„CSI: Vegas“: Solide Rückkehr zu den Wurzeln – Review

    Der Neuzugang im CSI-Franchise ist ein Quasi-Sequel – mit Jorja Fox und William Petersen zurück im Team

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 17.10.2021, 13:00 Uhr

    Zurück im Forensikbusiness: Gil Grissom (William Petersen) und Sara Sidle (Jorja Fox) arbeiten wieder im Crime Lab von Las Vegas. Unter neuer Chefin. – Bild: CBS
    Zurück im Forensikbusiness: Gil Grissom (William Petersen) und Sara Sidle (Jorja Fox) arbeiten wieder im Crime Lab von Las Vegas. Unter neuer Chefin.

    797 mal forensische Tatortarbeit: So viele Episoden haben die diversen Inkarnationen der Serie „CSI“ insgesamt auf dem Buckel. Von Oktober 2000 bis Oktober 2016 brachten sie dem Sender CBS Top-Quoten, doch als mit dem ungeliebten „CSI: Cyber“ das bislang letzte Spin-Off nach nur zwei Staffeln eingedampft wurde, schien es dann auch mal gut gewesen zu sein mit dieser ewig gleichen Melange aus stylisher Beleuchtung, attraktivem Cast und etwas Leichenfledder-Gruselei. Doch dieser von „CSI“ in den Nullerjahren zur Höchstform gebrachte Typus Krimi-Procedural ist nicht kleinzukriegen, wovon auch andere CBS-Hits wie „FBI“ oder „Navy CIS“ zeugen. Man muss es also nicht als Schnapsidee abtun, wenn Produzentenlegende Jerry Bruckheimer jetzt, nach fünf Jahren Pause, für Nachschub sorgt. Der allerdings gar nicht so neu ist, wie es scheint.

    Der Titel „CSI: Vegas“ dockt an die höchst erfolgreichen Spin-Offs „CSI: Miami“ (von 2002–2012, zehn Staffeln) und „CSI: New York“ (2004–2013, neun Staffeln) an und lässt zunächst einmal eine weitere, wiederum in eine neue Stadt verlegte „Filiale“ des Franchise vermuten – doch schon die Mutterserie (2000–2015, 15 Staffeln) spielte in Las Vegas. Womit „CSI: Vegas“ also eine Rückkehr zu den Wurzeln unternimmt – und dabei einige Stars von damals wieder aufsammelt.

    Bruckheimer ließ die Serie von Jason Tracey entwickeln, der als Produzent und Autor von „Burn Notice“ und „Elementary“ einige Erfahrung im Genre hat, ansonsten aber noch an keiner der bisherigen CSI-Serien beteiligt war. Das lässt auf eine produktive Verbindung von Expertise und frischem Blick hoffen, und tatsächlich kennzeichnet „CSI: Vegas“ der grundlegende Gegensatz aus Alt und Neu. Das Team, das jetzt im (neu gebauten) Crime Lab von Las Vegas als crime scene investigators tätig ist, besteht aus neuen Leuten, doch Teile der alten Besetzung treten ebenfalls auf. Und auch der Ablauf der Episoden scheint – diese Erkenntnis lassen die ersten Folgen zu – ebenfalls ganz der alte zu sein: Pro Folge steht ein Hauptfall im Zentrum der Geschehnisse, ein weiterer, kleinerer Fall wird nebenbei auch noch gelöst. Neu wiederum ist ein episodenübergreifender Mystery-Plot, den es so im alten „CSI“ nicht gab. „CSI: Vegas“, auf zunächst einmal nur zehn Episoden ausgelegt, ist also weder ein Reboot noch ein Remake, sondern tatsächlich so etwas wie ein in derselben Continuity spielendes Sequel. Dass im Vorspann der Miniserie wieder „Who are You“ von The Who als Titelsong ertönt, beseitigt jeden Zweifel daran, dass es sich hierbei um die inoffizielle 16. Staffel von „CSI“ handelt, nur eben mit größtenteils neuer Besetzung. Doch selbst das wäre ja kein Novum: Gerade in den späteren Staffeln von „CSI“ gaben sich die Main-Cast-Mitglieder bekanntlich die Klinke in die Hand. Wer nach mehreren Jahren Pause zufällig in Staffel 12 reinschaltete, fand damals kaum einen der Hauptdarsteller vergangener Tage im Crime Lab vor: Auch William Petersen und Jorja Fox, die nun wieder dabei sind, waren damals ja ausgestiegen.

    Sie sind die Neuen: Josh Folsom (Matt Lauria), Max Roby (Paula Newsome) und Allie Rajan (Mandeep Dhillon) CBS

    Seit den Geschehnissen aus der 15. Staffel von „CSI“ sind nun nicht nur in Realität, sondern auch in der Serie ein paar Jahre vergangen, Sara Sidle (Fox) und Gil Grissom (Petersen) sind immer noch ein Paar, aber eben längst in anderen Zusammenhängen unterwegs. Wie es dazu kommt, dass die beiden wieder mitmischen bei all den forensischen Spurensuchen, Tatortanalysen und Ermittlungen in Las Vegas, das führt die neue Serie/​Staffel über persönliche Involviertheiten herbei. So hat gleich in der ersten Szene ein weiterer Star des alten „CSI“ einen Auftritt als Gaststar: Paul Guilfoyle als Jim Brass von der Mordkommission des Las Vegas Police Department. Längst in Rente und an einer Hornhauterkrankung laborierend, wird Brass in seiner Wohnung von einem Unbekannten attackiert. Der Cop-Veteran bringt den Mordversuch mit einem zwei Jahrzehnte zurückliegenden Kidnapping-Fall in Verbindung. Weil er den neuen Crime-Lab-Mitarbeitern offenbar nicht ausreichend traut, bestellt er Sara und später (ganz am Ende der Pilotfolge) auch Gil zurück nach Las Vegas. Noch ohne offizielle Erlaubnis, eine Dienstwaffe zu tragen, machen beide direkt wieder mit, zumal erste Spuren zu einer Storage-Einheit führen, in der sich, so scheint es, das geheime Privatlabor ihres ehemaligen Kollegen David Hodges (auch als Gast mit dabei: Wallace Langham) befindet. Der kauzige Labortechniker wird verdächtigt, heimlich Beweise gefälscht zu haben: Hunderten, ach was, Tausenden Fällen, die mit seiner Hilfe im Laufe der Jahre gelöst werden konnten, droht die Kompromittierung.

    Sara und Gil ermitteln also sozusagen in eigener Sache, nicht zuletzt, um den guten Ruf jenes Crime Labs zu bewahren, für das sie so lange tätig waren – und das nun in den Händen kompetenter Nachfolger liegt. Maxine „Max“ Roby (Paula Newsome, zuletzt in „Chicago Med“ zu sehen) ist die Chefin des Teams, eine ehemalige Basketballspielerin mit sarkastischer No-Nonsense-Attitüde, die nicht mal groß die Fassung verliert, als sie den halb vertrockneten Kopf eines lange vermissten Kidnappingopfers in einem ihr zugeschickten Karton entdeckt. Ihre Untergebenen fügen sich ins Anforderungsprofil aller bisherigen CSI-Ableger: bitte attraktiv und jung und zugleich genialer sein als die erfahrensten Koryphäen des Landes. Joshua „Josh“ Folsom (Matt Lauria aus „Kingdom“) leitet als Level-III-CSI die Ermittlungen, Allie Rajan (Mandeep Dhillon aus „After Life“) assistiert ihm als Level-II-CSI – und kann, obgleich fest liiert, kaum verhehlen, dass sie Josh auch jenseits des Fachlichen reizend findet, ein etwas forciertes Will-they-won’t-they-Element. In den ersten zwei von Uta Briesewitz und Nathan Hope („Lucifer“) rasant inszenierten Folgen ermitteln die beiden zunächst im Fall eines in einem Feuer verbrannten, aber offenbar schon zuvor getöteten Ladenbesitzers, dann in einem erpresserischen Luxus-Swingerclub. Sonderlich originell sind diese Fälle nicht, man muss sie in die Rubrik „Procedural-Routine“ einsortieren, aber um die neuen Figuren einzuführen, gehen sie absolut in Ordnung. Die dankbarste Rolle hat tatsächlich Newsome, die als Max das Verbindungsglied zwischen den jeweiligen „Fällen der Woche“ und dem staffelübergreifenden Plot darstellt. Erfreulich ist, dass sie nicht als Fangirl ihrer Vorgänger inszeniert wird, eher wie ein Vollprofi, die zwar um den Legendenstatus von Sara und Gil weiß, sich aber in der Praxis nicht groß darum schert: Ein Kompetenz-Hickhack zwischen ihr und den beiden Veteranen wird zum Glück nicht vom Zaun gebrochen. Noch nicht, zumindest.

    Ein Paar wurde ermordet – am Tag vor ihrer Hochzeit. Josh und Max suchen nach Spuren. CBS

    Die Mitwirkung von Jorja Fox und William Petersen ist bei all dem natürlich Gold wert: Sie locken alte Fans an Bord und können gleichzeitig mit minimalen Mitteln auf dem aufbauen, was sie in der Mutterserie über Jahre etabliert haben. Als „CSI“ damals begann, war Fox erst 32, Petersen 47, jetzt sind beide 21 Jahre älter als damals und liefern das Plus an Lebenserfahrung ihrer Figuren sozusagen von Haus aus mit. (Wobei Petersen eigentlich so aussieht und durch die Szenen trottet wie ein Multimillionär auf dem Weg zum Golfplatz – oder wie ein verrenteter Busfahrer auf dem Weg zum Bingo-Abend.)

    Dennoch ist das Mitwirken der Stars nicht ganz unproblematisch. Die jungen bzw. neuen Darsteller laufen dadurch Gefahr, von den Veteranen „überstrahlt“ zu werden, da sie an deren in Hunderten Folgen erarbeitetes Charisma noch kaum herankommen (können). So wirken sie im Vergleich fast zwangsläufig blasser. Ob es zum Beispiel Lauria und Dhillon in nur zehn Episoden hinbekommen können, ihre Figuren Josh und Allie zu Charakteren von eigenem Format zu machen, muss abgewartet werden. Andererseits sind mit dem stets fantastischen Mel Rodriguez („On Becoming a God in Central Florida“) als Chef-Pathologe und Jay Lee („Eine wie Alaska“) als CSI Chris Park auch sehr prägnante Leute mit im Team, denen man durchaus zutrauen darf, ihren Figuren rasch genügend Eigenleben verleihen zu können.

    Haare schön, Hinweise im Blick: Allie entgeht nichts. CBS

    Auch bei den Episodenrollen wurde auf Qualität geachtet, von Jamie McShane („Bloodline“) als öliger Anwalt über Chelsey Crisp („Fresh Off the Boat“) als Hodges’ verdächtige neue Frau bis hin zu Charles Baker (Skinny Pete aus „Breaking Bad“) als verurteilter Vergewaltiger tauchen viele bekannte Leute auf, die locker über manch klobige Drehbuchzeile hinwegspielen können. Wie eh und je wird dabei lustvoll in Eingeweiden herumgepult und moderne forensische Technologie vorgeführt. Entomologe Grissom darf wie früher Insekten in die Ermittlung einbauen und patentiert Kalendersprüche raushauen (Ich habe nur zwei Teammates: dich und den Zweifel!). Nur die Zeiten, ja, die haben sich eben geändert. Catherine Willows etwa, die von Marg Helgenberger gespielte letzte Chefin des Las Vegas Crime Lab und prägende Figur der ersten zwölf Staffeln, sei, so erfährt man, in Rente gegangen und kümmere sich jetzt in Irland um ihr Enkelkind. Willkommen im Jahr 2021! Es gibt verdammt viele sehr clevere Kriminelle da draußen, sagt Max einmal zu ihren Vorgängern – und spielt dabei auf den sogenannten „CSI-Effekt“ an: Dieser Theorie zufolge hätten reale Kriminelle sich wegen der in der Serie präsentierten forensischen Methoden ab den Nullerjahren immer besser auf mögliche Ermittlungen gegen sie vorbereiten können.

    „CSI: Vegas“ liefert gut gemachten, unterhaltsamen Procedural-Nachschub, keine Frage. Aber für wen wurde die Serie gemacht? Beinharte CSI-Fans von früher dürften sicher schon aus Neugier reinschauen. Sie werden mit viel Fanservice belohnt, der auch Gastauftritte weiterer alter Cast-Mitglieder nicht ausschließt. Neu-Zuschauer dagegen sollten sich zumindest rudimentär über die Figuren des alten „CSI“ informieren. Ansonsten dürften viele Ereignisse im Plot zielsicher an ihnen vorbeirauschen: Über Gil Grissoms Wiederkehr oder die Betrugsvorwürfe gegen Hodges kann man schließlich nur dann so richtig verblüfft sein, wenn man als Zuschauer schon viel Serienzeit mit diesen Figuren verbracht hat.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Folgen von „CSI: Vegas“.

    Meine Wertung: 3,5/​5

    „CSI: Vegas“ ist mit der zehnteiligen Auftaktstaffel seit dem 6. Oktober in den USA bei CBS zu sehen. Ein deutscher Sender sowie ein Starttermin sind noch nicht bekannt geworden.

    Trailer zu „CSI: Vegas“ (englisch)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Hoffe es kommt bald in Deutsch.
      • (geb. 1970) am

        "Noch ohne offizielle Erlaubnis, eine Dienstwaffe zu tragen,..."

        Hm? Wenn ich mich richtig erinnere, waren die Forensiker in Vegas keine Polizisten und durfte somit keine Waffen tragen und auch keine Verhöre führen. In Miami bzw. New York war das anders. Dort waren die Forensiker gleichzeitig Polizisten.
        • am

          Ich freue mich trotzdem schon.

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