Das deutsche Fernsehjahr 2020 im Rückblick (Teil 2): „Lindenstraße“-Abschied, „Tatort“-Jubiläum und „Verbotene Liebe“-Comeback

    Zweiter Karrierefrühling für Pocher, Fake-Vorwürfe gegen Joko & Klaas

    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier – 26.12.2020, 09:00 Uhr

    RTL-Nachmittag und Sat.1-Vorabend weiterhin Trümmerhaufen

    Sat.1/​Willi Weber/​TVNOW/​Wischmeyer/​Bernd-Michael Maurer/​Philipp Rathmer/​TVNOW/​Gregorowius/​Sat.1/​Willi Weber

    Alle Jahre wieder: Auch 2020 befindet sich unter den größten Flops des Jahres der Sat.1-Vorabend. Weiterhin hat es der Bällchensender nicht geschafft, seine quotenschwache „Todeszone“ zwischen 18 und 20 Uhr auf Vordermann zu bringen. Weder die zurückgekehrte Realityshow „Big Brother“ noch Pseudo-Crime-Dokus wie „Grünberg und Kuhnt“, „Richter & Sindera“ und das „K11“-Comeback oder die Quizshows „Genial daneben – Das Quiz“, „Genial oder Daneben?“, „Buchstaben Battle“ und „5 Gold Rings“ konnten etwas reißen. Noch immer sind die Marktanteile in der jungen Zielgruppe tief einstellig und bewegen sich zwischen drei und sechs Prozent.

    Was für Sat.1 der Vorabend ist, ist für RTL das Nachmittagsprogramm. Seit Jahren versucht RTL vergeblich, nachmittags auf einen grünen Zweig zu kommen. Im Februar schickte der Sender ein komplett neues Line-up an den Start: Die Trödel-Spielshow „Kitsch oder Kasse“ mit Oliver Geissen, die Talkshow „Marco Schreyl“ und die Kochshow „Hensslers Countdown“ mit Steffen Henssler. Alle drei Formate scheiterten und sind nach wenigen Monaten abgesetzt worden. Ende Oktober folgte der nächste Versuch, diesmal mit sogenannten „Doku-Fiction“-Formaten – das klingt positiver als Scripted Reality, ist aber im Endeffekt dasselbe in Grün. Doch weder „110 – Echte Fälle der Polizei“ noch „Tatort Deutschland – aus den Akten der Justiz“ oder „Im Einsatz – Jede Sekunde zählt“ konnten quotentechnisch überzeugen und stehen bereits vor dem Aus.

    Je länger RTL und Sat.1 händeringend nach erfolgversprechenden Lösungen für ihr Tagesprogramm suchen, umso deutlicher wird das Problem: Indem man jahrelang nur auf kostengünstiges und auch inhaltlich billiges Programm am Nachmittag und Vorabend gesetzt hat, umso mehr hat man potenzielle Zuschauer vergrault – die jetzt nicht mehr zurückkommen.

    Kampf um die Zuschauer: TV-Sender investieren immer mehr in Streaming

    ARD Das Erste

    Die zunehmende Bedeutung von Streamingdiensten haben inzwischen auch die „alten Hasen“ erkannt. Die ARD reagiert auf diese Entwicklung und baut die Mediathek sukzessive zu einem Streamingdienst mit exklusiven Eigenproduktionen aus. Das ARD-Portfolio soll mit Inhalten bereichert werden, die insbesondere ein deutlich jüngeres Publikum ansprechen sollen. Man habe dort die Chance, komplexere Geschichten zu erzählen und Genres zu bedienen, die im linearen Fernsehen kein Massenpublikum erreichen würden. Andere Projekte werden von Anfang an so konzipiert, dass sie sowohl im linearen Fernsehen funktionieren als auch online. Erklärtes Ziel ist es, pro Monat vier bis sechs neue Produktionen aus den Genres Fiktion/​Serie, Dokumentation und Show/​Comedy als Highlights zu präsentieren, die punktuell mit Lizenzkäufen ergänzt werden.

    Immer häufiger werden Serien und Filme einige Zeit vor der linearen Ausstrahlung in die ARD Mediathek gestellt – die Angst vor Kannibalisierung ist scheinbar unbegründet. So gab es bereits zwei Millionen Abrufe für die neue Miniserie „Das Geheimnis des Totenwaldes“ vor der linearen Ausstrahlung, die mit 6,55 Millionen Zuschauern ebenfalls ein riesiger Erfolg wurde. Für Nostalgiker brachen ebenfalls gute Zeiten an: Zum Stichtag des UNESCO Welttags des Audiovisuellen Erbes stellt die ARD seit dem 27. Oktober in der Rubrik „ARD Retro“ zahlreiche Schätze aus der Urzeit des Fernsehens bereit. Im Mittelpunkt stehen regionale und aktuelle Fernsehproduktionen aus der Zeit vor 1966, die nun online abrufbar sind. Zum Start der dritten Staffel der Erfolgsserie „Babylon Berlin“ kamen zudem Filmklassiker der 20er- und 30er-Jahre in die Mediathek.

    Cast und Crew der neuen TVNOW-Fictionprojekte TVNOW/​Andreas Friese

    Auch andere deutsche Anbieter schauen längst nicht mehr tatenlos dabei zu, wie ihnen „neue“ Marktteilnehmer wie Netflix, Prime Video, Disney+ und Co. allmählich die Zuschauer wegnehmen. Die Mediengruppe RTL stellte im Frühjahr ganze elf neue fiktionale Serien vor, die für ihr Streamingangebot TVNOW produziert werden. Für die Projekte konnten prominente Schauspieler wie Christoph Maria Herbst, Alexandra Maria Lara und Henning Baum gewonnen werden. Als erstes ging im Dezember die gelungene Serie „Unter Freunden stirbt man nicht“ mit Heiner Lauterbach, Walter Sittler, Adele Neuhauser und Iris Berben an den Start.

    Auch der Streamingdienst Joyn will seine Eigenproduktionen ausbauen. Im Herbst starteten die Dreharbeiten zur Sat.1-Koproduktion „Blackout“, eine sechsteilige Thriller-Romanverfilmung mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle. Des Weiteren kündigte Joyn die „junge und progressive“ Web-Serie „Stichtag“ an, in der sich alles um „das erste Mal“ dreht. Endgültig seine Pforten geschlossen hat im Sommer hingegen maxdome, das neben Joyn noch weiter existierte. Doch spätestens seit dem Launch der kostenpflichtigen Variante Joyn Plus+ im November 2019 erschien es unsinnig, maxdome noch weiter zu betreiben. Das Abomodell ist verschwunden, lediglich der maxdome Store bleibt weiter bestehen.

    Vor einigen Jahren noch unvorstellbar, gewinnt Streaming auch im Sport immer mehr an Bedeutung. Prime Video hat im Mai kurzfristig zum ersten Mal überhaupt Fußball-Bundesliga-Spiele live übertragen. Damit nicht genug: Die Streamingdienste DAZN und Amazon Prime haben sich alle Live-Rechte an der Champions League ab der Saison 2021/​22 gesichert. Der große Verlierer heißt Sky. Der Pay-TV-Anbieter hat sämtliche Rechte an die Konkurrenz verloren. Doch auch Kooperationen zwischen den Mediengiganten sind inzwischen möglich: Noch im Dezember teilten Sky und Prime Video mit, eine mehrjährige europäische Partnerschaft eingegangen zu sein. Ab sofort sind die Inhalte von Prime Video auch auf Sky-Geräten abrufbar – wie es bereits seit zwei Jahren auch mit Netflix der Fall ist.

    Tele 5 von Discovery gekauft – Underdog-Sender vor dem Wandel?

    Tele 5

    Im Juli wurde überraschend bekannt, dass der kleine Grünwalder Sender Tele 5 einen neuen Eigentümer erhält: Der Medienkonzern Discovery Deutschland hat den Sender gekauft. Zwei Monate später verkündete Kai Blasberg seinen Rückzug, der seit 2008 Geschäftsführer war und einige Freiheiten genießen konnte. Für Blasberg, der Tele 5 mit Formaten wie „SchleFaZ“ oder „Kalkofes Mattscheibe“ zum sympathischen Underdog-Sender machte, passe es nicht in seine Lebensplanung, für Konzerne zu arbeiten. Deshalb nahm er seinen Hut.

    Tele 5 ist nun Teil des Free-TV-Portfolios von Discovery, das auch aus DMAX, TLC, Eurosport 1 und Home & Garden TV besteht. Als Tele 5 eine digitale Programmpräsentation abhielt, wollte man vor allem eins vermitteln: Keine Sorge, auch nach der Übernahme durch den Konzern Discovery wird in Bezug auf das Programm bei Tele 5 alles beim Alten bleiben. Inwiefern dies tatsächlich der Fall sein wird, bleibt abzuwarten, eines wurde kurz darauf jedoch klar: Hinter den Kulissen kam es zu wenig erfreulichen Entwicklungen. Noch vor Weihnachten verloren rund 30 der 70 Mitarbeiter ihren Job. Erklärtes Ziel sei es, Doppelstrukturen abzubauen. Konkret sollen Abteilungen, die im Mutterkonzern bereits existieren, entweder aufgelöst oder geschrumpft werden. Die Entlassungen sind für die Betroffenen natürlich insbesondere in Zeiten von Corona bitter – und auch ein Schlag ins Gesicht. Denn Tele 5 hat 2020 laut Insidern das beste Betriebsergebnis seit Bestehen des Senders eingefahren.

    Morgen folgt die gnadenlose Abrechnung mit den Tops & Flops des Jahres. Welche TV-Sendungen haben 2020 das deutsche Publikum begeistert – und welche wurden so schnell wieder eingestellt, dass sie von den meisten Zuschauern bereits wieder vergessen wurden?

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    Über den Autor

    Glenn Riedmeier ist Jahrgang ’85 und gehört zu der Generation, die in ihrer Kindheit am Wochenende früh aufgestanden ist, um stundenlang die Cartoonblöcke der Privatsender zu gucken. „Bim Bam Bino“, „Vampy“ und der „Li-La-Launebär“ waren ständige Begleiter zwischen den „Schlümpfen“, „Familie Feuerstein“ und „Bugs Bunny“. Die Leidenschaft für animierte Serien ist bis heute erhalten geblieben, zusätzlich begeistert er sich für Gameshows wie z.B. „Ruck Zuck“ oder „Kaum zu glauben!“. Auch für Realityshows wie den Klassiker „Big Brother“ hat er eine Ader, doch am meisten schlägt sein Herz für Comedyformate wie „Die Harald Schmidt Show“ und „PussyTerror TV“, hält diesbezüglich aber auch die Augen in Österreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten offen. Im Serienbereich begeistern ihn Sitcomklassiker wie „Eine schrecklich nette Familie“ und „Roseanne“, aber auch schräge Mysteryserien wie „Twin Peaks“ und „Orphan Black“. Seit Anfang 2013 ist er bei fernsehserien.de vorrangig für den nationalen Bereich zuständig und schreibt News und TV-Kritiken, führt Interviews und veröffentlicht Specials.

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Roseanne, Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      "Lindenstraße Abschied für immer?"
      Es gibt seit März eine Fortsetzung in Romanform. Hier die letzte Folge:

      https://frischikowski.com/2020/12/27/folge-1797-heiligabend/
      • am

        1. Die Gesetze des freien Marktes gelten beim Personal sehr wohl auch bei den ÖR!
        2. Nein, Quoten und Marktanteile sind nicht egal, sondern sie dienen als Hinweis, ob man u.U. am Zuschauer vorbei plant und programmiert.
        3. Gutes Programm, vor allem gute Information kostet Geld. Dafür braucht man nun mal die Gebühren. Wer 12 EUR für netflix ausgibt und nochmal 30 EUR für SKY, dem sollte ein gutes, unabhängiges ARD & ZDF nicht zu teuer sein; 17,50 EUR sind dafür wirklich nicht zu viel!
        4. Dass die ÖR auch einen Bildungsauftrag erfüllen müssen, sieht am besten an Ihren Allgemeinplätzen in den letzten Sätzen. Da gibt es noch viel zu tun!

        P.S: Die Bundeskanzlerin verdient ca. 39.000 p.Mo. - q.e.d.!
        • am

          Ich habe nicht den Eindruck, dass die Einschaltquoten für die ÖRs als "Hinweise" aufgefasst werden, sondern sind mittlerweile der einzige Wert, der da zählt. Ich sehe das absolut nicht so, dass die ARD und ZDF eben weil sie gebührenfinanziert sind, in irgendeiner Form von den Quoten abhängig wären. Dann sollten sie sich den Privaten anpassen und sich über Werbung finanzieren. Das wäre ehrlicher. Wenn man sich in der Programmplanung nur an den Quoten orientiert, haben Sie eine Monokultur aus Krimi, Krankenhaus und Quiz und andere kulturelle Sparten haben keine Chance. Humor gibt es im Ersten nur noch Donnerstag im Nachtprogramm, sonst überhaupt nicht mehr. Was ist mit Theater, Musical, Lesungen etc.? Versteckt in den Dritten. Literatur? Einmal im Monat das literarische Quartett. Programmvielfalt und damit eben ein Teil der Umsetzung des Auftrags können Sie doch bei diesen Sendern mit der Lupe suchen.
      • (geb. 1979) am

        Also...ich bin ehrlich gesagt glücklich über Streamingdienste. Wenn ich mal über die App geschaut habe, was im TV lief oder auf anderen Seiten Berichte las, dachte ich mir immer wieder: Was soll dieser Quatsch? Das ist kein Fernsehen...das ist Brei für die Masse!
        • am

          Die Gehälter ihrer Intendanten sind gemessen an dem, was in der freien Wirtschaft verdient wird lachhaft niedrig. Wenn Sie dort noch weiter reduzieren, bekommen Sie nur noch Leute, die sonst keiner haben will - aus gutem Grund keiner haben will!

          Die Milliarden gibt wohl eher SKY aus und nicht ARD der ZDF!

          Aber ansonsten gebe ich Ihnen Recht ;-)
          • am

            Wie Sie richtig benennen, ist dies in der freien Wirtschaft so. Aber die Öffentlich-Rechtlichen sind nicht Teil eines freien Marktes. Im Gegensatz zu Sky, RTL etc. sind bzw. sollten sie nicht einschaltquotenabhängig und damit verbunden der Werbeindustrie agieren. Einschaltquoten müssten den ÖRs bei der Programmplanung schnurzpiepegal sein, sie rühmen sich aber noch damit, dass sie sich so am Mainstream anbiedern und nicht damit, dass sie mit Programmvielfalt glänzen. Dass man dafür auch noch zahlen muss, ist einfach widerlich. Sie haben einen öffentlich-rechtlichen Auftrag, der staatlich verankert ist, nicht umsonst müssen die Landesparlamente bei der Gebührenerhöhung zustimmen. Und wenn sich ein Parlament weigert, dann wird gleich die Nazi-Keule geschwungen oder die Leute mundtot gemacht, siehe Stahlknecht. Doch wenn ein WDR-Intendant mit über 33.000 Euro im Monat - die Zahl hat er selbst offen gemacht - mehr als doppelt so viel verdient wie unsere Bundeskanzlerin, dann sehe ich darin doch erhebliches Einsparpotential und doch ein ziemliches Defizit bei den finanziellen Machtverhältnissen in Bezug auf Politik und Medien.  
        • am

          Dass sie mit SOKO München und der Lindenstraße ausgerechnet zwei der langlebigsten Serien im deutschen Fernsehen unter so fadenscheinigen Gründen (angeblich gesunkene Quoten/ Produktionskosten/ "Mal was Neues") absäbeln ist für die Zuschauer schon eine ziemliche Beleidigung und zeigt, wessen Geistes die Programmverantwortlichen hinterher laufen. So wollen sie sparen? Da sollen die Öffentlich-Rechtlichen lieber mal an die überproportionellen Gehälter ihrer Intendanten rangehen oder die Milliarden, die die Bundesliga jährlich verschlingt - ab zu den Privaten. Dass wir für die Corona-Abklatscher der Bundesliga noch Gebühren zahlen müssen, ist echt ne Frechheit. Ob nun Carmen Nebel, der Kriminalist, Um Himmels Willen etc. - offensichtlich denken die, alles was schon länger läuft, kann nicht mehr gut sein. Dabei schaffen sie ihre eigenen Marken ab. Das Erste ist jetzt schon eine identitätslose Hülle und das ZDF folgt dem nach. Sehr traurige Entwicklung.
          • (geb. 1963) am

            Lindenstraße Abschied für immer?

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