihrer innovativen Kreativität und geistreichen Wandlungsfähigkeit in vorbildlicher Weise um das Medium Fernsehen verdient gemacht hat, ohne auf spezifische Genres oder Zielgruppen begrenzt zu sein. „Anke Engelke hält uns mit ihrer einzigartigen Ironie immer wieder einen Spiegel vor. Und was wir da sehen, ist nicht immer schmeichelhaft, doch es hilft uns, unsere Lernbedarfe zu erkennen“, sagt DVV-Präsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer. „Engelkes Parodien verdeutlichen, wo uns Aufklärung fehlt oder wo uns ein Perspektivwechsel guttäte. Wer mit einem Lachen die eigenen Lücken erkennt und sich auf den Weg macht, sie zu schließen, handelt ganz im Sinne der Volkshochschulen.“

    Auffällig: Serien und Filme von Streamingdiensten wie Netflix und Amazon Prime Video gingen in diesem Preisjahrgang beinahe leer aus: Mit „Schwarze Adler“ findet sich in der Liste der Preisträger lediglich eine einzige Produktion wieder, die für einen Streamingdienst entstanden ist – in Kooperation mit dem ZDF. Insgesamt dominieren die öffentlich-rechtlichen Anstalten auch diesen Jahrgang deutlich.

    Grimme-Direktorin Dr. Frauke Gerlach meint zusammenfassend:

    „Angesichts tiefgreifender gesellschaftlicher wie globaler Veränderungsprozesse, erschütternder Krisen und einer zunehmend digitalisierten Öffentlichkeit, steigen die Anforderungen an ein qualitativ hochwertiges Fernsehprogramm.“

    Darüber hinaus gelte es, heterogene Zielgruppen zu erreichen:

    „Überzeugen können in dieser Hinsicht diesmal vor allem die ausgezeichneten Produktionen in den Kategorien Kinder & Jugend und Unterhaltung. Ihnen gelingt es, mit Sachlichkeit, Wertschätzung, Empathie und auch geistreichem Witz zu informieren, Orientierung zu geben und zu unterhalten. Von guter Qualität, mit steigender Tendenz, sind in diesem Preisjahr aber auch die prämierten Reportagen und Dokumentationen in der Kategorie Information & Kultur sowie die vielschichtigen Stoffe und Erzählweisen in der Kategorie Fiktion.“

    Die Verleihung des 58. Grimme-Preises findet am 26. August im Theater der Stadt Marl statt und wird von 3sat zeitversetzt ab 22:25 Uhr im Fernsehen ausgestrahlt.

    Die Preisträger und Nominierten in der Übersicht:

    Preisträger der Kategorie Fiktion

    Außerdem nominiert in der Kategorie Fiktion waren:

    Spezial-Nominierungen

    Preisträger der Kategorie Information & Kultur

    Außerdem nominiert in der Kategorie Information & Kultur waren:

    Spezial-Nominierungen

    Nominiert für ihre Besondere Journalistische Leistung

    • Shafagh Laghai, Jack Sappoch, Klaas van Dijken und Nicole Vögele für ihre im Rahmen eines internationalen Rechercheprojekts entstandene „Monitor“-Reportage „Europas Schattenarmee: Pushbacks an der kroatisch-bosnischen Grenze“ (WDR)
    • Der Meteorologe Özden Terli für seine anschaulichen und schonungslosen Darstellungen der Klimawandelfolgen in verschiedenen Sendungen des ZDF (ZDF)

    Preisträger der Kategorie Unterhaltung

    Außerdem nominiert in der Kategorie Unterhaltung waren:

    Preisträger der Kategorie Kinder & Jugend

    Außerdem nominiert in der Kategorie Kinder & Jugend waren:

    Nominierungen Kinder

    Besondere Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes

    an Anke Engelke

    Der Autor dieses Artikels ist seit 2020 Mitglied der Grimme-Preis-Jury Unterhaltung.

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