„Ms. Marvel“: Das Fangirl wird zur Superheldin – Review

    Die neueste MCU-Miniserie zielt als cleverer Highschool-Spaß auf jugendliche Zielgruppen

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 07.06.2022, 19:00 Uhr

    Alles um sie gerät in Bewegung: Kamala Khan (Iman Vellani) wird zu Ms. Marvel. – Bild: Disney+
    Alles um sie gerät in Bewegung: Kamala Khan (Iman Vellani) wird zu Ms. Marvel.

    In der zweiten von drei neuen Miniserien in diesem Jahr (nach „Moon Knight“ und vor „She-Hulk“) führt das Marvel Cinematic Universe (MCU) nicht nur die erste muslimische Superheldin des Franchise ein, es erweitert sein Personal (nach Filmen wie „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“) auch um weitere Charaktere asiatischer Herkunft. Im jetzt auf Disney+ startenden Sechsteiler „Ms. Marvel“ klappt das in Form einer äußert unterhaltsamen und auf charmante Weise selbstreferenziellen Teenagerkomödie, in der die 16-jährige Titelheldin ihre Superkräfte fast wie nebenbei entdeckt. Die comichaft verspielte Umsetzung zeigt: Nach all den zergrübelten Kollegen der letzten Jahre dürfen Superhelden endlich auch mal wieder einfach nur Spaß machen!

    Ostküsten-Pubertät trifft Superheld-Erwachen: Da war doch schon mal was in der Marvel-Welt? Genau, dreimal schon wurde sie verfilmt, die Origin Story vom Schuljungen Peter Parker, der nach einem Spinnenbiss zu Spider-Man wurde. Wenn Jugendliche ihre Superkräfte entdecken, dürfen sie in der Regel nicht nur mehr Quatsch machen als ihre von allerlei Verantwortungsballast beschwerten erwachsenen Pendants, es lässt sich mit ihnen auch sehr gut vom ganz gewöhnlichen Lebensaufruhr des Heranwachsens erzählenden: die Superhelden-Power als Metapher fürs pubertäre Erwachen. Das hat sich Autorin Bisha K. Ali, die schon Folgen für „Loki“ schrieb, zunutze gemacht, als sie für „Ms. Marvel“ eine durchaus vergleichbare Origin Story konzipierte, die zugleich in einem anderen kulturellen Kontext funktionieren muss. Das gelang bestens.

    Ms. Marvel als Comicfigur gibt es erst seit 2013, seither konnte Kamala Khan, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, aber schon eine respektable Fangemeinde generieren. Als erste muslimische Marvel-Superheldin schrieb sie zudem Comic-Geschichte: Die 16-jährige Kamala entstammt einer pakistanischen Einwanderfamilie, die sich in Jersey City niedergelassen hat, direkt gegenüber der Südspitze von Manhattan. Kamalas Bruder ist fromm, worüber der Vater herzlich spottet, man trifft sich in der Moschee und diskutiert am Esstisch über die Teilung Britisch-Indiens und deren Auswirkungen auf die Familien des südasiatischen Subkontinents. Es ist erstaunlich, wie unaufdringlich es Bisha K. Ali schafft, diese Themen gleichsam mitlaufen zu lassen, während die Serie ansonsten ein quietschbuntes Teenagerabenteuer erzählt und mit einer mitreißend eklektizistischen Freude an Formen, Farben und Darstellungstechniken die Comic-Herkunft geradezu zelebriert. Weil dazu auch der Animationsfilm gehört, erinnert hier vieles an „Spider-Man: A New Universe“, den gefeierten Spidey-Trickfilm von 2018, der so ziemlich alles, was an Comics Spaß macht, auf der Leinwand vereinte.

    Mutter ist eine herzliche, aber auch strenge Ratgeberin: Zenobia Shroff als Muneeba Khan Disney+

    Entscheidend für die Freude, die „Ms. Marvel“ bereitet, ist die Hauptrolle, und da hat Marvel mit der Besetzung der Newcomerin Iman Vellani einen Volltreffer gelandet. Vellani verfügt nicht nur über das nötige komödiantische Timing und eine so große darstellerische Bandbreite, dass sie mühelos vom herrlich Albernen ins verzweifelt Ernste wechseln kann, sie versprüht auch so viel Charme, dass selbst die sicherlich bereits im Anflug befindlichen Hater, die neben weißen, stolzen Männern bekanntlich keine anderen Superheldinnen dulden möchten, kaum eine andere Möglichkeit haben dürften, als die Waffen zu strecken.

    In den beiden Episoden, die der Presse vorab zugänglich gemacht wurden, muss Ms. Marvel noch gegen keinen finsteren Antagonisten antreten (dies dürfte in den verbleibenden Folgen aber sicher noch geschehen), über die Güte des Plots können also noch keine endgültigen Urteile gefällt werden. Stattdessen geht es vor allem um ihr soziales Umfeld: Ziemlich großartig ist Zenobia Shroff als zupackende Mutter, kaum weniger gut sind der indische Fernsehmoderator Mohan Kapur als Kamalas Vater und Saagar Shaikh als ihr Bruder sowie Travina Springer als dessen Verlobte. In prägnanten Szenen wird das Familienleben vorgestellt, die typischen Teenagerkonflikte (etwa: zu einer Party dürfen oder nicht) werden ergänzt um erfreulich unaufdringliche Empowerment-Elemente.

    So kandidiert Kamalas beste Freundin Nakia (Yasmeen Fletcher) für den Moscheerat. Die Szenen in der Moschee sind überhaupt fantastisch: Kamala beschwert sich beim Imam (Laith Nakli aus „Ramy“), als sie ermahnt wird, sie solle besser zuhören, darüber, dass das entschieden besser möglich sei, wäre sie als Frau nicht mehr hinter die geschlechtertrennende Barriere verbannt. Und als zwei Mädchen wegen ihrer Smartphone-Spielereien mit „No Snapchatting in the Masjid [Moschee]!“ angeherrscht werden, entgegnen sie entgeistert: „But it’s Insta!“ Ein durchaus anarchischer Gaga-Humor weht da durch die Gebetsreihen – eine schöne Respektlosigkeit gegenüber den Heiligkeiten patriarchaler Religionsorganisation, wie sie Comedy-Fans zuletzt auch in der unbedingt zu empfehlenden britischen Serie „We Are Lady Parts“ begegnete.

    Storymäßig geht es in den ersten Folgen vor allem um Kamalas geplanten Besuch der Fan-Convention AvengersCon, und es ist schon bemerkenswert, welches Ausmaß an Selbstreferenzialität das MCU inzwischen angenommen hat, was für lustvolle Tänzchen es auf den verschiedenen Meta-Ebenen aufführt. Der Ruhm der Avengers um Iron Man, Thor und Co. wird im MCU ja schon seit Langem als ein der (fiktionalen) Welt inhärentes Phänomen angenommen, in „Ms. Marvel“ aber sind die Avengers nun endgültig Bestandteil der Popkultur mit eigenen Conventions, und Kamala, deren Vater sich schon mal als „Hulk“ verkleidet, ist Teil einer Fangemeinde, die mit den Heldentaten dieser Superhelden aufgewachsen ist. Kamalas Idol ist Captain Marvel, und in deren (liebevoll nachgebasteltem) Kostüm will sie, begleitet von ihrem besten Freund, dem nerdigen Tüftler Bruno (Matt Lintz, „The Alienist“), auf der Convention für Furore sorgen. Dass sie ausgerechnet dort erstmals Kontakt mit ihrer eigenen Superpower macht, ist bewusst ironisch. Ms. Marvel ist die erste Superheldin, die ihr Heldinnen-Coming-Out sozusagen in aller Öffentlichkeit erlebt. (Dass die Außenseiterin hier Fan eines Multi-Milliarden-Franchise ist, das längst den Mainstream definiert, ist wiederum ein Fakt, der im MCU wohl eher nicht diskutiert werden dürfte.)

    Kristallin leuchtet die Powerfaust: Ms. Marvel testet ihre neuen Skills. Disney+

    Die Superkräfte jedenfalls, die mit der Migrationsgeschichte ihrer Familie zu tun haben und durch einen geheimnisvollen Armreif ausgelöst werden, präsentieren sich hier anders als in den Comics, in denen Kamala ihre Körperform manipulieren kann. In der Serie kontrolliert sie nun kosmische Energien – was alsbald auch zwei Agenten des DODC (Department of Damage Control) auf den Plan ruft: Alysia Reiner („Orange is the New Black“) und Arian Moayed („Succession“) haben erkennbar Spaß an ihren Parts als sarkastische Staatsbeamte.

    Während Kamala also ihre neuen Fähigkeiten zu beherrschen lernt und in einer ersten Bewährungsprobe im Kostüm einen Jungen rettet, der in den Tod zu stürzen droht, werden parallel mühelos die niemals welkenden Standards der Highschool-Komödie eingeflochten: die blonde Konkurrentin (Laurel Marsden), die vergeigte Fahrprüfung, der kumpelhafte Schülerberater, der attraktive neue Mitschüler Kamran (Rish Shah), auf den der heimlich in Kamala verliebte Bruno eifersüchtig reagiert. Solche Plots sind nicht neu, doch jede neue Generation hat eben nicht nur neue Superheldinnen verdient, sondern auch ihre eigenen Varianten jener Geschichten, die jeder Mensch irgendwann irgendwie so ähnlich durchlief.

    Autorin Ali, Hauptdarstellerin Vellani und die Regisseure (das Regiegespann Adil & Billal inszenierte fürs Kino „Bad Boys for Life“) verpacken auch das Altbekannte mit so viel Charme, dass es jederzeit frisch wirkt. Das liegt vor allem an der Verspieltheit der Darstellung, die mit Split Screens operiert und immer wieder ins Animierte übergeht, wenn Kamalas überbordende Fantasie das Ruder übernimmt – egal, ob sie YouTube-Videos über Captain Marvel fabriziert, ihr Vorbild als Trickfigur draußen am Auto vorbeifliegt wie ehedem Superman in seinen ersten Kinoserials, oder sich Kamalas Ideen wie Graffiti über die Backsteinmauern ihrer Umgebung ergießen. Der Erfindungsreichtum der Macher ist groß, und es steht zu vermuten, dass er für den Rest dieser Miniserie locker ausreicht.

    Bruno (Matt Lintz) ist Kamalas bester Kumpel – oder will er etwa mehr? Disney+

    Umso verblüffender, dass inmitten dieses Farb- und Formenreichtums so viel Platz freigeschaufelt wurde für die pakistanische Kultur, deren Elemente sich völlig organisch in das poppige Comic-Geschehen einfügen, ohne dass das jemals didaktisch oder wie ein vom Disney-Konzern aus Image-Gründen pflichtschuldig aufgepfropftes Diversity-Bekenntnis daherkommen würde. Da tauchen pakistanische Schauspielstars wie Nimra Bucha oder Samina Ahmed auf, darf der pakistanisch-amerikanische Comedian Azhar Usman (manche kennen ihn vielleicht aus „Patriot“) als Halal-Gyros-Budenbesitzer vorbeischauen, gibt es fast dokumentarisch anmutende Sequenzen aus den multikulturellen Straßen von Jersey zu bestaunen, und auf dem Soundtrack ist von Lollywood-Größen wie Naheed Akhtar bis zu international bekannten Stars wie M.I.A., von den Swet Shop Boys bis Riz Ahmed sehr viel von dem zu hören, was in der südasiatischen oder südasiatisch inspirierten Popkultur Rang und Namen hat: Pakistans erste weibliche Rapperin Eva B. reimt sich zum Beispiel energetisch über den Abspann der ersten Folge. Über all das wacht Sana Amanat, die die „Ms. Marvel“-Comics miterfand, hier als Executive Producer an Bord ist und aufpasst, dass der Geist der Vorlage, trotz der geänderten Skills der Hauptfigur, gewahrt bleibt.

    Anders als in manchen Vorläufern (etwa „The Falcon and the Winter Soldier“) ist es übrigens nicht nötig, den kompletten MCU-Kanon seit 2008 rauf- und runterbeten zu können. Das macht „Ms. Marvel“ am Ende sowohl stilistisch als auch inhaltlich für eine neue Zuschauergeneration zu einem idealen Einstieg ins MCU – ein Einstieg mithin, in den die nächsten Schritte schon eingebaut sind, denn in diesem Franchise steht bekanntlich nichts nur für sich selbst. Die gesamte Khan-Familie soll im nächsten Jahr im Kinofilm „The Marvels“ wieder auftauchen, Ms. Marvel also aus der Streamingwelt ins Kino aufsteigen. In diesem Fall kann man sich drauf freuen – selbst wenn man den Teeniejahren bereits entwachsen ist.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten beiden Episoden von „Ms. Marvel“.

    Meine Wertung: 4/​5

    Die sechsteilige Miniserie „Ms. Marvel“ wird bei Disney+ ab dem 8. Juni veröffentlicht.

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Schaut wirklich gut aus die Serie. Nur bei den 6 Folgen die es in letzter Zeit öfter gab bin ich etwas hin und her gerissen. Bei Serien die dazu neigen etwas zu langweilen, die man aber durchaus sehen möchte ist das recht praktisch und eine schöne Sache. Aber wenn dann mal eine tolle Serie dabei ist die süchtig macht, wie zuletzt z.B. Hawkeye für mich, dann ist das natürlich schade.

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