„Space Force“: Neue Comedy-Rakete von Netflix bleibt leider am Boden – Review

    Neue Serie von Steve Carell liefert Slapstick und Gefühl, vergisst gute Gags

    Rezension von Gian-Philip Andreas – 29.05.2020, 14:33 Uhr

    Steve Carell als General Mark R. Naird in „Space Force“

    Vor einigen Tagen wollte Entrepreneur Elon Musk eine Rakete ins All jagen und mit ihr zwei NASA-Astronauten zur Internationalen Raumstation befördern. Ungezählte Kameras waren auf die Rakete gerichtet, die beiden Astronauten saßen längst in ihrer Kapsel, und auch der auf große Symbolgesten bekanntermaßen schwer abfahrende US-Präsident hatte sich schon in Cape Canaveral eingefunden – dann aber blieb der phallusförmige Flugkörper doch am Boden. Das Wetter war zu schlecht.

    Ähnlich frustrierend ist nun die Erfahrung, die einem die neue Netflix-Comedy „Space Force“ beschert: teuer produziert, bis in die Nebenrollen prominent besetzt, aber kein Kracher. Die Hoffnung der Verantwortlichen, es hier mit dem designierten Nachfolger der US-Version von „The Office“ zu tun zu haben, ist natürlich verständlich. Immerhin steckt neben demselben Autor (Greg Daniels) auch derselbe Star dahinter: Steve Carell, der hier erstmals seit seinem Ausstieg nach der siebten „Office“-Staffel wieder eine Serienhauptrolle übernimmt – und zugleich als Co-Creator fungiert. Als wäre das nicht genug, konnten sie auch noch den Kult-Mimen John Malkovich für die zweite Hauptrolle gewinnen.

    Die Erwartungen waren also sehr hoch – und obgleich „Space Force“ sicher nicht als Rohrkrepierer verbucht werden sollte, so bleibt man nach den ersten Folgen doch eher achselzuckend zurück: Richtig clever, richtig witzig ist das alles nicht. „Space Force“ wurde dem Vernehmen nach am Konferenztisch entworfen, in direkter Reaktion auf Trumps vor zwei Jahren in die Welt getwitterte Ankündigung, die US-amerikanischen Streitkräfte neben Army, Marines, Navy, Air Force und Küstenwache um einen sechsten Sektor zu ergänzen: um besagte Space Force. Das trumpsche Vorbereitungsbedürfnis auf mögliche Star Wars der Zukunft klingt wie ein Witz, der in Sketchform schnell erzählt wäre, doch Steve Carell und Greg Daniels (der jüngst erst die geglückte Sci-Fi-Satire „Upload“ aus der Taufe hob) machen gleich zehn halbstündige Folgen draus. Mit klassischer Sitcom hat „Space Force“ formal also schon der Lauflänge wegen nichts zu tun, und auch sonst geht es hier klar um Großformatigeres: Die Bilder sind kinoreif, die Sets beeindruckend, und den Soundtrack besorgte niemand Geringerer als Carter Burwell, der langjährige Stammkomponist der Coen-Brüder.

    Carell spielt den frischgebackenen Vier-Sterne-General Mark R. Naird, der zu Beginn der Pilotepisode fest davon ausgeht, alsbald die ruhmreiche Air Force zu leiten. Dann aber wird er mit der leidigen Aufgabe betraut, die Space Force aufzubauen. Trump selbst, der Naird diese Spielerei eingebrockt hat, wird in der Serie übrigens nie beim Namen genannt – allerdings besteht kein Zweifel daran, dass es sich bei dem narzisstisch dauertwitternden Äquivalent in der Serie nur um den derzeitigen „POTUS“ handeln kann. Nairds Ehefrau Maggie („Friends“-Star Lisa Kudrow in einer Gastrolle) weint sich weinend in den Schlaf, als sie erfährt, dass ihre Zukunft nun nicht in einer feudalen Villa in Arlington stattfinden wird, sondern auf einer Militärbasis in der Wüste von Colorado.

    So sollte es sein: General Naird (Steve Carell) feiert im Kreis seiner Helfer einen Erfolg. Aaron Epstein/Netflix

    Noch innerhalb der Pilotepisode springt die Erzählung dann um etwa ein Jahr vorwärts: Naird ist da bereits Leiter der neuen Space-Force-Station und hat sich in Colorado schon minimal eingelebt. Allerdings sind einschneidende Dinge geschehen. Maggie zum Beispiel sitzt im Gefängnis eine offenbar jahrzehntelange Strafe ab (man erfährt nicht, warum), und Naird muss nun nicht nur die Space Force dirigieren, sondern auch noch seine neue Rolle als alleinerziehender Vater einer Teenagertochter (Diana Silvers aus „Ma“) akzeptieren.

    In den Szenen auf dem Gelände der Militärstation funktioniert „Space Force“ fortan als Variante gängiger workplace comedies im Gefolge von „The Office“, „Brooklyn Nine-Nine“ oder des ebenfalls von Daniels mitkonzipierten „Parks and Recreation“: Carell irrlichtert als um Autorität bemühter General durch die Büros und Labore, rasselt mit den Kollegen aus der Wissenschaft aneinander und muss sich mit dem jungschnöseligen PR-Fuzzi Tony Scarapiducci auseinandersetzen (gespielt von Comedian Ben Schwartz, dessen Impro-Comedy „Middleditch & Schwartz“ gerade ebenso auf Netflix streambar ist). Jenseits dieser Szenen wird „Space Force“ allerdings gerne mal gefühlig: Tochter Erin etwa, ganz coole Großstädterin, fühlt sich an der Highschool in der Provinz fehl am Platze, löst mit dem Vater zusammen Trigonometrie-Hausaufgaben, ein kerliger Jungsoldat (Spencer House aus „The Society“) kommt zum Anschmachten vorbei, und dann ist da noch die patente Helikopterpilotin Angela (Tawny Newsome), mit der Erin (und ihr Vater) sich anfreunden. Hmm, na ja, ganz nett.

    General Mark R. Naird (Steve Carell) löst mit seiner Tochter Erin (Diana Silvers) Matheaufgaben. Aaron Epstein/Netflix

    Wenn dann in der zweiten Folge ein CGI-animierter Schimpanse im All via Primaten-Zeichensprache zu Reparaturdiensten an einem defekten Satelliten eingespannt wird, knirscht es erstmals vernehmlich zwischen den unterschiedlichen Humor-Tonlagen, die Daniels und Carell hier zusammenzwingen wollen. Vor allem die zentrale Figurenkonstellation wirkt wie aus einer anderen Produktion herübergebeamt: General Naird bekommt nämlich den genialischen Wissenschaftler Dr. Adrian Mallory (Malkovich) an die Seite gestellt. Die beabsichtigte, gegensätzlich angelegte Buddy-Movie-Dynamik hat zwar ihre Reize, vor allem weil der inzwischen 66-jährige und immer mehr vom Kino ins Serienwesen („The New Pope“, „Billions“) übersiedelnde Malkovich ausgiebig zeigen darf, über was für ein komödiantisches Talent er verfügt ­- allerdings läuft sie in einem völlig anderen Komik-Register ab als die anderen Szenen.

    Bald schon verstärkt sich der Eindruck, dass die Serienmacher noch nicht wirklich wussten, in welche Richtung sie die ganze Unternehmung bewegen wollen. So gibt es ein wenig halbgare Politsatire – etwa wenn Ginger Gonzaga („I’m Dying Up Here“) und Concetta Tomei („Providence“) als Doppelgänger der demokratischen Stars Alexandria Ocasio-Cortez und Nancy Pelosi auftreten, oder wenn sich Naird mit dem Verteidigungsminister (Dan Bakkedahl, „Life in Pieces“) und den intriganten Militärbossen (darunter Noah Emmerich aus „The Americans“, Larry Joe Campbell aus „Immer wieder Jim“ und Jane Lynch aus „Glee“) herumplagen muss. Doch von der Schärfe und Präzision bewährter Polit-Comedies wie etwa „Veep“ ist das alles denkbar weit entfernt. Es gibt ein bisschen Familienkomödie, wenn Nairds dementer Vater am Telefon Chaos stiftet (der nach Drehschluss verstorbene Fred Willard, Phil Dunphys Vater in „Modern Family“, begegnet selbst trübsten Furzwitzen begnadet souverän). Und dann sind da noch Jimmy O. Yang aus „Silicon Valley“, Punam Patel aus „Ein besonderes Leben“ und andere bekannte Comedy-Gesichter, die Naird als Wissenschaftler beharrlich in die Parade fahren. Wirklich große Lacher bringt das alles aber kaum hervor. Im Gegenteil: Viele Gags wirken befremdlich abgestanden. Wenn etwa in der Pilotepisode gleich mehrfach der gespielte Witz wiederholt wird, wie Nairds Assistent vergisst, dem General mitzuteilen, dass jemand im Büro auf ihn wartet und der sich daraufhin erschrickt, erinnert das eher an die Sketchparade im Boulevardtheater eines mittelkleinen Kurorts. Bei „The Office“ wär das durch keine Probelesung durchgekommen. Als habe Steve Carell zudem irgendwann die Befürchtung beschlichen, inmitten dieses unebenen Settings als Schauspieler nicht voll zur Geltung kommen zu können, hat er sich noch kleine Showpieces in die Episoden geschrieben, die ihm kurzzeitig ganz alleine die Bühne überlassen – in der Pilotepisode etwa absolviert er ein skurriles Bürotänzchen zum cocktailschunkeligen Beach-Boys-Heuler „Kokomo“. So seltsam deplatziert dieses Intermezzo wirkt, so erholsam ist es auch – denn Carell verbringt sonst weite Teile der Serie damit, kehlig und gepresst im Kommandoton herumzuschnarren. Wer (und wie) dieser Naird eigentlich ist, bleibt in „Space Force“ jedenfalls einigermaßen rätselhaft. Mal Slapstickheini, mal liebevoller Familienvater, aber nichts davon so richtig.

    Steve Carell in einer Slapstick-Einlage. Netflix

    Zugestanden, viele später sehr erfolgreiche Comedyserien hatten in der ersten Staffel ihre Probleme. Sie mussten erst allmählich herausfinden, wo die eigentlichen Stärken liegen. Daher sollte man die „Space Force“ nicht sofort verschrotten. Ob die Witz-Rakete allerdings wirklich noch so richtig zündet, ist, Stand jetzt, zumindest fraglich. Der Countdown ist jedenfalls schon mal abgelaufen.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden von „Space Force“.

    Meine Wertung: 2,5/5

    Bei Netflix wurde die zehnteilige erste Staffel von „Space Force“ am 29. Mai 2020 weltweit veröffentlicht.

    Trailer zur Auftaktstaffel von „Space Force“ (OmU)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1974) am melden

      Hab die komplette Staffel gesehen u. auch voller Spannung erwartet. Leider hat sie mich weder zum Lachen gebracht, noch fand ich sie sonderlich interessant. Eine zweite Staffel werd ich mir nicht ansehen.
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      • am melden

        "Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden von „Space Force“."


        Mehr brauch ich gar nicht zu lesen. Wenn ihr eine Serie bewertet dann bitte schaut euch erst mal die ganze Staffel an.
        Das ist eine echte Unsitte geworden.
        Man schreibt ja auch keine Kritik über einen Film nachdem man nur die die ersten 15 Minuten gesehen hat.
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        • (geb. 1988) am melden

          "Zugestanden, viele später sehr erfolgreiche Comedyserien hatten in der ersten Staffel ihre Probleme. Sie mussten erst allmählich herausfinden, wo die eigentlichen Stärken liegen."

          Dieses Review betrachtet aber noch nicht einmal die ganze erste Staffel, sondern lediglich drei Folgen. Wenn man der Serie also schon zugesteht, dass sie sich vielleicht erst finden muss, sollte man ihr auch die Möglichkeit geben, dies nach mehr als nur drei Folgen zu schaffen.
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