„His & Hers“ bietet mehr Drama als Spannung – Review

Roman-Adaption auf Netflix

R.L. Bonin
Rezension von R.L. Bonin – 12.01.2026, 17:30 Uhr

„His & Hers“ ist die Adaption des gleichnamigen Romans von Alice Feeney. – Bild: Netflix
„His & Hers“ ist die Adaption des gleichnamigen Romans von Alice Feeney.

Affäre, Lügen, Intrigen und Geheimnisse: Die serielle Adaption von Alice Feeneys Psychothriller „His & Hers“ bietet das volle Programm. Am 8. Januar auf Netflix erschienen, dreht sich die Miniserie um ein entfremdetes Ehepaar, das durch einen Mord in einer Kleinstadt wieder aufeinandertrifft. Der Clou: Der Detective und die Reporterin verdächtigen sich gegenseitig, die Tat begangen zu haben. Das Katz-und-Maus-Spiel um Informationen beginnt …

„His & Hers“ (übersetzt: seins/​seine und ihres/​ihre) kann für vielerlei Dinge stehen. Doch das Voice-over zu Beginn der ersten Folge macht glasklar, worum es genau geht – Perspektiven. Jede Geschichte habe zwei Seiten, doch nur eine davon sei wahr. Somit schwebt die Frage, ob es sich bei der dargestellten Geschichte um Wahrheit oder Lüge handelt, wie ein Damoklesschwert über jeder Szene.

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Die Miniserie handelt von der ehemaligen Moderatorin Anna Andrews (Tessa Thompson), die in ihre Heimatstadt Dahlonega zurückkehrt, um als TV-Reporterin über einen dort vorgefallenen Mord an einer Frau zu berichten. Die Ermittlungen leitet ausgerechnet ihr (Ex-)Ehemann Detective Jack Harper (Jon Bernthal), der mit der Ankunft und Anwesenheit seiner Frau alles andere als zufrieden ist. Beide misstrauen und verdächtigen sich gegenseitig, etwas mit dem Mord zu tun zu haben, denn: Das Opfer ist Annas Schulfreundin Rachel (Jamie Tisdale), die auch Jack gut kannte.

Anna Andrews (Tessa Thompson) in ihrem Element: vor der Kamera. Netflix

Im ersten Drittel von Folge eins steht die Charaktervorstellung im Fokus. Anna wird als komplexe und undurchsichtige Figur skizziert. Aufgelöst stürmt sie mitten in der Nacht in eine chaotische, dreckige Wohnung, die sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion blitzblank säubert. Am nächsten Morgen marschiert sie zu ihrem Arbeitgeber, einer TV-Nachrichtensendung, die sie offenbar seit einem Jahr nicht mehr moderiert hat. Wie aus dem Gespräch mit ihrem Chef deutlich wird, ist Anna damals nach dem Tod ihres Kindes verschwunden. Deshalb wurde sie in der Zwischenzeit durch Lexy Jones (Rebecca Rittenhouse) ersetzt. Nun fordert Anna ihre Position zurück. Dafür handelt sie mit ihrem Vorgesetzten aus, wieder als Reporterin anzufangen - und schlägt ausgerechnet den Mord in Dahlonega als ihre erste Story vor.

Parallel lernen die Zusehenden auch Jack Harper kennen. Er kümmert sich liebevoll um seine Nichte, während die Mutter, Jacks Schwester Zoe Harper (Marin Ireland), aufgrund ihrer offensichtlichen Alkoholabhängigkeit kaum dazu in der Lage ist. Die Vaterfigur verkörpert Jack auch gegenüber Priya (Sunita Mani), Nachwuchsermittlerin und seine (berufliche) Partnerin. Damit präsentiert sich Jack als Figur deutlich offener und nahbarer als Anna.

Priya unterstützt Jack Harper bei den Ermittlungen. Netflix

Nachdem die Protagonisten ausführlich vorgestellt wurden, treffen sie schließlich aufeinander, als Anna unter den vielen Reportern am Tatort Jack mit einer pointierten Frage provoziert. Daraufhin zieht das Erzähltempo plötzlich extrem an. Es entsteht nicht nur Unruhe, sondern ein Gefühl von Hektik: Anna und Jack rasen von Ort zu Ort, jagen sich quasi gegenseitig hinterher, nur um dann in explosive Streitereien zu eskalieren. Und das, zumindest erst mal, völlig grundlos. Denn dass Anna in dem Fall eine Chance sieht, wieder ihre Position zurückzuerlangen, ist klar. Doch was hat Jack persönlich davon? Sein Konflikt wird vorerst nicht deutlich. Dadurch wirkt der Dialog zwischen den beiden häufig dramatisch und überspitzt. Trotzdem überzeugen Thompson und Bernthal in ihren Rollen als mehr oder weniger vertrauenswürdige Figuren.

Das Ende der ersten Episode liefert auch einen klaren Hinweis darauf, dass in „His & Hers“ eigentlich keiner Figur vollkommen vertraut werden darf. Denn auch Jack ist nicht, was er vorzugeben scheint. Eine Geschichte, zwei Perspektiven - nur welche ist wahr?

Jack (l.) und Priya (r.) versuchen, den Mord an Rachel zu verstehen. Netflix

In Folge zwei bleibt die Hektik bestehen, dabei schreitet die Handlung vergleichsweise langsam voran. Offene Handlungsstränge aus der ersten Folge werden auch erst mal nicht weiterverfolgt. Jack versucht die ganze Episode über das Handy des Opfers zu entsperren, und auch Anna bringt keine wirklich neuen Informationen in Erfahrung. Eher im Gegenteil: Es bestätigt sich nur das, was dem Publikum ohnehin bereits gezeigt wurde und bekannt ist.

Die einzige Figur, die tatsächlich die richtigen Fragen zu stellen scheint und zumindest ein wenig die Handlung vorantreibt, ist tatsächlich Priya. Sie ist einerseits ein Hindernis, das immer wieder in Jacks Weg gerät und somit seine Storyline einen Tick interessanter gestaltet; andererseits liefert sie das einzige Identifikationspotential für den Zusehenden, indem sie wie eine Hobbydetektivin den Fall ganz klassisch als einen „Whodunnit“ betrachtet und entsprechend angeht. Zumal sie als eher neutrale Figur porträtiert wird, die weder von Annas noch Jacks Verwicklungen und Beziehungen zum Opfer zu wissen scheint. Insofern stellt sie ebenfalls eine Perspektive dar: die des Publikums auf die Geschichte selbst.

Ein Freundschaftsarmband - Hinweis auf den oder die Täter/​in? Netflix

Apropos Perspektiven: Dies setzt „His & Hers“ auch eindrucksvoll visuell um. Die Kamera folgt oftmals nur einer einzigen Figur, was einerseits den Fokus zentral auf sie richtet, andererseits auch neugierig darauf macht, was eben nicht gezeigt wird. Interessante Einstellungen und Schnitte verleihen der Miniserie manchmal einen voyeuristischen Stil, als ob auch die Kamera selbst eine Perspektive auf das Geschehen einnimmt. Auch soundtechnisch weicht „His & Hers“ tendenziell von dramatischen Musik- und Soundeffekten ab und greift auf natürliche Geräuschkulissen zurück, die oftmals mehr Aufmerksamkeit erfordern und dadurch immersiver wirken.

Zwar können die ersten beiden der insgesamt sechs Episoden von „His & Hers“ durch ihre durchdachte Machart durchaus überzeugen. Doch der unterschwellige Stress, der auch keine so richtige Daseinsberechtigung hat, sowie die teils nicht ganz nachvollziehbare Handlung sorgen weniger für Entertainment und mehr für Irritation. Der Fall an sich birgt nur wenig Spannungspotential, da bis auf das Wer? kaum bis keine Fragen wirklich unbeantwortet sind. Die Fakten liegen vor, die Frage ist nur: Welche Perspektive nehmen sie ein - ihre oder seine? Darin findet sich auch das einzige Alleinstellungsmerkmal der Miniserie wieder, die sich sonst eher an der Klischeeschublade der Krimi/​Mystery-Dramen bedient. Somit ist „His & Hers“ mehr Ehedrama im Crime-Setting als Psychothriller mit dramatisch-tragischer Story.

Meine Wertung: 3/​5

„His & Hers“ ist eine sechsteilige Miniserie, die am 8. Januar 2026 auf Netflix veröffentlicht wurde. Sie beruht auf dem gleichnamigen Psychothriller der britischen Autorin Alice Feeney. Regie führten William Oldroyd und Anja Marquardt.

Über die Autorin

Originalität – das macht für R.L. Bonin eine Serie zu einem unvergesslichen Erlebnis. Schon als Kind entdeckte die Autorin ihre Leidenschaft für das Fernsehen. Über die Jahre eroberten unzählige Serien unterschiedlichster Genres Folge für Folge, Staffel für Staffel ihr Herz. Sie würde keine Sekunde zögern, mit Dr. Dr. Sheldon Cooper über den besten Superhelden im MCU zu diskutieren, an der Seite von Barry Allen um die Welt zu rennen oder in Hawkins Monster zu bekämpfen. Das inspirierte sie wohl auch, beruflich den Weg in Richtung Drehbuch und Text einzuschlagen. Seit 2023 unterstützt sie die Redaktion mit der Erstellung von Serienkritiken. Besonders Wert legt sie auf ausgeklügelte Dialoge, zeitgemäße Diversity und unvorhersehbare Charaktere.

Lieblingsserien: Lost in Space, Supergirl, Moon Knight

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