TV-Kritik „Gentleman Jack“: Akribie, Augenzwinkern und sagenhafte Suranne Jones faszinieren

    Kostümdrama über den lesbischen Tausendsassa Anne Lister, eine Bergbaumagnatin im Gehrock

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 27.05.2019, 12:00 Uhr

    Suranne Jones als Anne Lister in „Gentleman Jack“ – Bild: HBO
    Suranne Jones als Anne Lister in „Gentleman Jack“

    Anne Lister konnte wenig wirklich erschrecken im Leben, und wenn doch, dann waren es menschliche Minderleistungen: „Banalität und Mittelmäßigkeit sind die Dinge, die mir wirklich Angst einjagen“. Dieser Satz steht in ihrem Tagebuch, einem der lebhaftesten literarischen Zeugnisse aus dem nördlichen England des frühen 19. Jahrhunderts. Vier Millionen Wörter umfasst es insgesamt, und die Tatsache, dass Lister einige Teile daraus in einem Geheimcode aus Algebra und Altgriechisch verschlüsselte, deutet auf deren saftigen Inhalt hin: Lister gilt als die erste „moderne Lesbe“, hinter den Code-Sicherheitstüren schrieb sie unverblümt über ihre sexuellen Erlebnisse und Liebesbeziehungen mit diversen Ladys, ob verheiratet oder nicht. Was sie sonst noch war? Unternehmerin, Universalgelehrte, Weltreisende, reiche Erbin, eine schillernde Person und eine Ausnahmeerscheinung im frühen viktorianischen Zeitalter.

    Es ist ein Glücksfall, dass sich mit Sally Wainwright („Happy Valley – In einer kleinen Stadt“) nun genau die Richtige an ein Serienprojekt über Anne Lister machen durfte: Wainwright ist eine Spezialistin sowohl für starke Frauenfiguren als auch fürs westliche Yorkshire, also jene englische Region, in der sich Listers Leben immer dann abspielte, wenn sie nicht gerade nach Paris oder sonstwohin reiste. Das voluminöse Tagebuch nahm Wainwright als Inspirationsquelle, immer wieder wird direkt daraus zitiert, mitunter auch direkt in die Kamera. Der Rest folgt biografisch den letzten Lebensjahren dieser Powerfrau, die sich stets in schwarze Gehröcke kleidete, mit Zylinder auf dem Kopf und raumgreifenden Schritten durch die Gegend pflügte, aber eben auch über ein so gewinnendes Wesen verfügt haben musste, dass sie in ihrem Leben viel erreichte. Schon nach wenigen Minuten, wenn Lister mit einer Kutsche quietschend um die Kurven von Halifax rattert (der Kutscher fiel aus, da übernahm sie selbst die Zügel), wird zudem klar, dass mit Suranne Jones, die schon in Wainwrights Female-Cop-Serie „Scott & Bailey“ begeisterte, die richtige Hauptdarstellerin gefunden wurde: dominant, auf leicht schräggestellte Weise charmant, mit beißendem Humor gesegnet. Eine ideale Protagonistin.

    Die Serie setzt 1832 ein, da war Lister (1791–1840) Anfang vierzig, unverheiratet und hatte schon viel gesehen. Weil sie als Frau nicht studieren durfte, hatte sie sich bei befreundeten Wissenschaftlern im Ausland privat in diversen Wissenschaften (Anatomie! Geologie!) ausbilden lassen. Über ihrer „Frauengeschichten“ wurde damals wissend gemunkelt, doch weil Lister zur Oberschicht gehörte und finanzielle Freiheiten auch damals schon eng an persönliche Freiheiten gekoppelt waren, lagen ihr diesbezüglich wenig Steine im Weg. Dass sie längere Zeit allein in Paris verbrachte, war ohnehin vielsagend genug, und ihre betont männliche Aufmachung, mit der sie die pastellfarbenen Korsett-und-Reifrock-Konventionen ihrer Zeit verwarf, taten ihr Übriges. In Yorkshire nannten die Leute sie hinter ihrem Rücken „Gentleman Jack“.

    Anne Lister ist eine Frau der Tat und muss sich mehr als einmal gegen Männer behaupten, denen ihr nicht damenhaftes Verhalten nicht gefällt – etwa, nachdem sie die Zügel einer Reisekutsche übernommen hatte, deren Fahrer sich bei einem Sturz den Arm gebrochen hatte.
    Anne Lister ist eine Frau der Tat und muss sich mehr als einmal gegen Männer behaupten, denen ihr nicht damenhaftes Verhalten nicht gefällt – etwa, nachdem sie die Zügel einer Reisekutsche übernommen hatte, deren Fahrer sich bei einem Sturz den Arm gebrochen hatte.

    An ein offenes Ausleben ihrer Homosexualität war natürlich trotzdem nicht zu denken. In kurzen Flashbacks wird das tragische Ende ihrer Beziehung zur mondänen Lady Vere Cameron (Jodhi May, „Zwei Welten“) angedeutet, die sich aus ökonomischen Gründen lieber mit einem Mann vermählen ließ. Und die Tatsache, dass sie ihr Intimleben in Code niederschrieb, deutet darauf hin, als habe sie dabei eher an eine aufgeklärtere Nachwelt gedacht. Geknackt wurde die Geheimschrift übrigens erst 1930.

    Oft und zu Recht wird in der queeren Community darüber geklagt, dass inzwischen zwar kaum eine Serie ohne LGBTI*-Charaktere auskomme, dass es aber so gut wie keine Serie gebe, die eine queere Figur direkt ins Zentrum stellt. Diese Co-Produktion von BBC und HBO schließt diese Lücke nun. Wainwright zieht den Plot dafür sehr komödiantisch auf, das fängt beim hervorragend getimten Schauspiel (mit viel Augenbrauenhochziehen und wissenden Blicken in die Kamera) an und hört beim Soundtrack nicht auf. Als zentrales musikalisches Thema dient der bereits sieben Jahre alte Song „Gentleman Jack“ des britischen Folk-Duos O’Hooley & Tidow, der im Stil einer flotten Uptempo-Moritat das Leben Listers in flotte Verse bringt: „Gentleman Jack, oh Gentleman Jack / Watch your back, you’re under attack / their husbands are coming, you better start running / … The knives are out for Gentleman Jack“. „Doctor Who“-Komponist Murray Gold bleibt diesem Stil auch sonst treu, treibt die Szenen in galoppierendem Tempo voran.

    Schiefes Familienbild: Die belesene Anne steht nicht wirklich im Schatten ihrer sehr offenen Tante Ann Walker (Stephanie Cole) oder ihres tauben und nicht geschäftstüchtigen Vaters Jeremy (Timothy West), während Schwester Marian (Gemma Whelan) die unbezähmbare Schwester misstrauisch beäugt.
    Schiefes Familienbild: Die belesene Anne steht nicht wirklich im Schatten ihrer sehr offenen Tante Ann Walker (Stephanie Cole) oder ihres tauben und nicht geschäftstüchtigen Vaters Jeremy (Timothy West), während Schwester Marian (Gemma Whelan) die unbezähmbare Schwester misstrauisch beäugt.

    Wainwright ist auch am unternehmerischen Tun dieser selbstbewussten Frau interessiert. Als Lister zu Beginn auf ihrem Familiensitz Shibden Hall eintrifft, ist die Lage nicht die beste: Der Geschäftsführer ihrer weitläufigen Ländereien liegt im Sterben, ihre Tante (Gemma Jones) und der fast taube Vater Jeremy (Timothy West) sind überfordert. So rafft Lister also ihren Gehrock und kümmert sich höchstpersönlich ums Eintreiben der Pacht – wobei sie sich schnell als knallharte Verhandlerin mit ordentlich versnobtem Klassenbewusstsein erweist. Glücklicherweise betreibt Wainwright keine Schönfärberei: Lister war alles, aber keine Streiterin für die Armen und Ausgebeuteten.

    In guter alter Tradition britischer Historienfilme und -serien streift Wainwright elegant durchs Oben und Unten von Shibden Hall: Wo in den hell gestrichenen Salons die Lords und Ladys ihrem Zeitvertreib nachgehen, haben die Diener und Zimmermädchen zwischen Küche und Stall ihre eigenen Sorgen. Rosie Cavaliero („Klein Dorrit“) übernimmt als Dienerin Cordingley die seit Shakespeare typische, ebenso gutherzige wie beißend kommentierende Ammenrolle. Und dass Listers jüngere, deutlich prüdere Schwester Marian mit Gemma Whelan besetzt ist, macht nicht nur deshalb Spaß, weil Whelan so herrlich genervt mit den Augen rollen kann, sondern auch, weil die Schauspielerin in „Game of Thrones“ als Yara Greyjoy eine Figur spielte, die als No-Nonsense-Lesbe direkt von Anne Lister inspiriert zu sein schien.

    Das Kohle-Geschäft ist hart, aber Anne Lister (Suranne Jones) ist bereit, jeden Kampf auszustehen.
    Das Kohle-Geschäft ist hart, aber Anne Lister (Suranne Jones) ist bereit, jeden Kampf auszustehen.

    Die ersten beiden der insgesamt acht Folgen (eine zweite Staffel ist schon geordert; fernsehserien.de berichtete) hieven den Plot auf zwei Gleise – den beruflichen und den privaten. Beruflich gerät Lister in Konkurrenz zu den schmierigen Rawson-Brüdern, deren Ländereien an Shibden Hall grenzen (einer der beiden wird von Shaun Dooley aus „Misfits“ gespielt). West Yorkshire ist damals eine zentrale britische Bergbauregion, auch unter Shibden Hall befinden sich reiche Kohlevorkommen, an denen sich auch die Rawsons heimlich gütlich tun. Lister plant den Aushub eigener Kohlegruben, engagiert dafür einen neuen Geschäftsführer (Joe Armstrong aus dem BBC–„Robin Hood“) und einen Bergbauexperten (George Costigan aus „Happy Valley“) – Aktivitäten, denen am Teetisch in der guten Stube skeptisch beigewohnt wird. In dieser Hinsicht bietet die Serie auch einen spannenden Einblick in die britische Industriegeschichte.

    Privat geht es zu dieser Zeit für Lister mit Ann Walker weiter. Die zwölf Jahre jüngere, steinreiche Frau (Sophie Rundle aus „Peaky Blinders“, „Bodyguard“) wird Listers letzte große Liebe. Bekanntgemacht – oder: unwissentlich verkuppelt – werden beide vom netten Ehepaar Priestley (Amelia Bullmore aus „Scott & Bailey“ und Peter Davison aus „Der Doktor und das liebe Vieh“), das die zarte, depressive Ann aus der Obhut ihrer Tante (Stephanie Cole, „Doc Martin“) heraus der ebenso integren wie unbeugsamen Lister zuführt. Bei ihren ersten Treffen wirkt es fast so, als wolle Lister dieses sofortige Objekt ihrer Begierde eher aus sportlichen Gründen verführen, doch mit zunehmender Intimität der beiden Frauen wird klarer, dass die Liebe echt ist. Zwei Jahre später werden sich die beiden im Rahmen eines Gottesdienster in der Kathedrale von York das (damals natürlich inoffizielle) Jawort geben und noch sechs Jahre, bis zu Listers Tod, gemeinsam durch die Welt reisen – an diese erste veritable gay marriage erinnert dort heute eine Gedenktafel.

    Schnell kann Anne (Surrane Jones) die schüchterne und von ihrem Arzt als „melancholisch“ „diagnostizierte“ Ann Walker (Sophie Rundle) für sich gewinnen. Bei allen Emotionen ist aber in der viktorianischen Zeit klar: Anne versucht, eine gute Partie zu machen, und die 12 Jahre jüngere Ann ist Erbin eines beachtlichen Vermögens.
    Schnell kann Anne (Surrane Jones) die schüchterne und von ihrem Arzt als „melancholisch“ „diagnostizierte“ Ann Walker (Sophie Rundle) für sich gewinnen. Bei allen Emotionen ist aber in der viktorianischen Zeit klar: Anne versucht, eine gute Partie zu machen, und die 12 Jahre jüngere Ann ist Erbin eines beachtlichen Vermögens.

    „Gentleman Jack“ gebührt das Verdienst, auf einnehmende und amüsante Weise an diese schillernde Figur heranzuführen. Ästhetisch werden die Gepflogenheiten des viktorianischen Kostümdramas – mit all den Backenbärten und Kutschfahrten – zwar eingehalten, doch Wainwright schüttelt ihnen allen Ballast heraus. Das Tempo ist hoch, die Montage teilweise gar rasant, und dann ist da noch die Sache mit dem Direkt-in-die-Kamera-Sprechen bzw. -Gucken. Das ursprünglich vom Theater kommende Stilmittel des Beiseitesprechens ist in Film und TV natürlich nicht unbekannt („House of Cards“), wird hier aber im Stil etwa der Comedy „Fleabag“ eingesetzt: als kurze, vergewissernde Kommunikationsaufnahme mit den Gleichgesinnten, also: den Zuschauern. Das geschieht am Anfang subtil, fast übersieht man es, und wird dann immer offensiver. Wie Suranne Jones, aber auch Gemma Whelan, das machen, ist eine Schau für sich. Zudem ist das eine ideale Möglichkeit, Lister ihre Tagebuchtexte in den Mund zu legen – wenn man sie denn als Zeilen verstehen will, die sie damals schon an Leser künftiger Epochen richtete. Aus dem Stand weg machen Jones und Wainwright diesen „Gentleman Jack“ jedenfalls zu einer der faszinierendsten Frauenfiguren der Saison.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „Gentleman Jack“.

    Meine Wertung: 4/5

    © Alle Bilder: BBC

    Aktuell wird bei BBC one und bei HBO leicht zeitversetzt die erste Staffel von „Gentleman Jack“ ausgestrahlt. Eine deutsche Heimat für die Serie ist noch nicht bekannt geworden.

    Trailer zu „Gentleman Jack“ (englisch)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • 4200 am 01.06.2019 07:20melden

      Hoffe, ZDFneo nimmt der Serie an.
      Der Fehler in der Bildunterschrift ist mir auch aufgefallen, verwechseln kann man die beiden Damen ja eigentlich nicht - gut sind sie jedoch unbestritten beide und ich freue mich darauf.
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      • Martina (geb. 1978) am 27.05.2019 20:10melden

        Wie gut, dass Sie die Rezension geschrieben haben Herr Andreas! Bei Frau Bärenwaldt wäre diese tolle Serie womöglich genauso ungerechtfertigt durchgefallen wie vor einem Dreivierteljahr die prima Neuverfilmung von "Vanity Fair".
        Nur bei den Bildern haben sich kleine Fehler eingeschlichen. Auf dem Gruppenbild ist natürlich die wunderbare Gemma Jones zu sehen und der Herr auf dem Bild darunter hat auch nichts mit der Kohle-Story zu tun ;-)
        Ich freue mich jedenfalls, dass die Serie jetzt schon verlängert wurde!
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        • Sentinel2003 (geb. 1967) am 27.05.2019 19:07melden

          Ich werde mir diese Serie nicht ansehen, fda ich NICHT auf solche Historiendramen stehe, bzw. Serien und Filme aus dieser Zeit!!


          Suranne Jones hat mir aber in ihrer Serie "Doctor Foster" sehr gut gefallen!!
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