„Away“: Netflix schickt Hilary Swank auf ungewisse Mars-Reise – Review

    Sci-Fi-Drama mit Oscar-Preisträgerin zwischen Weltraum-Thrill und Klischee

    Rezension von Gian-Philip Andreas – 03.09.2020, 18:01 Uhr

    „Away“ mit Hilary Swank (r.) und Ray Panthaki

    Das All ist eine feine Sache – wenn’s nur nicht so weit weg wäre! Das ist in etwa die Problemlage der zehnteiligen Netflix-Produktion „Away“. Als Ausgangspunkt für die von Andrew Hinderaker konzipierte und teils geschriebene Serie diente eine Reportage im US-Magazin „Esquire“, in der der Journalist Chris Jones die Vorbereitungen des NASA-Astronauten Scott Kelly auf einen einjährigen Aufenthalt in der Internationalen Raumstation ISS sowie den Trip selbst schilderte. Die Leitfragen dabei: Was macht das mit einem, wenn man ein Jahr oder gar länger nicht auf der Erde lebt? Und was macht das mit den Angehörigen, die nicht mal eben auf Besuch vorbeischauen können?

    „Away“ ist keine Verfilmung dieser Reportage, obgleich Jones selbst eine der Episoden schrieb. Vielmehr ließ sich Hinderaker lose von dem Text inspirieren. Für seinen Plot drehte er die Schrauben noch weiter an, das reale Geschehen wurde angereichert mit Drama, Drama und mitunter noch mehr Drama. Anstelle Scott Kellys steht in „Away“ die fiktive Astronautin Emma Green im Mittelpunkt. Sie wird von Hilary Swank gespielt, deren Karriere nach ihren zwei Oscars für „Boys Don’t Cry“ und „Million Dollar Baby“ zuletzt ein wenig an Schwung verlor. Fast hätte man befürchten müssen, sie sei der alten Regel zum Opfer gefallen, nach der US-Schauspielerinnen jenseits der Vierzig gnadenlos aussortiert werden, doch nun taucht sie in diesem Prestige-Part wieder auf, der viel von dem hat, was eine Paraderolle ausmacht.

    Die Reise ins All, auf die Emma Green sich hier begibt, findet in einer nicht genau benannten, aber irgendwie näheren Zukunft statt: Die NASA bereitet eine erste mit Menschen besetzte Mission zum Mars vor, die nicht nur zwölf Monate, sondern gleich drei Jahre andauern soll. Zwischengelandet werden muss auf dem Mond, auf dem sich inzwischen eine feste Station befindet. Das sündhaft teure Unterfangen wird nicht von Elon Musk, sondern von einer internationalen Organisation vorbereitet, der „Mars Joint Initiative“, auf deren großer Pressekonferenz vor dem Start wir Zuschauer die Crew kennenlernen. Neben Emma Green, die den Trip als Kommandeurin leiten soll, sind der umgängliche Inder Ram (Ray Panthaki), der unerfahrene britische Wissenschaftler Kwesi (Ato Essandoh aus „Altered Carbon“), die geheimnisvolle chinesische Chemikerin Lu (Vivian Wu, „Die Bettlektüre“) sowie der machohafte Space-Veteran Misha (Mark Ivanir, „Die Reise des Personalmanagers“) aus Russland mit an Bord der „Atlas I“.

    Die Crew vor dem Abflug: Lu Wang (Vivian Wu), Misha Popov (Mark Ivanir), Emma Green (Hilary Swank), Ram Arya (Ray Panthaki) und Dr. Kwesi Weisberg-Abban (Ato Essandoh). Diyah Pera/Netflix

    Gleich zu Beginn der in längeren Rückblenden erzählten Pilotepisode greift Emmas behandschuhte Hand nach der Erdkugel, die vom Mond aus golfballklein zu sein scheint. Es ist ein erster symbolischer Verweis auf die Entfremdung, die den Marsreisenden droht – zumindest, wenn man Swanks vorahnungsdunkle Blicke als Maßstab nimmt: Sie schaut fast noch häufiger melancholisch aus dem Fenster ins dunkle Nichts als weiland „Voyager“-Captain Janeway aus ihrem Ready Room. Und das will was heißen.

    Commander Emma Green (Hilary Swank). Netflix

    Sie hat dafür auch durchaus gute Gründe, denn sowohl beruflich als auch privat lauern die Probleme an jeder Ecke. Emma Green, die Star-Astronautin, lebt in ihrem lichtdurchfluteten Vorstadthaus mit Ehemann Matt (Josh Charles, „Good Wife“) und Tochter Alexis (Talitha Eliana Bateman, „Countdown“) zusammen. Matt hatte einst dasselbe Karriereziel wie seine Frau, musste seinen Traum aber wegen eines Kavernoms des zentralen Nervensystems begraben. Jetzt tut er zwar alles dafür, seine Frau auf ihrem Weg zu unterstützen (praktischerweise arbeitet er in der Mission Control der NASA), doch seine tiefe Lebensenttäuschung, seinen Neid und seine Eifersucht kann er nur schlecht verbergen. Die anstehenden drei Jahre Trennung der Eheleute wird mit einer betont geschmackvoll ausgeleuchteten Sexszene kurz vor dem Take-Off eingeläutet. Tochter Alexis hat vergleichbar gemischte Gefühle wie ihr Vater: Sie ist fraglos stolz auf den Ruhm ihrer Mutter, bekommt aber Angst, als sie eine Pressevertreterin von der angeblichen 50:50-Chance auf eine sichere Rückkehr sprechen hört.

    Emma selbst wird als Karrierefrau vorgestellt, ihr Ehrgeiz bekommt früh Kontur: Bei einem Schul-Fußballspiel ist sie über die vergebenen Torchancen ihrer Tochter wütender, als es Trapatoni jemals hätte sein können. Und doch verliert sie schon in der Pilotfolge an Autorität: Beim Anflug auf den Mond tritt ein chemisches Leck auf, und als die fachfremde Emma helfend einschreiten will, kommt es zu einer kleinen, aber potenziell fatalen Explosion, deren Feuer Misha und Lu gerade noch löschen können. Von da an hängt der Zweifel in der Luft: Die Chinesin und der erfahrene Russe (dem Emma als Commander vorgezogen wurde) machen fortan keinen Hehl daraus, dass sie Emma für eine Fehlbesetzung halten und lieber Jack Willmore (Martin Cummins, „Die Coal Valley Saga“) von der Mondstation mit zum Mars nehmen würden, während Ram und Kwesi vorerst noch zur Chefin halten. Bei den allabendlichen Reports an die Bodenstation um NASA-Executive George Lane (Brian Markinson, „Continuum“) schätzen alle Beteiligten den Leck-Vorfall und Emmas Führungskompetenzen unterschiedlich ein, Russland und China fordern allerdings, nachdem Misha und Lu sie ins Zwielicht stellten, die Demission Emmas.

    Lu Wang (Vivian Wu) in „Away“. Diyah Pera/Netflix

    An diesem Punkt ist „Away“ eine Serie mit viel Potenzial: Interessante Fragestellungen um Autorität, Loyalität, Vertrauen und (Selbst-)Zweifel wie auch über Vorbehalte von Männern gegenüber Frauen in Leitungsfunktionen – ist Emma fit to lead? – stehen hier zur Debatte und hätten für sich genommen schon Stoff für eine spannende Serie liefern können. Doch Hinderaker will mehr: Er lässt, kaum dass die Atlas auf der Lunar Base Alpha angekommen ist, Matt einen Schlaganfall erleiden. Er liegt, mit am Ende der zweiten Episode noch nicht vollständig absehbaren Heilungschancen und Folgeschäden, im Krankenhaus, Tochter Alexis möchte nun, dass ihre Mutter, anstatt zum Mars weiterzureisen, lieber sofort wieder nach Hause zurückkehrt. Emma steckt in der Zwickmühle. Auf der einen Seite Kollegen, die an ihrem Ast sägen, auf der anderen Seite ein familiäres Krankheitsdrama – die Widerstände sind groß. Natürlich aber bleibt Emma trotzdem an Bord. Es sind ja noch neun Folgen.

    Die Pilotfolge inszenierte Edward „Ed“ Zwick, der einst die schöne Spätachtziger-Serie „Die besten Jahre“ erfand, später als Produzent von „Shakespeare in Love“ einen Oscar gewann und als Regisseur am bekanntesten ist für pathetische Kino-Epen wie „Legenden der Leidenschaft“ und „Last Samurai“. Sein Hang zur großen Geste kommt auch in „Away“ wieder durch: Die Wohninterieurs der glücklichen Kleinfamilie Green inszeniert er in den Rückblenden so überbelichtet wie eine Ikea-Werbung, hinzu kommt die Vorliebe für Aufnahmen von Astronaut*innen, die (gern in Zeitlupe) im Raumanzug aus der Unschärfe heraus langsam auf die Kamera zuschreiten. Soundtrack-Komponist Will Bates lässt parallel Bombast auffahren. Wenig subtil auch die Zeichnung der Crewmitglieder, die gerade im Hinblick auf Russland und China wie ein Rückfall in Kalter-Krieg-Zeiten anmutet. Der Russe Misha, ein chauvinistischer Großkotz, untergräbt Emmas Autorität von Anfang an, später wird NASA-Mann Lane sagen, dass die Russen es am liebsten hätten, man würde Emma direkt erschießen. Chinesin Lu gibt sich so barsch und verschlossen, dass man zwangsläufig auf den Gedanken kommt, dass es sich bei ihr um eine Spionin handelt.

    Blick hinter die Kulissen: Regisseur Ed Zwick und Schauspieler Josh Charles in „Away“. Katie Yu/Netflix

    Diese Striche sind so grob: Man kann sie nicht für bare Münze nehmen. Folglich beginnt „Away“ dann ab der zweiten Episode (Regie: Jeffrey Reiner, „The Affair“) damit, die vorher zu schurkischen Gegnern aufgebauten Figuren wieder sukzessive zu rehabilitieren. Im Zentrum der Episode steht eine längere Spannungssequenz: Weil sich ein Sonnensegel nicht aufrichtet, das für den Weiterflug zum Mars unerlässlich ist, muss Emma ausgerechnet mit Widersacher Misha einen „Space Walk“ absolvieren, also außerhalb des Raumschiffs die Reparatur durchführen. Dabei muss sie eng mit Misha zusammenarbeiten, sich auf ihn verlassen und dafür sorgen, dass er sich im Gegenzug auch auf sie verlässt. Schließlich wagt sie ein Husarenstück und regelt die Sache. Damit erarbeitet sie sich Mishas Vertrauen und Respekt (was praktisch ist, da er ihr kurz zuvor noch brüsk entgegnete, Vertrauen und Respekt müsse man sich erst erarbeiten!). Nebenher gibt es Flashbacks ins Leben von Misha, den harte Arbeit aus ärmlichen Verhältnissen in die Astronauten-Champions-League, allerdings auch in zerrüttete Familienverhältnisse geführt haben. Man muss sich selbst loslassen, heißt es einmal. Ein normales Leben ist nicht möglich, wenn man sich der Weltraumfahrt verschrieben hat.

    Inwieweit die Sci-Fi-Elemente der Serie plausibel, denkbar oder aber völlig haarsträubend sind, das mögen Experten beurteilen. Immerhin war sich der US-amerikanische Star-Astronaut Mike Massimino nicht zu schade für einen Gastauftritt. Die Szenen in der Schwerelosigkeit wirken durchaus recht realistisch, und den Space Walk in der zweiten Episode hat auch „Gravity“ einst nicht besser hingekriegt.

    Skurriler ist schon die Idee, den Space Walk vom siechen Matt aus dem Krankenhausbett heraus dirigieren zu lassen. Der schaut sich das lebensgefährliche Abenteuer seiner Frau gemeinsam mit Tochter Alexis im Krankenhaus auf einem Screen an und gibt per Telefon (!) Anweisungen, wie es Emma gelingen könnte, die Reparatur durchzuführen. Die Szene erinnert an James Stewart und Grace Kelly in Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“, nur dass der Hof hier die Ausmaße mehrerer Millionen Kilometer hat. Selbst wenn das technisch (potenziell) machbar sein sollte, hat die spannend inszenierte Sequenz auch etwas sehr Albernes. Und weil sich Emma hier nur beweisen kann, weil ihr Ehemann selbst aus größter Ferne aktiv eingreift, verkleinert sie Swanks Figur zudem auf ungute Weise.

    Tochter Alexis (Talitha Eliana Bateman) im Krankenzimmer ihres Vaters Matt (Josh Charles). Diyah Pera/Netflix

    Wohin sich „Away“ von hier an entwickelt, dürfte interessant sein: Wird die Mars-Mission nun Folge für Folge von einem weiteren technischen Desaster heimgesucht, an dessen Behebung sich eines der Crewmitglieder versuchen kann? Gibt es jedes Mal Rückblenden ins Leben einer Figur? Bleibt Matt die ganzen zehn Folgen als dirigierender Mann aus dem Hintergrund im Krankenhausbett liegen? Wird Alexis mehr zu tun bekommen als pro Folge einmal mit ihrer Mutter im All zu telefonieren? Wird die Atlas den Mars erreichen, und wenn ja: Wie könnte man daran potenzielle Folgestaffeln anknüpfen?

    Man sollte sicher einiges Interesse an dramatischen Astronautendramen und/oder an Hillary Swank mitbringen, um bei „Away“ in akute Binge-Laune zu kommen. Anfangs gelingt es den Machern jedenfalls nicht, die Personen an Bord und am Boden genügend weit weg von herkömmlichen Charakterstereotypen wegzubewegen: Bleibt dies weiterhin aus, droht wohl rasch der Absturz in die Space-Kolportage. Ansonsten könnte immerhin ein halbwegs spannendes Weltraumabenteuer drinsitzen.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie „Away“.

    Meine Wertung: 3/5

    Die achtteilige Auftaktstaffel zu „Away“ wird am 4. September 2020 bei Netflix weltweit veröffentlicht.

    Trailer zu „Away“ (Synchronfassung)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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