„The Outsider“: HBOs Stephen-King-Adaption überzeugt mit extrem starker Besetzung – Review

    Ambitionierte Miniserie mit fatalen Kleinstadtdynamiken und übernatürlichem Element

    Rezension von Gian-Philip Andreas – 19.01.2020, 14:31 Uhr

    Ein schwerer Fall für Ralph Anderson (Ben Mendelsohn) in „The Outsider“

    Früher gab es mal so etwas wie die unumstößliche Regel, dass auf eine gute Stephen-King-Verfilmung (wie „Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers“ oder „Misery“) mindestens sechs miese kamen: B- und C-Filme fürs Videothekenregal, überflüssige Miniserien und bald vergessene Schnellschüsse für siffige Schachtelkinos.

    Inzwischen gilt diese Regel längst nicht mehr. Denn trotz zweifellos immer noch vorhandener King-Gurken (wie die Serienneuverfilmung von „Der Nebel“) wird mittlerweile doch sehr viel gedreht, das entweder beim Publikum großen Anklang findet (etwa die „Es“-Kinofilme) oder aber als Serie für einiges Aufsehen sorgt und dabei meist auch noch mit prominenter Besetzung punktet – wie zuletzt zum Beispiel der Emmy-nominierte King-Remix „Castle Rock“, der clevere Achtteiler „11.22.63“ mit James Franco oder David E. Kelleys bei der Kritik viel gelobte Mystery-Krimiserie „Mr. Mercedes“ mit Brendan Gleeson.

    Auch die HBO-Produktion „The Outsider“ präsentiert sich nun keineswegs als halbseidene Horrormär, sondern ganz unbedingt als Qualitätsserie von Format. Für die zehn Episoden, über die sich die Verfilmung des gleichnamigen Romans aus dem Jahr 2018 erstreckt, wurde denn auch einer der besten drehbuchschreibenden Literaten engagiert, über die der US-Kulturbetrieb derzeit verfügt: Richard Price schrieb neben seinen eigenen Romanen u. a. Episoden von „The Wire“, „The Deuce“ und „The Night Of“. Als weiteren Autor konnte zudem Dennis Lehane gewonnen werden, an dessen Romane „Gone Baby Gone“ und „Mystic River“ man hier immer mal wieder denken muss.

    Detective Anderson (Ben Mendelsohn, l.) nimmt den Hauptverdächtigen Terry Maitland (Jason Bateman) fest. HBO

    Denn gerade zu Beginn der Geschichte ist „The Outsider“ vor allem ein zappendusteres Krimidrama rund um einen Kindermord. Es ist ein abgründiges Szenario, das sich hier auftut, atmosphärisch und thematisch erinnert es an die genannten Lehane-Romane (und deren Verfilmungen durch Ben Affleck und Clint Eastwood) ebenso wie an moderne Genre-Serienklassiker à la „True Detective“.

    Nahe einer Kleinstadt im ländlichen Georgia wird ein Junge tot und übel zugerichtet im Wald gefunden. Als Detective Ralph Anderson (Ben Mendelsohn, „Ready Player One“) und seine Kollegen Yunis (Yul Vazquez, „I Am the Night“) und Tomika Collins (Hettienne Park, „Hannibal“) die Ermittlungen aufnehmen, ist der Fall scheinbar schnell gelöst: Die Leiche ist mit Fingerabdrücken übersät, diverse Zeugen vom kleinen Mädchen bis zum lokalen Kneipenwirt (Paddy Considine, „In America“) melden sich mit eindeutigen Aussagen. Es gibt keinen Zweifel: Der Mörder kann niemand sonst gewesen sein als Terry Maitland (Jason Bateman, „Arrested Development“), Englischlehrer der örtlichen Highschool, außerdem allseits beliebter Trainer einer Jugendmannschaft, Ehemann der schönen Glory (Julianne Nicholson, „Weightless“) und Vater zweier Töchter. Weil die Fakten nur diesen Schluss zulassen, lässt Anderson Maitland, der seine Unschuld beteuert, festnehmen – am hellichten Tag, während eines Baseball-Spiels, vor den ganzen Zuschauern und damit der halben Stadt.

    Dann aber gibt es, noch in der Pilotepisode, eine frappierende Wendung: Der von Glory beauftragte Anwalt Howie Gold (Bill Camp, „The Looming Tower“) und dessen rechte Hand, Privatschnüffler Alec Pelley (Jeremy Bobb, „Matrjoschka“), finden Videomaterial, das beweist, dass sich Maitland während der Tatzeit in einer ganz anderen Stadt aufhielt, bei einer Konferenz, und auch dort finden sich seine Fingerabdrücke. Wie kann das sein? Ist es irgendwie rational zu erklären, oder haben hier übernatürliche Kräfte ihre Finger im Spiel?

    Ralph Anderson (Ben Mendelsohn) zusammen mit seiner Frau Jeannie (Mare Winningham) am Grab des gemeinsamen Sohnes. HBO

    Anderson, dessen Teenager-Sohn wenig zuvor an Krebs starb, findet keine Ruhe mehr, auch seine Gattin Jeannie (Mare Winningham, „Scott und Huutsch“) kann ihn kaum beruhigen. Die Dinge verkomplizieren sich, als es rund um Maitland und die Familie des getöteten Jungen zu einer schlimmen Tragödie kommt und Andersons Nemesis, der aggressive Cop und Jäger Jack Hoskins (Marc Menchaca, „Ozark“), wieder im Revier aufkreuzt.

    Zu diesem Zeitpunkt – am Ende der zweiten Episode – ist die eigentliche zweite Hauptfigur aus Roman und Serie übrigens noch gar nicht in Erscheinung getreten: Privatdetektivin Holly Gibney, eine dem Unerklärlichen zugeneigte Autistin. Mit ihrer metaphysischen Stoßrichtung ist sie fortan das passende Gegenstück zum verzweifelt rationalen Cop Anderson. King-Leser kennen Gibney aus den „Mr.-Mercedes“-Romanen und aus deren Verfilmung, darin spielt die weiße Justine Lupe („Succession“) die Figur. In „The Outsider“ spielt nun die soeben für den Oscar (für das Biopic „Harriet“) nominierte schwarze Britin Cynthia Erivo die Rolle – deren Großartigkeit letztes Jahr im Actionkrimi „Bad Times at the El Royale“ erstmals auffiel. Eine spannende Wahl also, keineswegs nur wegen des Hautfarbenwechsels.

    Der rationale Anderson (Ben Mendelsohn, l.) arbeitet mit der für ungewöhnliche Möglichkeiten offenen Holly Gibney (Cynthia Erivo) zusammen. HBO

    Dass bei der Tötung des Jungen böse Mächte im Spiel gewesen sein müssen, ist geübten King-Guckern und -Lesern indessen schnell klar und allen anderen spätestens dann, wenn ein merkwürdiger Typ mit Kapuze und hutzelgnomigem Gruselgesicht mehrfach verdächtig unbeteiligt in der Szenerie herumsteht: Ist er ein Dämon, der sich des arglosen Englischlehrers bemächtigte und ihn zum Morden anstiftete, so wie es weiland Bob mit Leland Palmer tat in „Twin Peaks“? Ist er auch jener Unhold, den Maitlands jüngste Tochter des Nachts in ihrem Kinderzimmer zu erspähen meint? Ist er der titelgebende „Outsider“?

    Die typischen King-Themen tauchen jedenfalls alle wieder auf: Kleinstadtleben, Teenager in Gefahr, Little-League-Baseball, tief sitzende Trauer und jede Menge Schrecknisse, die den „American Way of Life“ zerschmettern. Was hier aber vor allem auffällt, ist eine Inszenierung, die sich nicht bloß mit der bloßen Gegenüberstellung von heiler Familienwelt und brutalem Boogeyman-Grusel begnügt. Autor Price und Maitland-Darsteller Bateman, der in Personalunion als Regisseur und Produzent auch die ersten beiden Episoden verantwortete, setzen vielmehr auf eine hochambitionierte Inszenierung, die fast schon ein wenig zu artsy daherkommt: Die Geschehnisse der Pilotepisode werden zunächst auf zwei verschiedenen Zeitebenen parallelgeführt, ehe sie sich am Ende treffen, die verkanteten Perspektiven mit ihren oft aus dem Zentrum verschobenen Figuren erinnern an Sam Esmails typische Regie-Moves aus „Mr. Robot“, noch dazu geht es oft so nachtfinster zu, als wolle Bateman die berüchtigte „Long Night“ aus „Game of Thrones“ an Dunkelheit noch überbieten. Eigenwillige ästhetische Entscheidungen gibt es auch auf dem Soundtrack, etwa gleich zu Beginn, wenn in einer wortlosen Sequenz der Hund eines Spaziergängers die Leiche des Jungen findet und dazu ein Mozartsches Klavierkonzert zu hören ist.

    Man darf gespannt sein, wohin das alles führt – vielversprechend ist es definitiv. Dennoch muss leise Skepsis erlaubt bleiben, schließlich zählt der zugrunde liegende Roman definitiv nicht zu den wohlgelittensten in Kings ausuferndem Werk. Kleinstadt-Krimi und Gruselhorror haben definitiv schon besser zueinandergefunden als in diesem 750-Seiten-Wälzer. In den ersten Episoden der Verfilmung sind es bezeichnenderweise weniger die (wenigen) Schockmomente, sondern vor allem die sich andeutenden sozialen Verwerfungen im Städtchen, die den Machern am eindrucksvollsten gelingen: auf der einen Seite der Kollaps sowohl der Opferfamilie als auch der Familie des vermeintlichen Täters, dessen Schuld nicht bewiesen werden kann, auf der anderen Seite der zunehmende Zorn auf Detective Anderson, der es wagt, ein populäres Mitglied der Stadtgemeinschaft in Misskredit zu bringen, woraufhin er selbst mehr und mehr zum „Outsider“ wird.

    Zum Glück hat Darsteller Mendelsohn keine Probleme, diesen von Trauer, Wut und Obsession zusehends getriebener wirkenden Mann um die fünfzig punktgenau auf den Bildschirm zu bringen. Der Australier, dessen sonores, lispelndes Grollen schon in der Netflix-Serie „Bloodline“ so unvergleichlich unter die Haut kroch, ist sicher das größte Plus dieser Produktion. Im Duo mit Cynthia Erivo dürfte es ihm mühelos gelingen, die Serie über alle dämonischen Stolpersteine hinweg ins Ziel zu tragen.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „The Outsider“.

    Meine Wertung: 3,5/5

    Der amerikanische Pay-TV-Sender HBO strahlt die Miniserie „The Outsider“ aktuell aus. Sie wird – voraussichtlich im März 2020 – durch Sky Atlantic im deutschen TV ausgestrahlt. Einstweilen sind die Episoden von „The Outsider“ immer unmittelbar nach der Weltpremiere im englischen Originalton über die on-Demand-Dienste Sky Q, Sky Go und das Streamingangebot Sky Ticket.

    Trailer zu „The Outsider“ (englisch)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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