Das Beste aus dem Serienjahr 2021: Gian-Philips Highlights – Review

    Die 10 besten neuen Serien 2021

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 02.01.2022, 18:24 Uhr

    Thuso Mbedu – gefeierte Protagonistin von „The Underground Railroad“ – Bild: Amazon Prime Video
    Thuso Mbedu – gefeierte Protagonistin von „The Underground Railroad“

    Das Angebot toller Serien und neuer Staffeln war 2021 groß, daher umfassen meine Lieblingsserien des Jahres hier ausschließlich Erststaffeln bzw. Miniserien. Es geht von Gruselpriestern auf einer Krabbenfischerinsel über die Vorstadt von Philadelphia bis hin in unterirdische Züge des 19. Jahrhunderts, von Südkorea über ein Reservat (und einen Podcast) in Oklahoma bis hin zu Luxushotels auf Hawaii. Mal geht’s um Showbiz in Las Vegas, mal um Sitcoms im Lauf der Jahrzehnte und einmal auch, nun ja, um ein Virus.

    Zum Glück versorgte auch das zweite Coronajahr das an die häusliche Couch gebundene Publikum mit zahlreichen qualitativ hochwertigen Produktionen, die die Sehnsucht nach audiovisuellen Erzählungen befriedigen konnten – ganze sechs Monate immerhin waren schließlich die Kinos und Theater (wieder) zu. Die zehn in der Slideshow genannten, allesamt neu gestarteten Serien haben dieses Jahr zumindest für mich deutlich weniger öde gemacht.

    Die eine Folgestaffel allerdings, die ich vermutlich noch vor all diesen Produktionen einsortieren würde, war die dritte Staffel von „Succession“. Abgründiger, klüger, witziger und schmerzhafter als in dieser bis in die kleinsten Nebenrollen herausragend gespielten Familien- und Businesssatire, in diesem genial garstigen Intrigenstadl aus der Medienwirtschaftswelt, kriegt man den Zeitgeist derzeit nirgendwo gespiegelt.

    Meine Lieblingsserien 2021
    Platz 10: „Midnight Mass“ (Netflix). Die beste Stephen-King-Verfilmung der letzten Jahre hat mit Stephen King gar nix zu tun: Die sieben Episoden stammen nämlich ganz eigenständig von „Spuk in Hill House“-Macher Mike Flanagan, der seinen King allerdings bestens verinnerlicht hat – schließlich schrieb er auch schon die Drehbücher zu dessen „Doctor Sleeps Erwachen“ und „Das Spiel“. So verwundert es kaum, dass diese Miniserie an diverse Klassiker des Horror-Großschriftstellers (ungefähr: „Needful Things“ trifft „Salem’s Lot“) mehr als nur erinnert – und dabei doch erstaunlich tiefgründig um Themen wie Trauer und Religion kreist. Das gelingt vor allem wegen der phänomenalen Hauptdarsteller: Hamish Linklater etwa, der als dubioser neuer Priester in einer Inselkleinstadt für diverse Disruptionen sorgt, bietet schauspielerische Nuancen, die Horrorproduktionen für gewöhnlich abgehen, und „Friday Night Lights“-Star Zach Gilford steht ihm als traumatisierter Knastentlassener kaum nach. Netflix
    Platz 9: „Squid Game“ (Netflix). Eher unerwartet mauserte sich diese südkoreanische Produktion zum größten Serien-Massenphänomen des Jahres. Unendlich viele TikTok-Videos (über-)bevölkerten die Timelines der Sozialen Medien, kaum ein Teeniestar, der sich nicht mit den Dalgona-Keksen aus der zweiten Episode ablichten ließ, und verstoßen aus seiner In-Group wurde jeder Jugendliche, der sich auf dem Pausenhof nicht mit den perfiden Wettbewerben aus der Serie auskannte – zum Ärger aller Pädagog*innen. Nach K-Pop und dem Oscargewinner „Parasite“ zementierte „Squid Game“ Südkorea endgültig im Kanon der weltweit relevanten Popkultur. Der Hype war allerdings nicht unberechtigt: Die neun Folgen sind ideales Binge-Futter, die Spannung wird von Autor Hwang Dong-hyuk staunenswert hochgehalten, und die im Gegensatz zu diversen Survival-Vorläufern (von „Die Tribute von Panem“ bis „Battle Royale“) noch zugespitzte antikapitalistische Stoßrichtung sorgt für einen konstanten Gegenwartsgrusel. Dass die Serie längst selbst ein kapitalistisch bestens auswertbares Marketingprodukt ist, gehört zum Game wohl dazu. Netflix
    Platz 8: „It’s a Sin“ (Channel 4). Einmal quer durch die von Aids erschütterten Achtzigerjahre ging es mit diesem mitreißenden Fünfteiler aus der Feder des „Queer as Folk“-Erfinders Russell T Davies. Anhand einer Clique von Freund*innen, die sich 1981 zu Beginn von Studium und/​oder Ausbildung in einer WG in London zusammenfinden, dort ihre Sexualität auszuleben beginnen und alsbald mit dem öffentlich als „Schwulenseuche“ verschrienen HI-Virus konfrontiert werden, führt Davies alle Formen der Diskriminierung vor, die den jungen Leuten im Beruf, in den eigenen Familien und in der Öffentlichkeit begegnen – ohne dabei (und das ist das Tolle) jemals ins Deprimierende oder Bleierne abzugleiten. So sehr diese bis in die Nebenrollen (von Neil Patrick Harris bis Stephen Fry) herausragend besetzte Miniserie an die Nieren geht, so bewegend und traurig sie auch ist: Sie lässt es sich nicht nehmen, in Zeiten des Virus, bis zum Schluss das Leben zu feiern. Der Soundtrack ist natürlich auch großartig. (In Deutschland bei Starzplay). Channel 4
    Platz 7: „Only Murders in the Building“ (Hulu). Die schönste Oldschool-Schnurre des Serienjahres führte drei Stars zusammen, die man nie in einem gemeinsamen Kontext erwartet hätte: die beiden vor allem in den Achtzigern zu Ruhm gekommenen Starkomiker Steve Martin (76) und Martin Short (71), gemeinsam mit Ex-Teeniesternchen Selena Gomez. In den von Martin selbst (mit-)erdachten flotten zehn Folgen jagen sie als Allianz gegensätzlicher True-Crime-Fans einem Mord im eigenen New Yorker Apartmenthaus hinterher – mit herrlich beknackten Gags, viel Selbstironie, schrägen Gastauftritten von Stars wie Sting und Comedy-Garanten wie Nathan Lane sowie einem erstaunlich gerüttelten Maß an tatsächlicher Krimispannung. Es war Zeit, dass der leicht merkwürdig anmutenden Obsession vieler Menschen für „True Crime“ endlich mal eine satirische Erwiderung gegenübergestellt wurde, allerdings geschieht das hier so liebevoll und charmant (mit Tina Fey als Podcasterin in Oklahoma), dass auch beinharte Hobbykriminalisten nicht böse sein konnten. (In Deutschland bei Disney+). Hulu
    Platz 6: „WandaVision“ (Disney+). Die erste und bislang beste der für Disneys hauseigenen Streamingdienst entstandenen neuen Marvel-Serien, zugleich der Beginn der sogenannten vierten „Phase“ des seit 2008 immer weiter ausfransenden „Marvel Cinematic Universe“. Nach dem pompösen Schlachtfest „Avengers: Endgame“ überraschte der zu Disney gehörenden Comicgigant mit dieser neunteiligen Hommage an vergangene Fernsehepochen. Wie sich Ästhetik und Stil der Episoden von Woche zu Woche dekadenweise der medialen Jetztzeit entgegenarbeiten, fasziniert dabei ebenso sehr wie das wunderbare Spiel von Elizabeth Olsen und Paul Bettany, die ihren MCU-Figuren Wanda Maximoff und Vision erstaunlich viele Facetten abringen können, flankiert von tollen Nebendarsteller*innen wie Kathryn Hahn, die sich als neugierige Hexe Agnes eine (von Disney bereits bestätigte) eigene Serie erspielte. Dass auch „WandaVision“ in einem in Marvel-Produktionen offenbar unumgänglichen, seelenlos wirkenden CGI-Showdown enden musste: geschenkt. Disney+
    Platz 5: „Reservation Dogs“ (FX on Hulu). Die coolste TV-Teenieclique des Jahres hing im Indianerreservat ab. Erfunden wurde sie von Comedian und Native American Sterlin Harjo zusammen mit dem neuseeländischen Halb-Maori Taika Waititi, dem Mann hinter „What We Do in the Shadows“ und „Jojo Rabbit“. Man kann ihnen nur dankbar sein, dass sie uns so „freshe“ Charaktere wie Bear (D’Pharaoh Woon-A-Tai), Elora (Devery Jacobs), Cheese (Lane Factor) und Willie Jack (Paulina Alexis) beschert haben, die acht herrlich unbekümmerte, mal wunderbar witzige, mal feinfühlig melancholische Episoden lang nichts anderes versuchen, als endlich wegzukommen aus ihrem von Tumbleweeds durchwehten Reservat – und daran am Ende fürs Erste scheitern. Der Humor der ausschließlich von indigenen Menschen produzierten und gespielten Serie ist genial eigenwillig, die Episoden wirken stets wie kleine, schräge Kurzgeschichten, und doch sind alle Szenen von einer Wärme durchzogen, die „Reservation Dogs“ für mich zu einem der großen Feelgood-Erfahrungen des Serienjahrs gemacht haben. (In Deutschland bei Disney+.) Hulu
    Platz 4: „Hacks“ (HBO Max). Es gehört zu den großen Skandalen dieses Serienjahres, dass diese rundum famose Dramedy bislang noch nicht in Deutschland zu sehen war. Dabei stimmt hier einfach alles. Vor allem muss man das Loblieb auf Jean Smart singen, die in den letzten Jahren in Nebenrollen überall begeisterte, wo es eh großartig war („Fargo“, „Watchmen“, „Legion“, „Mare of Easttown“), und jetzt, erstmals seit „Sugarbaker’s“, wieder ganz im Mittelpunkt stehen durfte: Sie spielt die Las-Vegas-Komikerin Deborah Vance, die ihren Zenit überschritten hat, mit einer herrlich biestigen Mixtur aus Verbitterung, Dominanz und leiser Verletzlichkeit. Ebenso toll: Newcomerin Hannah Einbinder als Generation-Z-Vertreterin Ava, die Vance zwangsweise als Autorin an die Seite gestellt wird. Der intergenerationelle Pas-de-Deux der beiden ist so komisch wie pointiert zeitdiagnostisch und weitet sich wie nebenher (und nie belehrend) zum Blick auf feministisches Empowerment im Lauf der Jahrzehnte. Wer die zehn Episoden irgendwie, irgendwo sehen kann: unbedingt gucken! Es ist irre gut. HBO Max
    Platz 3: „Mare of Easttown“ (HBO). Die Krimiserie des Jahres ist einerseits ein wahnsinnig spannender Whodunit-Thriller, ganz klassisch konzipiert mit vielen Verdächtigen, plötzlichen Wendungen, einem „True Detective“-mäßigen Zwischen-Showdown, tragischem Beginn und noch tragischerem Finale, dabei stets grundiert im glaubwürdigen Porträt einer zersiedelten, ökonomisch gerupften Kleinstadt irgendwo in der Nähe von Philadelphia. Andererseits ist dies die Serie, in der Oscarpreisträgerin Kate Winslet ihre bislang womöglich beste Rolle spielt. Die zehn Folgen der von Brad Ingelsby geschriebenen Serie kreisen ohne Pause um die von ihr gespielte, auf niederschmetternde Weise mit dem Fall verbundene Polizistin, und wie es Winslet gelingt, diese Titelfigur gleichzeitig ruppig, vom Leben mürbe gemacht und existenziell ermüdet wie zärtlich und verletzlich zu zeichnen, nötigt jede Menge Respekt ab. Dafür wird es in dieser Award Season noch jede Menge Preise regnen. Zu Recht. (In Deutschland bei Sky.) HBO
    Platz 2: „The White Lotus“ (HBO). Neben „Succession“ vermutlich die böseste, schwärzeste Satire des Serienjahres. Mike Whites Ensemblestück um wohlstandsverwahrloste US-Touristen in einem Luxus-Resort auf Hawaii wirkt wie ein besonders erlesen besetztes, aber schön brutal auf die übelsten menschlichen Abgründe ausgerichtetes Boulevardtheaterstück – oder wie „Das Traumschiff“, wenn man die kitschromanhaften Elemente gegen, sagen wir mal, Ricky Gervais’ wenig liebevolle Weltsicht austauscht. So taumeln die Urlauber um die taffe Managerin Nicole (Connie Britton), die schrullige Tanya (Jennifer Coolidge) und den schwer von sich selbst begeisterten Egoshooter Shane (Jake Lacy) zusammen mit ihren Partnern und Familien einem Murder Mystery entgegen, kaum in Schach gehalten vom zunehmend seine eisern lächelnde Fassung verlierenden Hotelmanager (herrlich: Murray Bartlett). Drogen, Menschenasche und rachsüchtiges Defäkieren inklusive. Sechs wahnsinnig unterhaltsame und vor allem rhythmisch treffsicher inszenierte Folgen. (In Deutschland bei Sky.) HBO
    Platz 1: „The Underground Railroad“ (Amazon Prime Video). US-Geschichte als Fantasy-Fabel. Der zugrunde liegende Roman von Colson Whitehead, der die real existierende „Underground Railroad“ (ein klandestines Netzwerk der Sklavenbefreiung im 19. Jahrhundert) als unterirdisch verkehrende Eisenbahn für bare Münze nimmt, zählt zu den wichtigsten US-amerikanischen Büchern der letzten Dekade. Die Serienumsetzung durch Oscarpreisträger Barry Jenkins („Moonlight“) erwies sich als kompromissloses Meisterwerk. Mit der bewundernswürdigen Thuso Mbedu in einer wahrlich herausfordernden Hauptrolle folgt die Miniserie in zehn Kapiteln der Odyssee der geflüchteten Sklavin Cora von Georgia nach Indiana, parallel wird die Geschichte des psychisch derangierten Sklavenjägers Arnold Ridgeway (Joel Edgerton) erzählt. Je nach Bedarf dauern die Folgen mal 80, mal 20 Minuten, Jenkins’ Inszenierung dagegen bleibt konstant: auf allerhöchstem Level. Das Ergebnis verlangt den Zusehenden einiges ab, es ist so ziemlich das Gegenteil chilliger Zerstreuungskost. „The Underground Railroad“ ist in Teilen sicher schwer auszuhalten, zugleich aber das intensivste, am längsten nachwirkende Seherlebnis des Serienjahrs 2021. Amazon Prime Video

    In einer lockeren Reihe blicken die Serienkritiker von fernsehserien.de zum Jahresende auf die Formate, die sie in den vergangenen zwölf Monaten gesehen haben. Das können neue Serien sein, aber auch neu entdeckte.

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1967) am

      HAMMER herrlich "The White Lotus"!! Genial, was f+r soviele bekannte Gesichter Mike White dafür casten konnte!!!

      "Mare of Easttown" auch ganz großes Kino mit der wunderbaren Kate!!

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