„Schwester, Schwester“: Flachwitze und -wichser geben sich bei RTL die Ehre – Review

    Neue Comedy wirkt wie Karikatur des altbekannten RTL-Humors

    Rezension von Gregor Löcher – 01.01.2020, 17:30 Uhr

    „Schwester, Schwester“: (v. l.) Trudi (Mareile Blendl), Micki (Caroline Maria Frier), Charly (Anna Julia Antonucci), Doro (Gisa Flake)

    Wir befinden uns nach wie vor in spannenden Zeiten, was die Zukunft des linearen Fernsehens angeht. Streaming ist längst in der Gesellschaft angekommen und hat den etablierten TV-Sendern den Kampf angesagt und ihn teilweise auch bereits für sich entschieden. Riesen wie Netflix und Amazon Prime haben sich auf den Smartphones und -TVs der Zuschauer breit gemacht, nun wollen Nachzügler wie Apple TV+ und Disney+ auch noch ein Stück vom Kuchen abhaben. Doch die sogenannten „Alten“, öffentlich-rechtliche wie private Fernsehsender, haben die Zeichen der Zeit nun doch noch erkannt und waren 2019 mehr denn je bemüht, ihre ursprünglich zunächst auf Zweitverwertung ausgerichteten Mediathekenseiten in eigenständige Marken umzuwandeln, die mit exklusiven Inhalten aufwarten können, welche es im linearen TV nicht oder erst zu einem späteren Zeitpunkt zu sehen gibt. Das klingt zunächst einmal viel versprechend – allerdings ist oftmals die Spreu vom Weizen auf den ersten Blick nicht zu trennen.

    Als im Juni 2019 der neue Streaminganbieter der ProSiebenSat.1-Gruppe, Joyn, den Benutzern seine Pforten Ports öffnete, wartete er laut eigener Auskunft gleich mit einer exklusiven, nicht im linearen Fernsehen gezeigten Serie auf: „23 Morde“. Augenwischerei, denn die Produktion war nicht wirklich exklusiv für das neue Portal in Auftrag gegeben worden; vielmehr hatte der Sechsteiler bereits vier Jahre lang im Giftschrank von Sat.1 gelegen, bevor er bei Joyn doch noch das Tageslicht erblickte. Das ließ schnell Zweifel daran aufkommen, dass es die herkömmlichen Sendeanstalten ernst meinen mit ihren Streamingangeboten. Als jedoch im Herbst TVNOW mit der eigens produzierten und somit wahrhaft exklusiven Dating-Show „Prince Charming“ an den Start ging, wurde alsbald gemunkelt, dass man bei RTL wohl nicht mit der Qualität der Sendung zufrieden gewesen sei und diese deshalb „nur“ streamen, aber nicht linear ausstrahlen würde. Das zeigt die Schwierigkeit der Ausgangsposition, in der sich RTL & Co. dieser Tage befinden. Und die Zuschauer dürfen sich somit bei „online-only“-Inhalten der Sendeanstalten fragen, ob diese als zu schwach für die reguläre Ausstrahlung angesehen werden, oder im Gegenteil als so stark eingeschätzt werden, dass man sich von ihnen einen Zuwachs an Abonnentenzahlen des Streamingdienstes erhofft.

    Mit alledem hat das hier besprochene „Schwester, Schwester – Hier liegen Sie richtig!“ aber freilich nichts zu tun. Denn wer ein paar Minuten oder im Extremstfall eine ganze Folge der neuesten Produktion aus dem Hause RTL überstanden hat, wird feststellen, dass damit weder linear noch per Streaming viele Zuschauer zu holen sind. Als die Serie Anfang November bei TVNOW veröffentlicht wurde, geschah dies weitgehend unbemerkt und unkommentiert. Dabei wurde gleichzeitig angekündigt, die Serie „im Frühjahr 2020“ auch auf RTL ausstrahlen zu wollen. Dass RTL eine neue Eigenproduktion, die für die lineare Ausstrahlung vorgesehen ist, ohne konkreten Ausstrahlungstermin Monate vorher online veröffentlicht, hatte es bis dahin noch nie gegeben. Nun wird besagte Sendung aber tatsächlich in der Primetime von RTL auftauchen, am 2. Januar geht es los. Man kann sich fragen, ob insgeheim TVNOW erst einmal als Testballon diente, um den Zuschauerzuspruch auszuloten; ein ähnliches Vorgehen wurde nämlich bei dem bereits erwähnten „Prince Charming“ gewählt, welches zunächst ausschließlich als Streamingserie kolportiert wurde, aber nach der überraschenden Popularität nun doch noch die Zweitverwertung im RTL-Programm erhalten wird (fernsehserien.de berichtete).

    Kein eingespieltes Team: (v. l.) Micki (Caroline Maria Frier), Tümmler (Christian Tramitz), Charly (Anna Julia Antonucci) Bild: TVNOW / UFA Fiction / Daniela Incoronato

    Wahrscheinlicher ist jedoch, dass man einfach die Lücke am Donnerstag Abend zwischen 21:45 und 22:15 mit einer Sendung zu füllen hatte, die zur Comedy-Programmfarbe passt. Dort geht um 20:15 die nunmehr achte Staffel des „Lehrers“ an den Start, gefolgt von der zweiten Staffel der „Sekretärinnen“, die nach spektakulären sechs Jahren Ausstrahlungspause auf Sendung gehen darf. Und so hofft man in Köln wohl darauf, dass den Zuschauern die zunehmende Abflachung des Programms mit voranschreitender Uhrzeit nicht groß auffallen wird, wenn im Anschluss die „Schwestern“ präsentiert werden. Kostprobe gefällig?

    „Lass dir von so ’ner Bitch nicht in die Cornflakes kacken!“ – „Ich lass mir echt nicht von dieser Bitch in die Cornflakes kacken!“

    „Oh, Nusskuchen, davon muss ich immer furzen!“

    Wer vermutet, dass sich der Witz hier vielleicht aus dem Kontext ergibt, der irrt. Der Humor ist so flach wie anscheinend die Lernkurve von RTL, das gerade im Bereich Comedyserien eine eindrucksvolle Anzahl an Flops über die Jahre vorzuweisen hat; aber man befürchtet wohl, sein Stammpublikum zu vergraulen, wenn man das Niveau mal testweise etwas anhebt und schaut, was passiert; und so wirkt „Schwester, Schwester“ noch wie eine Karikatur vergangener Versuche, neue Comedyformate zu etablieren. „Beste Schwestern“, „Beck is back!“, „Die Klempnerin“, „Nicht tot zu kriegen“, „Christine. Perfekt war gestern!“, „Triple Ex“ … wenn eine Serie bei RTL doch mal über eine Staffel hinauskommt, ist das mittlerweile schon beachtenswert. Einziges Gegenbeispiel der jüngeren Zeit ist „Magda macht das schon!“auch nicht gerade ein Kritikerliebling, aber zumindest fährt man ordentliche Quoten ein, sodass mittlerweile bereits eine rekordverdächtige vierte Staffel bestellt ist.

    Kondom geplatzt! Paul (Bastian von Bömches), Micki (Caroline Maria Frier) Bild: TVNOW / UFA Fiction / Daniela Incoronato

    „Schwester, Schwester“ enthält all die Ingredienzen, durch die sich bereits ihre Vorgänger auszeichneten: eindimensionale, in einem Satz zusammenfassbare Charaktere, die keine Figurenentwicklung durchmachen müssen, sondern immer dann so sind, wie sie laut Drehbuch sein müssen, wenn der nächste Oneliner fällig ist; mindestens ein Charakter, dessen gebrochenes Deutsch fortwährend als ulkiges Stilmittel verwendet wird („Beck“, „Magda“); eine Inszenierung, die keine Pausen und Variationen der Erzählgeschwindigkeit zulässt, sondern stattdessen Schlag auf Schlag einen Gag nach dem anderen raushaut. Man könnte das Gefühl bekommen, aus Versehen die „125-%-Abspielgeschwindigkeit“-Funktion aktiviert zu haben. Regisseur Ulli Baumann ist auch gleichzeitig Kameramann, Produzent Tommy Wosch ist auch fürs Drehbuch verantwortlich. RTL erhofft sich wohl, dass es am ehesten genau das bekommt, was es will, wenn es verschiedene Aufgaben in möglichst wenigen Personalien bündelt.

    Und so greift die korpulente Doro (Gisa Flake, „Bully macht Buddy“, „jerks.“, „Blochin“) mit der ganzen Hand in den Kuchen, anstatt sich ein Stück abzuschneiden, weil das Dicke ja so machen; Dr. Kyrgios (Jasin Challah) wird „Dr. Gyros“ genannt, weil: Grieche. „Charly“ (Anna Julia Antonucci, vormals Kapfelsberger, „Frauenherzen“, „Christine. Perfekt war gestern!“) ist die Schlampe, „Micki“ (Caroline Maria Frier, „Alles was zählt“, „Nicht tot zu kriegen“) die Patente. Die beiden letztgenannten sind Konkurrentinnen, die sich nicht riechen können, weil im Krankenhaus, dem Schauplatz des Geschehens, versehentlich beide die Stelle als Stationsleiterin bekommen haben und fortan als unfreiwillige Doppelspitze agieren müssen. Aber am Ende der ersten Folge stellen die gegensätzlichen Krankenschwestern zum Glück fest, dass sie beide gerne eine Karaokemaschine in ihrer Zwangs-WG hätten. Und schon sind sie – zack! – beste Freundinnen. In der zweiten Folge wird dann auch direkt auf dem Klo gewichst, und der armen Doro rutscht peinlicherweise in der Öffentlichkeit die Hose runter. Ha ha! Die seit Jahren ungeklärte Frage, ob das fernsehserien.de Bewertungssystem auch die Vergabe von null Sternen zulassen soll, muss dank Caroline Maria Frier hier glücklicherweise nicht entschieden werden; es gibt keinen Zweifel an ihrem komödiantischen Talent und ihrem Charme, und man würde sich für sie ein hochwertigeres Vehikel wünschen als „Schwester, Schwester“. Das kann ja auch noch kommen – wenn auch wahrscheinlich nicht bei RTL.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten zwei Folgen der Serie „Schwester, Schwester – Hier liegen Sie richtig!“.

    Meine Wertung: 1/5

    RTL zeigt „Schwester, Schwester – Hier liegen Sie richtig!“ als Free-TV-Premiere ab dem 2. Januar immer donnerstags gegen 21.45 Uhr. Die erste Staffel wurde zuvor schon bei TVNOW veröffentlicht und umfasst zehn Episoden.

    Trailer zu „Schwester, Schwester – Hier liegen sie richtig!“

    Über den Autor

    Gregor Löcher wurde in den späten 70er-Jahren in Nürnberg geboren und entdeckte seine Leidenschaft für Fernsehserien aller Art in den 80er-Jahren, dem Jahrzehnt der Primetime-Soaps wie dem Denver Clan und Falcon Crest, was ihn prägte. Seitdem sind Faibles für viele weitere Serien und Seriengenres hinzugekommen, namentlich das der Comedyserie. Seit 2008 ist er als Webentwickler für fernsehserien.de tätig und hat zum Glück nach wie vor die Zeit, sich die eine oder andere Serie anzusehen.

    Lieblingsserien: Desperate Housewives, 24, Will & Grace, Die Brücke

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

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      Völlig blöde Serie... Und für sowas hat man Geld anstatt... Bessere Serien werden einfach nicht mehr weiter produziert und einfach rausgenommen, oder der oder die Hauptdarsteller ersetzt und so.
      ....
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        Die Serie ist ganz okay. Nur schlimmer ist Magda, Sankt Maik oder Der Lehrer.
        Früher waren Das Amt oder Die Camper auch nicht so lustig, sogar noch schlechter als das hier. 
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