Ein Prost aufs Heckenrittertum! Dunk (Peter Claffey) und Egg (Dexter Sol Ansell) bereiten sich gebührend aufs Turnier vor.
Bild: HBO Max
Ob der inzwischen 77-jährige George R. R. Martin die letzten beiden Bände seiner epischen Fantasy-Romanreihe „Das Lied von Eis und Feuer“ jemals beenden wird, wird immer unwahrscheinlicher. Seit dem weltumspannenden Erfolg der HBO-Serienversion „Game of Thrones“ (GoT) steckt er seine Zeit lieber in die Entwicklung neuer GoT-Spin-offs. Nach der angemessen wuchtigen Prequelserie „House of the Dragon“, deren dritte Staffel trotz Martins Spannungen mit Co-Creator Ryan Condal für dieses Jahr erwartet wird, hat er nun noch „A Knight of the Seven Kingdoms“ auf den Weg gebracht – eine unerwartet herzerfrischende Schelmenkomödie auf Basis seiner wie GoT auf dem fiktiven Kontinent Westeros angesiedelten „Dunk and Egg“-Novellen. Sechs überraschend kurze und überraschend amüsante Episoden, die als gelungene Fanservice-Fingerübung erstaunliche Wirkung entfalten.
Die erste Szene ist direkt ein Statement: Irgendwo in der idyllischen Hügellandschaft der Weite von Westeros, hinter einem einsam in die Höhe ragenden Baum, begräbt ein großer junger Mann einen kleineren alten Mann. In der feierlich-ernsten Stimmung hebt auf der Tonspur Ramin Djawadis dramatisch-drängendes GoT-Titelthema an, ehe es jäh erstirbt und wir den großen jungen Mann im Profil wiedersehen, wie er am Baum vorbei mit entblößtem Hinterteil beträchtliche Mengen Durchfall in die Gegend schießt. Wie bitte?
Fäkalhumor ist tatsächlich ein wichtiges Thema in „A Knight of the Seven Kingdoms“. Fast scheint es so, als ob sich Martin und Co-Creator Ira Parker ein wenig lustig machen wollen über die Wuchtigkeit, den Ernst und die existenzielle Schwere, die nicht nur in Teilen GoT, sondern auch „House of the Dragon“ gekennzeichnet hatten – dort speziell die zweite Staffel. Auch war kritisiert worden, dass „House of the Dragon“ Djawadis GoT-Titelmusik recycelte, weshalb der derbe Schnitt in die bewährten Klänge als bewusst höhnische Replik gelesen werden kann. Das Titelthema wird an wirkungsvoller Stelle der neuen Serie noch ein einzelnes Mal wiederkehren – genau an jenem Moment wird sich die Serie das aber definitiv verdient haben. Ansonsten besorgt Qualitätskomponist Dan Romer („Station Eleven“) den Score, der, wie die ganze Serie, deutlich auf der Understatement-Seite operiert.
Die erste Staffel von „A Knight of the Seven Kingdom“ (eine zweite wurde von HBO bereits geordert) basiert plotgetreu auf der Novelle „The Hedge Knight“ (deutsch: „Der Heckenritter“), die Martin bereits 1998 veröffentlichte, zwischen dem ersten (1996) und zweiten (1999) „Eis und Feuer“-Roman. Zwei weitere Heckenritter-Novellen folgten bis 2010, später erschienen sie im Sammelband „Das Urteil der Sieben“, dessen englischer Originaltitel der Serie nun ihren Namen gibt. Für Martin waren die im Vergleich kurzen Novellen eine Art Zwischenwurf, Atempausen zwischen den ziegelsteinschweren Romanen. Sie erlaubten Rück- und Seitenblicke in bislang unbeleuchtete Ecken von Westeros, unter Ausblendung all der großangelegten Intrigen und Schlachten der Hauptromanserie. Genau auf diese Weise kommt nun auch diese erste Serienstaffel rüber: sehr überschaubares Personal, Beschränkung auf wenige Schauplätze und, von kurzen Flashbacks abgesehen, auf einen kurzen Handlungszeitraum. Drachenaction? Schlachtentableaus? Fehlanzeige! Doch das ist gut so, denn auch das „Eis und Feuer“-Franchise braucht mal Luft zum Atmen.
Der Antagonist in Targaryen-Blond: Finn Bennett in der Rolle des niederträchtigen Prince Aerion. HBO Max
Im Mittelpunkt von Serie und Novellen stehen Dunk und Egg. Echten Martin-Fans muss man die Figuren nicht erklären: Das Don-Quixote-und-Sancho-Pansa-Duo steht klar in der Tradition jener vielen skurrilen Zweierkombinationen, die man aus GoT kennt: Brienne und Jamie, Arya und der Bluthund, Tyrion und Bronn, um nur einige zu nennen. Der Titel-„Knight“ ist Duncan the Tall, der sich, weil die körperliche Größe seine hervorstechende Eigenschaft ist, den Namen spontan selbst verleiht. Gespielt wird „Dunk“, so sein Spitzname, vom irischen Ex-Rugby-Spieler Peter Claffey, der seine 1,95 Meter Körperlänge seit ein paar Jahren auch als Schauspieler („Wreck“) auf den Bildschirm bringt. Als herzensguter Typ mit Verdauungsproblemen ist Claffey eine Idealbesetzung. Als Heckenritter (hedge knight) ist Dunk zwar ein Ritter, aber einer, der in Armut, ohne festes Obdach und adeligen Dienstherrn, in bäuerlicher Kleidung durch die Lande zieht. Einmal heißt es beschreibend: Ein hedge knight ist dasselbe wie ein Ritter, nur trauriger.
Egg hingegen (gespielt von Dexter Sol Ansell) ist ein kleiner, ebenso vorwitziger wie kahlköpfiger Junge, der Dunk eines Tages über den Weg läuft und sich ihm danach beharrlich als Knappe aufdrängt. Buchleser und Westeros-Kenner wissen natürlich, dass der Name Egg nicht nur auf die eiförmige Glatze des Knaben verweist, sondern auch als Kurzform von Aegon bekannt ist: Später nämlich wird aus Egg König Aegon V. Targaryen, seines Zeichens Urgroßvater von Danaerys Targaryen, Bruder von Maester Aemon und natürlich, in GoT zumindest, Urgroßonkel von Jon Schnee. Weil dieser Zusammenhang als Eis-und-Feuer-Lore bekannt und kanonisiert ist, für die neue Serie aber überhaupt nicht von Belang, können wir das hier spoilerfrei erwähnen, obwohl Dunk die Identität des merkwürdigen Kindes in „A Knight of the Seven Kingdoms“ erst nach ein paar Episoden erfährt – wir verraten natürlich nicht, wie und warum das passiert. Interessant ist aber, dass nach „House of the Dragon“ schon wieder das Haus Targaryen die zentrale Rolle einnimmt.
Die Episoden dauern alle kaum länger als eine halbe Stunde, die Erzählweise ist langsam. Ein paar Schocks gibt es später allerdings auch, speziell die fünfte Episode tendiert wohl am ehesten in Richtung GoT: Da gibt es mit Schädelspaltung und Hau-drauf-Gewummse ein paar Szenen, die eher nichts für Zartbesaitete sind. Drumherum gestaltet sich der Sechsteiler im Wesentlichen als Buddy-Komödie, in dem Nebenfiguren der Westeros-Weltgeschichte zu Helden gemacht werden – wie es einst der britische Dramatiker Tom Stoppard mit Rosencrantz und Güldenstern vorgemacht hat. Die zwei Sidekicks aus der zweiten Reihe von Shakespeares „Hamlet“ wurden bei ihm, im Theaterstück „Rosencrantz und Güldstern sind tot“, zu Protagonisten.
Säuft gern, rauft gern, lacht sich gern kaputt: Ser Lyonel Baratheon (Daniel Ings) wird zu Dunks Alliiertem. HBO Max
Der Plot entwickelt sich schnörkellos: 90 Jahre vor den Ereignissen von GoT steht der Schildknappe Dunk plötzlich ohne seinen Herrn da. Ser Arlan of Pennytree (Danny Webb, „Robin Hood“) wird hinter besagtem einsamem Baum begraben. Rückblenden liefern später nach, wie Arlan Dunk einst als Kind aus den Slums von Königsmund rettete, als Knappe aufnahm und dann mit ihm durch Westeros zog. Dass Arlan offenkundig ein psychotischer Alkoholiker (und, wie eine Einstellung explizit darstellt, mit einem monströsen Gemächt gesegnet) war, nahm Dunk als normal hin, schließlich kannte er nichts anderes.
Nun, da Arlan tot ist, will der nunmalige Heckenritter Dunk an einem Turnier in der Weite teilnehmen, um einen neuen adeligen Lehnsherrn zu finden, doch am Austragungsort in Ashford Meadow findet sich niemand, der Arlan kannte, weshalb Dunk die Teilnahme verwehrt wird. Auf dem Weg dorthin gabelt Dunk, der stets mit drei Pferden unterwegs ist, in einer Taverne noch Egg auf. Das heißt: Egg heftet sich eher ungefragt an Dunks Fersen. In dieser Phase betreibt die Serie vor allem Worldbuilding, indem die profanen Ecken von Westeros detailliert ausgepinselt werden.
So richtig in Gang kommt die Handlung aber erst, als Dunk den sadistischen Prinzen Aerion „Leuchtflamme“ Targaryen (Finn Bennett, „Black Doves“) davon abhält, die Puppenspielerin Tanselle (Tanzyn Crawford, „Tiny Beautiful Things“) zu attackieren. Danach hängt sein Schicksal von einem Ritterturnier auf Leben und Tod ab. Teams werden geformt, unerwartete Allianzen geschmiedet, Ergebnisse geliefert.
All das wird in der Regie von versierten Leuten wie Owen Harris (inszenierte die legendäre „San Junipero“-Folge in „Black Mirror“) ohne Ausuferungen zielgenau erzählt, knapp und effizient, auch in emotionaler Hinsicht. Trotz der kurzen Spieldauer wächst dem Publikum das skurrile Duo Duncan und Egg sofort ans Herz, was auch daran liegt, dass die Chemie zwischen dem zunächst naiv und tumb wirkenden Dunk, der sich – im Nonstop-Nonsens-Modus – ständig den Kopf haut, und dem kleinen Targaryen-Knirps von Anfang an spürbar wird: Das ist einfach toll gecastet. Schön auch, dass sich das Autorenteam (Showrunner Ira Parker schrieb schon für „House of the Dragon“) immer wieder Momente purer Ausgelassenheit erlaubt, etwa die Eröffnungsszene der dritten Episode, in der Egg beim Spiel mit einem Pferd beobachtet wird. Duncan dagegen ist der sanfte Riese, ein „reiner Tor, durch Mitleid wissend“ wie Parzival.
Ein Ritter der traurigen Gestalt? Anfangs stehen Dunk nur seine drei Pferde zur Seite. Gedreht wurde (wie schon „Game of Thrones“) weitgehend in Nordirland. HBO Max
Die Nebenfiguren hinterlassen gerade so viel Eindruck, dass man sich entweder weitere Abenteuer mit ihnen bestens vorstellen kann – oder aber ihr plötzliches Ableben unerwartet schmerzt. Da ist zum Beispiel der partysüchtige Ser Lyonel aus dem Hause Baratheon, eine nichts und niemanden ernst nehmende Bacchus-Gestalt mit Tyrion-Flair, von Daniel Ings („The Gentlemen“„) mit gebührender Nonchalance verkörpert. Da sind die Fossoway-Cousins Raymun (Shaun Thomas) und Ser Steffon (Edward Ashley, „Masters of the Air“), die sich auf entgegengesetzte Seiten schlagen. Es gibt den arroganten Ser Manfred Dondarrion (Daniel Monks, „All Her Fault“), den ehrbaren Schmied Steely Pate (Youssef Kerkour) oder auch Plummer, den herrlich öligen Verwalter der Ashfords, verkörpert von Tom Vaughan-Lawlor (Ebony Maw im MCU). Sie alle haben nur wenige Szenen, doch keine davon ist überflüssig. Die Reduktion geht hier bestens auf, steht allem Aufgeblähten klug im Weg.
Vor allem natürlich bekommt es Dunk mit den Targaryens zu tun, sowohl mit ihrer guten Ausprägung in Form des kleinen Egg und des Thronerben Baelor „Speerbrecher“ (Bertie Carvel, „Adam Dalgliesh, Scotland Yard“) als auch mit den eher sinistren Hausvertretern wie Eggs Vater Maekar (Sam Spruell aus der fünften „Fargo“-Staffel) oder seinem trunksüchtiger Bruder Daeron (Henry Ashton, „My Lady Jane“).
Mehr als eine große Plot-Zuspitzung gibt es nicht in dieser insgesamt nur drei Stunden dauernden Staffel – fast wirkt sie wie ein Teaser für das, was alles noch kommen könnte. Puppenspielerin Tanselle ist nicht nur die einzige nennenswerte weibliche Figur in den sechs Episoden, sie ist auch die Einzige, die in ihrer Bühnenshow auf die große Drachenvergangenheit der Targaryens anspielt. Nach wenigen Folgen dampft sie ab ins südländische Dorne, und wenn die Serie in der kommenden Staffel ähnlich handlungsgetreu den Martin’schen Novellen folgt wie die erste, dürfte sich auch die Serienhandlung dorthin verlagern.
Ist „A Knight of the Seven Kingdoms“ nun ein großer Wurf? Wahrscheinlich nicht. Die Größe der Serie aber zeigt sich im Kontrast zu den bisherigen GoT-Weltentwürfen: im sympathisch großherzigen Fokus auf das Kleine, auf die vermeintlich Unbedeutenden und ihre jenseits der Seitenlinien der Weltpolitik sich zutragenden Lebenskämpfe im Fake-Mittelalter von Westeros. Der Verzicht auf die ganz großen Gesten ist hier selbst die große Geste – eine mithin, die Spaß macht und vor allem Lust auf mehr.
Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten ersten Staffel von „A Knight of the Seven Kingdoms“.
Meine Wertung: 4/5
Die sechsteilige Auftaktstaffel des „Game of Thrones“-Prequels „A Knight of the Seven Kingdoms“ wird in Deutschland beim neuen Streaming-Dienst HBO Max ab dem 19. Januar mit neuen Folgen immer am frühen Montagmorgen veröffentlicht.
Über den Autor
Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) - gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).