„How I Met Your Father“: Konzept-Aufguss mit Witz- und Wärmemangel – Review

    Das verspätete Sitcom-Sequel von „How I Met Your Mother“ wirkt leicht aus der Zeit gefallen

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 21.01.2022, 19:38 Uhr

    Kennenlernen im Uber-Taxi: Sid (Suraj Sharma), Sophie (Hilary Duff) und Jesse (Christopher Howell). – Bild: Hulu
    Kennenlernen im Uber-Taxi: Sid (Suraj Sharma), Sophie (Hilary Duff) und Jesse (Christopher Howell).

    Was „Friends“ vor allem für die späten Neunziger war, war „How I Met Your Mother“ (HIMYM) für die späten Nullerjahre: eine wöchentliche Wohlfühlamüsierstube für Großstadt-Twentysomethings und alle, die gern welche wären. Brillant besetzt und bis in die letzten Staffeln hinein pointensicher getextet, dabei aber immer freundlich im Ton, war die Sitcom ein gigantischer Hit für den Sender CBS, und als nach neun Staffeln das Licht ausgeknipst wurde (viele sagten damals: zu spät), geisterten bereits die ersten Sequel-Gerüchte durch die Entertainment-Branche. Es dauerte dann aber fast acht Jahre, ehe wir es nun damit zu tun bekommen – nicht bei CBS, sondern beim Streamingdienst Hulu. Das Warten wert ist das Ergebnis aber kaum.

    Die Idee, das Konzept von HIMYM mit umgekehrten Geschlechtervorzeichen wiederzukäuen, ist also nicht neu. Direkt nach dem Ende der Originalserie lag bereits der Pilot für eine „How I Met Your Dad“-Serie vor, mit Greta Gerwig und Meg Ryan. Doch bei CBS fiel die produzierte Folge durch, die geplante Staffel wurde nicht produziert. Seit 2016 ging dann das Autorengespann Isaac Aptaker und Elizabeth Berger (Autoren von „Love, Simon“ und Produzenten von „This Is Us“) mit einer eigenen Variante hausieren – die jetzt realisiert werden konnte. Annonciert wird „How I Met Your Father“ (HIMYF) als sogenanntes „Standalone Sequel“, also als Fortsetzung von HIMYM, die auch funktioniert, wenn man das Original nicht kennt. Für eine reibungslose Übergabe wurde Regisseurin Pamela Fryman engagiert, die schon knapp 200 Folgen von HIMYM inszenierte.

    Doch das allein garantiert nicht, dass sich der massenwirksame Zauber der romantischen Erfolgssitcom automatisch wieder einstellt – zu viel ist seither geschehen. HIMYM war schließlich das Produkt einer Fernsehlandschaft, die sich inzwischen stark verändert hat, nicht nur, weil die klassische Multi-Camera-Sitcom im Streamingzeitalter eine deutlich geringere Rolle spielt als damals. Auch der Ansatz, von einem New Yorker Freundeskreis zu erzählen, der sich ausschließlich aus heterosexuellen Weißen rekrutiert, würde heute keinen Zuschlag mehr erhalten. Dementsprechend divers ist der Cast der neuen Serie zusammengesetzt, und auch wenn die üblichen Besitzstandwahrer längst schon wieder gegen diesen „woken“ Ansatz ankrakeelen, wird er der multiethnischen Bevölkerung im Big Apple natürlich viel mehr gerecht.

    Gut ausgeleuchtet auf der Brooklyn Bridge: Jesse (l.) und Sid (r.) mit Valentina (Francia Raisa), Charlie (Tom Ainsley), Sophie und Ellen (Tien Tran). Hulu

    Eine bessere Serie kommt dadurch natürlich noch nicht zustande. Das Set-Up hält sich im Wesentlichen an das Erfolgsrezept der Originalserie, in der ein Vater seinen Kindern erzählte, wie er Jahrzehnte zuvor deren Mutter kennenlernte. In HIMYF wird dieses Muster nun gleich zweifach auf links gedreht. Erstens ist es diesmal eine Mutter, die die Serie aus dem Jahr 2050 heraus im Wortsinn erzählt und sich dabei als weibliche Protagonistin etabliert. Zweitens ist es nun auch die Mutter selbst, die als Erzählerin zu sehen ist, während der Zuhörende (ihr Sohn im Studentenalter) im Off verborgen bleibt. Als lustvolle Fabuliererin, die ihrem entsetzten Sohn verspricht, auch die „sexy bits“ der Erzählung nicht auszusparen, konnten die Produzenten Kim Cattrall verpflichten – all jene, die sie im „Sex and the City“-Reboot „And Just Like That…“ vermissen, können also allein wegen ihr mal einschalten. Dem unlängst verstorbenen Bob Saget, der in der englischsprachigen Originalversion von HIMYM als Zukunftsversion des Protagonisten Ted zu hören war, wird am Ende der Pilotfolge von HIMYF übrigens in einer Einblendung gedacht.

    Kommen wir zur Zusammensetzung des Freundeskreises, um deren romantische und alltagskomödiantische Wirrungen es in der Jetztzeit der Serie gehen wird. Die 28 Jahre jüngere Ausgabe der Mittsechzigerin Kim Cattrall spielt Hilary Duff, bekannt vor allem als Teen-Prinzessin („Cinderella Story“, „Popstar auf Umwegen“) aus der Zeit, in der HIMYM seinen Siegeszug begann. Ihre Figur Sophie ist eine hoffnungslose Romantikerin und damit auch in dieser Hinsicht analog zu Ted angelegt. Ihr Herz schlägt für die Kunst und für Street Photography, vor allem aber muss sie sich mit Hochzeits- und Eventfotografie über Wasser halten, was immerhin für ein geteiltes Apartment in Manhattan auszureichen scheint. Ihre Mitbewohnerin und beste Freundin, die aus Mexiko stammende Stylistin Valentina (Francia Raisa, „Grown-ish“, „The Secret Life of the American Teenager“), fungiert als energetischer Widerpart zur deutlich bedächtigeren Sophie, und kaum hat man beide kennengelernt, latscht aus dem Nebenzimmer schon Charlie (Tom Ainsley) in die Küche – nackt. Er ist der neue Boyfriend von Valentina, soll fortan mit in dem Apartment leben und ist obendrein Brite – und zwar ein derart klischeehaft posher Brite, dass die Produktion (und Ainsley) gar nicht erst irgendetwas anderes versuchen, als sich voll in dieses Stereotyp hineinfallenzulassen. Mit höflichem Entsetzen stolpert Charlie durch das für ihn stinkende, chaotische, ruppige New York. Ainsleys Charme rettet diese Fantasiefigur.

    Auf dem Weg zu ihrem 88. Tinder-Date innerhalb eines Jahres landet Sophie im Uber-Taxi des Musiklehrers Jesse (Christopher Howell aus „GLOW“), der so zynisch über die Liebe spricht, als sei er bei Robin aus der Vorgängerserie in die Lehre gegangen. Der Grund für seinen antiromantischen Furor wird küchenpsychologisch mit einem viral gegangenen Videoclip begründet, in dem die ganze Welt live sehen konnte, wie sein Heiratsantrag an die Musikerin Meredith (als Gast: „Gossip Girl“ Leighton Meester) fehlschlug. Komplettiert wird der Cast durch Jesses gutmütigen Kumpel und Mitbewohner Sid (Suraj Sharma aus „Life of Pi“) und Jesses quirlige Adoptivschwester Ellen (Tien Tran), die sich gerade von ihrer Frau hat scheiden lassen und aus Iowa nach New York gezogen ist.

    Wie ihre Vorgänger aus „How I Met Your Father“ treffen sich auch Sophie und Co. gern in ihrer Stammkneipe. Hulu

    Dass sich Witz und Esprit von „How I Met Your Mother“ nicht so richtig wiederherstellen lassen, liegt nicht an diesem Personal, vor allem nicht an den Figuren, die um die als zentrales romantisches Will-they-won’t-they-Duo in Stellung gebrachten Sophie und Jessie herumgruppiert werden. Potenzial für gute Gags, alberne Abenteuer und romantische Um- und Abwege ist ihnen allemal angelegt. Wie Sid, dessen Bar „Pemberton’s“ als Treffpunkt der Clique fungiert und somit „MacLaren’s Pub“ aus HIMYM ersetzt, in der ersten Folge seiner langjährigen Fernbeziehung Hannah (Ashley Reyes aus „American Gods“) einen Heiratsantrag macht oder Ellen in der zweiten Episode in einem Club volltrunken wahllose Frauen anbaggert und allein aus deren Abfuhren große Freude schöpft, weil die Auswahl in New York so groß ist, das ist toll gespielt und erinnert in vielem an die warmherzige Versponnenheit des Vorgängers.

    Bei Sophie und Jessie muss man dagegen, zumindest in diesen frühen Folgen, deutliche Abstriche machen: Wie die beiden zueinander finden und sich ihre sozialen Umfelder nach ein, zwei zufälligen Verwicklungen sofort miteinander vereinen, das darf man schon sehr konstruiert finden. Warum sich die charmante Sophie, die dem erwähnten 88., aber leider nach Australien auswandernden Tinder-Date hinterhertrauert, für den mürrischen Zyniker Jesse interessieren sollte, wird überhaupt nicht deutlich, aber schon in Folge zwei ist aus beiden Freundeskreisen ein gemeinsamer geworden. Das wirkt so, als hätten die Autoren das nun mal so entschieden – und nicht wie das folgerichtige Verhalten dieser Figuren.

    Man könnte damit gut leben, wären Gags und Dialoge wenigstens auf der Höhe. Aber gerade im Vergleich mit dem Original, der zwangsläufig zu ziehen ist, stinkt das Sequel dann doch deutlich ab: Es gibt viel äußerst harmloses Gewitzel, ergänzt um ein paar abgestandene Penis-Gags und ein paar krachlederne Slapstick-Scherze von der Boulevardtheater-Resterampe (ins Gesicht gekippte Getränke, dauernd stolpert irgendjemand), die durch gellendes Konservengelächter auf der Tonspur zu Riesenbrüllern hochgejazzt werden – ein Missverhältnis, das im letzten Jahr bereits „Call Me Kat“ aus dem Tritt brachte. Nach wenigen Minuten schon wünscht man sich eine Figur wie Neil Patrick Harris als Barney, der mit knackig servierten Sprüchen und ikonischen Onelinern die Szene an sich reißt. Doch weder bemerkenswerte Sprüche noch irgendwas Ikonisches sind hier bislang auszumachen.

    Gesprächig auf dem Designersofa: Kim Cattrall spielt die gealterte Sophie. Hulu

    Die Kontinuität zu HIMYM besteht jenseits des Konzepts vor allem in diversen Easter Eggs: So nimmt die Titelmusik die berühmte „Ba-ba-bah“-Melodie des Originals auf, und Jesse und Sid wohnen in Marshall und Teds altem Apartment, das die Produktionsdesigner wieder aufbauen ließen (die Vormieter haben sogar die Schwerter hängen lassen). Mitproduzentin Duff hat zudem Andeutungen gemacht, dass Figuren aus der alten Serie in Zukunft im Sequel vorbeischauen könnten – vielleicht warten diese aber auch erst mal ab, ob dieser Serie überhaupt eine Zukunft beschieden ist.

    Wirklich schlecht ist HIMYF definitiv nicht, und jeder Sitcom muss eine gewisse „Probezeit“ eingeräumt werden, in der die Darsteller sich ihren Figuren erst so richtig anverwandeln und die Autoren sukzessive herausfuchsen können, welche Eigenschaften der Charaktere am gewinnbringendsten betont und für Gags „gemolken“ werden können. Doch ein gewisses Gefühl dafür, ob man Lust hat, mit diesen Leuten Woche um Woche Zeit zu verbringen, stellt sich natürlich unwillkürlich schon zu Beginn ein. Und es ist wohl zu vermuten, dass sowohl Fans der Originalserie als auch Newcomer da eher abwinken als zugreifen.

    Zu sehr wirkt das Ergebnis wie eine etwas wohlfeile Kopie des Erfolgsvorgängers, zu wenig wie ein Produkt aus eigenem Recht. Das präsentierte New York (innen wie außen) wirkt kulissenhafter denn je, auch die Club-, Café- und Datingszenen atmen vor allem den Geist der Nullerjahre, der mit Tinder-, Uber- und Insta- (aber ohne Corona-)Gags auf zeitgenössisch getrimmt werden soll. Doch nicht jede Marke, die mal heiß war, bleibt das für immer. Mag sein, das aus HIMYF noch was Dolles wird. Ich vermute aber: eher nicht.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten zwei Episoden von „How I Met Your Father“.

    Meine Wertung: 2,5/​5

    „How I Met Your Father“ wird seit dem 18. Januar in den USA bei Hulu veröffentlicht. Die deutsche Veröffentlichung erfolgt ab dem 9. März beim Streamingdienst Disney+.

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Das Ganze ist sowas von Unnötig!
      • (geb. 1988) am

        Danke fuer die Kritik. Hilary Duff sieht toll aus. Bin sehr gespannt auf die Serie. Dating in New York ist spannend und unterhaltsam.

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