Agnes (Chase Infiniti) lernt in „The Testaments: Die Zeuginnen“ die Brutalität des Staates Gilead kennen.
Bild: Disney+/Hulu
Frauen, die über ihre Körper und ihre Leben nicht mehr selbst bestimmen dürfen, stehen im Mittelpunkt von Margaret Atwoods preisgekröntem Roman „Der Report der Magd“, der 1985 in den Handel kam. Die düstere Vision eines auf US-amerikanischem Boden errichteten Gottesstaates patriarchaler Prägung schockiert bis heute – nicht zuletzt dank der ebenfalls gefeierten Serienadaption „The Handmaid’s Tale“ (so auch der Originaltitel des Buches) mit Elisabeth Moss. In einer realen Welt, in der Politiker des rechten Spektrums immer häufiger offen über eine vermeintlich schöne, alte Zeit mit starren Geschlechterrollen reden, ist die dystopische Fiktion aktueller denn je. Allen Gleichberechtigungsbemühungen zum Trotz lässt sich weltweit ein Backlash beobachten, der vielleicht nicht unmittelbar in ein Schreckensszenario wie bei Atwood mündet, uns aber dennoch alarmieren sollte. In „The Testaments: Die Zeuginnen“, der nun bei Disney+ startenden, auf dem gleichnamigen Roman basierenden Fortsetzung von „The Handmaid’s Tale“, heißt es nicht umsonst an einer Stelle sinngemäß, dass die dort beschriebene Diktatur keineswegs einfach so über Nacht entstanden sei.
Hauptschauplatz der Handlung im Sequel ist einmal mehr der Gilead genannte Gottesstaat, der in den USA aus einem Bürgerkrieg und dem Sieg einer christlich-fundamentalen Gruppierung in einer nicht allzu fernen Zukunft erwuchs. Besonders Frauen haben im neuen System wenig Bewegungsfreiraum, sind auf klar umrissene Tätigkeiten bzw. Aufgaben festgelegt. Die von Elisabeth Moss verkörperte June Osborne alias Desfred und Desjoseph gehörte lange Zeit zur Kaste der sogenannten Dienstmägde (im Englischen: handmaids), denen es in einer zunehmend unfruchtbaren Gesellschaft noch möglich ist, Kinder zu zeugen und zu gebären. Als Brutmaschine für die Elite in rituellen Vergewaltigungen missbraucht, konnte die Protagonistin von „The Handmaid’s Tale“ irgendwann aus ihrer Rolle als Sexsklavin ausbrechen und sich dem Widerstand gegen den Gilead-Apparat anschließen.
Erhalte News zu The Testaments: Die Zeuginnen direkt auf dein Handy. Kostenlos per App-Benachrichtigung.Kostenlos mit der fernsehserien.de App.
Alle Neuigkeiten zu The Testaments: Die Zeuginnen und weiteren Serien
deiner Liste findest du in deinem
persönlichen Feed.
Auch wenn am Ende der sechsten und letzten Staffel große Fortschritte im Kampf gegen die brutale Theokratie erzielt wurden, scheint der Untergang des Regimes zu Beginn der einige Jahre später spielenden Fortsetzung noch in weiter Ferne. Statt June Osborne, eine Frau mittleren Alters, nimmt „The Testaments: Die Zeuginnen“ eine junge Generation in den Blick. Teenagerinnen, die der Oberklasse Gileads entstammen und sich, so wollen es die sozialen Regeln, auf ein Leben als Ehefrauen vorbereiten. Agnes (Chase Infiniti) ist die Tochter des hochangesehenen Commander Mackenzie (Nate Corddry), eines der wichtigsten Männer im Staate, und soll, geht es nach ihrer Stiefmutter Paula (Amy Seimetz macht das Beste aus einer klischeehaft angelegten Rolle), so schnell wie möglich dem Brautmarkt zugeführt und damit außer Haus geschafft werden.
Paula (Amy Seimetz, l.) ist Agnes (Chase Infiniti) nicht wohlgesonnen. Disney/Russ Martin
Die Chance darauf besteht allerdings nur, wenn Agnes ihre Periode bekommt. Erst dann steigt sie in den Rang einer heiratswürdigen Kandidatin auf und darf an einem Ball teilnehmen, auf dem sie potenzielle Gatten kennenlernen kann. In Gilead herrschen strenge Regeln, hat alles seine Struktur, was nach außen durch verschiedenfarbige Kleidung markiert wird. In der Auftaktfolge ist Agnes noch in Lila gewandet. Ein Sprung auf die nächste Stufe würde ihr eine grüne Tracht bescheren, um am Ende das Blau der Ehefrauen tragen zu dürfen. Wie schon in der Vorgängerserie zeichnen sich viele Bilder durch eine symmetrische Komposition aus, die das Fehlen von Individualität im skizzierten Unterdrückungsapparat unterstreicht. Selbst die Töchter aus den namhaftesten Familien können nicht entscheiden, wie sie aussehen und auftreten wollen. Womöglich haben sie es sogar am schwersten, da man von ihnen erst recht erwartet, besonders gläubige und gehorsame Untertaninnen zu sein.
Dass aus ihnen vorzügliche Ehefrauen werden, die ihre mächtigen Männer bestens unterstützen, darauf bereitet sie der Besuch einer Privatschule vor. An deren Spitze steht die aus „The Handmaid’s Tale“ bekannte Tante Lydia (Ann Dowd, nicht die einzige Rückkehrerin!), die im Verlauf der Ursprungsserie eine markante Wandlung durchlief. Zunächst als rigorose Unterstützerin des Gilead-Geistes etabliert, wendete sie sich in der finalen Staffel gegen das Regime und griff der Widerstandsbewegung unter die Arme. In „The Testaments: Die Zeuginnen“ steht sie zwar einer wichtigen Einrichtung des Staates vor und hält an dessen zeremoniellen Praktiken fest. Immer mal wieder scheint aber in den für diese Kritik gesichteten ersten fünf von insgesamt zehn Episoden ihre veränderte Haltung durch. Mehrfach stellt sie sich schützend vor „ihre Mädchen“, die in der patriarchalen Gesellschaft fortwährend männlichen Übergriffen ausgesetzt sind, obwohl die Gilead-Erschaffer das Leid der Frauen doch angeblich beendet haben. Wenig verwunderlich, wenn man in diesem Zusammenhang nicht auch an die Abgründe des realen Epstein-Falls denken muss. Angedeutete Konflikte innerhalb der herrschenden Clique lassen auf eine spannende Entwicklung der Lydia-Figur schließen, die in der zweiten Hälfte des Sequels sogar als Erzählerin auftreten soll.
Agnes (Chase Infiniti, l.) erhält von Tante Lydia (Ann Dowd) eine Spezialaufgabe. Disney/Russ Martin
Bis zur fünften Folge fällt diese Aufgabe aber erst einmal Agnes und der ungefähr gleichaltrigen Daisy (Lucy Halliday) zu. Erstere hat eine etwas nebulöse Vergangenheit (für „The Handmaid’s Tale“-Kenner jedoch nicht allzu schwer durchschaubar), kennt nichts außer Gilead und ist durch ihre Prägung anfangs gewillt, nach den bekannten Regeln zu spielen. Zarte Anzeichen eines rebellischen Geistes zeigen sich gleichwohl hier und da. Beispielsweise kann Agnes nicht ganz verbergen, dass sie sich von ihrem persönlichen Bewacher Garth (Brad Alexander) angezogen fühlt – was in der alles Sexuelle unterdrückenden Theokratie eine unter schwerer Strafe stehende Sünde ist. Andererseits verzieht sie keine Miene beim Anblick der am Straßenrand von Galgen baumelnden Gilead-Feinde. Wer gegen die Gebote verstößt, gar aktiven Widerstand betreibt, hat den Tod verdient – dieses Mantra hat sich auch bei ihr festgesetzt.
Dass Agnes ihre Sicht im Verlauf des Sequels ändern wird, kündigt sich freilich schon in ihren Voice-over-Kommentaren zu Beginn der Auftaktepisode an. Greifbar wird ihr wachsendes Unbehagen über das Leben in Gilead etwa bei ihren Zahnarztbesuchen und in der Szene, in der sie ihrem Vater von ihrer ersten Periode, dem Gütesiegel Gottes, wie es in der Serie heißt, berichtet. Im Raum befinden sich auch lauter männliche Freunde des Commanders, die die Teenagerin unverhohlen begaffen, während sie eine höchst intime Nachricht überbringt. Gruseliger geht es wohl kaum!
Bei Daisy wiederum handelt es sich um eine Jugendliche aus Toronto, die selbst also nicht in Gilead aufgewachsen ist. Als eines der sogenannten Perlenmädchen plant sie, so sagt sie, in der religiösen Diktatur einen Neuanfang. Im Auftrag Lydias soll Agnes die Konvertierte unter ihre Fittiche nehmen, ihr das Eingewöhnen erleichtern. Doch kann sich die Tochter aus reichem Hause sicher fühlen? Mitschülerin Shunammite (Rowan Blanchard), eine bis zur Halbzeit als verwöhnte Intrigantin noch recht blass bleibende Figur, warnt jedenfalls eindringlich vor Daisy. Vielleicht sei auch sie, wie einige der aus dem Ausland angeworbenen jungen Frauen, ein Spitzel im Dienste Lydias.
Agnes (Chase Infiniti, l.) soll Neuankömmling Daisy (Lucy Halliday) zur Seite stehen. Disney/Russ Martin
Nicht nur ihre verräterischen Blicke und ihre nächtlichen Ausflüge bestätigen, dass Daisy tatsächlich eine eigene, geheime Agenda verfolgt. Im dritten Kapitel tauchen wir auch über Rückblenden in ihre Vorgeschichte ein, wobei die Macher um Schöpfer und Showrunner Bruce Miller (schon die treibende Kraft hinter „The Handmaid’s Tale“) ihren Background, ihr brutales Schicksal eine Spur zu hastig abwickeln. Die emotionale Wucht der über sie hereinbrechenden Ereignisse kann sich da nicht voll entfalten.
Während der Rahmen, der rigoros gegen Abweichler vorgehende Gottesstaat, für eine Coming-of-Age-Geschichte eher ungewöhnlich ist, tun sich, vor allem in der Beziehungsdynamik zwischen den Schülerinnen, viele klassische Teenie-Drama-Elemente auf. Neid, Missgunst, Intrigen und auch eine lange unausgesprochene Liebe sind Bestandteile der Erzählung und treiben diese immer mal wieder voran. Was angesichts der bedrückenden Grundstimmung überraschen könnte: „The Testaments: Die Zeuginnen“ kommt, wenigstens bis zur Hälfte, in hellen, fast zarten Tönen daher. Gileads Grausamkeiten wie die erwähnten mahnend in der Landschaft stehenden Galgen stechen jedoch gerade in den pastellfarbenen Bildern auf markante Weise hervor.
Meine Wertung: 3,5/5
Die ersten drei Folgen der Serie „The Testaments: Die Zeuginnen“ sind seit heute (8. April) auf Disney+ verfügbar. Im Anschluss wird jede Woche eine neue Episode veröffentlicht.
Über den Autor
Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.