„Cobra Kai“: Serie um frühere „Karate-Kid“ Gegenspieler sprengt gekonnt Held-/Antiheld-Schablonen

    YouTube präsentiert gelungene Dramedy mit nostalgischem Goldrand

    "Cobra Kai": Serie um frühere "Karate-Kid" Gegenspieler sprengt gekonnt Held-/Antiheld-Schablonen – YouTube präsentiert gelungene Dramedy mit nostalgischem Goldrand – Bild: YouTube Red
    „Cobra Kai“

    Wenn liebgewonnene Filmfiguren nach Jahrzehnten der Abwesenheit plötzlich wieder auftauchen, dann ist das ein bisschen so, als würde ein verschollen geglaubter Bekannter wieder ins eigene Leben getreten. Das Prinzip ist nicht neu – man denke an Paul Newman, der seine ikonische Rolle als Billard-Schlitzohr Fast Eddie Felson aus „Haie der Großstadt“ (1961) ein Vierteljahrhundert später in Martin Scorseses „Die Farbe des Geldes“ wiederaufnahm -, dennoch häuft es sich in den letzten Jahren, was sicherlich damit zusammenhängt, dass die erste Blockbuster-Generation in die Jahre gekommen ist und dass manche Franchise-Reihe inzwischen so lange läuft, dass der emotionale pay-off viel leichter herzustellen ist: Viele „Star Wars“-Fans der ersten Generation seufzten vor Rührung, als Harrison Ford und Carrie Fisher in „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ nach 32 Jahren wieder in ihre Rollen als Han Solo und Prinzessin Leia schlüpften oder Ford unlängst gar nach 35 Jahren wieder den Blade Runner gab. Treiber der ebenso glücks- wie melancholiegepeitschten Emotionen ist dabei auch das gruselige Erstaunen darüber, wie alt man selbst über diesen Zeitraum geworden ist. Dies gilt zumindest für jene, die die „Ur-Filme“ schon damals im Kino gesehen haben: Darauf allein jedenfalls lässt sich kein Reboot, Remake oder verspätetes Sequel bauen. Es muss schon auch für neue, nachgewachsene Zuschauerschichten funktionieren.

    Leichte Skepsis war deshalb angebracht, als YouTube für seinen Abo-Kanal „Red“ ein zehnteiliges Serien-Sequel des Eighties-Hits „Karate Kid“ mit den Darstellern von damals annoncierte: Wer den Kinofilm damals mit 15 Jahren sah, ist heute 49. Damals lockte das Underdog-Märchen über einen gemobbten Jungen, der sich mit einer fiktiven Pop-Variante von Karate über seine Peiniger hinwegsetzte, die Teenies scharenweise in Karateschulen, heute ist die japanische Kampfsportart längst wieder in der Nische gelandet. Außer dem sehenswerten Originalfilm von 1984 (inszeniert von „Rocky“-Regisseur John G. Avildsen) gab es vier verzichtbare Sequels, das Kino-Reboot von 2010 (mit Jaden Smith) konnte den Trend nicht wiederbeleben. Nicht zuletzt sind auch die Stars des Films den jüngeren Zuschauerschichten nicht unbedingt geläufig: Ex-Teeniestar Ralph Macchio, das ewige Milchgesicht, machte erst in den letzten Jahren durch Gastrollen in Serien wie „Ugly Betty“ und „The Deuce“ wieder von sich reden. Und William Zabka trat höchstens dadurch hervor, dass er sich in einigen Folgen von „How I Met Your Mother“ selbst verkörperte. Die Frage nach dem späteren Lebensweg der alten Filmfiguren Daniel LaRusso und Johnny Lawrence wird also auch zur Analogsetzung mit dem realen Leben: Was ist eigentlich aus Macchio und Zabka geworden?

    Sehr erfreulich ist es nun, dass die Autoren von „Cobra Kai“ einen cleveren Weg gefunden haben, diese späte Wiedergeburt in zehn knapp halbstündigen Episoden sowohl für Fans der ersten Stunde als auch für komplett uneingeweihte Neuzuschauer zugänglich zu machen: Jon Hurwitz und Hayden Schlossberg (Autoren der „Harold und Kumar“-Filme) sowie Josh Heald („Hot Tub – Der Whirlpool … ist ’ne verdammte Zeitmaschine!“) bieten eine relaxt austarierte Mischung aus Nostalgie, Selbstironie und engagierter Neuauflage des alten Plots aus modernem Blickwinkel und machen sich dazu die Eighties-Retromanie zunutze, die Film und TV seit einiger Zeit im Klammergriff hält. Die alten, von Robert Mark Kamen konzipierten Charaktere lassen sie auf jugendliche Nerds und Bullys treffen, an die jeder Fan von „Goonies“ und „Stand by me“ sowie deren Neuversionen aus „Stranger Things“ und „Es“ sofort andocken kann.

    Demütigendes Wiedersehen: Johnnys (William Zabka, r.) Schrottkarre wurde ausgerechnet zu einer von Daniels (Ralph Machhio, 2.v.l.) Niederlassungen abgeschleppt und Johnny muss sich vom „alten Freund“ bequatschen lassen – dessen Untergebene schon von Daniels Sieg gehört hatten. Ausführlich.

    Der größte Kunstgriff der Macher ist es jedoch, Johnny Lawrence zur eigentlichen Hauptfigur der Serie zu machen. Zur Erinnerung: Im Kinofilm war Daniel LaRusso (Macchio) der neu nach Los Angeles gezogene Teenie-Underdog, der von den Schülern der vom fiesen Ex-Söldner John Kreese mit martialischen Methoden geleiteten Karateschule „Cobra Kai“ so lange getriezt wurde, bis er sich mithilfe des weisen japanischen Mentors Mr. Miyagi (dessen Darsteller Pat Morita leider nicht mehr lebt) zur Wehr setzen konnte und Kreeses besten Schüler Johnny Lawrence (Zabka) beim „Under-18 All Valley Karate Tournament“ mit einem legendär gewordenen „crane kick“ – einer fiktiven Variante des Tobi-Geri – besiegen konnte. Das ist lange her, weshalb in „Cobra Kai“ die wichtigsten Momente von damals per Flashback ins Gedächtnis zurückgerufen werden – dazu gehören auch die güldenen Locken der von Elisabeth Shue gespielten Ali, die mal Johnnys Freundin gewesen war und nun von Daniel begehrt wurde.

    34 Jahre sind seither vergangen, die Teens von einst haben die Fünfzig überschritten. Doch anstatt Daniel erneut als leuchtende Heldengestalt der Serie zu positionieren, fokussieren die Autoren auf Johnny, dessen Leben damals keine glückliche Wendung mehr nahm: Als Aushilfshandwerker lebt er in einem schäbigen Apartment im San Fernando Valley, zu seinem rebellischen Sohn Robby (Tanner Buchanan) hat der Quasi-Alkoholiker kaum Kontakt. Seine Situation wird nicht besser, als er innerhalb von 24 Stunden seinen Job verliert, vorübergehend in den Knast gesperrt und dann auch noch sein prolliger Pontiac Firebird zu Schrott gefahren wird – ein Auto voller Teenie-Mädels rauscht ihn ihn hinein, zu denen, wie Johnny erst später erfährt, auch Daniel LaRussos Tochter Samantha gehört (Mary Mouser aus „Body of Proof“). Die Autoren geben sich glücklicherweise keine Mühe, Johnny besonders sympathisch zu zeichnen: Er ergeht sich in rassistischen Sprüchen, auch sein beständiges Wettern gegen die pussy generation lässt ihn als ewig gestrig erscheinen. Johnny Lawrence ist – und Zabka spielt das überraschend differenziert, mit Witz und Tragik, ohne die Figur lächerlich zu machen – ein in die Jahre gekommener Wutbürger, der in den Achtzigern hängengeblieben ist, immer noch Poison, Guns N’ Roses und Foreigner hört, keine Ahnung vom Internet hat und dessen Aggression sich auch daraus speist, dass er durchaus weiß, was für ein Würstchen er ist.

    Make Johnny Great Again?

    Umso schlimmer, dass von jedem Billboard im Valley Daniel LaRusso grüßt – also Ralph Macchio, dem man seine 56 Jahre kaum ansieht. Von Ali hat sich Daniel zwar schon nach der Highschool getrennt („Dinge ändern sich“, sagt er einmal mit wehmütigem Blick), danach aber kam er als Autohändler zu einigem Wohlstand. Mit seiner schönen Frau (Courtney Henggeler, Sheldons erwachsene Schwester Missy in „The Big Bang Theory“) und zwei Kindern lebt er in schönster Country-Club-Atmosphäre im mondänen Encino, wo sich der japanophile Aufsteiger als versierter Sushi-Kenner inszeniert. Doch die Fassade trügt: Mit den Kindern versteht er sich längst nicht so gut, wie er es gerne hätte, und es dauert ein wenig, bis ihm in den Blick gerät, dass sich Samantha längst unter jene mobbenden „Rich Kids“ gemischt hat, unter denen er selbst als Schüler so sehr litt.

    Als Katalysator muss also ein Vertreter der nächsten Generation herhalten: Der neue Nachbarsjunge Miguel Diaz (sehr gut: Xolo Maridueña, bekannt aus „Parenthood“ und der serienweltumstürzenden Folge 8 der dritten „Twin Peaks“-Staffel) wird als Wiedergänger des gemobbten (migrantischen) Außenseiters ausgerechnet von Johnny Lawrence unter die Fittiche genommen. Miguel verleitet ihn dazu, mit dem Geld des verhassten Stiefvaters Sid (schöner Gastauftritt von „Mary Tyler Moore“-Veteran Ed Asner) das alte Karate-Dojo „Cobra Kai“ wiederzueröffnen und dessen brutalisierte Kariatevariante an den Jungen und andere, nicht der Norm entsprechende Teenies weiterzugeben. Damit ist ein schöner Kontrast gewonnen: Unterprivilegierte, unsportliche, altkluge, dabei allen Kategorien der diversity entsprechende Jugendliche geraten an das einer abgelaufenen Form aggressiver Maskulinität nachhängende Relikt Johnny mit seinen dubiosen „Strike First! Strike Hard! No Mercy“-Trainingsmethoden. Was jetzt passiert, ist meilenweit gegen den Wind der nächsten Episoden zu erahnen: Daniel LaRusso wird sich durch die Wiedereröffnung der verhassten „Cobra Kai“-Schule herausgefordert fühlen; Johnnys Sohn wird dabei eine wichtige Rolle spielen; ein neues Liebesdreieck unter den Jugendlichen deutet sich an; ebenso vorgezeichnet ist, dass die Staffel in eine Neuauflage des Under-18 Karate Tournaments münden wird. Auf dieser klischeereichen Ebene gewinnt „Cobra Kai“ keine Originalitätspreise.

    Angriff ist bei „Cobra Kai“ die beste Verteidigung – Strike First! Strike Hard! No Mercy! Daniel (Ralph Macchio) sieht das anders

    Muss aber auch nicht sein. Denn das Spannende an der Serie ist das Charakterporträt, das sie von den gealterten Antagonisten Daniel und Johnny zeichnet: Sie passen nicht (mehr) in gängige Held-/Antiheld-Schablonen und werden von Macchio und Zabka erfreulich lässig ins YouTube-Fenster gezaubert, ganz so, als hätten beide eine sehr genaue Vorstellung davon, wie Dramedy mit nostalgischem Goldrand heutzutage aussehen muss. Fans des Originals können sich über die vielen, zum Glück nie allzu aufdringlich eingestreuten Rückverweise erfreuen (das Skelett-Kostüm!), an den kleinen Hommagen an den abwesenden Mr. Miyagi, an der originellen Song-Auswahl für den Soundtrack („Ain’t That a Kick in the Head“ von Dean Martin!) und daran, dass neben den beiden Stars noch andere zentrale Darsteller von früher vorbeischauen (Randee Heller und Martin Kove sind angekündigt). Für die Newcomer unter den Zuschauern funktioniert die Serie dagegen als nicht eben allzu ambitionierte, aber trotzdem – darauf deuten die ersten Episoden hin – den richtigen Ton treffende Unterhaltung, die sofort Lust auf mehr macht und passenderweise bingefertig bereitgestellt ist. YouTube Red hätte mit „Cobra Kai“ wahrlich Übleres präsentieren können als dieses unangestrengte, charmante, unsentimental-nostalgische Spiel mit den Mythen von gestern.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten drei Episoden der Serie „Cobra Kai“.

    Meine Wertung: 4/5


    © Alle Bilder: YouTube

    Die zehnteilige erste Staffel von „Cobra Kai“ wurde bei YouTube Red am 2. Mai 2018 veröffentlicht. Die ersten beiden Episoden können (aktuell) auch aus Deutschland (im englischen Originalton) ohne weiteres gestreamt werden. Die weiteren Episoden sind in Deutschland nur käuflich beim Google Play Store zu erwerben (Englisch mit deutschen Untertiteln). Im Laufe des Jahres soll YouTube-Red-Nachfolger YouTube Premium auch in Deutschland starten (fernsehserien.de berichtete) und damit vermutlich auch die YouTube-Red-Serien. In den USA war „Cobra Kai“ für YouTube Red der bisher wohl größte Prestigeerfolg unter den Eigenproduktionen und die erste fiktionale Serie, die die Verlängerung für eine zweite Staffel erhalten hat.

    Trailer zu Cobra Kai (englisch)

    Auftaktfolge zu „Cobra Kai“ (englisch, wahlweise mit deutschen Untertiteln)

    20.05.2018, 18:00 Uhr – Gian-Philip Andreas/fernsehserien.de

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • Kid am 22.05.2018 08:05 via tvforen.de

      Der Trailer rockt!
      • Fienchen am 22.05.2018 06:53 via tvforen.de

        Das sieht klasse aus