„Halo“: Ein Spartaner nimmt den Helm ab – Review

    Serie zur Game-Reihe bietet tolles Design und gute Action, aber noch nicht viel mehr

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 23.03.2022, 18:30 Uhr

    Auf Alienjagd, ganz im Look der „Halo“-Spiele: Master Chief (Pablo Schreiber) und seine Spartaner. – Bild: Paramount+/Sky
    Auf Alienjagd, ganz im Look der „Halo“-Spiele: Master Chief (Pablo Schreiber) und seine Spartaner.

    Mit Videospielverfilmungen ist das so eine Sache: Sie sollten sowohl den eingefleischten Fans gerecht werden als auch einem Publikum, das die Games nicht kennt und dennoch einen spannenden Plot erwartet, dessen Hintergründe nicht erst umständlich erklärt werden müssen. Die nun beim Streamingdienst Paramount+ (in Deutschland bei Sky) startende, von Steven Spielberg mitproduzierte „Halo“-Serie übt sich im Spagat: Sie wirft Kernelemente der erfolgreichen Videospielreihe in die Luft, verwirbelt sie mit so ziemlich jedem Science-Fiction-Hit der letzten Jahrzehnte und hofft, dass dabei etwas Eigenständiges herauskommt. Die ersten Folgen deuten an: Trotz illustrer Besetzung gelingt das mit eher gemischtem Erfolg.

    Über 80 Millionen „Halo“-Spiele sind in den letzten zwei Dekaden verkauft worden. Im Ranking der erfolgreichsten Entertainment-Franchises liegt das Videospieluniversum damit in etwa gleichauf mit dem kompletten DC Extended Universe. Sechs Hauptspiele gibt es bislang (das letzte, „Halo: Infinite“, erschien erst im vergangenen Jahr), dazu diverse Spin-Offs, und seit das erste Game „Halo: Combat Evolved“ 2001 den Erfolg der Xbox-Konsole miteinläutete, hat sich eine derart große Kultgemeinde um diese Spielewelt formiert, dass alle, die daraus mal eben eine Serie machen wollen, im Grunde nur daran scheitern können.

    Betrachten wir nur mal die Hauptfigur der (meisten) „Halo“-Spiele, den hünenhaften, in eine schneidige Titanuniform gehüllten Supersoldaten Petty Officer John-117, bekannt als „Master Chief“, der im 26. Jahrhundert im Auftrag der Weltsicherheitsorganisation UNSC (United Nations Space Command) im großen Krieg gegen eine Alien-Allianz kämpft. In seine Rolle schlüpfen die „Halo“-Spieler, aus seinen Augen wird das Geschehen in diesen First Person Shootern wahrgenommen – was letztlich nichts anderes heißt, als dass Master Chief als Platzhalter für die Spieler selbst fungiert. Wie soll man diese Figur, die im Grunde eine riesige Leerstelle ist, nun verkörpern und inszenieren in einer Serie, die notgedrungen von außen auf sie blicken muss? Schon die Ankündigung, dass Master Chief in der Serie, anders als in den Games, seinen ikonischen Helm mit dem gold-orangenen Visier abnimmt, damit sich Darsteller Pablo Schreiber („13 Hours“, „Criminal Squad“) auch persönlich zeigen darf, sorgte sofort für Abwinken bei vielen Fans. Und so steht zu befürchten, dass auch alle anderen Änderungen, Abweichungen, Umdeutungen und Hinzufügungen in diesen Kreisen als Verrat am Ursprungsmaterial betrachtet werden könnten.

    Nur: Wie kann man denn überhaupt verfahren in solchen Videospielverfilmungen? Einer Figur dabei zuzuschauen, wie sie stundenlang Aliens in Fetzen schießt, das kann es ja nicht sein. Und auch das bloße Nachinszenieren des Spieleplots bliebe doch letztlich in einer Abfolge imitierter Cutscenes stecken, ohne Eingreifmöglichkeiten via Gameplay. Wer unlängst „Uncharted“ im Kino sah, weiß, wie frustrierend das sein kann: Ohne die Möglichkeit der Interaktion reduzierte sich die Verfilmung der gefeierten Abenteuerspielreihe zur zwar ordentlich gemachten, aber wenig außergewöhnlichen Schnitzeljagd von der „Indiana Jones“-Resterampe.

    Von Rachsucht getrieben: Rebellentochter Kwan (Yerin Ha) wird zur unwahrscheinlichen Gefährtin von John-117. Paramount+/​Sky

    Die beiden Hauptautoren der „Halo“-Serie, Kyle Killen („The Beaver „) und Steven Kane („The Last Ship“), erklärten deshalb schon im Vorfeld, dass sie sich zwar auf die Mythologie und auf die Grundfiguren der Spieleserie berufen und beziehen, darauf aufbauend aber eine eigene Continuity entwickeln wollen, die parallel zum Kanon der Spiele funktionieren soll. Dass sie dabei zu Beginn längst nicht alle Kernelemente der Games als bekannt voraussetzen, zeigen die beiden der Presse vorab gezeigten Episoden. Darin wird etwa Cortana (Stimme wie in den Spielen: Jen Taylor), die Master Chief an die Seite gestellte Künstliche Intelligenz, erst sachte angeteasert. Auch über die Religion, der sich die Alien-Allianz Covenant verschrieben hat, über die (prä-)historischen Hintergründe, die weltvernichtende Flood-Pandemie und sogar über den „heiligen Ring“, die titelgebenden, wie ein Heiligenschein (halo) im Weltall schwebenden Megastrukturen, gibt es in den ersten Folgen höchstens Andeutungen zu hören.

    Natürlich ist es sinnvoll, das Worldbuilding zunächst mal sachte voranzutreiben, um jene, die die Spiele nicht kennen, nicht allzu sehr zu verwirren. So führt die erste Episode zunächst auf einen Rebellenplaneten namens Madrigal, dessen Einwohner im Jahr 2552 vom Covenant attackiert werden – die Außerirdischen erinnern dabei an grunzende, gepanzerte Reptilienwesen und gehören glücklicherweise nicht zum Besten, was die Serie an Trickeffekten zu bieten hat. Die Angreifer werden dann zwar vom herbeifliegenden Master Chief und seinem „Silver Team“ aus drei weiteren „Spartanern“ (so heißen die Supersoldaten) besiegt, doch alle Rebellen kommen dabei um – bis auf Kwan (Yerin Ha, „Reef Break“), die aufsässige Teenie-Tochter des Rebellenführers, die im Folgenden als einigermaßen unwahrscheinlicher Sidekick von Master Chief aufgebaut wird.

    Zuvor findet Master Chief noch ein geheimnisvolles Artefakt, auf das es zuvor die Aliens abgesehen hatten: ein dreieckiges Stück Metall, das, wenn er es berührt, fragmentarische Erinnerungen an seine Kindheit heraufbeschwört. Der Auftakt einer Reise zurück ins eigene Selbst? Irgendeine Form von Charakterentwicklung muss es ja geben, und dazu gehört eben auch, dass der Spartaner kurz vor Schluss der Pilotfolge seinen Helm abnimmt, damit Pablo Schreiber zunächst roboterhaft emotionslos, dann vage skeptisch und schließlich sogar entschieden ahnungsvoll starren kann: Ob sich aus dieser Abkehr vom Platzhalterstatus der Figur in den Games tatsächlich eine glaubhafte Entwicklung wird ableiten lassen, muss sich zeigen.

    Hat nicht nur Gutes im Sinn: Dr. Halsey (Natascha McElhone) vom UNSC. Paramount+/​Sky

    Derweil sorgen sowohl die mitgebrachte Rebellentochter als auch das Artefakt für Unruhe bei den Offiziellen des UNSC – neben der von ihrer eisenharten Vorgesetzten Parangosky (Shabana Azmi) gegängelten „Cortana“-Erfinderin Dr. Catherine Halsey (Natascha McElhone, „Solaris“, „Ronin“) kommen aus den Spielen noch Kapitänslegende Jacob Keyes (Danny Sapani, „Harlots“) und seine engagierte Wissenschaftlertochter Miranda (Olive Gray, „Year Million“) vor – sowie der greise Flottenadmiral Hood, der von Keir Dullea gespielt wird.

    Den inzwischen 85-jährigen Hauptdarsteller aus „2001: Odyssee im Weltraum“ zu besetzen, das passt nicht nur gut in den sowieso recht illuster zusammengestellten Cast der Serie (Burn Gorman aus „Torchwood“ taucht als faschistoider neuer Führer von Madrigal auf, Bokeem Woodbine aus „Fargo“ als jovial-abtrünniger Ex-Spartaner Soren), sondern auch ins Konzept einer Produktion, die sich offensichtlich an so ziemlich allem orientiert, was seit Stanley Kubricks Science-Fiction-Meisterwerk von 1968 im Genre Rang und Namen hatte. Wer sucht, findet Einflüsse von „Starship Troopers“ über „Universal Soldier“ bis „The Mandalorian“, von „Aliens“ über „The Expanse“ bis zu „Foundation“ und sowieso „Star Trek“, die hier mitsamt des aus „Star Wars“ importierten Asteroidenfeldes einmal in den Best-of-Mixer gesteckt wurden, um, tja, am Ende was genau zu ergeben? Richtig klar wird das nicht. Wer die Games nicht kennt, sieht vor allem eine Abfolge sattsam bekannter Sci-Fi-Motive.

    Bis zur 50. Minute der Pilotfolge muss man warten, ehe Master Chief sein Gesicht zeigt. Wenig überraschend: Es zeigt keine Emotion. Paramount+/​Sky

    Zugegeben, das Produktionsdesign ist teilweise hervorragend, besonders wenn es um die Gestaltung der interstellaren Welten geht. Vom „Dune“-artigen Madrigal über die bläulich-klinisch gehaltene UNSC-Zentrale auf dem Planeten Reach bis hin zum pilzförmig wuchernden Alien-Gestirn High Charity, auf dem die drei gänzlich CGI-animierten Propheten namens Gnade, Wahrheit und Bedauern mit ihrer menschlichen Mitstreiterin Makee (Charlie Murphy aus „Happy Valley“) konferieren, können sich die Space-Architekturen absolut sehen lassen. Auf dem anarchischen Unterweltplaneten Rubble, der sich ganz im retrofuturistischen Gammel-Look von „Blade Runner“ präsentiert, gibt es eine herrlich kinetische Fahrt in einer Art U-Bahn-Wagen zu bestaunen: Der Waggon schießt nach einer Weile aus einem Tunnel heraus und hangelt sich dann an einem Drahtseil durchs All auf einen Satelliten-Asteroiden hinüber.

    Ähnlich wie die explizit in Videospielästhetik gehaltene Ballerei zu Beginn der Pilotfolge, die immer wieder Egoshooter-Perspektiven ins brachiale Geschehen hineinmontiert, sind das sehenswerte Setpieces, die, falls es noch mehr davon geben sollte, das Potenzial haben, die Serie aus dem Gros der Sci-Fi-Konkurrenz herauszuheben. Die angeblich 200 Millionen Dollar, die die erste Staffel unter Beteiligung von Steven Spielbergs Amblin Television gekostet haben soll, kann man den von Regisseur Otto Bathurst („Robin Hood“) kraftvoll inszenierten Actionsequenzen also durchaus ansehen.

    Der Plot dagegen reißt bislang sicher niemanden vom Hocker. Trotz der niedrigdosierten Auffächerung der Spielmythologie geht viel Zeit für die Backstory einer Handlung drauf, die überwiegend aus Klischees besteht. Die junge Kwan als Gefährtin in einer simplen Buddy-Konstellation, die undurchsichtigen Militär-Oberen sowie der knallharte Held, der in einen inneren Zwiespalt gerät: All dies sind doch sehr generische Zutaten aus der großen Sternenkriegersuppe. Dazu passt, dass die drei Mit-Spartaner des Master Chief (auch sie nur gelegentlich ohne Helm: Natasha Culzac, Bentley Kalu und Kate Kennedy) bislang kaum an Profil gewinnen. Dessen ungeachtet scheint Paramount+ so überzeugt zu sein vom Erfolg der Produktion, dass die zweite Staffel bereits bestellt ist. Die Autoren dagegen waren sich offenbar nicht so sicher: Killen stieg schon vor der Produktion der ersten Staffel aus, Showrunner Kane direkt danach.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „Halo“.

    Meine Wertung: 3,5/​5

    Am 24. März beginnt die Veröffentlichung von „Halo“ auf Sky Q und Sky Ticket, die Ausstrahlung bei Sky Atlantic beginnt am Freitag, 25. März um 22:15 Uhr. Die neun Episoden der Auftaktstaffel werden im wöchentlichen Rhythmus veröffentlicht.

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Ich fand die erste Folge gut! Klar, sie haben das Rad nicht neu erfunden, da war eine Menge von dem drin, was bei The Mandalorian oder bei The Expanse und anderen funktioniert hat - aber emotional hat mich die Story abgeholt. Eine Referenz haben Sie vergessen: Die Murderbot-Bücher von Martha Wells :-)

      weitere Meldungen