„Best Medicine“: Doc Martin praktiziert jetzt in Neuengland – Review

Die US-Version der britischen Kleinstadtarztserie setzt auf Josh Charles, Slapstick und puren Eskapismus

Gian-Philip Andreas
Rezension von Gian-Philip Andreas – 26.01.2026, 19:02 Uhr

Ein Fremdkörper im Kleinstadttrubel: Dr. Martin Best (Josh Charles) rätselt noch, ob er in Port Wenn wirklich richtig ist. – Bild: Fox
Ein Fremdkörper im Kleinstadttrubel: Dr. Martin Best (Josh Charles) rätselt noch, ob er in Port Wenn wirklich richtig ist.

Ein missmutiger Arzt, der kein Blut sehen kann. Eine Kleinstadt voller schrulliger Bewohner. Medizinische Mysterien zum gemütlichen Miträtseln. Das waren die Zutaten der britischen Dauerbrennerserie „Doc Martin“, die zwischen 2004 und 2022 zehn Staffeln lang für Amüsement und maßvolles Drama sorgte. Nun gibt es eine US-Variante: Die ersten drei Episoden von „Best Medicine“ sind beim Sender FOX bereits gelaufen – wir haben sie uns angesehen.

Der Titel ist ein Wortspiel. Die „beste Medizin“ nämlich, auf die er anspielt, bezieht sich ganz konkret auf den Namen der Hauptfigur: Dr. Martin Best. Der veränderte Nachname zum beibehaltenen Vornamen (Martin) zeigt ungefähr schon das Verhältnis an, das diese neue US-Serie zu seiner britischen Mutterserie pflegt: Es gibt ein paar oberflächliche Änderungen, ein paar neue Storylines (die denen der britischen teilweise ähneln), doch am Kern selbst wird kaum gerüttelt. Sogar Martin Clunes, der in „Doc Martin“ den Protagonisten Dr. Martin Ellingham spielte, ist in „Best Medicine“ als Gaststar angekündigt: Der inzwischen 64-Jährige soll später in der ersten Staffel als Vater von Dr. Martin Best auftreten. Was lustig ist, denn Josh Charles, der neue Hauptdarsteller, ist selbst schon 54. Sei’s drum, in den ersten drei Episoden taucht Clunes noch nicht auf.

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Die britische Serie, die in Deutschland erst mit einiger Verspätung zu sehen war, erst im Pay-TV, später bei Sat.1 Gold, hat in den über zwei Jahrzehnten seit ihrer Erstveröffentlichung schon diverse Ableger produziert, nicht zuletzt in Deutschland, wo im ZDF zwischen 2007 und 2009 mit mittelgroßem Erfolg zwei Staffeln von „Doktor Martin“ zu sehen waren. Axel Milberg zog damals als grimmiger Mediziner von Berlin nach Ostfriesland. Der Original-Doc-Martin vollzog in der britischen Serie den Umzug von London nach Cornwall.

In „Best Medicine“ nun verschlägt es den renommierten Herzchirurgen Martin Best von Boston an die Ostküste von Maine. Das winzige Nest, in dem er die Stelle des neuen Allgemeinmediziners (sprich: einzigen Dorfarztes) antritt, heißt Port Wenn – auch das ist eine nur minimale Abänderung des Spielortes der britischen Serie, in der das Dörfchen Portwenn hieß. Passenderweise wurde das Gros der neuen Serie in Cornwall gedreht, freilich nicht am Südwestzipfel Großbritanniens, sondern in einem gleichnamigen Örtchen am Hudson im Staat New York – das also die Küste von Maine doubeln muss.

Sheriff Mark (Josh Segarra, l.) hat schlechte Nachrichten für Dr. Best. Lehrerin Louisa (Abigail Spencer) ist konsterniert. Fox

Josh Charles, der einst im „Club der toten Dichter“ bekannt wurde und sich später in „Good Wife“ zwei Emmy-Nominierungen erspielte, ist in der Titelrolle eine Idealbesetzung: Mit unerschütterlich ernster Miene spielt er den straight man als Spiegelfigur zur chaotischen Schrulligkeit des Kleinstadtlebens, in das er sich als fish out of water zwangsversetzt wähnt. Warum es ihn, den begehrten Chirurgen aus der Großstadt, die Karriereleiter hinunter auf eine so „niedrige“ Position verschlägt, wird erst peu à peu preisgegeben – unter anderem verantwortlich dafür war ein Vorfall während der Operation an einem Kind, der auch dazu führte, dass Dr. Best nun kein Blut mehr sehen kann. Das sind natürlich ebenso schlechte Voraussetzungen für die Position eines Allgemeinmediziners wie die Tatsache, dass seine sozialen Kompetenzen als deutlich ausbesserungsfähig beschrieben werden müssen.

Die ersten drei Episoden von „Best Medicine“ haben nun drei Aufgaben zugleich zu bewältigen: den Culture Clash des Arztes im von Traditionen und unergründlichen Gepflogenheiten strukturierten Kleinstadtalltag vorzuführen; das Panoptikum der Kleinstadtbevölkerung auszubreiten; die Figur des Arztes allmählich mit Hintergrundwissen auszustaffieren und sie zugleich in Beziehung zu setzen mit den anderen Figuren vor Ort, etwa im Rahmen einer potenziellen Liebesgeschichte. Zugleich wird eine Fall-der-Woche-Struktur etabliert: Jede Episode gilt es für Dr. Best ein medizinisches Rätsel zu lösen und dabei meist gegen den Widerstand der Kranken bzw. ihrer Angehörigen anzuagitieren. Allzu viel Mystery-Hoffnung sollte man sich in dieser Hinsicht nicht machen: Die seltsamen Hautausschläge und unerklärlichen Sportler-Malaisen werden weniger nach „Dr. House“- denn nach „Der Landarzt“-Manier gelöst.

Als potenzieller Love Interest für den zugereisten Doktor (der als Kind schon die Sommer in Port Wenn verbrachte, also minimales Wissen über die Gegend mitbringt) wird gleich zu Beginn die alleinstehende Dorflehrerin Louisa (Abigail Spencer aus „Rectify“) in Stellung gebracht. Sie ist zwar die einzige Gegenstimme beim Vorstellungsgespräch im Gemeindesaal, bald aber entschieden auf des Doktors Seite: Bis zum ersten Kuss kann es nicht mehr lange dauern, mutmaßlich jedenfalls nicht so lange, wie es bis zum ersten Lächeln des Arztes dauern dürfte. Die Will-they-won’t-they-Dynamik, auf die Showrunnerin Liz Tuccillo (Ex-Autorin für „Sex and the City“) hier unverhohlen abziehlt, kommt ziemlich von der Stange – gewinnt aber durch das charismatische Spiel von Charles und Spencer an erfreulicher emotionaler Zugkraft.

Ein Arzt, der kein Blut sehen kann – auch dann nicht, wenn er selbst Hilfe benötigt. Zum Glück weiß die patente Vorzimmerdama Elaine (Cree) Rat. Fox

Problematischer wird es jenseits dieser beiden Hauptfiguren – denn das Figurentableau der Port-Wenn-Bewohner erweist sich größtenteils als karikaturesk. Das fängt schon an mit Elaine (gespielt von Cree aus „Mr. Iglesias“), der Rezeptionistin in der Arztvilla, die Dr. Best, ob er will oder nicht, zwangsweise von seinem mit 93 Jahren verstorbenen Vorgänger übernehmen muss. Elaine ist vor allem mit ihren diversen Social-Media-Kanälen beschäftigt, für die sie praktisch rund um die Uhr aus dem Vorzimmer livestreamt. Erst in der dritten Folge wird sie etwas mehr in soziale Zusammenhänge eingebettet. Bis dahin dient sie vorrangig als nur halbwegs gut geölte Gagmaschine. Gleiches gilt für Josh Segarra („Animal Control“) als Sheriff Mark Mylow, der sich jüngst von seiner Verlobten Louisa trennte und jetzt „befreit“ durch die Gegend gockelt – trotz Uniform wirkt er wie ein pubertärer Tunichtgut, den nur sein jungenhafter Charme davor befreit, absolut unerträglich zu wirken.

Ähnlich eindimensional gruppiert sich das weitere Kleinstadtpersonal um diese zentralen Gestalten herum: Greg Garrison etwa (Stephen Spinella aus „Rubber“), der den (offenbar einzigen) Pub des Ortes gemeinsam mit seinem Ehemann leitet; ein Vater-und-Sohn-Handwerkerduo, das ungefragt alles repariert, was nicht niet- und nagelfest ist; eine flirtfröhliche Apothekerin; der reichste Mann des Ortes (Patch Darragh aus „Murdaugh“), der früher schon der fieseste Bully der Schule war. Und Ben Lewis Doherty („Task“) spielt einen Knirps, der jede Woche mit anderen Wehwehchen vorstellig wird.

Das alles rangiert humortechnisch im Bereich von Kicher-kicher bis Höhö, vorangetrieben durch mehr oder minder inspirierten Einsatz albernen Slapsticks. Natürlich darf auch ein kleiner Hund nicht fehlen, der so herren- wie namenlos immer wieder ungebeten im Ärztedomizil Unterschlupf sucht. Noch in der dritten Folge wird das Regieteam um die Cozy-Crime-erfahrene Jamie Babbit („Only Murders in the Building“) nicht müde, den Arzt dem Hund immer wieder hinterherjagen zu lassen. Auch muss der bedauernswerte Dr. Best beständig Kellertreppen hinunterfallen oder über Patienten stolpern: Das Buhlen um schnelle Lacher wirkt bisweilen etwas, nun ja, sagen wir mal: forciert. Natürlich werden dazu die Streicher auf der Tonspur pizzicato gezupft.

Fischt Hummer und steht ihrem Neffen bei: Dr. Bests Tante Sarah wird von Sitcom-Legende Annie Potts gespielt. Fox

An den Stellen, an denen Tuccillo die US-Version zaghaft vom britischen Original abheben möchte, gerät die Sache zudem ein wenig verklemmt. So sorgt der Einsatz einer Hormoncreme durch eine sexuell aktive Hausfrau (Wendy Makkena, „Air Bud“) dafür, dass sowohl ihrem Liebhaber als auch ihrem Ehemann Brüste wachsen. Keine Sorge, davon ist natürlich im Bild nichts zu sehen – es bleibt bei der verschämten Andeutung. Michael Potts aus „True Detective“ ist in der Rolle des empörten Gatten definitiv nicht am Höhepunkt seiner Karriere angekommen.

Bleibt Dr. Bests Tante Sarah zu erwähnen, die örtliche Hummerfischerin. Angeblich nämlich ist Martin vor allem deshalb in das Dorf seiner Kindheit zurückgekehrt, um sich dort um die Tante kümmern zu können – was sich rasch als vorgeschobener Grund herausstellt. Gespielt wird Aunt Sarah von Sitcom-Legende Annie Potts („Sugarbaker’s“): Ihr erfahrungsgesättigtes Amüsement über die Wirrungen ihrer Nachbarschaft zählt zu den schauspielerischen Höhepunkten dieser Serie, leider schanzt das Drehbuch der rüstigen Fischerin dann aber eine stürmische und ziemlich alberne Hassliebe zu einem alten Erzfeind (Terrence Mann aus den „Critters“-Filmen) zu, die mehr behauptet wirkt als irgendwas anderes.

Was man nach Ansicht der ersten drei Episoden sagen kann: Das „Doc Martin“-Rezept als solches ist, egal in welcher Variante, zunächst einmal unverwüstlich. Auch an „Best Medicine“ kann und wird definitiv Freude haben, wer simples Cozy-Entertainment mit Arztserien-Zuschlag sehen möchte und nicht viel mehr. Spannung gibt es kaum, RomCom-Elemente dafür umso mehr. Was in dieser Hinsicht und vor diesem Erwartungshorizont also funktionieren soll, funktioniert auch. Speziell Josh Charles in der Hauptrolle ist ein großes Plus dieser US-Variante. Doch schon im Vergleich mit dem britischen Original zeigen sich die Probleme: Der Tonfall insgesamt ist glatter, bunter, weniger herb als „Doc Martin“, was auch auf die Beziehungen der (allesamt mehr oder weniger direkt aus dem Original adaptierten) Figuren untereinander abfärbt.

Dazu gehört auch, dass sich „Best Medicine“ in einer Art Märchenversion US-amerikanischer Kleinstadtwelten abspielt. Politik gibt es nicht, nicht einmal einen Bürgermeister. Armut, Rassismus, Homophobie wurden aus dieser Umwelt ebenso getilgt wie tatsächlich ernsthafte medizinische Probleme: Ein bisschen wirkt dieses Port Wenn, als würde es von dem dauerglücklichen Hive Mind aus „Pluribus“ bevölkert – oder von den „Frauen von Stepford“. Vielleicht sind Serien wie diese hier also so etwas wie die Gegenreaktion zur schaurigen Gegenwart in den USA: Das „gute“ Amerika, wie es sich selbst gern sähe. Doch alles hier schreit so laut „Eskapismus“, dass es unter der behaglich gemeinten Wolldecke, die FOX hier über sein Publikum schmeißt, recht schnell stickig zu werden droht.

Meine Wertung: 3/​5

„Best Medicine“ wird in den USA seit dem 4. Januar wöchentlich auf dem Networksender FOX ausgestrahlt. Eine deutsche Heimat für die Serie ist noch nicht bekannt.

Über den Autor

Gian-Philip Andreas hat Kom­mu­ni­ka­tions­wis­sen­schaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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