„The Great“: Elle Fanning und Nicholas Hoult begeistern in unbekümmert geschichtsklitternder Kostümserie – Review

    Historien-Serie von Starzplay unterhält bestens mit Rokoko-Ranküne und Monty-Python-Slapstick

    Rezension von Gian-Philip Andreas – 18.06.2020, 09:30 Uhr

    Beginnt bald einen gefährlichen Drahtseilakt: Katharina (Elle Fanning) mit ihrem Ehemann Peter (Nicholas Hoult)

    Wer es im Kostümfilm mit historischer Korrektheit hält, sollte bitte direkt weitergehen: Es gibt hier nichts dergleichen zu sehen. „The Great“ erzählt zwar von den jungen Jahren der preußischen Prinzessin Sophie von Anhalt-Zerbst, später bekannt als Katharina die Große, von ihrer Ankunft am russischen Hof in Sankt Petersburg, von der lieblosen Ehe mit Zar Peter III. sowie ihren (wie wir wissen: erfolgreichen) Putschplänen gegen diesen – doch zugleich nimmt sich die zehnteilige Hulu-Produktion nicht nur in den Details, sondern schon in der ganzen Konzeption so viele Freiheiten, dass sich Geschichtslehrer und Faktenhuber mit Grausen abwenden werden. Als Lernstoff für Klausuren ist „The Great“ ungeeignet. Zum Glück!

    Denn was wir stattdessen bekommen, ist womöglich das Witzigste, was es diese Saison jenseits klassischer Sitcoms zu sehen gibt – zugleich auch mit das Fieseste, Albernste und rundherum Beknackteste. Über weite Strecken ist „The Great“ ein schonungslos böses und schamlos satirisches Porträt adeliger Privilegien und Rücksichtslosigkeiten in den letzten Jahrzehnten vor der Französischen Revolution, inszeniert ist es als kongenial selbstbewusste Schmierenkomödie mit zwei absolut brillanten Hauptdarstellern: Elle Fanning als Katharina und Nicholas Hoult als Peter. Der australische Autor Tony McNamara, der sich das Ganze (zunächst als Theaterstück) ausgedacht hat, kennt sich mit derlei Dingen aus: Er war zuletzt ein oscarnominierter Co-Autor des im Tonfall ähnlich gelagerten Kinofilms „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ über die englische Königin Anne – Dieser Film spielte zwar nicht in Russland, aber ebenfalls im 18. Jahrhundert.

    Also nochmals die Vorwarnung: Wer „seriös“ über Katharinas Aufstieg am Zarenhof informiert werden möchte, sei etwa an die letztjährige HBO-Miniserie „Catherine the Great“ mit Helen Mirren verwiesen – oder an Catherine Zeta-Jones im 1995er Fernsehfilm „Katharina die Große“ (mit, nun ja, Hannes Jaenicke als Peter III.). Die hielten sich eher an das, was aus dieser Zeit an „Geschichte“ überliefert ist. Nur machten sie eben nicht halb so viel Spaß wie wie jetzt „The Great“.

    Nicht nur beim „Jagdsport“ merkt Katharina (Elle Fanning) schnell, dass ihr frisch angetrauter Peter (Nicholas Hoult) ein überheblicher, ungehobelter Feigling ist. Nick Wall/Hulu

    Besonders in deutschen Film- und Fernsehproduktionen wird ja gerne einem merkwürdigen Authentizitätsfetisch gehuldigt: Die Macher scheinen sich vom Publikum vor allem Applaus abholen zu wollen dafür, dass sie die Filmsets vom Schrank übers Telefon bis zur Perücke mit möglichst „echtem“ Mobiliar der porträtierten Epoche vollgerümpelt haben: Oh, so eine Brille hatte Fritz Bauer ja wirklich! Wow, genau so hat Hitler wirklich mit der Hand gezittert! Um eine Nachbau-Akribie dieser Art ist es „The Great“ nun gerade nicht gelegen – auch wenn Kostüme und Ausstattung durchaus beeindrucken. Wie wenig sich McNamara und die Regisseure (darunter „It’s Always Sunny in Philadelphia“-Veteran Matt Shakman) darum scheren, zeigt bereits das ganze Setting: Die Serie spielt zwar fast durchgehend am Zarenhof in Oranienbaum bei Sankt Petersburg, doch gedreht wurde überwiegend in und um York, in Hertfordshire und Leicestershire: Alles sieht sehr englisch aus und fast gar nicht russisch – das Schloss selbst wird zudem von außen vom bourbonischen Königspalast im italienischen Caserta gedoubelt.

    Auch das vortreffliche Schauspielensemble wurde sicher nicht nach slawischen Ähnlichkeitsgesichtspunkten zusammengestellt – es ist vollkommen divers. Die russische Grafen und Hofdamen sind bunt gemischt, weiß, schwarz oder sonstwie of color, ohne dass dies in irgendeiner Weise thematisiert würde. Es ist die Idealform des Prinzips „Schauspiel“, nach dem eben jede(r) jede(n) „verkörpern“ darf: Nur wenn ein Schwarzer wie selbstverständlich den Hamlet spielen darf, kann auch ein weißer Othello-Darsteller wieder tragbar sein.

    Wird schnell ein Verbündeter von Katharina: der politische Berater Orlo (Sacha Dhawan) Nick Wall/Hulu

    Von dieser Haltung getragen, setzt sich die Katharina-Story zügig in Gang: Als etwa 20-Jährige kommt Sophie/Katharina zu Beginn aus Preußen nach Petersburg, um mit Zar Peter III vermählt zu werden – und ihre anfangs naiv-romantischen Vorstellungen sofort zerschellen zu sehen. Peter nämlich ist kein fortschrittlicher Regent, sondern ein saufseliger und ziemlich tumber Ignorant, der die Adelsdamen als dauerverfügbare Beischlafware betrachtet, sämtliche Untergebenen wie Dreck behandelt und sich mit Claqeuren und Speichelleckern umgibt, die noch den größten Stuss aus seinem Munde mit einem freudigen Huzzah! quittieren. So wie schon die dramaturgischen Rahmenbedingungen nichts mit der Überlieferung zu tun haben (Katharina wurde schon als 14-Jährige mit Peter verheiratet, dieser musste dann noch lange auf seinen Kaisertitel warten, da seine Tante Elisabeth noch als Zarin regierte), so lustvoll-schamlos übernimmt McNamara das Narrativ vom nichtsnutzigen Gewalthedonisten Peter – ein Zerrbild, das Katharina selbst in die Welt setzte.

    Muss wegen missgünstiger Hofdamen und ihrem Ehemann immer über die Schulter blicken: Katharina (Elle Fanning) … Nick Wall/Hulu

    Wie US-Amerikanerin und Mit-Produzentin Elle Fanning („Super 8“, „The Neon Demon“), die in der Originalfassung einen überzeugenden britischen Akzent hinbekommt, im Laufe der Episoden vom naiven Mädchen zur selbstbewussten Taktikerin des Hofgeschehens hin zur intriganten Staatsstreich-Strategin mutiert, ist faszinierend genug. Mindestens so toll ist aber Nicholas Hoult („Mad Max: Fury Road“), der schon in „The Favourite“ mit dabei war und es hier fertigbringt, eine auf dem Papier absolut widerliche und toxische Figur nicht nur immer wieder irritierend sympathisch wirken, sondern auch in den wenigen ernsteren Momenten eine durchaus anrührende Verlorenheit durchscheinen zu lassen – als ahne Peter bereits, dass er nur eine Fußnote der Geschichte bleiben wird. Wenn er einmal, inspiriert durch die Reformenergie seiner Frau, eine proto-demokratische Box aufstellt, in die jeder bei Hofe Zettel mit Vorschlägen und Kritik einwerfen kann, findet er hinterher nur Kommentare wie „Töte dich!“, „Trottel“ usw. Der Bezug auf das Social-Media-Gepöbel von heute ist deutlich. Und auch wenn es mehrere Bezüge dieser Art gibt: „The Great“ will sich nicht explizit als Politkommentar auf heutige Fast- und Ganz-Diktatoren lesen lassen.

     … die dort aber stets ihre treue Verbündete Marial (Phoebe Fox) findet – die in dieser Szene Katharina (Elle Fanning) einen möglichen Ausweg aus ihrer Gefangenschaft im „Goldenen Käfig“ aufzeigt: Den Dolch nicht gegen sich selbst, sondern gegen Peter richten! Nick Wall/Hulu

    Der restliche Cast ist ebenfalls toll: Phoebe Fox („Die Frau in Schwarz 2“) spielt die zur Kammerzofe degradierte ehemalige Hofdame Marial, die zu Katharinas Verbündeter wird. Zu ihnen gesellen sich bald Peters nervöser Berater Orlo (Sacha Dhawan aus „Marvel’s Iron Fist“; zuletzt auch mit einer markanten Rolle in „Doctor Who“), der versoffene Militärchef Velementov (Douglas Hodge aus „The Night Manager“) und der attraktive Adelige Leo (Sebastian de Souza aus „Die Medici“ und „Skins – Hautnah“), den Peter seiner Frau großzügig als Liebhaber „gönnt“. Peter selbst steht nicht nur seine schräge Tante Elisabeth (herrlich: Belinda Bromilow aus „The Heart Guy“) zur Seite, die sich als Dompteuse von Schmetterlingen betätigt und alle mit ständigen Sexbekenntnissen in Verlegenheit bringt, sondern auch die Hofschranzen Arkady (Bayo Gbadamosi aus „Krieg der Welten“) und Grigor Dimov (Gwilym Lee aus „Bohemian Rhapsody“). Grigor erträgt es zunehmend weniger, dass Peter mit seiner Gattin Georgina (Charity Wakefield aus „Wölfe“ und „The Player“) eine Daueraffäre unterhält. Dann ist da noch der intrigierende orthodoxe Patriarch, den Adam Godley (in „The Umbrella Academy“ in der Rolle als intelligenter Affe Pogo präsent, aber unkenntlich) mit Rasputinbart als sinistre Variante von Severus Snape spielt.

    Bereichern den Cast: Peters schräge Tante Elisabeth (Belinda Bromilow) und der nur „Archie“ genannte „Archbishop“/Erzbischof (Adam Godley) Jason Bell/Hulu

    Obwohl die Staffel klar auf Katharinas geplanten Coup d’État hinausläuft, bleibt gerade zum Ende hin die Spannung hoch – schließlich ist in dieser Serie alles möglich, und tatsächlich hält das Finale clevere Überraschungen bereit. Ob eine Fortsetzung der Serie danach möglich ist? Schwer zu sagen. Auch in der ersten Staffel, das muss man erwähnen, gibt es durchaus ein paar Längen, in denen sich zeigt, dass der Stoff für zehn fast einstündige Episoden möglicherweise nicht ganz ausgereicht hat – trotz köstlicher Abschweifungen in Sachen Pockenkrankheit (samt Impfpflicht-Diskurs!) und Schwedenkrieg sowie Gastbesuch des französischen Aufklärers Voltaire.

    Demgegenüber stehen aber McNamaras messerscharfe und oft im Schnellfeuer hin- und hergehenden Dialoge, die sich wunderbar mit Fannings und Hoults trocken-britischer Nonchalance reiben, sowie eine humoristische Bandbreite, die mühelos zwischen derben Furzwitzen, groben Geschmacklosigkeiten, klamaukigem Slapstick und feinstem Wortwitz irrlichtert. Das komödiantische Timing aller Beteiligten ist absolut bewundernswürdig. Man sollte aber darauf gefasst sein, dass den Machern dabei vom Kindsmord bis zur Leichenschändung, von harten Folterszenen bis zur polternden Sexnummer rein gar nichts zu obszön ist – das wird fraglos einige verprellen, die sich von dieser Serie möglicherweise eine nett-ironische Kostümserie à la „Dickinson“ erwartet haben.

    Stattdessen nimmt „The Great“ Elemente aus Sofia Coppolas „Marie Antoinette“-Film und McNamaras „The Favourite“-Skript, um sie mit den elaborierten Derbheiten aus britischen (Sketch-)Comedies zu verquirlen. Tatsächlich erinnern groteske Szenen wie jene, in der Katharina durch den Matsch eines Kriegsschlachtfelds stöckelt, um blutende und verstümmelte Soldaten mit französischen Macarons zu beglücken, im Tonfall sehr an Sketche von Monty Python. Schon klar, das alles ist eher ein großer, böser Spaß als alles andere – huzzah! Dass dabei aber wie nebenher eine sehr mitreißende Emanzipationsgeschichte erzählt wird, ist das verblüffendste Verdienst dieser ungemein unterhaltsamen Serie.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der kompletten ersten Staffel von „The Great“.

    Meine Wertung: 4/5

    „The Great“ wurde in den USA von hulu veröffentlicht. Am 18. Juni 2020 folgte die Deutschlandpremiere der kompletten ersten Staffel beim Streaming-Anbieter Starzplay.

    Trailer zu „The Great“ (OmU)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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      Also ich war nach dem Trailer noch unentschlossen und den Hoult mag ich nicht besonders. Aber nach der rauschenden Besprechung bin ich dabei! Danke dafür! ;-)
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