„Star Trek: Lower Decks“: Die Fähnriche aus dem Schiffsbauch müssen sich erst noch beweisen – Review

    Neue Trickserie ist noch kein relevanter Neueintrag in die „Star Trek“-Annalen

    Rezension von Gian-Philip Andreas – 17.08.2020, 18:26 Uhr

    Ein erster Blick auf die „Lower Decks“-Crew (v.l.n.r.): Ensign Tendi, Ensign Rutherford, Ensign Mariner und Ensign Boimler

    Kirk, Picard, Sisko, Janeway, Archer, Burnham – an sie und an ihre engsten Crew-Mitglieder denken sowohl beinharte Trekkies als auch Gelegenheitsgucker zuallererst, wenn es um die Geschichten der zahlreichen Filme und Serien aus dem mittlerweile fünfeinhalb Dekaden alten Star-Trek-Franchise geht. Kein Wunder, schließlich zirkulieren nahezu alle Handlungslinien um sie – und um ihre mal mehr, mal weniger profilierten Gegner. Doch was ist mit den Leuten aus der zweiten, dritten, gar zehnten Reihe? Zahllose Statisten und Statistinnen in meist roten Starfleet-Uniformen geistern seit Jahrzehnten im Hintergrund durch „Enterprise“, „Deep Space Nine“, „Voyager“ und „Discovery“: Hie und da reparieren sie mal was, mal geben sie den Helden mit dem Phaser Deckung, halten als namenlose Opfer der Gegner her. Vor allem aber suggerieren sie durch bloße, textlose Anwesenheit die Tatsache, dass Kirk & Co. nicht allein an Bord ihrer riesigen Schiffe sind.

    Doch wie genau sieht ihr Leben aus? Was sind ihre Träume und Ambitionen? Verfolgen sie ehrgeizige Karrieren, wollen sie eines Tages ebenfalls auf einer Brücke stehen wie Janeway oder Archer? Oder sind sie eigentlich ganz zufrieden an ihrer Stelle im Schiffsbauch? Diesen Fragen ging erstmals die „The Next Generation“-Episode „Lower Decks“ nach: Anstatt auf Crusher, Riker, Picard und Kollegen konzentrierte sie sich ganz auf vier junge Enterprise-Offiziere, die in den unteren Schiffsetagen ihren Dienst verrichten. Diese Fokusverschiebung kam damals gut an, „Lower Decks“ (Staffel 7, Folge 15, gesendet 1994) wird nach wie vor regelmäßig zu den beliebtesten Episoden der „Next Generation“ gezählt.

    Es ist also eine schöne und vor allem interessante Sache, dass dieser Spin nun weiterverfolgt wird. Produzent Alex Kurtzman, der seit „Star Trek: Discovery“ die Erweiterung des Star-Trek-Universums auf der Streaming-Plattform „CBS All Access“ vorantreibt und dabei dem Marvel Cinematic Universe hinterhereifert, achtet zwar darauf, dass sich alle neu entstehenden Stoffe an den Kanon der von Gene Roddenberry erfundenen Erzählwelt halten, doch er fördert gezielt alternative Herangehensweisen. Nach der gelungenen Rückkehr von Patrick Stewart als gealterter „Picard“ im Januar ließ er nun die „Lower Decks“ als Trickserie produzieren – es ist tatsächlich die erste Star-Trek-Trickserie seit der „Animated Series“ von 1973/74. Noch gespannter durfte man sein, weil mit Mike McMahan einer der aktuellen Stars des Trickserienwesens die Serie entwickelte. Im Mai erst legte er mit der Aliens-in-der-US-Provinz-Sitcom „Solar Opposites“ (auf Hulu) nicht nur die bislang sehenswerteste Animationsserie des Jahres vor, er ist als Autor auch an der brillanten Sci-Fi-Sitcom „Rick and Morty“ beteiligt, deren Humor gewiss nicht für jedermann geeignet ist, aber fraglos zum Besten zählt, was in diesem Metier zu haben ist. Wie diese Art von überdrehtem, surreal ums Eck gedachtem Witz mit dem in Würde gealterten Star-Trek-Ton zusammenfinden kann: Das war die große Frage. Würde am Ende eine Parodie dabei herauskommen, die sich über das Franchise lustig macht?

    Szene Aus dem Vorspann: Wenn das Geschehen interessant wird – macht die U.S.S. Cerritos lieber einen Rückzug. CBS All Access

    Die Antwort darauf ist leider nicht annähernd so spannend, wie manche befürchtet, andere erhofft haben. „Star Trek: Lower Decks“ erfindet spannende Figuren, durchaus, doch die Serie macht relativ wenig Eigenständiges draus. Star-Trek-Fundamentalisten können aufatmen, da die sitcomlangen Episoden nie in Spoof-Richtung driften oder gar die liebgewonnenen Traditionen und Rituale verhöhnen. Ganz im Gegenteil: Die Haltung ihnen gegenüber ist liebevoll, allenfalls dezent ironisch. Schon in den ersten beiden Folgen werden außerdem so viele Trek-Namen und -Dinge anreferenziert, dass Fans gar nicht auf die Idee kommen können, hier wolle sich etwas vom Kanon absetzen. Neben bekannten Alien-Spezies von den Andorianern und Vendorianern bis zu den Ferengi kommen nahezu alle Standards der Star-Trek-Welt vor: Beamen, Phaser, Replikatoren, Jefferies-Röhren, Logbuch-Einträge, Holodecks, das alles kommt vor, wobei es hier eben vorrangig um die Leute geht, die die Replikatoren reparieren müssen und die im stillen Kämmerlein eigene Logbuch-Einträge texten. Sternzeitangaben gibt es übrigens auch: Die Serie setzt 2380 ein, also ein Jahr nach dem letzten „New Generation“-Kinofilm („Nemesis“) und knapp zwanzig Jahre vor „Star Trek: Picard“.

    Im Mittelpunkt stehen vier „ensigns“ (deutsch: Fähnriche) der Starflotte. Der rebellischen Beckett Mariner (Stimme: Tawny Newsome aus „Space Force“), einer genialen jungen Offizierin, die auf den Karriereweg pfeift und lieber ihren eigenen Regeln folgt, steht der eifrige Brad Boimler zur Seite (Jack Quaid, „Vinyl“), der unbedingt selbst Captain werden will und zu diesem Zweck fast zwanghaft getreu allen Sternenflottenregeln folgt. Klar: Die beiden geben ein prächtig gegensätzliches Buddy-Duo ab. Ihr Ingenieurskollege Sam Rutherford (Eugene Cordero) ist, wie Mariner und Boimler, ein Mensch, hat aber soeben ein Geordi-La-Forge-mäßiges Cyborg-Implantat verpasst bekommen, dessen Funktionen er erst nach und nach kennenlernen muss. Als neue Kollegin kommt zu Beginn der Pilotepisode D’Vana Tendi (Noël Wells, „Social Animals“) dazu: Die enthusiastische junge Medizinerin mit dem punkigen Undercut, eine Orionerin, dient quasi als Stellvertreterin für die Zuschauer beim Kennenlernen der für sie neuen Umgebung.

    Wer findet alle Anspielungen? „Star Trek: Lower Decks“ ist übervoll mit Anspielungen und Easter-Eggs. CBS All Access

    Die vier Protagonisten schieben ihren Dienst nicht etwa auf der Enterprise oder der Voyager, sondern auf der U.S.S. Cerritos, einer Art Versorgungsschiff, das nicht den „First Contact“ (so der Titel des zweiten Picard-Films von 1996) mit fremden Planeten herstellt, sondern bloß den „Second Contact“ (so heißt auch augenzwinkernd sarkastisch die Pilotfolge): Wenn die Helden der Starflotte, die Kirks und Picards, abgedampft sind, kommen Schiffe wie die Cerritos vorbei, um weitere Handlungsschritte zu besprechen und den Papierkram zu erledigen. Mariner, Boimler, Tendi und Rutherford sind also nicht nur bloß auf den „lower decks“ beschäftigt, ihre „lower decks“ sind auch noch die eines nicht allzu wichtigen Schiffes. Deren Crew wird übrigens auch gezeigt: Captain Carol Freeman (Dawnn Lewis aus „College Fieber“ und „Das zehnte Königreich“) leitet den Laden kompetent und steht zu Mariner in einer besonderen Beziehung, die am Ende der Pilotepisode enthüllt wird; der blendend aussehende erste Offizier Jack Ransom (Jerry O’Connell aus „Kangaroo Jack“ und „Sliders“) mag etwas eitel wirken, scheint aber ein netter Typ zu sein, neben ihnen gibt es noch den hünenhaften bajoranischen Sicherheitschef Shaxs (Fred Tatasciore) sowie Chefärztin T’Ana (Gillian Vigman), eine Caitianerin. Diese katzenhafte Spezies kam in der „Animated Series“ in den Siebzigern erstmals vor – es ist der erste von diversen Hommagen der neuen an die alte Trekkie-Trickserie. Flankiert wird die Crew von Figuren, deren Stimmgeber meist bewährte Kräfte der US-Comedy-Szene sind: Chef-Ingenieur Billups etwa wird von Paul Scheer („The League“) gesprochen, Freemans Ex-Mann von Phil LaMarr („MADtv“).

    Die Commando-Crew der U.S.S. Cerritos. CBS All Access

    Die ersten beiden, bereits gelaufenen Episoden (von zehn) lassen noch nicht allzu viel an Schlüssen zu, einige Merkmale kann man allerdings bereits festhalten. In jeder Episode scheint es einen Ausflug auf die von der Cerritos per „Second Contact“ angesteuerten Planeten zu geben, auf denen auch lustige neue Alien-Spezies herumlaufen (so die schweinchenartigen Galardonians im Piloten oder die echsenartigen Anabaj, die sich als verführerische, junge, menschliche Frau tarnen). In den ersten Folgen besteht das Ausflugsteam jeweils aus Mariner und Boimler, was sicher den Zweck erfüllen soll, Gegensätzlichkeit dieser Figuren herauszuarbeiten, aber auch die dahinterstehende Freundschaft wird deutlich. Mariner dient sich als Mentorin Boimlers an, dabei scheint ihre mysteriöse Vergangenheit durch: Offenbar wurde sie jüngst in die Lower Decks zurückversetzt und hatte vorher schon ganz andere Ebenen erklommen. In Zukunft dürfte sich dann, hoffentlich, aber auch mehr um Tendi und Rutherford gekümmert werden. Zweite Konstante der ersten Folgen: Etwas Fremdartiges schmuggelt sich in die Cerritos ein. In der Pilotepisode ist dies – huch! – ein aggressives Virus, das alle Infizierten zu wütenden Zombies macht, in der zweiten Folge ist es eine kugelförmige energetische Masse. Im temporeichen Zusammenwirbeln dieser kruden Elemente zeigt sich McMahans „Rick and Morty“-Humor am ehesten: Da gibt’s etwa eine Riesenspinne, die Boimler in ihr anusförmiges Maul saugt, Sauforgien mit Klingonen, Massagen am offenen Herzen und Simulationstrainings, bei denen Rutherford zum Amüsement seines Vorgesetzten immer mehr Kinder ins Weltall hinaussaugen lässt.

    Ein „guter Tag“ sieht für jeden anders aus: Rutherford ist immer noch angespannt, Mariner hat ein Abenteuer bestanden und ist mit sich selbst zufrieden, Tendi ist voll fasziniert vom Erlebten und Boimler … hat seine Uniform verloren und ist vollgesabbert. CBS All Access

    Diesen teilweise sehr witzigen Absurditäten steht allerdings ein relativ konventioneller Rest entgegen: Die Serie ist amüsant, auf jeden Fall, aber nie so, dass man sich sonderlich lang daran erinnern würde. Die Protagonisten haben Potenzial und sind fraglos markant, doch man nimmt die Szenen etwas achselzuckend hin: Ein wirklich relevanter Neueintrag in die Star-Trek-Annalen ist dies sicher nicht. Die Animation des renommierten Trickstudios Titmouse (auf deren Konto die sehenswerten Netflix-Serien „Big Mouth“ und „Enthüllungen zu Mitternacht“ gehen) bleibt betont cartoonesk, der Dialogwitz ist okay, aber selten mehr als das. Auffällig ist vor allem, wie (über-)eifrig versucht wird, fast jeden Moment an das Star-Trek-Universum anzudocken. Am Ende der ersten Folge bringt Mariner in zwei Sätzen gleich Spock, Kirk, Sulu, Worf, Deanna Troi und Khan unter – so als wollten die Macher auf jeden Fall sichergehen, dass niemand vergisst, in welcher Erzähltwelt sich die Serie abspielt. Da wäre weniger mehr gewesen; auch Hardcore-Trekkies brauchen ein solches Namedropping wohl nicht. Am Ende bleibt, nach erstem (aber keineswegs finalem) Eindruck, eine wirklich gute Idee hängen, deren Potenzial noch nicht ausgeschöpft wird. Die stilistische Kombi aus „Rick and Morty“-Übergeschnapptheit und Star-Trek-Treue geht zu diesem frühen Zeitpunkt jedenfalls noch nicht auf.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „Star Trek: Lower Decks“.

    Meine Wertung: 3/5

    „Star Trek: Lower Decks“ wird in den USA wöchentlich bei CBS All Access ausgestrahlt. Eine deutsche Heimat wurde noch nicht verkündet.

    Trailer zu „Star Trek: Lower Decks“ (englisch)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1962) am melden

      Bin gespannt ... und auf jeden Fall dabei.
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        Kinderserie...ohne mich!
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        • (geb. 1991) am melden

          Ich mag die ersten beiden Folgen, schon allein weil sie besser sind als zuerst erwartet. Natürlich ist es gewöhnungsbedürftig, aber nach dem Reinfall der Discovery ist, nicht die schlechteste aktuelle Star Trek Serie.
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            Diese Einschätzung der ersten beiden Episoden der Serie fällt weit wohlwollender aus, als die der gesamten ersten Staffel TNG. Also, wenn sich die Gelegenheit ergibt, werde ich mir das auf jeden Fall einmal anschauen :-)
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