„Barbaren“: Kann die erste deutsche Historienserie auf Netflix überzeugen? – Review

    Drei Kindheitsfreunde zwischen Loyalität, Liebe und Verrat

    Rezension von Jana Bärenwaldt – 22.10.2020, 17:30 Uhr

    David Schütter als Folkwin und Jeanne Goursaud als Thusnelda

    Am Freitag, den 23. Oktober, startet mit „Barbaren“ die erste deutsche Historienserie auf Netflix. Dementsprechend hohe oder niedrige Erwartungen, je nach Standpunkt, dürfen also an das Format angesetzt werden. Die Serie basiert auf den Auseinandersetzungen einiger germanischer Stämme mit der Übermacht von drei römischen Legionen, die in der berühmten Varusschlacht im Jahre 9 nach Christus im Teutoburger Wald ihren Höhepunkt fanden. Jan Martin Scharf und Arne Nolting, die bereits als Autoren an der Serie „Club der roten Bänder“ und dem dazugehörigen Film zusammengearbeitet haben, fungieren als Showrunner und gemeinsam mit Andreas Heckmann („Alarm für Cobra 11“) als Drehbuchautoren für „Barbaren“. Die sechs Folgen wurden von Barbara Eder („Tatort“) und Steve Saint Leger („Vikings“) inszeniert.

    Wer sich ein bisschen mit historischen Fakten auskennt, für den dürfte der Ausgang der Varusschlacht keine Überraschung mehr darstellen. Spannender als die bloße dramatische Aufbereitung der Geschichte sind in der Serie aber die damit verwobenen Einzelschicksale, die als treibende Kraft hinter dem Konflikt agieren. Dabei nimmt „Barbaren“ die Perspektive von drei Figuren ein, die auf den ersten Blick zwar sehr unterschiedlich erscheinen, aber bereits seit ihrer Kindheit miteinander verbunden sind: Die cheruskische Fürstentochter Thusnelda (Jeanne Goursaud; „Wishlist“, „Der Lehrer“), der einfache Schwertträger Folkwin (David Schütter; „4 Blocks“, „8 Tage“) und ihr Kindheitsfreund Ari (Laurence Rupp; „Vorstadtweiber“, „Cops“), der unter dem Namen Arminius bei den Römern aufgewachsen ist. Übrigens basieren nur Arminius und Thusnelda auf tatsächlichen historischen Vorbildern.

    Thusnelda (Jeanne Goursaud) und Folkwin (David Schütter) beschließen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Netflix/Schröder+Schömbs Public Relations GmbH

    Thusnelda und Folkwin sind ein mehr oder weniger geheimes Paar, obwohl Thusneldas Vater Segestes (Bernhard Schütz; „Sense8“, „Berlin Station“) seine Tochter bereits Reik Hadgan (Sergej Onopko; „The Last Kingdom“), dem Anführer der Chatten, versprochen hat. Ihre persönlichen Probleme treten aber in den Hintergrund, als die römischen Besatzer unter Befehl von Statthalter Varus (Gaetano Aronica; „Der Zauber von Malèna“) in ihrem Dorf aufkreuzen und immer höhere Tribute von den Einwohnern fordern. An Widerstand ist zunächst nicht zu denken, einerseits aufgrund der schieren Übermacht der römischen Legionen, andererseits wegen der Uneinigkeiten der germanischen Stämme untereinander. Somit beschließen Thusnelda und Folkwin, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und zu beweisen, dass die Römer nicht unbesiegbar sind.

    Die Auseinandersetzungen nehmen eine interessante Wende, als Varus seinen Ziehsohn Arminius in das Dorf schickt. Arminius ist eigentlich der Sohn von Segimer (Nicki von Tempelhoff; „Bad Cop – kriminell gut“), Reik der Cherusker, und wurde als Kind als Pfand für den Frieden nach Rom gebracht. Zurück in seiner alten Heimat fühlt Arminius sich nun hin- und hergerissen zwischen seinen Pflichten als Präfekt der römischen Reiterei und der Verbindung zu seiner Familie und seinen Freunden. Verkompliziert wird die Situation noch durch das sich früh abzeichnende Liebesdreieck zwischen den drei Hauptfiguren.

    Arminius (Laurence Rupp) ist ein Fremder im eigenen Land. Netflix/Schröder+Schömbs Public Relations GmbH

    Nahezu all diese Informationen werden bereits in der ersten Folge der Serie präsentiert, wobei das Konstrukt der Exposition allzu deutlich sichtbar wird. Dementsprechend holprig gestaltet sich vor allem die erste Hälfte der Episode. Entgegengesetzt der Prämisse Show, don’t tell wird hier nämlich viel erzählt und wenig gezeigt. Dabei hätte man sowohl die Übermacht der Römer als auch die Diskrepanz des sozialen Status von Thusnelda und Folkwin in wenigen Sequenzen zeigen können, anstatt diese dem Publikum in zäh wirkenden Dialogen zu erläutern, um nur zwei Beispiele zu nennen.

    Spätestens als Thusnelda und Folkwin aber ihren wagemutigen Plan in die Tat umsetzen, nimmt die Serie spürbar an Fahrt auf, auch wenn die Umsetzung desselben fast schon zu glatt abläuft, um glaubwürdig zu wirken. Davon lenken allerdings die geschickte Erzählweise und smarte Schnitte ab. Die Enthüllung über Arminius als Plottwist am Ende der Episode gibt genug Anreiz, die Geschichte weiterzuverfolgen. Überhaupt sind wohl die drei charismatischen Hauptfiguren, die auch in ihrer schauspielerischen Leistung herausstechen, das Hauptargument für „Barbaren“.

    Arminius (Laurence Rupp) hat sich als Römer neue Feinde gemacht. Netflix/Schröder+Schömbs Public Relations GmbH

    Pluspunkte gibt es auch für die stimmigen Kostüme, die atmosphärischen Kulissen und Schauplätze und den passenden Soundtrack. Auch die Kampfszenen sind gut choreografiert. Der immersive Eindruck wird jedoch immer wieder von der wechselhaften Qualität der einzelnen Szenen unterbrochen. Während einige Sequenzen packend und mitreißend wirken, erinnern andere wiederum an allzu dramatische Darbietungen von der Theaterbühne. Hinzu kommt, dass man einige Szenen einfach schon zu oft gesehen hat, Stichwort: Hold the Door.

    Wenn man darüber hinwegsehen kann, entwickelt sich „Barbaren“ nach einigen Startschwierigkeiten zu einer durchaus sehenswerten Historienserie, die gekonnt eine spannende Geschichte über Freundschaft, Loyalität und Verrat durch die Augen von drei interessanten Figuren erzählt. Und während man noch über die ein oder andere Schwäche der Serie nachdenkt, hat man bereits die nächste Folge eingeschaltet, da man unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht. Zudem eignen sich die sechs Episoden perfekt für ein gemütliches Serienwochenende.

    Dieser Text beruht auf Sichtung der ersten beiden Folgen von „Barbaren“.

    Meine Wertung: 3,5/5

    Die sechs Folgen der ersten Staffel von „Barbaren“ werden am 23. Oktober exklusiv und weltweit auf Netflix veröffentlicht.

    Barbaren | Offizieller Trailer | Netflix

    Über die Autorin

    Jana Bärenwaldt entdeckte ihre Leidenschaft für Fernsehserien mit der Ausstrahlung von „The Tudors“ im deutschen Fernsehen. Bis heute ist die Historienserie eins ihrer favorisierten Genres, weswegen sie diesem Thema auch ihre Bachelorarbeit gewidmet hat. Mittlerweile schaut sie aber bunt gemischt, von Drama über Fantasy bis hin zu Anime Serien. Seit März 2016 ist Jana neben ihrem Studium der Medienwissenschaften in der Redaktion von fernsehserien.de tätig und schreibt dort hauptsächlich für TV-Serien aus dem englischsprachigen Raum.

    Lieblingsserien: The Walking Dead, Outlander, Westworld

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

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      ich stimme Cugel voll und ganz zu. Was mich gleich gestört hatte, waren die doch sehr gepflegten Haare und Zähne sowie die sauberen Klamotten. Dann noch die Dialekte in den (bescheidenen)Dialogen, hüben wie drüben. Das Latein hat einen dermaßen italienischen Einschlag sodass ich es fast nicht erkannt hätte, wären da nicht Römer mit von der Partie. Ich hatte vor 43/44 Jahren in der Schule mal 2 Jahre Lateinunterricht. Das Latein in der Serie hört sich eher so an wie das Italienisch vom Besitzer meiner Lieblingspizzeria als das das ich vom Unterricht her kenne. Sei's drum. Ich habe mir die 1te Folge bis fast zur Hälfte und dann noch ca. 10 Minuten der 6ten Folge angesehen. Das hat mir gereicht. Mir ist sie zu "deutschlisch"😉. Da gibt es deutsche Serien, die viel professioneller und dadurch internationaler daherkommen. Wie z.Bsp. Babylon Berlin oder das Boot. Die besten Filme und Serien, meiner Meinung nach, kommen immer noch aus USA, wo auch die besten deutschen Filmemacher sind.
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      • am via tvforen.demelden

        Ich fand die Serie nicht so schlecht - die historisch verbürgte Geschichte, die dem Ganzen zugrunde liegt, gibt ja vom Konfliktpotential selbst schon einiges her. Allerdings schien mir einiges stark von "Vikings" abgekupfert, vor allem die Rolle der Tusnelda, die der von Lagherta noch dazu optisch stark ähnelt. Andererseits weiß man aber eben auch, dass die Germanen starke Kriegerinnen in ihrer Mitte hatten.

        Zwischendurch hatte das Ganze leider ziemliche Längen, aber gegen Finale hin nahm die Serie wieder deutlich an Fahrt auf. Mein Fazit: Kann man sich ansehen, wenn man historische Serien mag!
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          Schon ganz nett gemacht.
          Allerdings hätten man ein paar mehr Statisten aufstellen (oder gerade nicht benötigte Römer umziehen) können wenn sich das Volk der Cheruskser auf dem Dorfplatz versammelt.
          Auch kommt die wohl mehrtätige Varusschlacht im Film viel zu kurz. Mit einer Ausdehnung hätte man wesentlich mehr Spannung erzeugen können, auch wenn man vorher weiß, wie es letztendlich ausgeht.
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          • (geb. 1987) am melden

            Die Sprache in deutschen Filmen...
            Eine ungute Mischung aus Theatersprech und Berlin, Tag und Nacht. Und dabei haben wir wohl die besten Synchronsprecher und Synchronregisseure der Welt.

            Ja, klar, das ist schon gar nicht Game of Thrones, aber auch nicht Brittania oder Last Kingdom.
            Die Deutschen tun sich schwer mit Pathos, Machos und Heldenverehrung und wahrscheinlich gibt es in Deutschland kein Geld, wenn man die Geschichte nicht ins groteske gendert, sodaß eine 50 Kg Frau wie selbstverständlich die Klitschkos umhaut - aber der Versuch ist wenigstens ehrenhaft. Und wenn man den deutschen Krankheiten (Unterdrückung von Männlichkeit, Verpflichtung zu Gender und Diversity und stümperhafte Dialoge und Aussprache) mal absieht, will man wissen, wie es weitergeht.
            Ich bleib (nach zwei Folgen) dran.
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            • (geb. 1980) am melden

              Folkwin spricht berlinisch oder brandenburgischen dialekt..
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                Was die Serie fasst unerträglich macht sind die deutschen Dialoge. Oft hat man den Eindruck eine RTL Verfilmung zu sehen, was nun wahrlich kein Kompliment ist. Das die Darstellung der Tusnelda angeht dürfte wohl auch 90% dem Zeitgeist und nicht der Wahrheit geschuldet sein. Das ist wohl mehr "Powerfrau", als Fürstentochter. Richtig peinlich wird dann aber die obligatorische Liebesszene. Da haben bloss noch die verstreuten Rosen gefehlt. Mehr Barbarella als Barbaren.


                Zum Schluss noch eine Anmerkung. Die Barbaren hatten verdammt gute Zahnärzte und die Föhnfrisuren sind auch auf Gard Niveau. Mit Ausnahme von Reik, der ja bereits in Folge 1 als schmuddliger Wüstling vom Dienst aufgebaut wird und sich deutlich sichtbar als Einziger mit 3 Jahren zum letzten Mal die Zähne geputzt hat. ^^



                Zum einmal gucken ok, aber die unglaublich platten Dialoge in moderner RTL Sprache lassen einen schaudern.
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