WDR-Programmoffensive: Mit YouTubern, Familie Mockridge und sozialen Experimenten auf der Jagd nach jungen Zuschauern

    „Innovationswochen“ starten Ende August

    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier – 15.07.2015, 17:00 Uhr

    WDR-Programmoffensive: Mit YouTubern, Familie Mockridge und sozialen Experimenten auf der Jagd nach jungen Zuschauern – "Innovationswochen" starten Ende August – Bild: WDR

    „Wie geil ist das denn?!“ war nur der Anfang. Das WDR Fernsehen überrascht mit einer regelrechten Programmoffensive und schickt zwischen dem 24. August und dem 4. September im Rahmen von „Innovationswochen“ eine ganze Latte an neuen Formaten an den Start. Dabei immer fest im Blick: Das heißbegehrte junge Publikum. Sendungen, die sich bewähren, sollen auch über die „Innovationswochen“ hinaus eine Zukunft haben.

    Mischen impossible?! (vormals: Clip Clip Hurra!)
    Unter anderem hofft der WDR, mit Hilfe von angesagten YouTube-Stars die junge Generation zurück vor die altgediente Mattscheibe zu bekommen. Und so schickt der Regionalsender am Dienstag, 25. August, um 22:00 Uhr ein Format namens „Mischen impossible?!“ an den Start. Das Konzept: „YouTuber wildern im WDR-Archiv“. Vierzehn erfolgreiche deutsche YouTuber, darunter Simon Unge, Joyce Ilg und Davis Schulz, sollen sich die Highlights aus 50 Jahren WDR-Fernsehgeschichte ansehen und kommentieren. Wie reagieren sie auf Klassiker wie „Klimbim“, „Hobbythek“, „Spiel ohne Grenzen“, „Der 7. Sinn“ und die „Lindenstraße“? Der Sender hält dies für ein spannendes Experiment zwischen zwei Parallelwelten. Moderatorin Anja Backhaus wird stellvertretend für die Zuschauer Gedanken kreisen lassen und Fragen stellen.

    17,50 – ungezwungen fernsehen
    In eine ähnliche Kerbe schlägt die Sendung „17,50 – ungezwungen fernsehen“. Der WDR besucht sechs Wochen lang seine Zuschauer beim „ungezwungenen Fernsehen“. Der provokante Titel spielt auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunkbeitrag von monatlich 17,50 Euro an. Gezeigt werden soll, wie die unterschiedlichsten Menschen in NRW fernsehen: Allein, mit der Familie, mit dem Ehemann, der besten Freundin, auf der Feuerwache oder hinter Klostermauern. Sie kommentieren WDR-Klassiker, aber auch aktuelle Sendungen wie „Dittsche“. Zu sehen ist „17,50“ ab dem 28. August freitags um 21:00 Uhr. In Großbritannien ist das Konzept bereits seit Jahren unter dem Namen „Gogglebox“ erfolgreich. Bisherige Adaptionsversuche in Deutschland scheiterten bei RTL („Sofa Stars“) und Sat.1 („Wohnzimmerhelden – So schaut Deutschland“).

    Gefällt mir! – Die total vernetzte Show
    Die bereits angekündigte Panelshow „Gefällt mir! – Die total vernetzte Show“ ist ein weiteres „innovatives und crossmediales Projekt“, für das WDR-Intendant Tom Buhrow Mittel aus dem Verjüngungstopf zur Verfügung stellt. Zwei prominente Rateteams treten in mehreren Spielrunden gegeneinander an. Sie sollen Fragen beantworten und Aufgaben bewältigen, die sich aus den gezeigten Videoclips ergeben. Immer mit dabei sind die beiden Comedians Tahnee Schaffarczyk („NightWash“) und Maxi Gstettenbauer, die als Teamcaptains der beiden Mannschaften fungieren. Als Gäste sind „junge Wilde“ wie Micky Beisenherz, Lutz van der Horst und Ingmar Stadelmann, sowie alte „WDR-Hasen“ wie Bernd Stelter, Yvonne Willicks, Marc Metzger und Steffi Neu dabei. Außerdem sollen die Macher der jeweiligen Internetclips vorgestellt werden. Sechs halbstündige Folgen sind ab dem 28. August freitags um 22:15 Uhr zu sehen.

    Das Lachen der anderen – Comedy im Grenzbereich
    Comedy-Autor Micky Beisenherz und Stand-Up-Comedian Oliver Polak tauchen in „Das Lachen der anderen – Comedy im Grenzbereich“ in für sie völlig fremde Lebenswelten ein und lernen „besondere und interessante Menschen“ kennen, um nach drei Tagen der Begegnung für und über diese Menschen ein Stand-Up-Comedy-Programm zu schreiben. Am Tag des Showdowns wird sich herausstellen: Wo fängt der Spaß an und wo hört er auf? Werden die Menschen über die Witze, über sich selbst lachen können oder wird der Stand-Up ein Desaster, weil niemand lacht? Über allem steht die Frage „Darf man das?“ Darf man Gags über kranke, alte, dicke, dünne, verrückte und schräge Menschen machen? In der ersten Folge besuchen Beisenherz und Polak eine Gruppe in Limburg, die sich „Ein Neues Wir“ nennt und für ein neues, liebevolles und respektvolles Miteinander eintritt. Zu sehen ist „Das Lachen der anderen“ ab dem 24. August montags um 22:45 Uhr.

    Nachtrausch – Der Talk im Bus
    Hinter „Nachtrausch – Der Talk im Bus“ verbigt sich ein neues Talkformat, das von den Programmvolontären 2014/​15 entwickelt wurde und mit den gängigen Talkshowgewohnheiten brechen soll. Fünf Prominente begeben sich in einem Bus auf eine nächtliche Fahrt voller Überraschungen, jedoch ohne Moderator. An jeder Haltestelle steigt ein prominenter Reisender zu. In der 75-minütigen Sendung, die am Freitag, 28. August, um 22:50 Uhr läuft, sollen sie in immer neuen Gruppenkonstellationen unterhalten, diskutieren, provozieren und emotionalisieren. Die Zuschauer sollen bei der Sendung nicht nur im Fernsehen dabei sein, sondern auch online und über Social-Media-Kanäle. Der etwas andere Roadtrip verzichtet zwar auf einen Moderator, als Reiseleiter begleitet allerdings Roberto Blanco die Passagiere bei ihrem Nachtrausch, der ein ungewöhnliches Ende finden wird.

    Die Mockridges – Eine Knallerfamilie
    Solo haben die Mitglieder der Familie Mockridge in den unterschiedlichsten Bereichen bereits Erfolge feiern können, nun sind sie erstmals vereint in einer gemeinsamen neuen Comedyserie zu sehen. Sie trägt konsequenterweise den Titel „Die Mockridges – Eine Knallerfamilie“ und beleuchtet in zunächst vier Folgen den turbulenten Alltag aus dem Hause Mockridge in Bonn-Endenich. Ähnlich wie in „Pastewka“ spielen Vater Bill Mockridge („Lindenstraße“), Mutter Margie Kinsky und Sohn Luke Mockridge („NightWash“, „Luke! Die Woche und ich“) fiktionionalisierte Versionen von sich selbst. Luke zieht unverhoffterweise wieder zu Hause bei seinen Eltern ein, die eigentlich gerade froh darüber waren, dass alle ihre sechs Söhne endlich aus dem Haus sind. Doch nun ist die neu gewonnene Ruhe schon wieder dahin, denn Luke macht es sich nicht nur bequem, sondern bringt auch gleich seine neue Flamme Nina (Inga Lessmann) mit, was bei seiner Mutter gar nicht gut ankommt. Margies spontan geplante Deutschlandtournee und Bills diverse Zukunftsvisionen lassen sich ohnehin schlecht vereinbaren. Mit dabei ist auch Nachbarin Petra, gespielt von Anna Stieblich („Türkisch für Anfänger“). Vier Folgen sind ab dem 28. August immer freitags um 21:45 Uhr zu sehen.

    Wie geil ist das denn?!
    „Wie geil ist das denn?!“ ist der Titel einer neuen Verbraucher-Comedy mit Guido Cantz, die ab dem 26. August in vorerst vier Ausgaben immer mittwochs um 20:15 Uhr zu sehen ist. Der „Verstehen Sie Spaß?“-Moderator möchte in seiner „neuen witzigen Prime-Time-Show“ Verbrauchern die Augen öffnen und den vermeintlichen Buhmännern der Nation die ihnen zustehende „Anerkennung“ zukommen lassen. Ein Expertenteam rund um Yvonne Willicks („Der Große Haushaltscheck“) untersucht und prämiert fragwürdige Leistungen. Auf ironische Weise soll gezeigt werden, dass Deutschland ein wahres Konsumenten-Paradies ist und die Verbraucher eigentlich zu Unrecht über Behörden und Dienstleister jammern. Beispielsweise soll aufgedeckt werden, welcher Masterplan hinter den Verspätungen der Deutschen Bahn steckt und weshalb Eltern für die Preiserhöhungen eines Winderlherstellers dankbar sein sollten.

    Jetzt bestimmen wir!
    In einem neuen Doku-Experiment tauschen Kinder und ihre Eltern die Rollen. Eine Woche lang übernehmen in „Jetzt bestimmen wir!“ in zwei Familien die Kinder das Ruder und bestimmen den Tagesablauf. Sie organisieren den Alltag – solange das Geld reicht und wenn nicht, auch darüber hinaus. Die Eltern müssen während der vorübergehenden Entmachtung die Füße still halten und sich den Entscheidungen ihrer Kinder fügen. Im Gegenzug müssen sie fortan auch nicht mehr die Klamotten waschen, sich um den Garten kümmern oder das Haustier versorgen. Doch bringen sie auch ausreichend Appetit für viel Pizza und noch mehr Schokocreme mit? „Jetzt bestimmen wir!“ stellt den Nachwuchs auf die Probe und die Eltern vor eine Herausforderung. Die Koproduktion des WDR und SWR ist ab dem 26. August mittwochs um 21.00 zu sehen.

    Die Politiker-WG
    Sieben Politiker zogen in eine WG in einem sozialen Brennpunkt. Eine Woche lang haben sie im Duisburger Ortsteil Marxloh unter dem Motto „Nicht reden – machen statt quatschen!“ gelebt und sich mit den Problemen der Gegend beschäftigt. Dazu gehören laut WDR „die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen in Duisburg-Marxloh oder der fehlende Krankenversicherungsschutz tausender Menschen“. Innerhalb der WG-Woche sollen die Politiker für erste Verbesserungen auf diesen Gebieten sorgen und sie derart konkret umsetzen, dass erste Veränderungen bereits für die Bürger von Marxloh sichtbar werden. Teil der „Politiker-WG“ sind Manuel Dröhne (Die Jungsozialisten, Stadtrat in Oberhausen), Klaus Franz (CDU-Bürgermeisterkandidat für Bochum), Lisa-Marie Friede (Sprecherin Grüne Jugend NRW), Luisa-Maximiliane Pischel (Junge Liberale, Kreisvorsitzende Ruhrgebiet), Paula Marie Purps (CDU, u.a. Bundesjungbeirat für Inklusion), Ulrich Scholten (SPD-Bürgermeisterkandidat für Mülheim/​Ruhr) und Kathrin Vogler (Mitglied des Deutschen Bundestages, Die Linke). Zu sehen ist das sogenannte „Anpacker-Format“ am Montag, den 24. August, um 21:00 Uhr.

    Die runde Ecke
    Eine Bühne, ein Mikrofon, 40 Zuhörer und ein Mensch, der eine bewegende Geschichte aus seinem Leben erzählt. So einfach die Bestandteile des neuen Formats „Die runde Ecke“ klingen, umso wirkungsvoller könnten sie sein. Moderator Patrick Lynen ging für seine Veranstaltungsreihe auf die Suche nach echten Menschen mit echten Geschichten, die seiner Meinung nach im deutschen Fernsehen derzeit Mangelware sind. Hierfür organisierte er in mehreren deutschen Städten Klubabende. Die Geschichten handeln von Aufbrüchen, Abenteuern und Abschieden. Da ist beispielsweise der Mitvierziger, der auf dem Motorrad von Unna nach Vietnam fuhr und mit Dutzenden Kinderpatenschaften zurückkehrte. Oder der erfolgreiche Elektroingenieur, der seinen Job an den Nagel hängt, um Profi-Musiker zu werden. Der WDR bringt die Veranstaltungsreihe für vorerst fünf Episoden ins Fernsehen, „behutsam ohne Effekthascherei“. Die erste Folge läuft am Montag, 24. August, um 23:30 Uhr, die zweite Episode am Donnerstag, 27. August, um 22:45 Uhr.

    Sounds like Heimat
    In dem neuen Doku-Format „Sounds like Heimat“ gehen drei Musiker auf die Suche nach dem typischen Klang einer nordrhein-westfälischen Stadt. Sie gehen gezielt in jene Städte des Westens, die gemeinhin eher nicht als Schönheiten gelten, und wollen anhand von mitreißenden Songs die verborgene Schönheiten aufzeigen. Fünf Tage lang hat jeder Musiker Zeit, die Stadt und ihre Bewohner auf seine Art und Weise kennenzulernen. Sie erkunden die Kulturszene, lokale Besonderheiten aber auch den Alltag der Menschen. Sie übernachten bei Couchsurfern, treten als Straßenmusiker auf und entdecken die Heimat der Menschen. In den beiden ersten Folgen lernen die Zuschauer die Städte Krefeld (25. August, 20:15 Uhr) und Hamm (2. September, 20:15 Uhr) kennen. Am Ende wartet auf die Musiker eine große Herausforderung: Auf dem „Sounds like Heimat“-Konzert muss jeder einen neuen Song spielen, den er extra für die jeweilige Stadt geschrieben hat. Die Konzertbesucher stimmen dann darüber, welches der Lieder ihren ganz persönlichen Sound am besten wiedergibt.

    Quarks & Du
    In „Quarks & Du“, dem neuen Ableger der langjährigen WDR-Wissenschaftssendung „Quarks & Co.“ geht es um persönliche Erfahrungen der Zuschauer und Selbstversuche. Die erste Ausgabe am Dienstag, 25. August, um 21:00 Uhr widmet sich dem Thema „Das erste Mal“. Zuschauer berichten von ihren ersten Malen: vom ersten Vollrausch, der Geburt des ersten Kindes oder dem ersten Coming-Out. Drei Omas reisen außerdem nach Amsterdam und rauchen in einem Coffeeshop zum ersten Mal in ihrem Leben Cannabis. Danach wird getestet, wie sich der Drogenrausch auf Geschicklichkeit und Gedächtnis der drei Damen auswirkt. In einem anderen Experiment wird überprüft, wie einfach sich der erste Eindruck über einen Menschen manipulieren lässt. Ralph Caspers führt durch die Sendung.

    Abgesehen von diesen nonfiktionalen Neustarts beginnt der WDR in derselben Woche auch mit der deutschen Erstausstrahlung der beiden fiktionalen Serien „Meuchelbeck“ (schwarzhumorige, deutsche Comedy, fernsehserien.de berichtete) und „The Game“ (britische Miniserie, fernsehserien.de berichtete).

    Während der WDR in eine jugendaffine Formatoffensive investiert, sind andere Bereiche des Programms die Leidtragenden. So beendete der Sender am vergangenen Samstag nach 25 Jahren sein Wissenschaftsmagazin „Kopfball“. Zudem wird die Anzahl der Beiträge, die der WDR an das 3sat-Wissenschaftsmagazin „nano“ liefert, ab 2016 drastisch reduziert. Ende des kommenden Jahres soll die Zusammenarbeit sogar völlig beendet werden, um Einsparungen im sechsstelligen Bereich zu erzielen.

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Wieder typisch - ohne Wissenschaft hätte es den Wandel in den Medien nicht gegeben, ohne Wissenschaft ist nichts in der heutigen Gesellschaft denkbar, aber Model sein zu wollen oder in Medien machen oder Stararchitekt sein oder Trash-TV-Moderator sein haben die höchste Prioriät. Und man kokettiert gern damit, wie doof man in Mathematik schon immer gewesen sei, ohne dabei zu bemerken, daß der Satz dann wohl korrekt lauten müßte wie doof man im allgemeinen sei.

      Wenn der WDR als einer der wenigen Sender, die noch eine professionelle WIssenschaftsvermittlung betreiben, diese zu gunsten infantiler Darsteller wie Mockridge eindampft, muß man sich nicht wundern, wenn das Interesse am wichtigsten in der Gesellschaft noch mehr nachläßt und Leute glauben, das Einstellen .der Fernsehsender sei 'Programmierung'.

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