„Spides“: Wie gelungen ist die neue SYFY-Serie? – Review

    Horror-Serie um schleichende Alien-Invasion in Berlin

    Rezension von Ralf Döbele – 04.03.2020, 19:00 Uhr

    „Spides“

    Genre-Fernsehen aus Deutschland war lange Zeit Mangelware. Es ist bezeichnend, dass auch fast 54 Jahre nach ihrer Premiere die gute alte „Raumpatrouille Orion“ noch immer als Speerspitze deutscher Science-Fiction gilt. Zumindest in Sachen Mystery-Drama haben wir hierzulande seit dem Netflix-Start von „Dark“ deutlich aufgeholt. Nun gesellt sich auch das für SYFY auf Englisch gedrehte „Spides“ zu dem bislang eher kargen Reigen. Autor und Regisseur Rainer Matsutani („Das Inferno – Flammen über Berlin“) lässt in dem achtteiligen Format eine heimliche Alien-Invasion auf Berlin los und bedient dabei sicher auch gewollt zahlreiche B-Movie-Konventionen.

    Dennoch liegt die Messlatte hoch, denn der Thematik „Außerirdische schlüpfen in menschliche Körper“ auf serieller Ebene noch etwas Neues oder zumindest Spannendes abringen zu können, darf man mittlerweile getrost als Kunststück bezeichnen. Hier ist es eines, das den Machern weitgehend nicht gelingt. „Spides“ ist in seinen ersten drei Episoden ein behäbig mäanderndes Zombie-Baby, das von zahlreichen Sci-Fi- und Horror-Versatzstücken zehrt, sie jedoch fast nie zu einem sehenswerten Ganzen zusammenfügt.

    Stein des Anstoßes ist die Studentin Nora (Rosabell Laurenti Sellers), die nach zwei Wochen aus dem Koma erwacht. Sie weiß nicht, wer sie ist, doch hat sie wohl zwei fürsorgliche Eltern, verkörpert von Francis Fulton-Smith und Désirée Nosbusch, sowie einen unlustigen, aber dennoch ständig Witze reißenden kleinen Bruder. Nora erwacht nicht in einem Krankenhaus, sondern im Neurologie-Institut der geheimnisvollen Dr. Bridget Herter (Susanne Wuest), die Nora schon betreute, als diese als Kind unter epileptischen Anfällen litt. Auch für den charismatischen Krankenpfleger Peter (Lion-Russell Baumann) ist Nora keine Fremde – die beiden hatten zuvor eine lockere Affäre, an die Nora aber auch jede Erinnerung fehlt. Peter ist es dann auch, der ihr den guten und in Mystery-Kreisen durchaus anerkannten Rat mit auf den Weg gibt: „Vertraue hier niemandem!“

    Noras (Rosabell Laurenti Sellers)Eltern Ron (Francis Fulton-Smith)und Hellen (Désirée Nosbusch) im Gespräch mit Dr. Herter (Susanne Wuest). Syfy

    Während sich Nora in ihr altes Leben zurücktastet, spüren die Ermittler David Leonhart (Falk Hentschel, „Legends of Tomorrow“) und Nique Navar („Tatort“-Veteranin Florence Kasumba) der neuartigen Droge „Blis“ nach, die seit geraumer Zeit das Berliner Nachtleben überschwemmt. Als David endlich eine Drogenküche in einem Eisenbahnwaggon entdeckt, wird ihm recht abrupt der Fall entzogen. Nique berichtet ihm wenig später von zahlreichen Vermisstenfällen im Umfeld der Droge, bei denen Teenager spurlos verschwanden und dann mit vollkommen verändertem Charakter wieder auftauchten.

    Ground Zero der Drogen-Epedemie scheint der Club Rapture zu sein, den auch Nora mehrfach besucht hat. Als zwei Tote noch in der Gerichtsmedizin bizarre körperliche Veränderungen entwickeln und ansonsten gesprächige Streifenpolizisten zu stoisch-stummen Befehlsträgern mutieren, wird David und Nique endgültig klar, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugehen kann.

    Zuhause sind die wesensveränderten Cops im früheren Postbank-Hochhaus am Anhalter Bahnhof, das für „Spides“ äußerst stimmungsvoll zum Polizeirevier umfunktioniert wurde. Schließlich bietet der düstere Wolkenkratzer einen wunderbaren Blick über die Stadt, der jedes andere Hauptquartier einer Fernseh-SOKO aussticht. Tatsächlich mangelt es „Spides“ nicht an guten Berliner Locations, allerdings auch nicht an Berliner Klischees, wie dem doch erstaunlich behäbigen Untergrund-Club, in dem die geheimnisvolle Alien-Droge „Blis“ ihre Verbreitung findet – oder den Gang-Mitgliedern mit Migrations-Vordergrund, die Nora auf offener Straße entführen und ihr das schlafende Alien-Biest wecken.

    Nora kann sich danach nicht erinnern, wie sie sich aus dem obligatorischen Kidnapping-Van mit ganzer Kraft freigekämpft hat. Bei Zuschauern wecken die pechschwarzen Augen und die schwarzen Venen, welche der Alien-Einfluss bei ihren Opfern hinterlassen, dagegen sehr deutliche Erinnerungen, nicht nur an das schwarze Öl aus „Akte X“, sondern auch Dämonen und Leviathans aus „Supernatural“. Scheinbar sind die Aliens allesamt gedanklich miteinander verbunden, wobei zwei Untote in einer geheimnisvollen „Krieg der Welten“-Höhle als deren Sprecher fungieren. Vermutlich war auf denen Basissternen der „Galactica“-Zylonen kein Platz mehr für sie.

    Nora (Rosabell Laurenti Sellers) und der Krankenpfleger Peter (Lion-Russell Baumann) haben ein unglückliches Wiedersehen. SYFY

    In Albträumen wird Nora auf einem glühenden und verwüsteten Planeten von einer ganzen Armada insektoider Aliens verfolgt. Diese Liebeskreuzungen aus „Starship Troopers“-Bugs und den Schatten aus „Babylon 5“ sind, wie wir schon bald erfahren, längst auch auf der Erde angekommen. Dort müssten sie sich aufgrund der anhaltenden Neunziger-Jahre-Ästhetik während der Club- und Sci-Fi-Szenen ausgesprochen wohlfühlen.

    Tatsächlich wirkt „Spides“ seltsam entrückt, sowohl im Look, als auch bei der Schauspielerführung. In der Optik leidet die Serie unter einer unausgegorenen Mischung aus milchig-purpurner Distanziertheit, wie sie einst „La femme Nikita“ perfektionierte, und x-beliebiger Nordic-Noir-Tristesse, welche die tatsächlich oft düstere, reale Berliner Textur nicht zu nutzen vermag. Die Darsteller leiden dagegen unter hölzernen Dialogen, die vielleicht, oder vielleicht auch nicht, durch die Übersetzung ins Englische verschlimmbessert wurden. Your bird was agitated!We’re supposted to help them get clean!A Shoe seduction in a tea shop, very nice! . . . You figure that one out.

    Dennoch, eines der größten Hauptprobleme von „Spides“ ist sicher seine Hauptfigur. Nora ist vollkommen untinteressant, ein farbloses Allerwelts-Millennial. Weder ihre Darstellerin noch ihr Verzweifeln an der eigenen, verlorenen Identität vermögen zu fesseln. Der Schock steht Nora zwar ins Gesicht geschrieben, als sie am Ende der ersten Folge erfährt, dass womöglich ein böser, kaltblütig mordender Zwilling von ihr in der Stadt unterwegs ist. Beim Zuschauer hält sich der Schock dagegen in Grenzen, da er zu diesem Zeitpunkt ohnehin nur noch mit einem weiteren Aufwärmen bereits etablierter Mystery-Klischees rechnet. Warum sich Figuren wie der weitaus interessantere Peter und die wunderbar zwielichtige Dr. Herter für jemand Belanglosen wie Nora interessieren, ist nicht nachzuvollziehen.

    Die verlässlich grandiose Desirée Nosbusch („Bad Banks“) wird unterdessen zur besorgten Mutter am Rande degradiert und man wünscht sich recht schnell, dass es die Aliens doch auf sie und nicht auf ihre Serien-Tochter abgesehen hätten. Man möchte einen Crowdfunder starten für mehr Frauen mittleren Alters als Bollwerk gegen außerirdische Invasoren! Auch die stets charismatische Florence Kasumba kämpft trotz der zentralen Rolle auf verlorenem Posten. Zu belanglos sind die Geplänkel mit dem angesichts von Alien-Verwandlungen irritierten Gerichtsmediziner oder mit ihrem Partner David Leonhart.

    Ungleiche Cops: Entspannter David Leonhart (Falk Hentschel) versus energische Nique Navar (Florence Kasumba) SYFY

    Falk Hentschels Ermittler gibt sich zwar als stoischer Draufgänger, der nur an der Wahrheit und nicht an irgendwelchen Regeln interessiert ist. Letztendlich bleibt von dem farblosen David aber außer seinen stets präsenten Sorgenfalten kaum etwas in Erinnerung – abgesehen vielleicht von seiner schwarzen „Have a great day“-Kaffeetasse, deren Boden mit einem erhobenen Stinkefinger verziert ist. Nach drei langen, zähen Episoden kann man das als Zuschauer schon mal persönlich nehmen.

    Am Ende der zweiten Folge kehrt Nora ins Rapture zurück, in der Hoffnung dort die Spur ihrer mordenden Doppelgängerin aufnehmen zu können und um herauszufinden, was genau denn nun mit ihr geschehen ist. Begleitet wird sie in dem bedrohlichen Alien-Getümmel von dem besorgten Peter, der recht bald feststellt: This was a mistake, I think we should leave!.

    Um Annie Lennox zu zitieren: Who am I to disagree?

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden von „Spides“.

    Meine Wertung: 2/5

    Die Serie „Spides“ feiert ihre Deutschland- und Weltpremiere ab dem 5. März 2020 beim Kabelsender SYFY. Die erste Staffel umfasst acht Episoden.

    Trailer zur Serie „Spides“

    Über den Autor

    Ralf Döbele ist Jahrgang 1981 und geriet schon in frühester Kindheit in den Bann von „Der Denver-Clan“, „Star Trek“ und „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Davon hat er sich als klassisches Fernsehkind auch bis heute nicht wieder erholt. Vor allem US-Serien aus allen sieben Jahrzehnten TV-Geschichte haben es ihm angetan. Zu Ralfs Lieblingen gehören Dramaserien wie „Friday Night Lights“ oder „The West Wing“ genauso wie die Prime Time Soaps „Melrose Place“ und „Falcon Crest“, die Comedys „I Love Lucy“ und „M*A*S*H“ oder das „Law & Order“-Franchise. Aber auch deutsche Kultserien wie „Derrick“ oder „Bella Block“ finden sich in seinem DVD-Regal, das ständig aus allen Nähten platzt. Ralf ist als freier Redakteur für fernsehserien.de tätig und kümmert sich dabei hauptsächlich um tagesaktuelle News und um Specials über die Geschichte von deutschen und amerikanischen Kultformaten.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Star Trek – Enterprise, Aktenzeichen XY … ungelöst

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1954) am melden

      Hier wird dieser szenische Albtraum perfekt auf den Punkt gebracht. Fremdschämen im Sekundentakt. Deutsche Serien sind in der Regel schlecht - aber so schlecht geht doch nur mit Vorsatz, oder?
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        Deutsche Filme? Nein danke! Die unterschwellige und auch offene Erziehung zum rot-grün-linken Gutmenschen in deutschen Produktionen kotzt mich an. Die Unprofessionalität deutscher Schauspieler, Regisseure, Drehbuchschreiber usw ebenso......
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