Capten Nahla Ake (M.) und die Kadetten in „Star Trek: Starfleet Academy“
Bild: Paramount+
Bei Paramount+ ist heute die neue „Star Trek“-Serie „Star Trek: Starfleet Academy“ an den Start gegangen. Die womöglich letzte neue Serie der Ära Alex Kurtzman zeigt im 32. Jahrhundert noch dem Ende von „Star Trek: Discovery“, wie eine junge Generation angehender Offiziere der Sternenflotte geformt wird und sich aufmacht, eine durch eine interstellare Katastrophe zerschlagene Föderation zu alter Stärke als Forscher und Friedensstifter zurückzubringen.
Für „Star Trek“ ist „Starfleet Academy“ nach zwei weiteren Serien um junge „Kadetten“- „Star Trek: Lower Decks“ und „Star Trek: Prodigy“ – die dritte Serie um das Erwachsenwerden. Während das Thema Coming-of-Age in verschiedenen Formen spätestens seit „Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert“ ein Thema im Franchise ist, geht es hier zum ersten Mal zentral um Teenager: Sie werfen sich abenteuerlustig in neue Aufgaben, werden gleichzeitig von Versagensängsten und äußeren Ansprüchen gehemmt, suchen „auf dem College“ nach freundschaftlichen und romantischen Verbindungen – und sind in fantastisch guter Form. Kurz gesagt: Wenn The CW je eine „Star Trek“-Serie gemacht hätte, sähe sie ähnlich aus.
Erhalte News zu Star Trek: Starfleet Academy direkt auf dein Handy. Kostenlos per App-Benachrichtigung.Kostenlos mit der fernsehserien.de App.
Alle Neuigkeiten zu Star Trek: Starfleet Academy und weiteren Serien
deiner Liste findest du in deinem
persönlichen Feed.
Vom Ton her erwartet die Zuschauer in „Starfleet Academy“ in etwa das, was man nach den vorherigen Serien der Ära Kurtzman gewohnt ist: In die Abenteuer wird eine dem Ernst der Lage nicht immer angemessene Menge Humor gemischt, die Figuren sind sehr modern gehalten und für Altfans von „Star Trek“ gibt es eine nahezu unüberschaubare Menge an Easter-Eggs, Referenzen zur umfangreichen Geschichte des Franchises.
Teaser zu Easter-Eggs von „Star Trek: Starfleet Academy“ Paramount
Paramount+ hat vorab zur Sichtung sechs Folgen zur Verfügung gestellt. Auffällig ist, dass die beiden Episoden, die tatsächlich weitgehend Weltraumabenteuer sind, am besten funktionieren, während die drei, die tiefer in die Geschichten einzelner Hauptcharaktere eintauchen, sich eher ziehen. Dabei hilft es nicht, dass die Standardfolgen mit einer Laufzeit von knapp einer Stunde daherkommen – die Serienpremiere weiß ihre 75 Minuten Spielzeit hingegen ordentlich zu füllen.
Die Laufzeit und ebenso die Überladenheit der Szenerie mit Hintergrund – viele Szenen spielen in einer weitläufigen „Halle“, die als Sammelpunkt der Kadetten fungiert – führen zur Kritik, dass die Macher sich voll in das Mögliche gestürzt haben, ohne zu fragen, was wirklich sinnvoll ist.
In dieser Halle spielen diverse Szenen: Vorne die Kadetten, hinten Bäume. Paramount+
Willkommen im 32. Jahrhundert
In „Star Trek: Discovery“ wurde etabliert, dass in der weit entfernten Zukunft eine interstellare Katastrophe rund um die für Warp-Antriebe wichtigen Dilithiumkristalle nicht nur die Raumschiff-Flotten stark dezimiert hatte, sondern auch die Raumfahrt zwischen den besiedelten Planeten weitgehend zum Erliegen kam. Die konnten sich alleine kaum noch verteidigen und versanken für über ein Jahrhundert in Isolation und Abschottung, allerorten tauchten Piraten und lokale Warlords auf. In „Discovery“ wurde das technische Problem zwar gelöst, der Schaden für die Galaxis und ihre Bewohner lässt sich aber nur langsam bereinigen. Die Föderation hat daher beschlossen, die alte Sternenflottenakademie in San Francisco neu zu begründen.
Flottenadmiral Charles Vance (Oded Fehr) hat als Leiterin Nahla Ake (Holly Hunter) im Auge, die die Sternenflotte aber 15 Jahre zuvor über den Zwiespalt von Recht und Gerechtigkeit verlassen, durch den der Junge Caleb Mir tief gefallen war. Vance ködert Ake damit, dass man nun eben jenem Caleb eine neue Chance geben könne, der sich die letzten 15 Jahre als Gauner durchgeschlagen hatte, um seine verschollene Mutter wiederzufinden: Gerade ist Caleb einer befreundeten Spezies als Dieb ins Netz gegangen – ihm droht ein harsches Gefängnis, oder eben als „Alternativ-Bestrafung“ der Eintritt in die Sternenflotte. So gibt die bereits 421-jährige Ake ihren aktuellen Job als Kindergärtnerin auf Bajor auf und tauscht ihn gegen den Job als Dekan der Sternenflottenakademie, ihren alten Captains-Rang (ausgeübt auf dem Akademie-Schiff USS Athena) und, man kann es nicht anders zusammenfassen, einen frischen Kindergarten.
Können sich nicht riechen: Captain Nahla Ake (Holly Hunter, r.) und Pirat Nus Braka (Paul Giamatti). Paramount+
Wie in jeder „Star Trek“-Serie setzt der Captain den Ton: Nahla Ake ist gleichzeitig ein erfahrener Offizier, aber auch ein unorthodox auftretender Captain. Sie bleibt gerne barfuß, fläzt sich in ihren Captains-Sessel und nutzt im Turbolift die Sitzbänke auch mal, um sich hinzulegen. Ihr Führungsstil ist weitgehend antiautoritär und etwa im Vergleich mit Kathryn Janeway aus Voyager, sehr lax. Die USS Athena ist ein neuartiges Konzept, bei der die Untertassensektion abgekoppelt werden kann, die dann in San Francisco stationär als Akademie fungiert. Sie kann aber eben auch, in ein Trägerschiff eingebunden, durchs Weltall geflogen werden.
Während die Sternenflottenakademie über hundert Jahre geschlossen war, wurde der militärische Offiziersnachwuchs der Flotte fortlaufend am War College ausgebildet. Das besteht weiterhin parallel zur Sternenflottenakademie, wodurch sich die Kadetten beider Einrichtungen in bester Manier verachten und gegenseitig herausfordern können.
Die Kadetten
Erwähnt wurde bereits Protagonist Caleb Mir, der vom unglaublich muskulösen Sandro Rosta porträtiert wird. Er tritt als unabhängiger Rebell auf, dem sein unsteter Lebensweg schon zahllose Fähigkeiten vermittelt hat. Sein „Gegenstück“ ist die Betazoide Tarima Sadal (Zoë Steiner): Sie wurde in eine altehrwürdige Familie geboren, die aktuell auch das gewählte planetare Oberhaupt stellt, und droht als Quasi-Prinzessin unter der Last dessen, was von ihr erwartet wird, erdrückt zu werden. Sie macht sich selbst Druck, nicht zuletzt wegen unklar bleibender, aber überstarker, mentaler Kräfte.
Im Zentrum: Tarima Sadal (Zoë Steiner, l.) und Caleb Mir (Sandro Rosta). Paramount+
In der zweiten Reihe bekriegen sich die beiden Kadetten Genesis Lythe (Bella Shepard) und Darem Reymi (George Hawkins) um die Führungsrolle ihrer Gruppe: Sie ist die Tochter eines Admirals, er entstammt einer Familie, in der man entweder gewinnt oder zum Pariah wird. Beide sind Alpha-Tiere.
Das zentrale Kadetten-Sextett wird durch den Klingonen Jay-Den Kraag (Karim Diané) und Series Acclimation Unit (genannt SAM; dargestellt von Kerrice Brooks) komplettiert. Kraag will trotz seiner Herkunft die Laufbahn eines Heilers einschlagen, während SAM der erste photonische Kadett der Akademie ist: Sie entstammt einer Spezies, die einst als dienstbare Hologramme erschaffen wurde, Unabhängigkeit erlangte und nun durch SAM prüfen will, ob ein friedlicher, gleichberechtigter Kontakt mit „den Körperlichen“ möglich ist. Dazu wurde sie vier Monate zuvor generiert. Mit ihrem geradezu unmenschlichen Dauergrinsen ist SAM sicherlich der Nerv-Charakter der Serie, der Kes und Naomi Wildman aus „Voyager“ um Weiten schlägt.
Die Nebenfiguren
Lura Thok (Gina Yashere; l.) und Jett Reno (Tig Notaro) bilden die Kadetten aus. Paramount+
Designierter Bösewicht der Serie ist Emmy-Gewinner Paul Giamatti als Nus Braka. Einst hatte Nahla Ake dem Piraten den Weg in eine Strafkolonie geebnet. Seitdem ist er nicht nur von einem Hass auf Ake beseelt, sondern auch auf alles, wofür sie und die Föderation stehen. Mittlerweile gehört er zu einem unklar definierten, einflussreichen Verbrechersyndikat, das seinen kleinen Machtbereich vor der Föderation schützen will. Und, wie gesagt, es gibt auch noch persönliche Rachegelüste.
Unter Nahla Ake dient der bekannte Holo-Doc (Robert Picardo) der USS Voyager, der seit mehr als 800 Jahren im Einsatz ist. Eingangs der Serie wird er eher spärlich ins Licht gesetzt. Seine lange Lebenszeit – und damit wohl auch die zahllosen Verluste – haben ihn schroff werden lassen; freundlich-aufdringliche Kontaktversuche seiner „photonischen Artgenossin“ SAM blockt er zumindest harsch ab. Die Aufsicht über die Kadetten hat Lura Thok (Gina Yashere): Sie entstammt einer Verbindung von Klingonen und Jem’Hadar. Der Charakter ist Dr. Cox aus „Scrubs“ nicht unähnlich: Gerne pfeift sie die Kadetten zusammen, ist aber in ihren überzogenen Eigenarten bisweilen lachhaft. Als Lehrkraft fungiert die mit der „Discovery“ ins 32. Jahrhundert gekommene, lakonische Ingenieurin Jett Reno (Tig Notaro).
Als Computerstimme des Digital Dean of Students fungiert Late-Night-Host Stephen Colbert: Im Prinzip sind das die verwalterischen Durchsagen, die die Kadetten im Tagesverlauf auf wichtige Angelegenheiten hinweisen. Für Auflockerung sorgen aber immer wieder abstruse Durchsagen, die auf Missgeschicke der Kadetten deuten.
Unter den wiederkehrenden Nebenfiguren stechen diverse Mitglieder des War College hervor, mit denen sich die Protagonisten immer wieder messen. Zu denen gehört auch der Dekan dieser Einrichtung, der von Raoul Bhaneja porträtiert wird.
Ein halbes Dutzend durchwachsener Versuche
Kadetten auf dem Schulweg: (v.l.) Jay-Den Kraag (Karim Diané), Darem Reymi (George Hawkins), SAM (Kerrice Brooks), Genesis Lythe (Bella Shepard) und Caleb Mir (Sandro Rosta). Paramount+
Wie erwähnt wurden der Presse vorab sechs der zehn Folgen der ersten Staffel zugänglich gemacht. Davon zählen die am Donnerstag veröffentlichten ersten beiden Episoden zu den dreien, die den besten Gesamteindruck hinterlassen.
Während die ganze Serie im Hintergrund und den kleinen Details mit Ostereiern angereichert ist, die das alte Fanherz dann doch höher schlagen lassen, hapert es in den vordergründigen Handlungen immer mal wieder an innerer Logik. Die meisten Folgen ziehen sich zudem unnötig in die Länge: Während früher in 45 Minuten ein spannendes Weltraumabenteuer mit einer „Moral“ zum Nachdenken abgeliefert wurde, wird in „Starfleet Academy“ in einer Stunde zu viel auf der Stelle getreten – dabei werden die moralischen Angelegenheiten und die Fragen nach „dem Leben, dem Universum und den ganzen Rest“ ermüdend ausgebreitet. Wie bei allen Trek-Serien ist aller Anfang etwas zäh und viele Fragen, die die Zuschauer sehr interessieren – etwa alles zu SAM als neuartiger Kreatur – werden auf die lange Bank geschoben. Schwierig ist dabei mittlerweile ja auch, dass eine Staffel nur noch zehn Folgen hat, statt 22, und daher jede enttäuschende Episode stärker ins Gewicht fällt.
Insgesamt würde ich urteilen: Kann man sehen, muss man aber nicht.
Die Ära Kurtzman am Scheideweg
Im Zuge der Pressearbeit zu „Star Trek: Starfleet Academy“ hat sich der „Star-Trek-Fernseh“-Chef Kurtzman auch zum Stand der Dinge geäußert, nachdem Paramount sich im letzten Jahr mit Skydance vereinigt hat: Dadurch wurden zahlreiche Strukturen verändert, Posten neu besetzt und insbesondere ist nun David Ellison Konzernchef – dessen Skydance Pictures die Kinofilme des Franchises seit „Star Trek“ aus dem Jahr 2009 hergestellt hatte, wobei Ellison auch als Executive Producer fungiert hatte. „Star Trek“ dürfte ihm also insgesamt persönlich wichtig sein.
Kurtzman ist gerade dabei, die frühzeitig bestellte zweite Staffel von „Starfleet Academy“ fertigzustellen (ebenfalls zehn Folgen), gerade abgedreht wurde auch das Finale von „Star Trek: Strange New Worlds“. Beide Serien werden 2026 und 2027 je eine neue Staffel zu Paramount+ bringen. 2026 endet wohl auch der aktuelle Vertrag von Kurtzman und seiner Firma Secret Hideout mit Paramount. Die Frage wird sein, ob dieser Vertrag ein weiteres Mal verlängert wird. Oder ob Ellison eben für den „TV-Auftritt“ des Franchises neue Ideen vorschweben.
Kurtzman hatte demnach noch kein direktes Treffen mit Ellison. Auch, wenn Kurtzman unter vielen Fans sehr schlecht wegkommt, ist er doch einer, der in der Riege der US-Ausnahmeproduzenten mitspielt, in der Angebot und Nachfrage dafür sorgen, dass sie um Fünf-Jahres-Verträge verhandeln können. Von den neuen, direkten Vorgesetzten habe er allerdings gute Rückmeldungen zu „Starfleet Academy“ erhalten, kommentierte Kurtzman kürzlich – in seinen Augen wird es nicht seine letzte neue Trek-Serie sein. Denn er gab auch an, weitere Serienideen für „Star Trek“ in der Schublade zu haben. Nicht zuletzt die von Tawny Newsome („Lower Decks“) mitentwickelte Trek-Comedy – für die laut Newsome vor dem Jahreswechsel das Drehbuch abgegeben wurde und wo man nun auf eine Entscheidung des Studios wartet, ob es weitergeht.
Apropos Tawny Newsome: Sie fungiert bei „Starfleet Academy“ nicht nur als eine Produzentin, sondern hat auch am Drehbuch zur fünften Folge mitgeschrieben und tritt in der an Easter-Eggs vollgeladenen Episode auch wieder „real“ vor die Kamera (allerdings anders als bei „Strange New Worlds“ nicht als Mariner).
Zusammenfassend: Altfans, die schon mit „Star Trek: Strange New Worlds“ zuletzt Probleme hatten, sollten diese „Star Trek“-Serie vielleicht einfach auslassen. Wer sich schon immer gewünscht hatte, dass The CW neben den ganzen DC-Superheldenserien des Arrowverse endlich mal was für „Star Trek“ macht, ist hier richtig gut aufgehoben. Alle anderen müssen sich selbst ein Bild machen, ob das Gute das Schlechte aufwiegen kann – nach Folge vier hat man wohl genug gesehen, um sich entscheiden zu können.
Meine Wertung: 3,5/5
Ab dem 15. Januar wird die zehnteilige Auftaktstaffel von „Star Trek: Starfleet Academy“ beim Streaming-Dienst Paramount+ veröffentlicht.
Über den Autor
Bernd Krannich ist Jahrgang 1974 und erhielt die Liebe zu Fernsehserien quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater war Fan früher Actionserien und technikbegeistert, Bernd verfiel den Serien spätestens mit Akte X, Das nächste Jahrhundert und Buffy. Mittlerweile verfolgt er das ganzes Serienspektrum von „The Americans“ über „Arrow“ bis „The Big Bang Theory“. Seit 2007 schreibt Bernd beruflich über vornehmlich amerikanische Fernsehserien, seit 2014 in der Newsredaktion von fernsehserien.de.