TV-Kritik „NOS4A2“: Gruselserie um Weihnachtsvampir und seine Limousine verfranst sich

    Verfilmung des Romans von Joe Hill unausgeglichen zwischen Coming-of-Age-Drama und Horror-Fantasy

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 20.06.2019, 08:30 Uhr

    Zachary Quinto als Charlie Manx in „NOS4A2“ – Bild: AMC
    Zachary Quinto als Charlie Manx in „NOS4A2“

    Nosferatu ist einer der berühmtesten Vampire der Filmgeschichte. Zur Ikone wurde er durch Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilmklassiker aus dem Jahr 1922, in der Darstellung des gespenstisch dürren Glatzkopfs Max Schreck. Seither geistert der Blutsauger, meist unter seinem weit bekannteren Namen Dracula, immer mal wieder durch die Popkultur, meist attraktiven Jungfrauen den Lebenssaft aus den Adern schlürfend. In dieser neuen AMC-Serie, entwickelt von der Produzentin Jami O’Brien („Fear the Walking Dead“, „Hell on Wheels“), begegnet uns Nosferatu allerdings nur als Wort aus Buchstaben und Zahlen: „NOS4A2“ steht da auf dem Nummernschild eines schicken alten Rolls Royce, Modell Wraith, aus dem Jahr 1938. Der greise Mann, dem der Schlitten gehört, hört zwar auf den Namen Charlie Manx, doch weil auch ihm nach Lebenssaft dürstet, geht er als Neuzeit-Nosferatu durch. Mit dem Oldtimer kurvt Manx durch die amerikanische Provinz, um Kinder einzusammeln. Sitzen diese im Wagen, gelockt durch die Aussicht, in ein paradiesisches „Christmasland“ voller Süßigkeiten und Geschenke gebracht zu werden, fährt ihnen Stück für Stück die kindliche Frische aus den Gliedern, während sich Manx zeitgleich in einen virilen jungen Mann zurückverwandelt. Bis er die nächste Dosis braucht …

    Diese vampireske Form von Jugend-Transplantation hat sich Joe Hill ausgedacht – in seinem 720-Seiten-Roman „NOS4A2“, der in Deutschland unter dem Namen „Christmasland“ erschienen ist. Hill ist der Sohn von Stephen King, aber längst als Autor eigenen Formats anerkannt. Nennenswerte Verfilmungen seines Werks sind noch Mangelware – sieht man von Alexandre Ajas mäßiger Kino-Adaption „Horns – Für sie geht er durch die Hölle“ einmal ab ­­-, weshalb man durchaus gespannt sein durfte, wie AMC es nun angeht, Hills vielleicht besten Roman über ganze zehn Episoden (und vielleicht mehr) zu strecken.

    Tatsächlich beginnt die Pilotepisode mit einem dieser Manx’schen Raubzüge. Der kleine Daniel Moore, Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die sich gerade mit einer neuen Bekanntschaft im Bett vergnügt, wird von Manx (in greiser Gestalt), dem selbsternannten „President of Fun“, mit dem Versprechen aufs Christmasland in seinen Rolls Royce gelockt. In diesen ersten Minuten steckt vieles von dem, was als Standards aus dem Horror-Repertoire bekannt ist: ein Fernseher, auf dem plötzlich nur noch weißes Rauschen zu sehen ist („Poltergeist“), die Umwertung bunter Insignien weihnachtlicher Kindheit (Geschenke, Zuckerstangen etc.) zu Boten des Unheils (wie in so vielen Gruselfilmen von „Gremlins“ über „Rare Exports – Eine Weihnachtsgeschichte“ bis „Krampus“) und die Kombination von Sex und Tod (wie in allen Teenie-Slashern). Wirklich gruselig ist das hier allerdings nicht. Die allmähliche Verwandlung Manx’ in einen jungen, höflichen Mann (überraschend zurückhaltend gespielt von Zachary Quinto, dem Spock aus den aktuellen „Star Trek“-Filmen seit 2009) und die parallele Alterung des Kindes, die sich im Laufe der ersten Episode vollziehen, wirken eher Make-Up-mäßig verblüffend denn tatsächlich schockierend. Am unangenehmsten berühren fast schon die Assoziationen, die das Setting zulässt – an Michael Jackson und seine „Neverland“-Ranch, auf der manch Kind wohl auch eher unfreiwillig übernachtete.

    Charlie Manx (Zachary Quinto) und sein Rolls Royce.
    Charlie Manx (Zachary Quinto) und sein Rolls Royce.

    Allerdings nimmt nimmt dieser Teil des Plots in den ersten Episoden ohnehin nicht allzu viel Raum ein. Über weite Strecken präsentiert sich „NOS4A2“ dagegen als Coming-of-Age-Drama vor Kleinstadt-Hintergrund, gefilmt mit Handheld-Kameras und in ausgewaschenen Farben, ganz so, als wär’s ein Independent-Film aus dem Programm des Sundance-Festivals. Oft vergisst man, dass diese Handlungsstränge und jener um den Jugenddieb Manx in ein und derselben Serie stattfinden, so unterschiedlich wirken sie in Tonfall und Gestaltung.

    Im Zentrum steht dabei die 18-jährige Vic McQueen, sympathisch und zugänglich gespielt von der Australierin Ashleigh Cummings („Miss Fishers mysteriöse Mordfälle“), die mit ihren 26 Jahren noch locker als Teenager im letzten Highschool-Jahr durchgeht. Vic ist ein sensibles Mädchen, und an ihrer trendig-urbanen Fransenfigur ist bereits abzulesen, was sie wenig später verbal artikuliert: dass sie gern auf eine Kunsthochschule gehen würde. Die Voraussetzungen dafür sind nicht günstig, denn die zeichnerisch hochbegabte Vic kommt aus einem bildungs- und kunstfernen Arbeiterhaushalt im provinziellen Massachusetts. Besser gesagt: aus einem Arbeiter-Elternhaus, wie Hollywood-Autoren sich das vorstellen. Mutter Linda (Virginia Kull aus„Big Little Lies“ und „The Looming Tower“ ist nur elf Jahre älter als Cummings) putzt reicher Leute Häuser und hat für die Träume ihrer Tochter nur Sarkasmus übrig, Vater Chris (immer gut: Ebon Moss-Bachrach aus „Girls“ und „Marvel’s The Punisher“) ist Handwerker und liebt seine Tochter, trinkt aber zu viel und wird im Suff seiner Frau gegenüber gewalttätig.

    Vic McQueen (Ashleigh Cummings) findet eine Brücke, die eigentlich nicht mehr existieren sollte …
    Vic McQueen (Ashleigh Cummings) findet eine Brücke, die eigentlich nicht mehr existieren sollte …

    Das ist im Prinzip so klischeehaft, dass man abschalten möchte, doch den Darstellern und Regisseurin Kari Skogland gelingt es mit einigen nuancierten Zwischentönen, doch so etwas wie ein glaubwürdiges Alltagsdrama daraus zu zeichnen. Wie Vic von der reichen Mutter ihrer Freundin und von neureichen Schülern aus einer „besseren“ Highschool mal konfrontativ, mal subtil als unterprivilegiert ausgegrenzt wird; wie sowohl Moss-Bachrach als auch Kull in den Elternparts die Verletzungen eines Lebens durchscheinen lassen, das an unerfüllten Träumen gescheitert ist – oder am mangelnden Mut, überhaupt etwas zu träumen; wie Vic selbst erst an der Schwelle in ein besseres Leben steht, ihr eigenes Schicksal aber schon in jenem des kleinen Nachbarsmädchens (Darby Camp aus „Big Little Lies“) gespiegelt sieht; oder wie sich die Good-Cop-Bad-Cop-Dynamik der Eltern und ihre Beziehung zu Vic ganz anders entwickelt, als man es erwartet: All diese Aspekte haben Überraschendes zu bieten und schürfen tiefer, als es zunächst den Anschein hat, wobei die Serie langsam genug voranschreitet, um den Charakteren Raum zur Entfaltung zu bieten. Zentral ist eine kurze Szene am abendlichen Lagerfeuer, in der Chris zur Akustikklampfe greift und Beatles-Songs singt: Dabei wird einerseits die Geborgenheit deutlich, die Vic in ihrer Familie nach wie vor erfährt, andererseits wird über Seitenblicke (auch auf Blutergüsse an Lindas Kopf) wie nebenher angedeutet, dass Chris sich via eine Affäre mit einer jungen Barkeeperin (Jamie Neumann aus „The Deuce“) längst aus dieser Familie verabschiedet hat.

    Mit solchen Szenen hätte „NOS4A2“ – bei aller soziologischen Grobbetrachtung – durchaus das Potenzial für eine Story über den Ausbruch einer jungen Kreativen aus proletarischen Verhältnissen. Doch in der Serie geht es – wie gesagt: fast vergäße man es – eben dann doch um andere Dinge, um Fantasy, Grusel, Paranormalität. So rast Vic also immer, wenn es zu Hause unerträglich wird, mit ihrem Offroad-Motorrad durch den Wald, wo sie bald auch schon eine geheimnisvolle, überdachte Holzbrücke findet, die offiziell schon vor vielen Jahren abgerissen wurde und nur von ihr selbst überquert werden kann. Am anderen Ende der Brücke findet sie stets Dinge wieder, die vermisst wurden: die Kreditkarte der Mutter, die Armbanduhr des Vaters. Eines Tages landet sie nach einer dieser Überquerungen (die ihr auch körperlich schwer zusetzen) im fernen Iowa, wo die punkige Bibliothekarin Maggie (Jahkara J. Smith) schon auf sie zu warten scheint. Maggie ist ein Medium, das mit magischen Scrabble-Steinen dem Verbrechen auf der Spur ist und aktuell dem Sheriff (Chris McKinney aus „The Night Of“) dabei helfen will, den kleinen Daniel zu finden. So klar, wie erst an dieser Stelle wird, dass sich die Entführungsgeschichte an einem völlig anderen Ort abspielte als Vics Familiengeschichte, so unumgänglich dürfte jetzt sein, dass sich die beiden jungen Frauen im Kampf gegen den Neuzeit-Nosferatu Manx verbünden.

    Vic (Ashleigh Cummings) trifft auf das Medium Maggie (Jahkara J. Smith).
    Vic (Ashleigh Cummings) trifft auf das Medium Maggie (Jahkara J. Smith).

    Leider kann man nicht behaupten, dass sich diese beiden Spiel-, Orts- und Stilebenen organisch ineinanderfügen. Eher scheint es so, als prallten da zwei völlig unterschiedliche Serien gewaltsam aufeinander. Weil diverse weitere Seitenstränge noch hinzukommen – um zwei Jungs, die um Vic buhlen, oder um den schwergewichtigen Hausmeister der Highschool (Ólafur Darri Ólafsson aus „Trapped – Gefangen in Island“), der nach Christmasland gerät -, kommt die Integration der Manx- und der Vic-Storylines nur äußerst schleppend in Gang. Der weihnachtssatte Fantasystrang steht der in der Wirklichkeit wurzelnden Kleinstadtgeschichte wie ein Fremdkörper im Weg – und muss zudem noch beweisen, dass er auch zu gruseln in der Lage ist.

    Vom eigentlichen Zentrum des Hill-Romans, den magischen Kräften, die Vic (wie Maggie) hat und die sie mit Manx kommunizieren sowie ihm auf die Fährte kommen lassen, ist nach den ersten zwei Folgen jedenfalls noch gar nicht die Rede und nur in Spurenelementen etwas zu sehen. Die zehn Episoden der Staffel decken, so ließ AMC verlautbaren, nur einen Teil des Buches ab, vermutlich, um Raum für mögliche weitere Staffeln zu lassen. Sofern O’Brien und ihr Team die Synthese des Gruselstoffs mit dem Rest der Serie allerdings nicht überzeugend in den Griff bekommt, dürfte auf weitere Folgen allerdings nicht gerade sehnsüchtig gewartet werden.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „NOS4A2“.

    Meine Wertung: 2,5/5


    © Alle Bilder: AMC

    Die zehnteilige Auftaktstaffel von „NOS4A2“ ist seit Anfang Juni 2019 im Programm des deutschen Streaming-Dienstes Prime Video verfügbar.

    Trailer zu „NOS4A2“

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • Rainer_Stache (geb. 1954) am 14.07.2019 10:38melden

      Eine sehr schöne Analyse - bis auf den Schluss, d.h. der Wertung. Denn zumindest mir und anderen in meiner Umgebung scheint gerade die Verschmelzung von Coming of age und (zum Glück subtilem) Horror sehr gelungen. Dies entfaltet sich natürlich auch erst in den späteren Folgen richtig, was der Rezensent nicht wissen konnte (aber vielleicht hätte ahnen können). Die üblichen Horror-Klischees werden ästhetisch überhöht und damit erträglich bzw. sogar interessant. Der soziale Hintergrund gibt dem ausgelutschten Genre erst Tiefe und ermöglicht geniale Szenen, wie die Dialoge Vics mit dem Psychologen in der Klapsmühle. So bietet der phantastische Hintergrund auch mal im Horror den klareren Blick auf die Realität, den normalerweise nur die Science Fiction möglich macht. Interessant übrigens, dass die Serie von den meisten "Fachleuten" im Netz verrissen wird, wohl eben weil sie sich so innovativ vom Horror-Klischee löst. Fehlende Flexibilität wohin man schaut.
        hier antworten
      • Vritra am 20.06.2019 18:28melden

        Den Michael Jackson Kommentar empfinde ich übrigens als extrem daneben. Das ist dem reißerischen Geschreibsel eines Boulevard-Schmierfinken würdig, nicht aber einer sachlichen Kritik!
          hier antworten
        • Vritra am 20.06.2019 18:18melden

          Es heißt immer noch sich verfransen. Franz hat damit nichts zu tun.
            hier antworten

          weitere Meldungen