„Star Trek: Strange New Worlds“: Alte Schule – und trotzdem frisch – Review

    Jüngster Neuzugang des Star-Trek-Universums ist ein Fest für alte und neue Fans

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 13.05.2022, 20:15 Uhr

    Bereit für die Nostalgie-Party auf der Enterprise: Captain Pike (Anson Mount, vorn), Nummer Eins (Rebecca Romijn) und Spock (Ethan Peck) – Bild: Paramount+
    Bereit für die Nostalgie-Party auf der Enterprise: Captain Pike (Anson Mount, vorn), Nummer Eins (Rebecca Romijn) und Spock (Ethan Peck)

    Die insgesamt 12. Star-Trek-Serie geht back to the roots: Mit episodischer Struktur und vielen Figuren, die aus der klassischen Phase des Raumschiff-Enterprise-Franchise bekannt und beliebt sind, ist die Herangehensweise betont Old School. Offiziell ein Spin-Off von „Star Trek: Discovery“, soll die Serie jene Jahre nacherzählen, in denen die USS Enterprise noch ohne Captain Kirk auf der Brücke durchs All kurvte – die ersten zwei in den USA vom Streamingdienst Paramount+ veröffentlichten Episoden deuten nun darauf hin, dass sich dabei vor allem altgediente Trekkies ganz zu Hause fühlen werden.

    Schon als Captain Christopher Pike (Anson Mount), Wissenschaftsoffizier Spock (Ethan Peck) und Erster Offizier Una, genannt Nummer Eins (Rebecca Romijn), 2019 die zweite Staffel von „Star Trek: Discovery“ enterten und zeitweilig das Kommando auf der USS Discovery übernahmen, war die Publikumsresonanz hervorragend, und das nicht nur bei eingefleischten Fans, die sich in allen Serien und Filmen aller alternativen Timelines des Enterprise-Universums auskennen. Also machte sich Alex Kurtzman, der seit dem Reboot der Star-Trek-Filmreihe im Jahr 2009 federführend für die Fortentwicklung des Franchises zuständig ist, daran, ein Spin-Off mit diesen Figuren auf den Weg zu bringen – das zugleich auch als Prequel zur „Original Series“ zu betrachten ist, also dem ursprünglichen „Raumschiff Enterprise“.

    Mit Veteran Akiva Goldsman (der seit „Star Trek: Picard“ an Bord ist) und Co-Autorin Jenny Lumet, mit der er 2017 bereits die Story des „Die Mumie“-Remakes schrieb, konzipierte Kurtzman mit „Star Trek: Strange New Worlds“ eine Serie, die die Prä-Kirk-Enterprise zentral in den Fokus rückt. Kirks Vorgänger Captain Pike kennen Fans natürlich nicht erst seit seinem Gastspiel auf der Discovery, sondern schon viel länger. Tatsächlich steht er ganz am Anfang der Star-Trek-Welt: Pike war Protagonist von „Der Käfig“, des eigentlichen Pilotfilms von „Raumschiff Enterprise“, der damals aber nicht gesendet wurde, weil er den Verantwortlichen zu düster und komplex erschien. Während Spock bleiben durfte, wurden Pike und Una aus dem Cast der Serie entfernt. Trotzdem war gelegentlich von ihnen die Rede und als Gäste sogar zu Wort, und jeder echte Trekkie ist mit Pikes finalem Schicksal bestens vertraut: Nach einer fehlgeschlagenen Rettungsaktion endet er missgestaltet, muss seine letzten Lebensjahre stumm im Rollstuhl dahinvegetieren.

    Blind, aber genial: Kadettin Uhura (Celia Rose Gooding) lernt die zynischen Sprüche von Ingenieur Hemmer (Bruce Horak) kennen. Paramount+

    Genau von diesem Schicksal erfuhr Pike bei seinem bislang letzten Auftritt (abgesehen von ein paar Episoden von „Star Trek: Short Treks“) am Ende der zweiten Staffel von „Discovery“. Geprägt durch diese erschreckende Erfahrung und beschäftigt mit den damit zusammenhängenden existenziellen Fragen, wie er damit umgehen soll, den Zeitpunkt seines eigenen Ablebens zu kennen, trifft das Publikum Pike nun wieder – während eines Heimaturlaubs im US-Staat Montana, durch dessen malerisch verschneite Felder der Captain zu Beginn reitet. Fast könnte man ihn für einen Kumpel von Kevin Costner halten, der derzeit ja durch eine andere, ebenfalls in Montana angesiedelte Erfolgsserie von Paramount+ reitet. Gerade noch hat Pike seiner derzeitigen Freundin (Gastauftritt von „Wynonna Earp“ Melanie Scrofano) leckere Pfannkuchen gebacken, da kommt schon sein Vorgänger auf der Enterprise, Sternenflotten-Admiral Holmes, in einem Shuttle herbeigeflogen, um ihn zurück an Bord zu beordern. Der Grund ist selbst für den zunächst unwilligen, weil traumatisierten Pike ein triftiger: Una ist bei einem Erstkontakt verschollen.

    Mit Pikes Transport an Bord der Enterprise rastet auch die Serie im künftigen Arbeitsmodus ein. Denn wie die Macher vorab versprachen, soll es in der neuen Serie weniger um übergreifende Handlungsbögen gehen; stattdessen soll wieder verstärkt auf eine episodische Struktur zurückgegriffen werden, ganz so, wie man sie noch aus den älteren Trek-Serien kennt, mit einem klassischen „Abenteuer/​Alien/​Mysterium der Woche“. Episoden- und womöglich staffelübergreifende Elemente sollen sich dagegen eher auf die Hintergründe der einzelnen Charaktere konzentrieren. Freuen wird das vor allem jene Fans, denen „Picard“ zuletzt zu komplex und „Discovery“ zu pompös geworden sind. Theoretisch sollte man also in Zukunft eine Episode verpassen können, ohne gleich aus der narrativen Bahn geschleudert zu werden.

    Für die Episodenabenteuer hat sich neben Pike, Una und Spock eine Crew eingefunden, die von Anfang an erfreulich sympathisch wirkt: Mit der beinharten Sicherheitschefin La’an Noonien-Singh (Christina Chong aus „Die Erben der Nacht“), dem sarkastischen Steuermann Lt. Erica Ortegas (Melissa Navia) und dem Leitenden Medizinischen Offizier Dr. M’Benga (Babs Olusanmokun aus „Too Old to Die Young“) gibt es drei vielversprechende Neuzugänge, zudem sind die jüngeren Ausgaben zweier Veteraninnen zu bestaunen, die, wie man aus „Raumschiff Enterprise“ weiß, auch noch zu Kirks Zeiten an Bord sein werden: Krankenschwester Christine Chapel (Jess Bush), die hier wie damals bzw. wie in der Zukunft ausgiebig mit Spock flirtet, und Nyota Uhura (Celia Rose Gooding), die hier noch als Kadett dabei ist, als Sprachengenie aber bereits den Weg zur Kommunikationsoffizierin einschlägt. An Chapel und Uhura ist gut zu besichtigen, dass Kurtzman & Co. gerade bei den weiblichen Figuren darauf achteten, deren voremanzipatorische Sixties-Versionen nicht einfach so zu übernehmen, sondern auf deren Basis zeitgenössischere Figuren zu entwickeln.

    Regieren die Krankenstation: Schwester Christine Chapel (Jess Bush) und Dr. M’Benga (Babs Olusanmokun) Paramount+

    Komplettiert wird die Crew von Chefingenieur Hemmer (Bruce Horak), einem blinden Aenar mit geschärften Sinnen, der zu herrlich sarkastischen Onelinern fähig ist. Mehrfach ist zudem von einem gewissen Lieutenant Kirk die Rede – als der dann auftritt, entpuppt er sich allerdings als George Samuel Kirk (Dan Jeannotte aus „The Bold Type“), schnauzbärtiger Charmeur, Alien-Anthropologe und Bruder des (noch?) abwesenden Captain Kirk. Unterdessen finden Mount, Romijn und Peck mit Leichtigkeit zurück in ihre 2019 letztmals gespielten Rollen als Pike, Una und Spock, ganz so, als würden sie sich längst darin zu Hause fühlen. Mount ist so charismatisch, wie man sich das für einen Enterprise-Captain wünscht, dennoch lässt er auch seine Abgründe durchscheinen. Peck als Spock ist eine wahre Wucht, sein Timing ist noch besser geworden als damals in „Discovery“.

    Die erwähnten Abenteuer der Woche fallen in den ersten zwei Episoden – für sich selbst genommen – noch nicht allzu bahnbrechend aus, obwohl die visuellen Effekte für Star-Trek-Serien durchaus neue Maßstäbe setzen. Der Planet, von dem Una zurückgeholt werden muss, steht vor einem vernichtenden Bürgerkrieg (die Regierungschefin wird von Samantha Smith aus „Supernatural“ gespielt), den Pike mit einer flammenden Rede zu beenden sucht. In der zweiten Folge droht ein Komet einen Wüstenplaneten zu zerstören, doch die geplante Außerkursbringung durch die Enterprise wird von Aliens torpediert, die den Gesteinsbrocken religiös verehren.

    Plotmäßig sind das Star-Trek-Standards, doch der Reiz liegt hier im Detail – etwa darin, wie in der ersten Folge das Bürgerkriegsszenario mit unserer heutigen Situation zusammengebracht wird: Zur Sternzeit 2912 haben die USA bereits zwei verheerende Bürgerkriege hinter sich (der zweite erfolgte im 21. Jahrhundert) und die Welt einen Dritten Weltkrieg, der einem Drittel der Erdpopulation das Leben kostete. Das sind Dinge, die in unseren aktuellen Zeiten der Kapitols-Stürme und atomaren Bedrohungen ganz anders klingen, als dies noch vor wenigen Jahren der Fall gewesen wäre. Beruhigt nimmt man zur Kenntnis, dass die Erde danach wiederaufgebaut wurde – und zwar besser.

    Generell überwiegt in „Strange New Worlds“ ein eher heiterer Tonfall, der direkt an die immer leicht ironisch klingenden Dialoge der Sixties-Originalserie anknüpft, an die hier formal auch andernorts erinnert wird – mit einem Set- und Kostümdesign, das sich am Original orientiert und mit zupackenden Details modernisiert wurde, und natürlich auch mit dem Voiceover des Captains, der dem Publikum im Vorspann, wie weiland Kirk und Picard, ankündigt, mit der Enterprise in den „unendlichen Weiten“ des Weltalls in Regionen vorzudringen, „die nie ein Mensch zuvor gesehen hat“ (im Original: to boldly go where no one has gone before). Das Explorative, die Suche nach den titelgebenden strange new worlds steht hier klar im Mittelpunkt und wird fast überbetont.

    Neue Sicherheitschefin mit geheimnisvoller Familiengeschichte: La’an (Christina Chong) berät Spock und Pike. Paramount+

    Die Herangehensweise, das alte Star-Trek-Konzept mit einem frischen Cast sowie cleveren Modernisierungen zu fusionieren, funktioniert in den ersten Episoden (die sogar einen gar nicht mal unspannenden Raumschiff-Fight bereithalten) überraschend gut. Erkennbar ist auch, dass jede Folge ein anderes Crewmitglied zentriert; in der zweiten Folge etwa ist die noch an ihrer Sternenflottentauglichkeit zweifelnde Uhura dran, die auf dem Kometen, in einer an den Film „Arrival“ erinnernden Sequenz, fremde Sprachzeichen enträtseln muss, was ihr am Ende per Gesang gelingt – ein weiterer Querverweis zur Uhura-Figur, wie Fans sie kennen.

    Wer auf solche Zitate aus ist, kommt mit dem Zählen kaum hinterher, ohne dass – und das ist das Tolle – diese Intertextualität jüngeren, vom Kanon der Star-Trek-Welt noch völlig unbelasteten Zuschauern als Nostalgie-Overkill im Weg stehen würde. „Strange New Worlds“ verortet sich mit Lust und Selbstbewusstsein mittendrin in diesem etablierten Kosmos, ist aber problemlos auch für Neulinge zugänglich. Am kuriosen Heiratsantrag beispielsweise, den Spock von seiner vulkanischen Freundin T’Pring erhält, und an seiner unterbrochenen Liebesnacht, wird auch ein Publikum Freude haben, dass die entsprechende Folge aus der Originalserie nicht kennt, auf die diese Szene klar verweist. Wenn jetzt noch die einzelnen Episodenabenteuer etwas mehr Zug bekommen und den „seltsamen, neuen Welten“ des Titels noch mehr Gültigkeit verleihen, dann hat dieser Franchise-Neuzugang durchaus das Zeug dazu, zur perfekten Star-Trek-Serie heranzureifen.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten zwei Episoden von „Star Trek: Strange New Worlds“.

    Meine Wertung: 4/​5

    Die zehnteilige Auftaktstaffel von „Star Trek: Strange New Worlds“ wird aktuell beim Streamingdienst Paramount+ veröffentlicht. Wann dieser und damit die Serie nach Deutschland kommt, ist noch nicht bestätigt, es soll aber im weiteren Verlauf des Jahres 2022 so weit sein.

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1957) am

      ...da kommt schon sein Vorgänger auf der Enterprise, Sternenflotten-Admiral Holmes, in einem Shuttle herbeigeflogen, um ihn zurück an Bord zu beordern...
      Es handelt sich um die Figur Robert April, der Schauspieler heißt Adrian Holmes.
      • am

        "Mit Veteran Akiva Goldsman (der seit „Star Trek: Picard“ an Bord ist)"


        Mal davon abgesehen, dass ich mich jedes Mal wegwerfen könnte, wenn ich sehe, was bei euch so alles "Veteranen" sind. Hier ist der Begriff nun eindeutig fehl am Platz!
        • am via tvforen.de

          Ich fühle mich da nicht mehr zuhause. Für mich sind Menschen nicht austauschbar und finde es respektlos etablierte Charaktere mit anderen Schauspielern zu ersetzen. Ausserdem zerstört es die ganze Illusion.

          Dazu kommt auch noch dass Strange New Worlds auch optisch nicht eine Vorgängerserie zu TOS (Raumschiff Enterprise) sein kann da weiterhin viel zu viel am Design verändert wurde.


          Für mich muss das einfach zusammenpassen und das tut es nicht.

          Dass das Konzept von Strange New Worlds besser ist will ich nicht bestreiten, das war für mich schon ziemlich klar das diese Reihe bessere Chancen hat; dennoch spielt es im Discovery-Universum (diese Serie ist auch inhaltlich grottenschlecht nach meiner Meinung).
          • am via tvforen.de

            Ok. Wenn sie im Discovery Universum spielt ist das für mich ein Ausschluss Kriterium. Die Discovery Serie sehe ich mir auch nicht an. Schade. Dann hoffe ich auf Picard, da ich die letzte Ausstrahlung verpasst habe.
          • am via tvforen.de

            burchi schrieb:
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            > Ok. Wenn sie im Discovery Universum spielt ist das
            > für mich ein Ausschluss Kriterium. Die Discovery
            > Serie sehe ich mir auch nicht an. Schade. Dann
            > hoffe ich auf Picard, da ich die letzte
            > Ausstrahlung verpasst habe.

            Viele Fans haben sowohl „Discovery“ und mittlerweile auch „Picard“ komplett abgeschrieben, während „Strange New Worlds“ bei ihnen voll einschlug. Ich kenne von „Picard“ zwar nur die erste Staffel, sonderlich begeistert war ich jedoch nicht. Deshalb hoffe ich jetzt auch eher auf SNW.
          • am via tvforen.de

            Picard ist ein absoluter Reinfall, da gibts wenig zu diskutieren. Discovery hat immerhin ein paar Punkte, die man der Serie zu Gute halten kann. SNW scheint endlich mal eine Serie zu sein, die auch Alt-Fans nicht ins Gesicht furzt.

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