Das deutsche Fernsehjahr 2020 im Rückblick (Teil 2): „Lindenstraße“-Abschied, „Tatort“-Jubiläum und „Verbotene Liebe“-Comeback

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    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier – 26.12.2020, 09:00 Uhr

    Jan Böhmermann ist zurück – mit Top-Quoten im Hauptprogramm

    ZDF/​Jens Koch

    Jan Böhmermann beendete im Dezember 2019 sein „Neo Magazin Royale“ nach sechs Jahren und verabschiedete sich in eine lange Kreativpause. Am 6. November 2020 meldete er sich mit dem „ZDF Magazin Royale“ zurück, mit dem sich der Satiriker einen lange gehegten Wunsch erfüllen konnte: Nach einem sechsjährigen Dasein in der ZDFneo-Nische darf er nun endlich im Hauptprogramm senden – und das auch noch höchst erfolgreich. Am Freitagabend um 23 Uhr direkt im Anschluss an die „heute-show“ sind mehr als zwei Millionen Zuschauer dabei – in der Zielgruppe sind regelmäßig Marktanteile über 20 Prozent drin. Böhmermann ist tatsächlich Mainstream-tauglich.

    Im Vergleich zum Vorgänger „Neo Magazin Royale“ wurde die Sendezeit des Nachfolgers von 45 Minuten auf 30 Minuten gekürzt. Und auch sonst unterscheidet sich die Sendung durchaus: Im Vergleich zum Vorgänger kommt sie deutlich konzentrierter und minimalistischer daher. So verzichtet Jan Böhmermann nicht nur (Corona-bedingt) auf Studiopublikum, sondern auch auf einen Stand-up-Monolog und Talkgäste. Stattdessen sitzt er die gesamte Sendung über am Schreibtisch. Das „ZDF Magazin Royale“ erinnert an US-Vorbilder wie „Last Week Tonight with John Oliver“.

    Kern jeder Ausgabe ist größeres Thema, das Böhmermann in rund 15 Minuten beleuchtet, während investigativ recherchiertes Bild- und Textmaterial parallel eingeblendet wird. Aus der großen Late-Night-Sause ist ein satirisches Recherchemagazin geworden. Von dem klamaukigen Humoranteil aus „Neo Magazin“-Zeiten ist nur noch wenig übrig geblieben. Mit dem Wechsel ins ZDF-Hauptprogramm will Böhmermann offenbar massentauglicher und erwachsener daherkommen. Vermutlich wollte er auch schlichtweg etwas raus aus der Rolle des Spaßmachers für ein studentisches Nerd-Publikum (zur ausführlichen Premieren-Kritik).

    Neue Late-Night-Shows schießen in der Nische aus dem Boden

    Maxi Gstettenbauer präsentiert die „True Night Show“ One/​Screenshot

    Lange Zeit wurde das Fehlen von Late-Night-Shows in Deutschland beklagt – und ausgerechnet in einer Zeit, in der es Pandemie-bedingt kein Studiopublikum geben darf, schossen neue Formate regelrecht wie Pilze aus dem Boden. So ging Özcan Cosar mit „Die Cosar Show“ im SWR auf Sendung, während Philipp Walulis mit „Walulis Woche“ ins Fernsehen zurückkehrte – ebenfalls im SWR. Im rbb wurde die „Abendshow“ mit Ingmar Stadelmann zu einer Late-Night umgebaut und in One startete „The True Night Show“ mit Maxi Gstettenbauer. ZDFneo holte sich hingegen von funk Ariane Alter ins Boot, die Ende Oktober – quasi unbemerkt – mit „Late Night Alter“ auf Sendung ging. Dass die große Mehrheit davon dennoch nichts mitbekommen haben dürfte, liegt daran, dass die Shows vorwiegend in der Nische oder auf Regionalsendern gestartet sind.

    Die größte Enttäuschung im Late-Night-Genre legte ausgerechnet Stefan Raab hin. Bei der Programmpräsentation von RTL sorgte es in der Medienwelt für Aufsehen, als verkündet wurde, dass kein Geringerer als Raab exklusiv für den Streamingdienst TVNOW eine neue Late-Night-Show produzierten würde. Das langjährige ProSieben-Gesicht wechselte erstmals in seiner Laufbahn die Seiten, denn es handelt sich um Raabs allererste Produktion für die Mediengruppe RTL Deutschland. Doch je mehr Informationen dazu bekannt wurden, umso skeptischer wurde man. Als die Sendung dann startete, konnte man nur noch mit dem Kopf schütteln.

    „Roaster“ Olaf Schubert und „Moderator“ Ralf Moeller TVNOW/​Willi Weber

    Die Show „Täglich frisch geröstet“ kommt ohne einen festen Moderator aus. Stattdessen übernimmt in jeder Ausgabe ein anderer Late-Night-Aspirant die Moderation und muss sich dem Urteil eines prominenten „Roasters“ stellen, während er selbst versucht, bestmögliche Unterhaltung abzuliefern. Die Sendung greift den aus den USA kommenden Trend des „Roastens“ auf. Dabei handelt es sich um kreatives Beleidigen. Es gilt, das Gegenüber so richtig durch den Kakao zu ziehen, in wohlwollender Absicht Witze auf dessen Kosten zu machen und ihn dadurch zu ehren.

    Das Problem: „Täglich frisch geröstet“ bietet weder gute Late-Night-Unterhaltung noch echtes „Roasting“. Stattdessen quälen sich Personen wie Ralf Moeller, Jorge González oder Evelyn Burdecki mit ihrem nicht vorhandenen Moderationstalent durch die Sendung, lesen schlechte Gags ab und buhlen um Applaus aus der Dose. Die Roaster wie Olaf Schubert, Mickie Krause oder Kai Pflaume sind viel zu zurückhaltend und mit ihren Aufgaben überfordert. Menschen beim Scheitern zuzuschauen ist leider nicht 45 Minuten lang unterhaltsam. Schade um das großzügig eingerichtete Late-Night-Studio, das für eine bessere Show genutzt werden könnte.

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