„All Her Fault“: Großartige Sarah Snook kämpft in Miniserie um ihren Sohn – Review

Thilleradaption bei HBO Max entpuppt sich als cleveres Gesellschaftsdrama

Marcus Kirzynowski
Rezension von Marcus Kirzynowski – 13.01.2026, 17:30 Uhr

"All Her Fault": Großartige Sarah Snook kämpft in Miniserie um ihren Sohn  – Review – Thilleradaption bei HBO Max entpuppt sich als cleveres Gesellschaftsdrama – Bild: Peacock

Was er an ihrem gemeinsamen Sohn am meisten liebe, fragt Marissa Irvine (Sarah Snook) einmal ihren Ehemann Peter (Jake Lacy). Am Abend sollen sie Besuch von einem Fernsehteam bekommen, dass sie zu ihrem entführten Kind interviewen will. Marissa hat Fragen zusammengestellt, von denen sie denkt, die werde die Journalistin auf jeden Fall stellen. Peter überlegt vielleicht einen Moment zu lange und antwortet dann, er liebe am meisten, wenn sein Sohn einen Albtraum habe. Dann könne er ihn trösten und sehen, wie er wieder friedlich einschlafe. Eine seltsame Antwort, die aber später Sinn ergeben wird, wenn wir mehr über Peter Irvine erfahren haben.

„All Her Fault“ heißt die achtteilige Miniserie nach einem Roman von Andrea Mara, die in den USA für den Streamingdienst Peacock produziert wurde und die ihre Deutschlandpremiere beim hierzulande neu startenden HBO Max erlebt. Sie schafft es, eine spannende Thrillerhandlung um eine mysteriös verlaufende Kindesentführung mit gesellschaftlichen Fragen um Erziehungsarbeit und Geschlechtergerechtigkeit zu verbinden. Eine Mischung, die man auch nicht alle Tage sieht.

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Episode 1 beginnt mit einem Cold Opening: Ohne Einführung werden wir direkt in einen entscheidenden Moment der Handlung geworfen. Marissa Irvine klingelt an der Tür eines Einfamilienhauses, um ihren fünfjährigen Sohn Milo (Duke McCloud) von einem Spielnachmittag bei einem Klassenkameraden abzuholen. Doch die ältere Frau, die ihr öffnet, hat weder von Milo noch den Namen der Mutter, bei der er sein soll, jemals gehört. Die Handynummer, die Marissa bekommen hat, erweist sich als nicht vergeben. Nach einigem Herumtelefonieren mit anderen Grundschulmüttern stellt sich heraus, dass Milos angeblicher Spielpartner Jacob den Nachmittag bei einer anderen Mutter verbracht hat. Jacobs Mom Jenny Kaminski (Dakota Fanning), die Milo beaufsichtigen sollte, hatte den Besuch gar nicht vereinbart. Milo bleibt verschwunden.

Zwei Mütter, die mehr verbindet als nur ihr soziales Umfeld: Jessy Kaminski (Dakota Fanning) und Marissa Irvine (Sarah Snook) Peacock

Es ist der schlimmste Albtraum jeder Mutter: Ihr kleiner Sohn wurde anscheinend entführt. Und sie selbst gibt sich daran die Schuld. Schließlich hat sie weder die Telefonnummer überprüft noch den Besuch in einem Gespräch mit der anderen Mutter vereinbart. Alles lief nur über Textnachrichten. Auch Ehemann Peter und Journalisten bei einer Pressekonferenz machen ihr bald diese Vorwürfe. Wie der Titel der Serie schon sagt: Wenn etwas mit den Kindern schiefläuft, ist aus Sicht der Gesellschaft meistens die Mutter schuld. Und das, obwohl sowohl Marissa als auch Jenny mit ihren Doppelrollen als erfolgreiche Businessfrauen und Mütter kleiner Kinder zeitlich und von ihrer Energie her grundlegend überfordert sind – ohne dass ihre Ehemänner das auch nur merken.

Nachdem die Serie zunächst falsche Fährten legt, wer Milo entführt haben könnte – als Erstes gerät das Kindermädchen der Irvines, Ana (Kartiah Vergara), unter Verdacht -, wird relativ schnell klar, dass deren Kollegin, die für die Kaminskis Jacob betreut, Milo von der Schule abgeholt hat. Aber welches Motiv hatte diese Carrie Finch (Sophia Lillis), die auf alle wie eine sympathische und zugewandte junge Frau wirkte? Das soll hier nicht gespoilert werden, ihre ganze tragische Vorgeschichte rollt dann die vorletzte Episode auf. Eine Lösegeldforderung geht jedenfalls zunächst nicht ein.

Glückliche Ehe? Marissa und Peter Irvine (Jack Lacy) Peacock

Dabei wäre das das naheliegendste Motiv, schwelgen die Irvines doch in großem Wohlstand. Ihr Haus ist mit Villa nur unzureichend beschrieben, eher handelt es sich um ein Anwesen. In einem Nebengebäude lebt auch noch Peters Bruder Brian (Daniel Monks), der seit einem Kindheitsunfall körperlich behindert ist. Peter sorgt für ihn finanziell ebenso wie für seine Schwester Lia (Abby Elliott), die mehrere Entzüge wegen Tablettenabhängigkeit hinter sich hat. Detective Alcaras (Michael Peña), der die Ermittlungen mit seinem Partner Greco (Johnny Carr) leitet, wundert sich einmal, warum Irvine so großzügig gegenüber seinen Geschwistern sei. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr Gründe für Vorwürfe gegen ihren Bruder haben Brian und Lia plötzlich.

Bereits am Ende der Auftaktfolge gibt es einen kurzen Sprung in die Zukunft zu Tag 27 der Ermittlungen. Alcaras und Greco stehen vor einem Bildschirm mit den Fotos der Hauptbeteiligten und fragen sich: Was bloß hat dieses Dutzend netter Menschen dazu gebracht, sich gegenseitig umzubringen? Was sich nun anhört wie eine Mischung aus „Desperate Housewives“ und „Big Little Lies“, erweist sich als doch um einiges vielschichtiger. Hier wie da offenbaren sich zwar hinter den glitzernden Fassaden der perfekten Vorstadtleben mit großen Häusern, teuren Autos, Nannys und prestigereichen Jobs im Management oder Marketing Abgründe aus Lügen und Geheimnissen.

Selbstlose Kindermädchen? Ana (Kartiah Vergara) und Carrie (Sophia Lillis) mit Milo und Jacob Peacock

Aber darüber hinaus werden hier auch die strukturellen Fragen gestellt: Warum sind trotz fordernder Jobs immer die Mütter auch noch für die Betreuung der Kinder verantwortlich, während die Väter sich nach ihren vereinbarten „Daddy-Zeiten“ auch mal in die Freizeit zurückziehen können? Warum gibt es an einer angesehenen Mittelschule für geistig beeinträchtigte Kinder nur einen einzigen Platz für Familien mit niedrigerem Einkommen? Detective Alcaras, der versucht, seinen eigenen behinderten Sohn dort unterzubringen, sieht sich mehrfach moralischen Dilemmata ausgesetzt, so wenn er ein Vergehen eines Sohnes aus reichem Hause als Gegenleistung unter den Tisch fallen lassen soll.

Auch wenn die Miniserie nicht ohne Längen ist, ergibt sich doch spätestens nach einigen Episoden ein Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Immer neue Enthüllungen, falsche Fährten, die aber schnell widerlegt werden, und ein durchweg starkes Schauspielerensemble sorgen für eine ansteigende Spannungskurve. Besonders sticht Sarah Snook („Succession“) hervor, die zwischen Stärke und Verzweiflung alle Seiten eines „Muttertiers“ ausspielt. Jake Lacy scheint hingegen auf Rollen abonniert, die etwas creepy sind – man erinnere sich an seinen Kindsentführer in der Miniserie „A Friend of the Family“. Nicht zu Unrecht haben neben Snook auch Peña und Lillis für ihre Darstellungen Nominierungen für renommierte Preise bekommen.

Fassungslos: Peters Geschwister Brian (Daniel Monks) und Lia (Abby Elliott) sowie Colin (Jay Ellis), ein Freund der Familie Peacock

Gegen Ende schaden einige Wendungen und Enthüllungen zwar der Glaubwürdigkeit der Geschichte. Insgesamt haben die Autorinnen um Megan Gallagher, basierend auf der Romanvorlage, aber einen gut konstruierten Thriller geschrieben, in dem sich noch der kleinste Hinweis als wichtiges Puzzlestück erweisen wird. Dass sie dabei auch noch etwas über den Stand der Geschlechterrollen in unseren westlichen Gesellschaften zu sagen haben, zeichnet die Serie zusätzlich aus.

Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten Miniserie „All Her Fault“.

Meine Wertung: 4/​5

Die achtteilige Miniserie startet im deutschsprachigen Raum am 13. Januar beim neuen Streamingdienst HBO Max.

Über den Autor

Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

Kommentare zu dieser Newsmeldung

  • (geb. 1968) am

    Bei der Besetzung, der Handlung, der Kritik sowie dem Autor der Kritik – was könnte da noch schiefgehen? Ich werde heute Abend noch mit der Serie beginnen und bin sehr gespannt, wie viele Sterne sie von mir bekommen wird.

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