RTL, ProSieben und Sat.1 im Wandel: Seriöser, relevanter, familienfreundlicher – aber auch erfolgreicher?

    Bestandsaufnahme der großen Privatsender vor den Screenforce Days

    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier – 07.06.2021, 19:30 Uhr

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    RTL, ProSieben und Sat.1 im Wandel: Seriöser, relevanter, familienfreundlicher - aber auch erfolgreicher? – Bestandsaufnahme der großen Privatsender vor den Screenforce Days – Bild: TVNOW/Felix Rachor/TVNOW/Stefan Gregorowius/ProSieben/Michael de Boer/ProSieben/Screenshot

    In genau einer Woche ist es wieder so weit: Die Screenforce Days finden – corona-konform digital – statt und bieten den großen deutschen TV-Sendern die Möglichkeit, ihre Programm-Highlights für die kommende Saison vorzustellen und den Werbekunden schmackhaft zu machen. Selten war die Branche im Vorfeld so gespannt darauf, was RTL, Sat.1, ProSieben und Co. dort vorstellen werden, denn die Sender haben bereits in den vergangenen Monaten mehrfach betont, ihr Programm und Senderverständnis neu auszurichten. Insbesondere RTL hat sich auf die Fahnen geschrieben, seriöser, relevanter und familienfreundlicher zu werden. Die Marke RTL soll positiv neu aufgeladen werden. Ein gewagtes und nicht risikofreies Vorhaben.

    Hofer statt Bohlen

    Die erste Bombe ließ RTL Anfang März platzen: Nur wenige Tage nach Dienstantritt des neuen Senderchefs Henning Tewes wurde verkündet, dass Jury-Urgestein Dieter Bohlen künftig nicht mehr Teil von „Deutschland sucht den Superstar“ und „Das Supertalent“ sein wird. Was tatsächlich niemand für möglich gehalten hätte, ist passiert: 19 Jahre nach der ersten „DSDS“-Staffel wurde dem Poptitan vom Sender gekündigt – unfreiwillig, wie sich relativ schnell herausstellte. Und so schwänzte Bohlen als Reaktion die letzten beiden „DSDS“-Live-Shows, für die er noch engagiert war. Angeblich aus Krankheitsgründen, doch während der Live-Sendung meldete er sich ziemlich fidel bei Instagram zu Wort. RTL wolle neue Wege gehen und familienfreundlicher werden. Da hat so ein Revoluzzer, der immer ein bisschen auf die Kacke haut, wie ich, eben nichts mehr zu suchen, so Bohlen. Sowohl bei „DSDS“ als auch beim „Supertalent“ will RTL in der kommenden Saison mit komplett neuen Jurys „neue Impulse“ setzen.

    Jan Hofer TVNOW/​Stefan Gregorowius

    Doch dies war nur der Anfang: Jan Hofer, der langjährige Chefsprecher der „Tagesschau“, wird Anchorman einer neuen wochentäglichen Nachrichtensendung im Hauptabendprogramm von RTL. Der Sender will mit Hofers Verpflichtung sein Newsangebot rund um das Flaggschiff „RTL Aktuell“ weiter ausbauen. RTL meint es ganz offensichtlich ernst mit der Ankündigung, mehr als bisher in Information zu investieren, um damit die Relevanz und die Nachrichtenkompetenz des Senders zu steigern. Denn über eine „Nachrichtensendung im Hauptabendprogramm“ verfügt RTL derzeit nicht. Zwischen „RTL Aktuell“ um 18:45 Uhr und dem „RTL Nachtjournal“ um Mitternacht gibt es bislang keine weitere reguläre Nachrichtensendung. Dies soll sich offenbar bald ändern und RTL könnte somit den „Tagesthemen“ und dem „heute journal“ Konkurrenz machen. Zudem wird es eine zusätzliche „RTL Aktuell“-Ausgabe am Nachmittag um 16:45 Uhr geben. Jüngst wurde hierfür Anna Fleischhauer als neue Moderatorin verpflichtet, die das Team um Peter Kloeppel, Charlotte Maihoff und Maik Meuser verstärken wird. Es wurde außerdem angekündigt, mit der Initiative „Klima vor acht“ im Umfeld von „RTL Aktuell“ eine regelmäßige Klimaberichterstattung zu etablieren.

    Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gab es bereits regelmäßig „RTL Aktuell“-Spezialausgaben um 20:15 Uhr und auch größere Sondersendungen zu Schwerpunktthemen, die kurzfristig ins Programm genommen wurden. Drei Stunden lang war etwa die Live-Sendung „Angriff auf unsere Kinder und was WIR dagegen machen können“ zu sehen, in der Steffen Hallaschka mit Experten über Gefahren im Internet für Kinder aufklärte.

    ProSieben will „Unterhaltung mit Haltung“ zeigen

    Vor dem Aufkommen der Streamingdienste gehörten US-Serien bei den Privatsendern zu den Highlights, mit denen man sich gerne brüstete. Doch Netflix, Prime Video, Disney+ und Co. decken das Bedürfnis nach fiktionaler Unterhaltung inzwischen komfortabler und zeitunabhängiger ab, was mit kontinuierlich sinkenden Reichweiten im linearen Fernsehen einhergeht. RTL hat sich schon seit dem Ende von „Bones – Die Knochenjägerin“ und „Dr. House“ komplett von US-Serien in der Primetime verabschiedet. In Sat.1 gibt es mittlerweile nur noch einen US-Serientag in der Woche, auf dem sich „Navy CIS“ und „FBI: Special Crime Unit“ enorm schwertun. ProSieben hält den US-Serien noch am ehesten die Treue, doch seit dem Ende von „The Big Bang Theory“ fehlt auch hier der Leuchtturm. Selbst einstige Hits wie „Die Simpsons“ und „Grey’s Anatomy“ erreichen längst nicht mehr die Erfolgsquoten früherer Tage.

    ProSieben/​Screenshot

    Daher beschreitet die rote Sieben seit einiger Zeit neue Wege. Kurzfristig wurde etwa ein „ProSieben Spezial“ zur #BlackLivesMatter-Bewegung ins Programm genommen. Zur besten Sendezeit zeigte der Sender auch die vielbeachtete Reportage „Rechts. Deutsch. Radikal.“, für die Reporter Thilo Mischke mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Zu den besonderen Live-Momenten zählen die 15 Minuten von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf. Jedes Mal, wenn sie als Sieger in der Show „Joko & Klaas gegen ProSieben“ hervorgehen, erhalten sie als Gewinn am darauffolgenden Mittwochabend 15 Minuten Sendezeit zur freien Verfügung. Diese nutzt das Entertainer-Duo des Öfteren, um auf wichtige Themen aufmerksam zu machen. Eine der eindrucksvollsten Aktionen war „Männerwelten“, in der mit drastischen Beispielen gezeigt wurde, wie verbreitet Sexismus und sexuelle Belästigung gegenüber Frauen im Internet sind. In einer weiteren Ausgabe wurde auf das Schicksal der Menschen aus dem Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos aufmerksam gemacht. Getoppt wurde dies mit #nichtselbstverständlich: Ganze sieben Stunden lang räumte ProSieben unangekündigt seine Primetime für eine Dokumentation frei, die in Echtzeit den Alltag in einer Klinik zeigte und den Pflegenotstand thematisierte (fernsehserien.de berichtete).

    Jüngst überraschte ProSieben auch mit dem ersten Interview mit Annalena Baerbock nach der Bekanntgabe ihrer Kanzlerkandidatur – Interviews mit Armin Laschet und Olaf Scholz folgten kurz darauf. Ungewohnte Bilder auf dem Sender, auf dem zu dieser Zeit für gewöhnlich die US-Sitcom „The Big Bang Theory“ gezeigt wird.

    Linda Zervakis und Matthias Opdenhövel ProSieben/​Michael de Boer

    Doch das sollte nur der Anfang sein: Nur zwei Tage nach ihrem Abschied als „Tagesschau“-Sprecherin wurde bekannt, dass Journalistin und Moderatorin Linda Zervakis zu ProSieben wechselt, um dort gemeinsam mit Matthias Opdenhövel ab Spätsommer ein neues Journal zu präsentieren. „Zervakis & Opdenhövel. Live.“ soll wöchentlich zwei Stunden lang live ab 20:15 Uhr ausgestrahlt werden und den eingeschlagenen Weg, „Unterhaltung mit Haltung“ zu bieten, konsequent fortsetzen. Abgesehen von dieser neuen Sendung plant ProSieben auch darüber hinaus weitere relevante, journalistische Formate, darunter „Die ProSieben-Bundestagswahl-Show“ mit Louis Klamroth.

    Wir wollen jedoch nicht vergessen, dass auf ProSieben im letzten Jahr auch die mehr als grenzwertigen Formate „Balls – für Geld mach ich alles“ und „Beauty & the Nerd“ liefen, die so gar nicht zum Image des vorbildlichen Relevanz-Privatsenders passen wollen. Demnächst lässt man auch noch unnötigerweise „Die Alm“ vom Fernsehfriedhof auferstehen. Doch natürlich steht ProSieben auch für gute Unterhaltung – mit Erfolgsformaten wie „The Masked Singer“, „Joko & Klaas gegen ProSieben“ und dem erfolgreichen Neuzugang „Wer stiehlt mir die Show?“.

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