„The Beauty“: Alles andere als makellos – Review

Ryan Murphys neue Serie will heutigen Schönheitswahn aufspießen, ist aber spannungsarm und brachial absurd

Christopher Diekhaus
Rezension von Christopher Diekhaus – 21.01.2026, 17:26 Uhr

Jordan Bennett (Rebecca Hall, links) und Cooper Madsen (Evan Peters) stehen vor einem Rätsel – Bild: FX
Jordan Bennett (Rebecca Hall, links) und Cooper Madsen (Evan Peters) stehen vor einem Rätsel

Eine Fashionshow in Paris: Extravagant gekleidete Frauen präsentieren sich dem Publikum auf matschigem Untergrund. Plötzlich bleibt eine von ihnen (gespielt von Supermodel Bella Hadid) stehen und hat merklich mit ihrem Befinden zu kämpfen: dicke Schweißperlen, schnelle Atemzüge, dann ein Sprint in die Zuschauerreihen und der gierige Griff nach einer Wasserflasche. Es kommt zu einem Tumult, das Model stößt Menschen rüde zur Seite, verlässt die Vorführhalle und heizt, ohne Rücksicht auf Verluste, auf einem Motorrad durch die Stadt. Selbst ein heftiger Unfall stoppt sie nicht. Ihr verletztes Bein leicht nachziehend, wütet sie schließlich in einer Bar, greift wildfremde Menschen an und spritzt sich wie von Sinnen Klowasser ins Gesicht. Auf der Straße dann der Showdown. Umringt von Polizisten explodiert ihr Körper in tausend blutige Stücke.

Wenn eine Serie mit einem solchen Knall beginnt, drängen sich gleich zwei Gedanken auf: Wie kann man diesen Wahnsinn noch toppen? Und Subtilitäten sollte man im weiteren Verlauf nicht erwarten. Willkommen in der neuen Kreation des erstaunlich umtriebigen Fernsehmachers Ryan Murphy („American Horror Story“), der erst vor kurzem mit der von Kim Kardashian angeführten Justiz-Dramedy „All’s Fair“ bei den Kritikern böse abblitzte. Seinen Hang für Hochglanzbilder, schrille Effekte und exzessiv emotionale Verwicklungen lebt der US-Amerikaner auch in „The Beauty“ genüsslich aus, einem kruden Mix aus Scifi-Body-Horror, Agenten-reisen-um-die-Welt-Knobelei, Gesellschaftssatire und Seuchenthriller. Als Vorlage diente ihm und Mitschöpfer Matt Hodgson („9-1-1 Notruf L.A.“) die gleichnamige Comicbuchreihe von Jeremy Haun und Jason A. Hurley.

Ein Model (Bella Hadid) unter Druck FX

Die zentrale, in fiktionalen Werken schon häufig verhandelte Frage im Zentrum der Serie lautet: Wie weit würdest du gehen, um dauerhafte Schönheit zu erlangen? In gewisser Weise knüpft Murphy damit an „Nip/​Tuck“ an, jene von 2003 bis 2010 laufende Produktion, die in der Welt der plastischen Chirurgie spielte und ihm zu Beginn seiner TV-Karriere den Durchbruch brachte. Thematisch ist „The Beauty“ fraglos brandaktuell. Immerhin leben wir in einer paradoxen Zeit. Einerseits wird Body Positivity, die Wertschätzung aller Körperformen und -größen, hochgehalten. Andererseits machen es technische und wissenschaftliche Fortschritte möglich, das äußere Erscheinungsbild gezielter als je zuvor zu optimieren. Letztgenannten Trend will Murphy mit „The Beauty“ ins Visier nehmen und beschreibt seine neue Serie als Kommentar auf die heutige Ozempic-Kultur, in der Abnehmen nur einen Pieks entfernt ist.

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Das eingangs geschilderte Modelinferno ruft die FBI-Agenten Jordan Bennett (Rebecca Hall) und Cooper Madsen (Evan Peters) auf den Plan, die nach ihrer Ankunft in Paris von einem Muster erfahren. Schon vor dem Zwischenfall in der Seine-Metropole gab es ähnliche Ereignisse in London und Berlin. Hauptakteur: jedes Mal ein Model. Wie sich bei der Obduktion der körperlichen Einzelteile in Frankreich zeigt, ist das Opfer innerlich verbrannt. Spuren eines chemischen Hilfsmittels lassen sich allerdings nicht nachweisen. Vielmehr wird klar, dass ein neuartiges, durch Körperflüssigkeiten übertragbares Virus der Auslöser für die Selbstexplosion gewesen sein muss.

Eben jener Erreger ist offenbar entstanden, als ein noch geheimes, ewige Jugend per Injektion versprechendes Wundermittel namens „The Beauty“ außerhalb der Labore des Unternehmers Byron Forst alias „The Corporation“ (Ashton Kutcher) mutierte. Um diesen Mann, das Abziehbild eines megalomanischen, selbstverliebten Tech-Milliardärs, kreist ein zweiter Handlungsstrang. Nicht nur treibt der Mogul den Verkaufsstart seines Präparats kompromisslos voran, obwohl es noch längst nicht marktfähig ist. Parallel hetzt er auch seinen bloß Killer genannten Kettenhund (Anthony Ramos) all jenen Menschen auf den Hals, die das Virus im Eifer des Gefechts weitergegeben haben und zu einer Belastung werden könnten.

Der Killer (Anthony Ramos) kennt keine Gnade.FX/​Philippe Antonello

Womit wir zum dritten Plot-Faden kommen. In dessen Zentrum steht der soziale Außenseiter Jeremy (Jeremy Pope), der alle Klischeevorstellungen eines incel bedient. Gemeint sind damit heterosexuelle Männer, die unfreiwillig keinen Sex bzw. keine Liebesbeziehung haben. Jeremy ist arbeitslos, schwergewichtig und wohnt noch bei seiner Mutter, deren Ermahnungen er nur als ein dumpfes Gebrabbel wahrnimmt. Vor seinem PC sucht er den erotischen Kick, blitzt aber bei einer Webcam-Dame ab, weil er sie nicht bezahlen kann. Selbstmitleid und Wut auf eine Welt, die ihn immer wieder spüren lässt, dass er nicht schön ist, verdunkeln seinen Alltag. Auch der Besuch bei einem Spezialisten für plastische Chirurgie (Rob Yang) bringt nicht den gewünschten Erfolg, was Jeremys angestauten Zorn gewaltsam überkochen lässt. Als er jedoch unverhofft in den Genuss seines ersten Geschlechtsverkehrs kommt (Wir erinnern uns: Das unbekannte Virus verbreitet sich durch den Austausch von Körperflüssigkeiten), durchläuft der junge Mann eine überraschende Wandlung. Sein Traum ist wahrgeworden. Doch dann erhält der transformierte Jeremy Besuch von Byrons Handlanger.

Auch wenn Schönheits- und Jugendwahn in Filmen und Serien schon oft aufs Korn genommen wurden, kann man beiden Themen noch immer spannende Facetten abgewinnen. Unter Beweis stellte dies zuletzt die Französin Coralie Fargeat in ihrem wilden Identitätsthriller „The Substance“. Demi Moore gibt darin eine alternde Schauspielerin, die mittels eines Schwarzmarktpräparates ein junges, hübsches Alter Ego aus ihrem Körper gebärt und mit diesem koexistieren muss. Was den preisgekrönten Leinwandbeitrag und „The Beauty“ verbindet? Immer wieder kreist der Holzhammer. Feinheiten haben nur wenig Platz. Fargeats Arbeit hebt sich allerdings von der Murphy-Serie durch eine mutig-radikale Inszenierung – markante Farbenspiele, schräge Perspektiven, befremdliche Nahaufnahmen, harte Schnitte, ein intensives Sounddesign – und Moores durch Mark und Bein gehende Performance ab.

Die Welt dreht sich nur um ihn: Tech-Milliardär Byron Forst alias The Corporation (Ashton Kutcher).FX/​Eric Liebowitz

Die ersten vier für diese Kritik gesichteten Folgen haben zwar ebenfalls formale Spielereien und klebrig-handgemachte Splatter-Effekte zu bieten. Die Wucht und die Verstörungskraft von „The Substance“ erreicht die Comicadaption jedoch nie. Gründe dafür gibt es mehrere: Zu stark verlassen sich die Macher auf die Oberflächenreize ihrer Geschichte, die häufig zwischen Postkartenschauplätzen (Paris, Venedig, Rom) und cleanen Laborräumen hin- und herspringt. Noch dazu bleibt man auf Distanz zu den Charakteren, die bisher nur grob umrissen sind. Ausgerechnet die eigenwillige Beziehung der FBI-Ermittler Jordan und Cooper, einer der interessantesten Aspekte, tritt für eine Weile in den Hintergrund. Zum Augenrollen ist nicht zuletzt so manche Dialogzeile. Klopper der Marke „Ich habe ein Fieber, das nur dein Arsch heilen kann!“ fliegen einem mehrfach um die Ohren.

Was außerdem gewaltig nervt: Wie krampfhaft Murphy und Co das Geschehen auf kultig und schräg trimmen wollen. Der Killer des Tech-Milliardärs beispielsweise lässt mit seinem Aussehen (er trägt eine Augenklappe, die an den untere Teil eines Eierschälers erinnert) und seinem Faible für abschweifende Popkulturmonologe an eine maue Tarantino-Kopie denken. Bloß müde lächeln kann man auch über „Provokationen“ wie jene Szene, in der die Kutcher-Figur auf einer Luxusyacht mit seinem Bluthund telefoniert, während der Unternehmer oral befriedigt wird. Deutlich irritierender ist da schon die harmlose Beobachtung, dass das FBI-Duo in der englischen Originalfassung sowohl in Frankreich als auch in Italien mit einigen Einheimischen fließend in der jeweiligen Landesprache diskutiert. Selten hat man auf der großen Leinwand oder dem kleinen Bildschirm derart polyglotte Ermittler einer US-Behörde gesehen!

Dass viele der satirischen Einlagen arg gezwungen daherkommen, ist wenig hilfreich. Als problematischer erweist sich aber eine andere Erkenntnis: In den ersten vier von elf Episoden bleibt die Spannungskurve ernüchternd flach. Momente echten Nervenkitzels, etwa eine Verfolgungsjagd durch ein Laborlabyrinth, lassen sich an einer Hand abzählen. Für eine Serie, die mitreißen und schockieren will, ist das nach mehr als einem Drittel der Gesamtlaufzeit ein bedenkliches Fazit.

Meine Wertung: 2/​5

Die ersten drei Folgen der Serie „The Beauty“ sind ab Donnerstag, dem 22. Januar auf Disney+ verfügbar. Anschließend geht es im wöchentlichen Rhythmus mit der Veröffentlichung je einer neue Episode weiter.

Über den Autor

Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.

Lieblingsserien: Devs, Lass es, Larry!, Severance

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