Das deutsche Fernsehjahr 2020 im Rückblick (Teil 2): „Lindenstraße“-Abschied, „Tatort“-Jubiläum und „Verbotene Liebe“-Comeback

    Zweiter Karrierefrühling für Pocher, Fake-Vorwürfe gegen Joko & Klaas

    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier – 26.12.2020, 09:00 Uhr

    Trend zu mehr Relevanz und Live-Fernsehen

    Thilo Mischkes Reportage „Rechts. Deutsch. Radikal.“ sorgte für Aufmerksamkeit. ProSieben

    Ein Trend, der sich im letzten Jahr vor allem bei den Sendern RTL und ProSieben beobachten ließ, sind kurzfristige Umstruktierungen des geplanten Programms, um die Zuschauer mit aktueller Berichterstattung zu informieren. Noch vor zwei Jahren war es bei RTL eine ganz große Ausnahme, wenn das Programm am Nachmittag unterbrochen wird oder um 20:15 Uhr kurzfristig mal eben ein 15- bis 20-minütiges Nachrichten-Special gezeigt wird. Während der Corona-Pandemie zeigte RTL regelmäßige „RTL Aktuell“-Sondersendungen um 20:15 Uhr und veranstaltete Themenabende mit Doku-, Talk- und Informationssendungen. ProSieben ging sogar noch einen Schritt weiter und nahm kurzfristig ein „ProSieben Spezial“ zur #BlackLivesMatter-Bewegung ins Programm. Darüber hinaus zeigte man zur besten Sendezeit die vielbeachtete Reportage „Rechts. Deutsch. Radikal.“, für die Thilo Mischke mehr als eineinhalb Jahre recherchiert hat. Erfreulicherweise werden die Sender für diesen lobenswerten Einsatz auch mit tollen Einschaltquoten belohnt.

    „Joko & Klaas Live“ ProSieben/​Screenshot

    Zu den besonderen Live-Momenten im deutschen Fernsehen zählen auch die 15 Minuten von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf. Jedes Mal, wenn sie als Sieger in der Show „Joko & Klaas gegen ProSieben“ hervorgehen, erhalten sie als Gewinn am darauffolgenden Mittwochabend 15 Minuten Sendezeit zur freien Verfügung. Bereits im letzten Jahr wusste das Entertainer-Duo die Sendezeit um 20:15 Uhr zu nutzen, um auf bestimmte Themen aufmerksam zu machen – 2020 konnte dies aufgrund der Auswahl der Themen noch getoppt werden.

    Eine der eindrucksvollsten Aktionen war „Männerwelten“ – in diesen 15 Minuten traten Joko und Klaas selbst nicht auf. Stattdessen begrüßte Autorin und Journalistin Sophie Passmann die Zuschauer in einem düsteren Korridor. Ihr sei die Sendezeit von Joko und Klaas zur Verfügung gestellt worden und diese wolle sie nutzen, um den Zuschauern eine ganz besondere, einmalige Kunstausstellung zu zeigen – die Ausstellung „Männerwelten“. Diese Ausstellung ist wirklich nichts für Kinder und nichts für schwache Nerven, warnte Passmann. In den folgenden Minuten war unter Veranschaulichung mit drastischen Beispielen zu sehen, wie unglaublich verbreitet Sexismus und sexuelle Belästigung gegenüber prominenten und nicht-prominenten Frauen im Internet sind.

    Sophie Passmann stellt „Männerwelten“ vor ProSieben/​Screenshot

    In einer weiteren Ausgabe der 15 Minuten reagierten Joko und Klaas auf ein anderes gesellschaftlich relevantes Thema: das Schicksal der Menschen aus dem Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Sie erläuterten, dass sie sich bereits vor der zeitweise umfangreichen Berichterstattung in den Medien entschieden hatten, im Falle eines Sieges auf das Thema aufmerksam zu machen, weil es damals – vor dem verheerenden Ausbruch des Feuers am 8. September – ihrer Ansicht nach zu wenig im Blickfeld der Medien war. Milad Ebrahimi aus Afghanistan erzählt in #MoriaStory von seiner Flucht nach Europa. Es werden schockierende und grausame Videoaufnahmen der unmenschlichen Zustände gezeigt, die „nur zwei Flugstunden entfernt“ herrschen. Mit solchen Aktionen stellen Joko und Klaas immer wieder unter Beweis, dass sie mehr als nur die Blödel-Dödel von ProSieben sind.

    Fake-Vorwürfe gegen Joko & Klaas

    Joko (l.) und Klaas ProSieben/​Jens Hartmann

    Doch 2020 gab es nicht nur Lob für Joko und Klaas. Das Entertainer-Duo wurde zum wiederholten Mal mit Fake-Vorwürfen konfrontiert. In einem Bericht des investigativen Reportageformats „STRG_F“ wurden gegen Joko und Klaas in mehreren Fällen Schummelvorwürfe erhoben. So seien umfangreich Schauspielerinnen und Schauspieler in Einspielfilmen eingesetzt worden, obwohl die Ereignisse als spontan und echt dargestellt wurden. Zudem seien sie grob verkürzt oder offenbar geskriptet gewesen. In mehreren Fällen sollen gecastete Laiendarsteller im Einsatz gewesen sein, obwohl der Eindruck eines authentischen Geschehens erweckt werden sollte.

    Unter anderem ging es um einen Fahrraddiebstahl, der sich angeblich während der Aufzeichnung der Sendung „Late Night Berlin“ im Rahmen eines Experiments ereignet hatte. In der Sendung wurde der Eindruck erweckt, als sei ein Unbekannter auf frischer Tat ertappt worden – in Wirklichkeit war die Aktion mit einem Laiendarsteller inszeniert. Die Polizei Berlin habe jedoch aufgrund der überzeugenden Darstellung des angeblichen Diebstahls gar ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

    ProSieben/​Screenshot

    In einer weiteren Aktion im Rahmen der Late-Night-Show erlebte eine Frau angeblich authentische Tinder-Dates und wurde mit verschiedenen Ereignissen überrascht. Doch bei der Frau handelt es sich um eine Schauspielerin, die die Episode in ihrer Schauspielvita aufführte. Zudem sagten Zeugen gegenüber „STRG_F“ aus, dass die Szene mehrfach gedreht wurde.

    Darüber hinaus gab es Vorwürfe gegen die Show „Das Duell um die Welt“, bei der einige Szenen ebenfalls nicht so authentisch abgelaufen sind, wie sie dargestellt wurden. So wurde der Eindruck erweckt, als habe der Schauspieler Edin Hasanović einen Heißluftballon ganz alleine gefahren und gelandet. Es wurde vermittelt, dass seine Begleiter zuvor abgesprungen seien und Hasanović alleine im Ballon hinterlassen haben. Doch in Wirklichkeit war Hasanović zu keiner Zeit alleine im Ballon. Stets war ein Pilot dabei, da dies den gesetzlichen Vorgaben entspricht.

    ProSieben reagierte mit einer Stellungnahme, dass es kein Geheimnis sei, dass mitunter Laiendarsteller eingesetzt werden. Für Einspielfilme werden neben spontanen Passanten ab und an ganz offen und öffentlich Teilnehmer gesucht, um sicherzustellen, dass ausreichend Protagonisten zur Verfügung stehen, die bereit sind, sich filmen zu lassen. Sie wissen nicht, was redaktionell für sie vorbereitet wird. Auch im Fall des Fahrraddiebstahls bestätigte ProSieben, dass die Aktion inszeniert war: Ziel des Beitrages war die humoristische Sensibilisierung für das Thema ‚Fahrraddiebstahl‘. Selbstkritisch möchten wir anfügen, dass in diesem Fall der satirische Ansatz des Filmes womöglich deutlicher gemacht hätte werden müssen. Bezüglich Edin Hasanović im Heißluftballon lautete das Statement: Wir arbeiten bei allen Filmen mit den höchsten Sicherheitsstandards, um das Leben unserer Protagonisten nicht zu gefährden. Dies ändert nichts an der subjektiven Wahrnehmung und Bereitschaft unserer Protagonisten.

    ProSieben/​Screenshot

    Klaas Heufer-Umlauf bezog selbst in seiner Show „Late Night Berlin“ Stellung zum Fahrraddiebstahl. In dem Fall haben wir deutlich so anders dargestellt, dass man es auch nicht so einfach mit einem ‚Ist ja nur Unterhaltung‘ wegwischen kann. Er könne jeden verstehen, der davon enttäuscht wurde. Dafür möchte ich mich ernst gemeint und ohne jede Ironie entschuldigen. Gleichzeitig ordnete er ein, dass es das Hauptziel von Joko und Klaas sei, die Zuschauer zu unterhalten. Dabei übertreiben und dramatisieren wir, für eine bessere Pointe überspitzen oder verkürzen wir Sachen, stellen sie manchmal auch spektakulärer dar, als sie in der Realität stattgefunden haben. Das gilt für unsere Einspielfilme genauso wie für unsere Show selbst. (…) Vieles, was in Fernsehstudios passiert, und vieles, was in dieser Reportage aufgezählt wurde, ist völlig zu Recht Teil einer Inszenierung namens Entertainment, die das Ziel verfolgt, Witze möglichst gut zu erzählen, Sie zu unterhalten und abzulenken. Und das ist auch genau gut so.

    zurückweiter

    weitere Meldungen