„Cursed“: Neuer Blick auf Artus-Sage mit Blutregen und Flatterwesen – Review

    Netflix’ Fantasyserie trotz weiblicher Perspektive zu konventionell inszeniert

    Rezension von Gian-Philip Andreas – 29.07.2020, 17:30 Uhr

    Katherine Langford als Nimue in „Cursed“

    König Arthur, Merlin, Excalibur – nein, es ist wirklich nicht so, als hätten sich Film und Fernsehen nicht schon genügend um die Tafelrunden-Storys der Artus-Sage gekümmert – zuletzt etwa in einen Kinofilm von Guy Ritchie und in einer netten Modernisierung für Jugendliche („Wenn Du König wärst“), außerdem in Serien und Mehrteilern von „Merlin – Die neuen Abenteuer“ über die „Die Nebel von Avalon“ bis hin zu „Camelot“. Alles abgefrühstückt also? Von wegen – schließlich handelt es sich bei der Artus-Sage um den absolut zentralen Stoff der sogenannten „Matter of Britain“, jenes Korpus mittelalterlicher Folklore, mithilfe dessen sich die angelsächsische Welt auch heute noch gern über sich selbst verständigt.

    Comic-Legende Frank Miller („Sin City“, „The Spirit“) und Drehbuchautor Tom Wheeler („Der gestiefelte Kater“) packen den Stoff in „Cursed – Die Auserwählte“ (einer zehnteiligen Netflix-Serie, der im letzten Jahr ein illustrierter Roman vorausgeschickt wurde) von ungewohnter Seite an: Sie stellen eine junge, als Hexe verschriene Frau in den Mittelpunkt der Erzählung, Nimue, die es als „Lady of the Lake“ (deutsch: Herrin vom See) später zu einiger Bekanntheit in der Artus-Sage bringen wird, wenn auch in der Regel in einer Nebenrolle. Hier, in „Cursed“, ist sie die Erste von drei bekannten Figuren, die ganz neu konzipiert werden: Da ist zweitens Merlin, dem Nimue ein magisches Schwert bringen soll, das unschwer als Excalibur zu erkennen ist. Er torkelt (gespielt von „Vikings“-Star Gustaf Skarsgård) als Suffkopf mit Glatze durch die Szenen, scheint seine magischen Fähigkeiten verloren zu haben, lässt nachts aber bei Blitz und Donner Blutregen aus den Wolken niederströmen. Immerhin! Und der spätere King Arthur ist hier, drittens, eine Robin-Hood-Gestalt, ein fescher Söldner, dem Darsteller Devon Terrell (der junge Barack Obama aus dem Netflix-Biopic „Barry“) eine Swashbuckler-Aura im Geiste Errol Flynns verleihen will.

    Der Bestand an Artus-Verfilmungen hat eine kräftige Dosis weiblicher Zentralperspektive sicher bitter nötig, doch im Fall von „Cursed“ zeigt sich auch, dass durch eine derartige Akzentverschiebung nicht zwangsläufig etwas furchtbar Originelles entsteht. Als Fantasy-Serie geht das, was zumindest die ersten Folgen erkennen lassen, eindeutig weniger in die Richtung der derzeitigen Genre-Platzhirsche „Vikings“ oder „The Last Kingdom“, schon eher erinnert es an Sachen wie „Britannia“ oder „The Witcher“: Langweilig sind die Episoden auch für Nicht-Fantasy-Fans nicht, und doch sehen sie so aus, als habe da jemand alle möglichen bekannten Versatzstücke des Genres in möglichst effektvoller Weise aneinandergereiht und am Ende noch die Farbsättigung hochgepegelt. Als Zielgruppe kristallisieren sich schnell Young Adults mit Interesse an frischen Gesichtern und makellosen Körpern heraus. Beinharte Fantasy-Jünger dürften abwinken.

    Father Carden (Peter Mullan), der Anführer der Roten Paladine Netflix

    Die eigentliche „Queste“, also das Abenteuer, auf das sich Nimue – gespielt von Katherine Langford („Tote Mädchen lügen nicht“) – begeben muss, wird erst am Ende der Pilotfolge klar: Da wird Nimues Heimatdörfchen, mit reetgedeckten Rundhütten pittoresk an einem Fluss gelegen, von religiösen Fanatikern niedergebrannt. Die Einwohner werden massakriert, darunter auch Nimues Mutter, die ihrer Tochter kurz vor dem Tod noch den (Serien-)Auftrag erteilt, Excalibur zu Merlin zu bringen. Das von Schurken verwüstete Dorf ist natürlich ein Fantasy-Dauerbrenner, der es von „Conan – Der Barbar“ bis „Britannia“ stets verlässlich schaffte, die Protagonisten in den Rachemodus zu hieven.

    Zuvor stellt „Cursed“ erst einmal die Hauptfiguren vor – und die Welt, in der sie leben: Nimue gehört zum „Himmelsvolk“ der Fey, das sind feenartigen Wesen, die an göttliche Weisungen und Zeichen sogenannter „Verborgener“ (hidden) glauben. Diese „Verborgenen“ scheinen, wie ein Mondfinsternisritual deutlich macht, an Nimue als neuen summoner (ein offenbar geistliches Hauptamt) zu glauben, doch das Dorf sieht in der jungen Frau seit Langem schon eine Ausgestoßene: Hektische Flashbacks zeigen, dass Nimue schon als Kind magische Fähigkeiten entdeckte, die es ihr erlauben, die Ranken und Wurzeln der umgebenden Pflanzen als Waffe einzusetzen – was zur Folge hat, dass in den ersten beiden Episoden (Regie: Zetna Fuentes) gleich mehrere angreifende Übeltäter, vom CGI-animierten Bär bis zum pöbelnden Jäger, von würgendem Wurzelwerk außer Gefecht gesetzt werden. Nimues beste Freundin Pym (Lily Newmark) stört sich nicht am verfluchten (cursed) Hexenruf der schönen Querulantin, sie büchst mit ihr sogar hoch zu Ross und mit wallender Ostwind-Mähne in die nächste Hafenstadt Hawksbridge aus – wo das Schiff in die ersehnte Ferne zwar verfehlt, dafür aber das designierte Love Interest Nimues getroffen wird: Arthur, der charmante Haudrauf.

    Nimue (Katherine Langford) weist mit Excalibur die CGI-Wölfe in die Schranken. Netflix

    Parallel werden Schlaglichter auf die Situation im Land geworfen: King Uther Pendragon, von Sebastian Armesto („Klein Dorrit“) nervig überdreht als narzisstischer Choleriker gespielt, haust in seiner hart am Game-of-Thrones-Stil an eine sturmumtoste Uferklippe gebauten Burg, in der er nicht zuletzt mit dem von ihm beauftragten Merlin hadert, während der mit Uther ungut verbandelte Father Carden (Peter Mullan, „Tyrannosaur – Eine Liebesgeschichte“) mit seinen Roten Paladinen durchs Land zieht und unabhängige Stämme unterwirft. Die religiösen Fundamentalisten in ihren bordeauxroten Kutten und mit ihrer Vorliebe für brennende Kreuze erinnern nicht von ungefähr an den Ku Klux Klan oder auch die Taliban. Ihr oberster Vollstrecker – der Weinende Mönch (unter der Kapuze: Daniel Sharman, „Die Medici“) – sieht allerdings eher aus wie der zugekokste Sänger einer handelsüblichen Emo-Band. In der zweiten Episode gesellt sich dann noch Shalom Brune-Franklin („The State“) als helfende Nonne Igraine zum Cast der Hauptdarsteller.

    Merlin (Gustaf Skarsgård) hat zwar einstweilen seine Zauberkraft eingebüßt, fordert aber trotzdem den Sturm heraus. Netflix

    Wie Nimue an Arthur gerät und dann mit ihm zusammen dem Fluchtpunkt Merlin entgegenreist, das haben Miller und Wheeler ganz clever eingefädelt, und wer den Roman kennt, weiß auch, dass sich einige der Figuren später als so illustre Sagengestalten wie Lancelot oder Percival erkennen geben – und auch Gawain und Guinevere ihre Aufwartung machen werden. Auf der Habenseite steht hier also ein der Konzeption nach originelles (und freies) Prequel der bekannten Artus-Sage. Die CGI-Effekte (etwa die Attacke eines Wolfsrudels auf Nimue) sind absolut in Ordnung, die Ausstattung ist üppig, immer mal wieder allerdings, mit den allüberall über grüne Farne flatternden Libellen, weißfedrigen Flügelwesen und magisch raunenden Rehen, ins Kitschige tendierend. Und ob Excalibur, mit Verve geschwungen, gleich so klingen muss wie ein Laserschwert aus „Star Wars“, ist sicher eine zur Debatte freigegebene Frage. Gelegentlich wird das Geschehen mit etwas Gore gewürzt (abgesäbelte Gliedmaßen, betäubungsfrei gezogene Zähne, dreigesichtige Babyleichen), wobei das fontänenhaft spritzende Blut stets betont nach Videogame oder Comic aussieht. Auf Letzteres bezieht sich die künstlerisch originellste Entscheidung der Serie: Die Übergänge zwischen den Szenen sind im Miller’schen Graphic-Novel-Stil gezeichnet und verankern das Geschehen eher im Reich des Fantastischen als die oft allzu humorlosen Realszenen.

    Devon Terrell als der charmante, schlitzohrige Arthur Netflix

    Darstellerisch geht das in den ersten Folgen nämlich nicht immer auf: Langford und vor allem Terrell wirken merkwürdig hölzern, wie ausgebremst, was allerdings auch an den oft etwas pappenen Dialogen liegen kann. Skarsgård scheint sich in einer völlig anderen Serie zu bewegen, immerhin Lily Newmark, die in „Sex Education“ eine feine Nebenrolle spielt, bringt verlässlich Leben in die Bude. Die meisten Szenen stiehlt indes der kleine Billy Jenkins („The Crown“) als Waisenjunge Squirrel.

    Eine wirklich faszinierende Artus-Neuinterpretation wird man hier wohl vergeblich versuchen, doch für den nicht allzu abgründigen Fantasy-Kick für Zwischendurch taugt „Cursed“ allemal: Gleich zu Beginn stürzt Nimue, in einer Vorausblende, in einen See, scheinbar tödlich vom Pfeil getroffen. Wie es dazu kommt, sollte als dramaturgischer Anreiz fürs Weiterschauen also ausreichen – auch wenn viel Toleranz mitgebracht werden sollte dafür, dass hier ständig Geisterstimmen aus dem Gehölz wispern und die Drohnenkamera mal wieder über moosbedeckte Hügel saust, um das Beste aus den britischen Dreh-Locations herauszuholen. Fantasy wie ein Waldspaziergang, und das ganz ohne Mückenstiche!

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „Cursed“.

    Meine Wertung: 3/5

    Netflix hat die zunächst zehnteilige Serie „Cursed“ im Juli 2020 weltweit veröffentlicht.

    Trailer zu „Cursed“ (Synchronfassung)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

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      Ich schaue die Serie mehr im Sinne einer eigenständigen Fantasyserie und blende die Verbindung zur Arthus Saga einfach aus, für mich sind das einfach ähnlich klingende Namen, denn mit der Saga hat die Serie rein gar nichts zu tun. Vor allem spielt sie in England zu einer Zeit, wo sie und die Handlung nicht hingehören, denn da gab es weder Pendragons, Cumber, Wikinger, Keltentum oder gar Feenvolk. Selbst wenn man das hinterste Wales als Location annimmt, passt da nicht wirklich was zusammen. Lässt man die Arthus Parallellwelt allerdings weg, bekommt man eine Tolienieske Fantasyserie mit Anleihen bei Herr der Ringe die eigentlich ganz gut unterhält.
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        Eine recht freundliche Kritik.

        Für mich ist die Serie bis jetzt eine mäßig originelle Aneinanderreihung der üblichen Klischees, außer der CGI ziemlich nahe am Trash und die Schauspieler können es sicher besser.

        Allein "Die meisten Szenen stiehlt indes der kleine Billy Jenkins als Waisenjunge Squirrel." möchte ich hervorheben, denn der ist im gesamten Ensemble der beste Schauspieler und toppt sogar Herrn Skarsgard. Er stiehlt diese Szenen nicht, spielt aber sehr wohl seine Kollegen an die Wand. Chapeau - erst recht, wenn man das Alter von Jenkins bedenkt.

        Dennoch - trotz all meiner Kritikpunkte waren die ersten 10 Episoden bis auf wenige Ausnahmen unterhaltsame Einblicke in die Artus-Sage. Man hätte vieles besser machen können, aber dafür war das Budget offenkundig nicht groß genug. Einzig nervig fand ich die eindimensionale Zeichnung der meisten Bösewichte, aber das braucht die Zielgruppe wohl so plakativ.

        5 von 10.
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        • (geb. 1974) am melden

          Mir hat die Story, Umsetzung und der Trailer schon nicht zugesagt und bei der Masse an Fantasy, die einem seit Jahren um die Ohren gehauen wird, pick ich mir dann doch lieber die raus, die mir von Anfang an interessant erscheinen. Dazu finde ich gerade die Themen Artus-Saga und Robin Hood fast schon ausgelutscht, da es alle naslang dazu Verfilmungen gibt. Neue Verfilmungen über weniger oft bzw. noch nie verfilmte Geschichten, sind einfach interessanter.
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            Übrigens: nein, der Autor sollte nicht neutraler an eine Review rangehen. Eine TV-Kritik ist ein Meinungsbeitrag.
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              Ich wundere mich hier eher, dass der Autor die Serie noch so gut bewertet hat. Als langjähriger Fantasy-Fan, kann ich nur sagen: Die Serie ist ja wohl grausam schlecht! Die Autoren/Produzenten haben offenbar keinen blassen Dunst vom Thema und scheren sich auch nicht drum. Sämtliche Versatzstücke wirken wie aus dem Kaugummi-Automaten gezogen. Und die Hauptdarstellerin hält das Schwert wie einen Tennisschläger. Da war ja Prinzessin Fantagiro noch besser - das hatte wenigstens irgendwie noch Charme ...
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                Siehste. Genau DAS meine ich.
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                  @Coledings
                  Hör auf dem Autor irgendwelchen Quatsch zu unterstellen. Das Review ist super geschrieben und jeden Moment nachvollziehbar. Man muss eine andere Meinung auch mal aushalten und respektieren können.
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                    @Macdings dann fang an selbst zu respektieren und auszuhalten und dich nicht einzumischen. 
                    Ich habe meine Meinung zu gesagt, also respektiere es, anstatt mich Fanboy-Like anzugiften, weil ich deinen tollen Autor hier kritisiere, dessen Review auf die komplette Serie strahlt statt nur auf seine 2 Episoden.

                    Respektiere also auch meine Meinung und meine bessere Bewertung der Serie. Mehr gibt es nicht zu sagen, wenn doch, Sprich mit meiner Hand...
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                    Achja, für dich Clown noch so, Autoren sollten normal auch neutraler an Reviews ran gehen und nicht so extrem mit Spoiler daher komm...

                    Und nun entschuldige mich, hab besseres zu tun, als hier dumm mit anderen zu diskutieren.

                    Ich hab meine Aussage zur Serie getroffen, damit andere der Serie ne Chance geben und nicht so hölzern wie der Auto die Serie meiden..
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                    Eins doch noch. Wenn der Autor, ein erwachsener Mensch laut Bild, selbst ein Problem hat, darf dieser sich zu Wort melden. Ansonsten heisst es freie Meinungsäusserung. Ich schrieb nur wie die Review auf mich wirkte, der die Serie komplett sah. Und gab eine bessere Note.

                    Kein Grund das so Kinder wie du hier ankommen müssen, von respektieren reden und es selbst nicht tun.
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                  Achja, Stichwort Hölzerne Dialoge. Zu dieser Zeit, sprach man hölzern. Wenn man es so ausdrücken mag. Keine Ahnung ob der Autor selbst wirkliches Interesse hatte oder zum Gucken gezwungen wurde, aber diese Review ist einfach nur schlechte Arbeit...
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                    Enttäuschend diese Review. Zeitverschwendung es gelesen zu haben. Es kommt viel zu viel Negativität zur kompletten Serie rüber, obwohl am Ende vermerkt wird, dass man doch nur auf die ersten 2 von 10 Episoden eingeht.


                    Ich habe, anders als der Autor, alle Folgen gesehen. Und auch wenn vieles Ähnlichkeiten zu Game of Thrones aufweist und was dem Autor wohl zu störend ist, Fabelwesen, Magie usw enthalten ist - ist diese durchaus mit 4,5 von 5 Sternen zu empfehlen. Man kann sich gut in die Charaktere hinein versetzen, der vermeintlich Emo-Band-Mönch entwickelt sich auch noch stark usw.
                    Ich empfinde es als sehr gute Fantasyserie, welche auch eine gute Alternativ zu GoT darstellt. Es ist vll kein Legend of the Seeker mit 20 Episoden, aber die knapp 10 Stunden Material von Cursed sind echt gut. Potenzial zu einer Fortsetzung deutlich gegeben.
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