„Clarice“: „Schweigen der Lämmer“-Sequel eingezwängt im Procedural-Korsett – Review

    Legendäre Gegenspielerin von Hannibal Lecter wirkt in Serien-Fällen zu farblos

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 24.02.2021, 17:30 Uhr

    Genial, getrieben und skeptisch: FBI-Agentin Clarice Starling (Rebecca Breeds) – Bild: CBS
    Genial, getrieben und skeptisch: FBI-Agentin Clarice Starling (Rebecca Breeds)

    Wer sich in einer neuen Serie auf etablierte Figuren stützt, möglicherweise sogar auf solche, die dem Kanon der wirkmächtigsten Charaktere der Popkultur zuzurechnen sind, der sollte schon was Neues, Frisches, vielleicht sogar Ungewöhnliches zu sagen haben. Im Fall des Romans „Das Schweigen der Lämmer“ von Thomas Harris, erschienen 1988, ist ein solches Vorhaben allerdings besonders heikel: Erstens zählt die Verfilmung (1991) von Jonathan Demme auch heute noch zu den absolut besten Thrillern der Filmgeschichte. Zweitens kann man an der schillerndsten Figur von Film und Roman, dem kannibalistischen Psychiater Dr. Hannibal Lecter, beispielhaft aufzeigen, wie schmal der Grat zwischen Meisterwerk und Mumpitz ist, wenn man ergiebige Faszinationsquellen stets aufs Neue anzapft: Die „Das Schweigen der Lämmer“-Fortsetzung „Hannibal“ (2001) ging, trotz des seine Paraderolle wiederaufnehmenden Anthony Hopkins, ebenso daneben wie das nachgeschobenes Prequel „Hannibal Rising – Wie alles begann“ (2007). Dagegen zählen die drei Staffeln der NBC-Serie „Hannibal“ mit Mads Mikkelsen in der Titelrolle zum Besten, was das Genre Psychothriller in den Zehnerjahren zu bieten hatte.

    Jenny Lumet und Alex Kurtzman haben sich also fraglos mit einer riesigen Fallhöhe konfrontiert gesehen, als sie sich als Chef-Autoren daran machten, der anderen ikonischen Figur aus „Das Schweigen der Lämmer“ ihre eigene Show zu verpassen: „Clarice“ dreht sich um Clarice Starling, jene FBI-Agentin in Ausbildung, die es in Roman und Film mit einem sexuell devianten Serienkiller namens Buffalo Bill und im Zuge dessen mit Lecter zu tun bekam. Starling als Titelheldin, das ist keine üble Idee, zumal ihr letzter Auftritt (Julianne Moore im „Hannibal“-Film) als sehr enttäuschender Abgang dieser Figur gilt – eine Enttäuschung mit Ansage allerdings, nach der brillanten, oscarprämierten Erstverkörperung durch die damals 29-jährige Jodie Foster.

    Lumet (sie schrieb auch Jonathan Demmes „Rachels Hochzeit“) und der umtriebige Kurtzman (der hauptberuflich das „Star Trek“-Franchise vorantreibt) verpflanzen die brillante Ermittlerin Clarice Starling nun in ein für CBS typisches Procedural-Format, dessen Grundgerüst das Abarbeiten immer neuer Fälle bildet. Der „Schweigen der Lämmer“-Timeline bleiben sie dabei treu: „Clarice“ spielt 1993, also etwa zwei Jahre nach den Ereignissen des Films (obwohl auf der Tonspur beständig später veröffentlichte Musik dudelt), und basiert laut Vorspann ausdrücklich auf Harris’ Roman, was freilich etwas skurril anmutet; schließlich endet das Buch nach der erfolgreichen Jagd auf Buffalo Bill.

    „Clarice“ setzt zwei Jahre nach „Das Schweigen der Lämmer“ ein. Rebecca Breeds macht also fast genau da weiter, wo Jodie Foster einst aufhörte. CBS

    Das deutlich größere Problem ist allerdings der Elefant im Raum: Hannibal Lecter. Aus rechtlichen Gründen darf der Kannibale in der Serie weder vorkommen noch namentlich erwähnt werden, was Lumet und Co. zu einigermaßen ungelenken dramaturgischen Eiertänzen verleitet. So beginnt die Serie mit einem Besuch Clarices bei einem garstigen FBI-Therapeuten (Shawn Doyle), bei dem zwar die Ereignisse des Films im Schweinsgalopp durchdekliniert werden, die Traumatisierung der jungen Agentin aber einzig auf den von ihr gefassten Serienkiller zurückgeführt wird. Dass Hannibal Lecter, ihr „Mentor hinter Gittern“, nach den grausigen Psychoduellen des Films fliehen konnte, seinen Kerkermeister verspeiste und nun auf bedrohlich freiem Fuß ist – es wird gar nicht thematisiert. Man muss diese Unwahrscheinlichkeit wohl mit einem Glas guten Chianti herunterschlucken und die Serie als Zwischenprogramm betrachten: Lecter wird, auch das ist durch Harris’ Bücher vorgegeben, erst eine Dekade später wieder in Clarices Leben treten, in „Hannibal“ (Film und Roman). Bis dahin wären also knapp zehn Staffeln Zeit für „Clarice“.

    Wie sich die gestalten können, wird nach der Therapiesitzung rasch deutlich. Da wird Clarice von der neuen Justizministerin (Jayne Atkinson aus „House of Cards“) kurzerhand in eine Task Force des FBI verpflanzt, in die „Violent Crimes Apprehension Unit“, kurz VICAP. Als Mitglied dieser Einheit bekommt sie es, den ersten Episoden nach zu urteilen, mit den üblichen Cases-of-the-Week zu tun; leider ist gleich der Einstiegsfall eher dürftig. Zwei Frauenleichen dümpeln im Anacostia River bei Washington, nach herkömmlichen Ermittlungen ist der Fall um Whistleblower in einem Medizinskandal (vorläufig) gelöst, und das einzig Spannende daran ist, dass sich Clarice am Ende in Sachen Öffentlichkeitsarbeit den Vorgesetzten widersetzt.

    Ihre allesamt männlichen Kollegen im VICAP-Team wirken wie aus vergleichbaren Vorgängerserien hinüberkopiert, ihre überwiegend namhaften Darsteller wirken sträflich unterfordert: Kal Penn („Harold und Kumar“) spielt den Researcher Tripathi, Nick Sandow („Orange is the New Black“) den Techniker Clarke und Lucca De Oliveira („SEAL Team“) den Scharfschützen Esquivel, mit dem Clarice zunächst am meisten zu tun bekommt und der auch hypothetisch als Love Interest infrage kommt. Den Boss der Einheit, Special Agent Paul Krendler, gibt Michael Cudlitz („Southland“) als Stinkstiefel, der keine Gelegenheit auslässt, Clarice wissen zu lassen, dass er ihren Coup mit Buffalo Bill für einen Glückstreffer hält. Auf langfristige Antipathie ist die Beziehung aber wohl nicht angelegt: Schon in der zweiten Episode, in der es das VICAP-Team mit einem Sektenführer à la David Koresh in Waco zu tun bekommt, weicht seine Arroganz bereits Anflügen von Respekt.

    Starling brillant, ihre Kollegen unscharf: (v. l.) Krendler (Michael Cudlitz), Clarke (Nick Sandow), Tripathi (Kal Penn) und Esquivel (Lucca De Oliveira) CBS

    An der Team-Dynamik im „Criminal Minds“-Modus ist herzlich wenig überraschend – außer der Tatsache, dass Clarice als junge Frau mit bildungsferner Herkunft aus den Südstaaten gleich auf mehreren Ebenen gegen Widerstände ankämpfen muss. Ansonsten wird hier mit dem üblichen Mix aus irren Zufällen, Bibelvers-Zinnober, einer Prise Gore und albernen Ermittlungsschritten operiert (Beispiel: Clarice muss nur einmal mütterlich blicken, schon offenbart ihr ein autistisches Kind den zentralen Hinweis). „Schweigen der Lämmer“-Kenner werden bei einigen der Namen aufhorchen: Agent Krendler etwa ist sowohl aus „Lämmer“ als auch aus „Hannibal“ (Film) bekannt. Da ist er ein buckelnder Karrierist, der am Ende von Lecter das eigene Hirn als Barbecue vorgesetzt bekommt. Die grimmige Figur, die Cudlitz hier spielt, hat mit dem bekannten Krendler allerdings wenig zu tun. Auch Clarices Mitbewohnerin Ardelia (Devyn A. Tyler) kennt man schon aus „Lämmer“, ebenso Justizministerin Ruth Martin, deren Tochter das letzte Entführungsopfer von Buffalo Bill war. Diese Catherine ist ebenfalls wieder mit dabei (gespielt von Marnee Carpenter). Sie trägt zudem ein dringend benötigtes Mystery-Motiv in die Serie hinein: Am Telefon warnt sie Clarice, niemandem zu trauen, schon gar nicht ihrer Mutter. Ein Hauch Verschwörung hängt also über VICAP – zum Glück, denn ansonsten unterscheidet die Serie allenfalls die ambitionierte Inszenierung vom Durchschnitt herkömmlicher Procedurals.

    Gut sieht sie schon aus, die Serie – man könnte sagen: „True Detective“ trifft Indie-Movie. Und Lumet und Kurtzman lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie es auf die „Schweigen der Lämmer“-Vibes abgesehen haben. Fast schon penetrant flattern also die aus dem Film bekannten Totenkopfschwärmer durch Clarices Albträume, die Szenen aus Buffalo Bills Gruselkeller werden 1:1 nachinszeniert, und immer wieder wird Clarices traumatische Vergangenheit als Waisenkind angeteasert. Als es in der zweiten Episode ins östliche Tennessee geht, in die Nähe ihrer Heimat, spricht sie sogar ganz buchstäblich von den „Geistern“, die „in den Appalachen“ noch auf sie warten.

    Vertrauenswürdig oder nicht? Justizministerin Martin (Jayne Atkinson) CBS

    Leider ist die Figur der Clarice Starling selbst ein nicht geringes Problem der Serie. Die australische Hauptdarstellerin Rebecca Breeds (Fantasy-Fans aus der dritten Staffel von „The Originals“ bekannt) ist sicher eine gute Schauspielerin, aber eben doch meilenweit entfernt von der fragilen Coolness Jodie Fosters, die hinter Clarices taffer Schale immer wieder, gezielt dosiert, einen Abgrund aufscheinen ließ, der nicht weiter geschildert werden musste. In „Clarice“ dagegen fährt die Kamera immer wieder insistierend auf Breeds Gesicht zu, ein Slow-Motion-Close-Up folgt dem nächsten, mal gibt’s Breeds im Gegenlicht, mal mit sich ringend vor einem Spiegel. Die Farbpalette ist dabei so gräulich-braun wie die Sümpfe versehrter Seelen: Mit allen Mitteln also versucht die Inszenierung, der Titelfigur Tiefe zuzuschanzen, doch natürlich hat Breeds kaum eine Chance, den generischen Procedural-Plots diese gewünschten Tiefenschichten abzuringen.

    In Demmes Film wurde Clarice nur knapp skizziert, dabei aber so faszinierend gespielt, dass sich hinter dieser Skizze eine ganze Welt auftat. Das reichte. Wenn es schlecht läuft, birgt „Clarice“ nun die Gefahr, diese Figur nachträglich zu beschädigen. Einerseits sollen wohl die Traumata der Figur Stück für Stück entblättert werden, andererseits wird Clarices Einzigartigkeit durch die Routine des Serienkorsetts aber regelrecht banalisiert. Schon in der zweiten Episode wird etwa die Lecter-Situation paraphrasiert: Da steht Clarice auf einer abgelegenen Farm dem Chef (Tim Guinee) einer Reichsbürger-Sekte gegenüber, der (jedem Psychopathen sein Spleen!) grüne Bohnen an Fäden aufhängt. Doch das Gespräch zwischen ihm und Clarice ist nur ein fader Abklatsch der legendären Quid-pro-quo-Spiele aus dem Film, und als Clarice dann auch noch die Fassung verliert, kommt man kaum umhin zu denken: Hmm, wenn’s so leicht ist, Clarice Starling aus der Ruhe zu bringen, dass das selbst ein dahergelaufener Provinzwahnwichtel fertigbringt, dann war Hannibal Lecter vielleicht doch kein so genialischer Psychoschurke. Was für ein ernüchternder Gedanke. Und da wäre er dann auch schon wieder: der Elefant im Raum. Man denkt fraglos öfter an ihn, als es der Serie guttut.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie „Clarice“.

    Meine Wertung: 3 / 5

    Aktuell hat die Serie „Clarice“ ihre Weltpremiere beim US-Sender CBS. Für Deutschland hat sich nach Angaben der Serienproduzenten die Seven.One Entertainment Group die Rechte gesichert. Dort hat man noch keine Ausstrahlungspläne verkündet.

    Trailer zu „Clarice“ (englisch)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Dagegen zählen die drei Staffeln der NBC-Serie "Hannibal" mit Mads Mikkelsen in der Titelrolle zum Besten, was das Genre Psychothriller in den Zehnerjahren zu bieten hatte.

      ECHT???

      Ich als großer Fan vom SDL fand das grausam, langweilig und als eine Persiflage des Films.
      • (geb. 1967) am

        Also, nach diesern Kritik noch immerhin 3 Sterne!!!

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