„Imperfect Women“: In Verlogenheit verbunden – Review

Kerry Washington („Scandal“), Elisabeth Moss („The Handmaid’s Tale“) und Kate Mara („House of Cards“) als unehrliche Freundinnen in formelhaftem Thriller-Drama

Christopher Diekhaus
Rezension von Christopher Diekhaus – 17.03.2026, 18:01 Uhr

Wie intakt war die Ehe von Robert (Joel Kinnaman) und Mordopfer Nancy (Kate Mara)? – Bild: Apple TV
Wie intakt war die Ehe von Robert (Joel Kinnaman) und Mordopfer Nancy (Kate Mara)?

„Liebe zeigt sich in Taten, nicht in Worten“, heißt es sinngemäß an einer Stelle der neuen Apple-TV-Miniserie „Imperfect Women“ – was die lange, bei genauem Hinsehen aber auf wackeligen Füßen stehende Freundschaft der drei Protagonistinnen gut beschreibt. Seit 25 Jahren, seit ihrem Kennenlernen auf dem College, sind Eleanor (Kerry Washington), Mary (Elisabeth Moss) und Nancy (Kate Mara) eng verbandelt. Als Letztere ermordet wird, bröckelt das Bild des verschworenen Trios jedoch rasant. Verortet ist die Handlung in einem eher wohlhabenden Milieu, wodurch sich die Adaption des gleichnamigen Romans von Araminta Hall in eine Reihe ähnlich gelagerter Produktionen der jüngeren Vergangenheit einfügt. Menschen, die in schicken Eigenheimen wohnen, schöne Autos fahren, sich exklusive Restaurantbesuche leisten können, ein vermeintlich perfektes Leben führen, haben Leichen im Keller, die durch ein Verbrechen ans Tageslicht gelangen. Diesem Muster folgen beispielsweise die Netflix-Serie „Ein neuer Sommer“ mit Nicole Kidman und „Little Disasters“ mit einer stark aufspielenden Diane Kruger. An „Imperfect Women“ lassen sich nun die Abnutzungserscheinungen des Trends erkennen. Wenn immer wieder die gleichen Parameter bemüht werden, sitzt man dem Ganzen eher achselzuckend statt gebannt gegenüber.

Der Mord an Nancy steht zwar am Anfang – und damit auch die Frage nach der verantwortlichen Person. Als klassischer Whodunit ist die von Annie Weisman („Fast wie Familie“) entwickelte Serie deshalb allerdings nicht angelegt. Vielmehr handelt es sich um einen Mix aus psychologischem Thriller und Drama, das vor allem die toxischen Dynamiken der so wahrhaftig scheinenden Freundschaft unter die Lupe nimmt. Ermittlerfiguren tauchen in den für diese Kritik gesichteten ersten vier von insgesamt acht Folgen bloß sporadisch auf, wobei ins Auge sticht, wie rasch sie Eleanor mit einer fast feindseligen Haltung begegnen.

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Frei nach dem Motto „Gegensätze ziehen sich an“ sind die drei zentralen Charaktere unterschiedlich gezeichnet, was schon ein wenig nach Reißbrett riecht. Nancy stammt aus einem White-Trash-Umfeld, hat in ihrer Kindheit und Jugend häusliche Gewalt erfahren. Seit der Hochzeit mit Robert Hennessey (Joel Kinnaman), dem Angehörigen einer wohlhabenden, einflussreichen Familie, hat sie ihr Aufwachsen in schwierigen Verhältnissen jedoch hinter sich gelassen. Um sich an ihren Sieg über ihre schmerzhafte Vergangenheit zu erinnern, feiert die in der Kunstwelt aktive Gesellschaftsdame jedes Jahr eine fast schon obszön prunkvolle Neujahrsparty.

(v. l.) Mary (Elisabeth Moss), Eleanor (Kerry Washington) und Nancy (Kate Mara) auf einer exquisiten Gartenparty Apple TV

Mary wiederum lebt auf kleinerem Fuß, kann sich mit ihrem Ehemann Howard (Corey Stoll), einem Uniprofessor, aber immerhin ein geräumiges Vorortdomizil leisten. Als Hausfrau und Mutter zweier Kinder, die sich um Wäsche, Einkäufe, etc. Gedanken machen muss, hat sie wohl am ehesten so etwas wie einen Otto-Normal-Alltag. Genau diesen Punkt reibt sie in einer Folge Eleanor unter die Nase, die ebenfalls in einer anderen Sphäre agiert. Als erfolgreiche, stets topgekleidete Geschäftsfrau einer Nonprofit-Firma ist für sie ein elegantes Innenstadtloft ohne Probleme erschwinglich. Ihre Unabhängigkeit zelebriert sie. Gelegentliche Affären sind willkommen (selbst mit einem Untergebenen), feste Bindungen hingegen nicht.

Geschichten aus unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen, gehört im Serienbereich längst zum guten Ton. Da schon Araminta Halls Buchvorlage in mehrere Blickwinkel aufgefächert ist, bedient sich selbstredend auch die Apple-Produktion dieses dramaturgischen Kniffs. Wie eigentlich beinahe immer in solchen Fällen kommen außerdem Voice-over-Kommentare zum Einsatz. Folge 4, die der getöteten Nancy „gehört“ und einen Rückblick auf ihre letzte, unschön verlaufende Neujahrsparty zeigt, bemüht das Stilmittel derweil etwas zu oft, driftet teils ins Geschwätzige ab. Nancys Innenleben über ihre ausgesprochenen Gedanken erfahrbar zu machen, ist freilich ein bequemer Weg. Nur: Schon im Drehbuchanfängerkurs wird einem nicht umsonst der Ratschlag Show, don’t tell! ans Herz gelegt: Soll heißen: Filmisch denken! Figuren über ihre Handlungen zu beschreiben, ist besser, als sie sich ständig selbst erklären zu lassen.

Weniger (dafür aber einige recht willkürlich gesetzte) Voice-over-Momente haben die ersten drei Episoden, in denen wir durch Eleanors Augen blicken. Sie ist diejenige, die von Nancys Affäre mit einem ominösen David weiß, den die Tote am Abend ihres Ablebens in den Wind schießen wollte. Eleanor eilt an Roberts Seite, als dieser darüber verzweifelt, dass er seine Frau nicht erreichen kann. Und generell nimmt sie nach dem Mord die Zügel in die Hand, will den anderen Beteiligten eine Stütze sein. Nach und nach bekommt das Bild der starken, selbstbestimmten Kümmererin allerdings Risse. Etwa, wenn ihre familiären Hintergründe klarer werden und sich eine schon lange gehegte Sehnsucht herauskristallisiert. Mary, die sich mehrfach beschwert, in der Dreierfreundschaft manchmal außen vor gewesen zu sein, wirkt in den ersten drei Kapiteln leider oft wie ein Zaungast, bekommt noch nicht allzu viel Profil. Ihre eigenmächtigen Ermittlungen bezüglich Nancys unbekanntem Liebhaber spielen sich komplett im Off ab und sind daher kaum greifbar. Abhilfe könnte hier die sechste Folge schaffen, die immerhin den Titel „Mary“ trägt.

Howard (Corey Stoll) und seine Frau Mary (Elisabeth Moss, M.) kommen in den ersten Folgen etwas kurz. Apple TV

Dass „Imperfect Women“ widersprüchliche, unehrliche Protagonistinnen, keine strahlenden Heldinnen ins Zentrum stellt, ist reizvoll. Und doch wirken die Charakterporträts ein wenig formelhaft, entfachen bis zur Halbzeit noch nicht ein derart großes Interesse, dass man jeder neuen Enthüllung und haarigen Entscheidung entgegenfiebert. Warum werden Frauen selbst heute noch so oft nach anderen Maßstäben beurteilt als Männer? Weshalb verlangt man von ihnen eher, eine perfekte Figur abzugeben? Diese beiden Fragen möchte die Serie, ebenso wie der zugrunde liegende Roman, verhandeln. Gerecht wird das kreative Team um Schöpferin Annie Weisman dem Anspruch aber nur bedingt.

Grobe Schnitzer erlaubt sich die Serie in den ersten vier Folgen nicht. Die sich auftuenden Abgründe sind kompetent inszeniert. Das Schauspielensemble ist mit Eifer bei der Sache. Ein Moment beispielsweise, in dem sich aufgestaute sexuelle Anspannung explosionsartig entlädt, hat das nötige Feuer. Beim Anblick der hübsch arrangierten Bilder, der zuweilen krass zugespitzten Tiefschläge für unsere Hauptfiguren kommt man aus dem Déjà-vu-Modus allerdings irgendwie nicht heraus. Privilegierten Menschen mit charakterlichen Schwächen zuzusehen, die sich unter anderem Gedanken darüber machen, wo genau in ihrem ausladenden Garten die Bar während einer Feier am besten zur Geltung kommt, kann auf Dauer ganz schön ermüdend sein.

Meine Wertung: 2,5/​5

Die ersten beiden Folgen der Serie „Imperfect Women“ sind ab Mittwoch, dem 18. März auf Apple TV verfügbar. Die restlichen Episoden werden anschließend im wöchentlichen Rhythmus veröffentlicht.

Über den Autor

Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.

Lieblingsserien: Devs, Lass es, Larry!, Severance

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