„Seven Seconds“: Netflix sticht mit starkem Justizdrama in gesellschaftliche Wunden

    Überragende Regina King in packender Serie zum „Black Lives Matter“-Thema

    "Seven Seconds": Netflix sticht mit starkem Justizdrama in gesellschaftliche Wunden – Überragende Regina King in packender Serie zum "Black Lives Matter"-Thema – Bild: Netflix
    „Seven Seconds“

    Manchmal können sieben Sekunden über ein Leben entscheiden. Und darüber hinaus auch noch eine ganze Reihe weiterer Leben völlig aus der Bahn bringen. Sieben Sekunden Unachtsamkeit verursachen zu Beginn der Netflix-Dramaserie „Seven Seconds“ einen Unfall, der wiederum eine Kettenreaktion zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Verwerfungen auslöst. Der junge Drogencop Peter Jablonski (Beau Knapp) fährt morgens durch einen verschneiten Park in Jersey City und ist für einen Moment durch sein Handy abgelenkt. Plötzlich gibt es einen Aufprall und sein Wagen kommt ins Schleudern. Erst nach dem Aussteigen wird ihm bewusst, dass er ein Fahrrad gerammt hat. Der afro-amerikanische Junge, der darauf saß, ist meterweit weggeschleudert worden und liegt reglos in einer Mulde. Pete ruft seine Teamkollegen zu Hilfe und es ist sein Boss Mike DiAngelo (David Lyons, „Emergency Room“, „Revolution“), der entscheidet, die Spuren zu beseitigen und den scheinbar toten Jungen einfach liegenzulassen, statt die Einsatzkräfte zu alarmieren. Erst Stunden später findet ein Passant das Opfer und es stellt sich heraus, dass es noch am Leben ist.

    Es ist wohl nicht zu viel gespoilert, wenn man an dieser Stelle verraten muss, dass Brenton Butler nicht lange überleben wird. Ein weißer Polizist, der einen schwarzen Jungen anfährt, Fahrerflucht begeht und das Opfer einfach in der Kälte seinen Verletzungen überlässt: Das sorgt natürlich für Aufruhr in einem Land, in dem Polizeigewalt an Schwarzen an der Tagesordnung ist. Veena Sud hat mit „Seven Seconds“ sozusagen die Serie zur Black Lives Matter-Bewegung kreiert. Diesen politischen Impetus spürt man durchgehend, was der dramatischen Wirkung der Geschichte aber nicht im Wege steht. Das verhindert schon der Ansatz, den Fokus klar auf die Figuren zu legen, die als Individuen funktionieren, nicht als Schablonen, die bestimmte soziale Rollen verkörpern sollen. Da ist zum einen die Familie des Opfers, eine afro-amerikanische (untere) Mittelschichtsfamilie, die sich gerade den Traum von bescheidenem Wohlstand in Form eines neuen Hauses erfüllt hat. Mutter Latrice (Regina King), eine Lehrerin, und Vater Isaiah (Russell Hornsby), der als Reinigungskraft in einem Schlachthaus arbeitet, müssen allerdings hart schuften, um über die Runden zu kommen und werden durch den Unfall auch finanziell aus der Bahn geworfen. Isaiahs Bruder Seth (Zackary Momoh) ist gerade als Soldat aus dem Nahen Osten zurückgekehrt und versucht vergeblich, sich wieder in seinem Heimatland einzugliedern. Schnell muss er lernen, dass die USA ihre Soldaten im Ausland zwar als Helden betrachten, die Veteranen zu Hause aber nur als Last. Es ist das bittere Bild einer gespaltenen Gesellschaft, das die Serie nicht nur hier zeichnet.

    Weiße Polizeigewalt gegen Afro-Amerikaner ist ein zentrales Thema von „Seven Seconds“

    Auf der anderen Seite steht die überwiegend weiße Polizeieinheit um DiAngelo, die ihre Dienstmarken nutzen kann, um zu tun, was sie will. Statt für Gerechtigkeit zu sorgen, leiten die Beamten Drogengelder in ihre eigenen Taschen um und vertuschen mit ihrem Corpsgeist auch die schlimmsten Straftaten in den eigenen Reihen. Es sind Verbrecher im Staatsdienst, scheinbar unangreifbar, da sie ja selbst das Gesetz verkörpern und außerdem eine Krähe der anderen kein Auge aushackt. Allerdings ist es den Autoren hoch anzurechnen, dass auch diese Figuren – abgesehen von DiAngelo selbst – nicht als eindimensional böse gezeichnet werden. So schwankt der Unfallverursacher Jablonski durchgehend zwischen dem Drang, sich zu stellen, und der Verantwortung für seine junge Familie – ist er doch gerade Vater geworden. Und auch Teamkollege Felix (Raúl Castillo), der einzige Latino in der Einheit, ist kurz davor auszupacken, erweist sich dann aber als noch härter als seine Kollegen.

    Der Tod eines afroamerikanischen Jungen stellt K.J. Harpe (Clare-Hope Ashitey) vor eine schwierige Probe.

    Quasi zwischen den Fronten stehen die junge schwarze Staatsanwältin K.J. Harper (Clare-Hope Ashitey) und der weiße Detective Joe „Fish“ Rinaldi (Michael Mosley), die in dem Fall ermitteln: ein ungleiches Paar, bestehend aus zwei Außenseitern, die sich erst zusammenraufen müssen. Harper hat einen schlechten Ruf, weil sie zur Promiskuität neigt, und greift zu oft zur Flasche, seit sie einmal einen verhängnisvollen Fehler gemacht hat. Fish kämpft mit seiner Exfrau um das Sorgerecht für seine Tochter und teilt sein Haus ersatzweise mit einer ganzen Horde aus dem Tierheim geretteter Hunde. Es gehört zum Genre des Justizthrillers, dass diese beiden Sonderlinge, denen am Anfang niemand mehr etwas zutraut, im Laufe der Geschichte über sich hinaus wachsen werden. Dabei lassen sich die Drehbücher viel Zeit, die individuellen Hintergründe jeder Figur zu beleuchten, so dass man ihre Motive und Charaktere viel besser zu verstehen lernt.

    Dramaturgisch arbeitet „Seven Seconds“ nach dem „Law & Order“-Schema, indem zuerst die Ermittlungen gezeigt werden, bevor dann in den letzten Folgen das Gerichtsverfahren inszeniert wird. Damit erinnert die Staffel in ihrem Aufbau an neuere Justizdramen wie „American Crime Story: The People v O.J. Simpson“ oder „Goliath“, aber auch Filmklassiker des Genres wie Sidney Lumets „The Verdict – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“, in dem Paul Newman 1982 einen ähnlich heruntergekommenen Anwalt wie K.J. Harper spielte, der zum Schluss dennoch der Gerechtigkeit zum Sieg verhalf. Die aktuelle Netflix-Serie ist, was letzteres angeht, realistischer. Gerechtigkeit ist in diesem ethnisch verzerrten Justizsystem etwas, das für bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht zu erwarten ist. Es ist wahrscheinlich auch kein Zufall, dass diese Geschichte in Jersey City spielt, auf der anderen Seite des Hudson River, wo man die Freiheitsstatue zwar auch sehen kann, aber der amerikanische Traum, für den New York steht, trotzdem unendlich fern scheint. Auch „Die Sopranos“, die die Kehrseite jenes Traums verkörperten, lebten ja schon in der deutlich unspektakuläreren Nachbarstadt.

    Neben den dichten Drehbüchern, die von Regieveteranen wie Jonathan Demme („Das Schweigen der Lämmer“, „Philadelphia“) und Ed Bianchi („The Wire“, „Deadwood“) routiniert inszeniert wurden, machen auch die durchgehend sehr guten Schauspieler die Serie zu etwas Besonderem. Hervorzuheben ist vor allem Regina King („American Crime“, „The Leftovers“), die alle Phasen der Trauer einer Mutter über ihren Sohn eindringlich verkörpert und sich mit dieser Rolle auf die einschlägigen Preisnominierungslisten gespielt haben dürfte. Aber auch Ashitey und Hornsby haben ihre herausragenden Momente.

    Latrice Butler (Regina King) trauert um ihren Sohn.

    Das Einzige, was man an „Seven Seconds“ leicht kritisieren kann, sind einige Stereotypen, die die Autoren nicht vermieden haben. So wirkt die starke Religiösität des afro-amerikanischen Familienvaters aus deutscher Sicht übertrieben. Allerdings schafft auch er es, am Ende seine starren Moralvorstellungen in einem entscheidenden Punkt zu überwinden. Insgesamt ist Netflix eine ebenso packende wie berührende Serie gelungen. Es ist dem Streamingdienst zudem gar nicht hoch genug anzurechnen, sich zum wiederholten Mal dem Thema Rassismus zu widmen. Früher hätte man solche Serien bei HBO erwartet, inzwischen hat Netflix die Rolle übernommen, mit Eigenproduktionen wie neulich „Dear White People“ und jetzt eben „Seven Seconds“ immer wieder in diese gesellschaftliche Wunde zu stechen. Solange das auf so überzeugende Weise geschieht, kann es gar nicht oft genug sein.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten Staffel von „Seven Seconds“.

    Meine Wertung: 4,5/5


    © Alle Bilder: Netflix/JoJo Whilden

    Die zehnteilige erste Staffel liegt komplett bei Netflix auf Abruf bereit.

    Trailer zu „Seven Seconds“

    07.03.2018, 17:46 Uhr – Marcus Kirzynowski/fernsehserien.de

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski
    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit "Ein Colt für alle Fälle", "Dallas" und "L.A. Law" auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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