„Lisey’s Story“: Stephen-King-Adaption verliert sich in Klischees und Langatmigkeit – Review

    In Apples Miniserie können nur Julianne Moore, Clive Owen & Co. überzeugen

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 03.06.2021, 09:00 Uhr

    „Lisey’s Story“ mit Julianne Moore („Still Alice“) – Bild: Apple TV+
    „Lisey’s Story“ mit Julianne Moore („Still Alice“)

    Es heißt ja, Künstler sollten immer über das schreiben, was sie am besten kennen. Bestsellerautor Stephen King hält sich offenbar an diese Regel und macht deshalb immer mal wieder Schriftsteller zu Hauptfiguren seiner Romane. Wie schon in „Misery“, so auch in dem 2006 auf Deutsch als „Love“ erschienenen und jetzt von Apple TV+ als Miniserie adaptierten psychologischen Thriller „Lisey’s Story“. Diesmal ist der Schriftsteller zu Beginn der Handlung allerdings schon seit zwei Jahren tot, im Mittelpunkt der Geschichte steht seine Witwe Lisey Landon (Julianne Moore, „Still Alice – Mein Leben ohne gestern“). Die hat offensichtlich den Tod ihres Gatten noch nicht verarbeitet, scheint darüber hinaus ihren Geist aber auch vor einem Geheimnis – oder mehreren – abzuschotten, irgendeiner beunruhigen Wahrheit, der sie sich nicht stellen will.

    So wird sie immer wieder nachts aus schrecklichen Albträumen gerissen oder verliert sich unterwegs in Tagträumen, in denen sie traumatisierende Erlebnisse noch einmal durchlebt, allerdings in immer neuen Variationen. Darunter der Tag, als ihr Ehemann Scott (Clive Owen, „The Knick“) von einem fanatischen Verehrer seiner Bücher angeschossen wurde und Lisey diesen mit einer Schaufel niederschlug. In ihre Träume mischen sich aber auch immer wieder Bilder einer Art Parallelwelt, bei der zunächst nicht klar wird, ob es sich nur um eine Phantasie handelt.

    In der Gegenwart hat Lisey zudem noch mit allerlei ganz handfesten Problemen zu kämpfen. Da ist zum einen ihre ältere Schwester Amanda (Joan Allen), die Patientin in einer psychiatrischen Klinik ist und sich in einem katatonischen Zustand befindet, wenn sie nicht gerade in fremden Zungen spricht. Zum anderen ist das Verhältnis zu ihrer jüngeren Schwester Darla (Jennifer Jason Leigh, „Atypical“) auch nicht gerade rosig. Diverse Literaturwissenschaftler, die gerne den Nachlass ihres Mannes sichten würden, darunter Professor Dashmiel (Ron Cephas Jones, „This Is Us“) wimmelt sie barsch ab. Und dann taucht auch noch ein psychisch gestörter Fan (Dane DeHaan, „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“) auf, der sie mehr oder weniger subtil bedroht. Bald mehren sich die unheilvollen Zeichen wie mysteriöse Anrufe und tote Krähen im Briefkasten.

    Phantasie oder Realität? Lisey verliert sich in Traumwelten Apple TV+

    So weit, so Stephen King. Um es gleich vorwegzunehmen: Die achtteilige Miniserie verkörpert geradezu paradigmatisch, was im High-End-Sektor der US-amerikanischen Serienproduktion, also bei den sogenannten Qualitätsserien, zurzeit schief läuft. Zum Beispiel den Glauben der Produzenten und Auftraggeber, eine ausgefeilte Bildgestaltung (Darius Khondji, „Sieben“, „Delicatessen“), eine anspruchsvolle Original-Szenenmusik (Christopher Clark) und vor allem hervorragende renommierte KinoschauspielerInnen würden reichen und schon hätte man die neuen „Sopranos“ oder das nächste „Game of Thrones“ am Start.

    Dabei waren die ja vor allem wegen ihrer Originalität, ihres so zuvor im Fernsehen noch nie gesehenen inhaltlichen Konzepts erfolgreich. In „Lisey’s Story“ findet sich hingegen kein einziger origineller Einfall, vielmehr hat man durchgehend das Gefühl, das alles schon in Hunderten anderer Serien oder Filme gesehen zu haben. Vielleicht auch kein Wunder, wenn man meint, ausgerechnet einen weiteren Stoff von Stephen King verfilmen zu müssen, der sich seit mehreren Jahrzehnten immer wieder selbst zitiert.

    Bild aus glücklicheren Zeiten: das Ehepaar Lisey und Scott Landon (Julianne Moore und Clive Owen) Apple TV+

    Dazu kommt ein bierernster Ansatz und ein unangenehmer „Kunstwille“, also der bemüht wirkende Versuch, mit jedem Bild, jeder Szene etwas künstlerisch Wertvolles machen zu wollen. Es ist aber eben noch keine große Kunst, wenn gefühlt ein Drittel aller Szenen nachts in unbeleuchteten Räumen oder im Wald spielt und deshalb kaum zu erkennen ist, wer und was gerade zu sehen sein soll. Insbesondere heute, wo viele Zuschauer Serien auf Laptops, Tablets oder sogar Handys gucken, während sie im Zug, im Bus oder im Park sitzen, ergibt das noch weniger Sinn als zu den Zeiten von Rainer Werner Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“, als empörte Menschen bei der ARD nachfragten, ob mit dem Bildsignal etwas nicht stimme oder ihr Fernseher kaputt sei.

    Und natürlich ist das Erzähltempo sehr getragen, um nicht zu sagen viel zu langsam. Das haben sich die Macher – neben King, der selbst für die Drehbuchadaption zuständig war, der chilenische Regisseur Pablo Larraín (als Produzent Oscarpreisträger für „Eine fantastische Frau“) – wohl auch bei HBO abgeschaut. Ohne zu verstehen, dass das Besondere an dessen Erfolgsserien eben nicht nur das langsame Erzähltempo war, sondern vor allem, wie es dann eben doch immer wieder überraschende Pointen, Gewaltausbrüche oder andere unerwartete Wendungen gab.

    Wenn der Fan zum Fanatiker wird: Jim Dooley (Dane DeHaan) mit seinem Idol Apple TV+

    King und Larraín zeigen hingegen immer nur das Erwartbare, das Klischeehafte: die geistig weggetretene Frau, die hellseherische Fähigkeiten zeigt, den toten Vogel als Boten der Lebensgefahr, die Welt hinter der Welt, die dann doch wieder aussieht wie ein Gemälde von Hieronymus Bosch mit blutdurchtränktem Sonnenuntergang überm Meer und Frauen in Brautkleidern, die massenhaft stumm starrend auf amphitheaterhaften Stufen sitzen. Ab und zu wird die träge Handlung von kurzen Splatter- oder Schockeffekten durchbrochen, die aber so 08/​15 sind, dass sie wohl keinen Horrorfan mehr aufschrecken lassen dürften. Insgesamt wirkt das Ganze so, als käme es ungefähr zwanzig Jahre zu spät.

    Das Einzige, was die Miniserie aus dem Mittelmaß hervorhebt, sind die unbestreitbaren Leistungen der DarstellerInnen. Julianne Moore und Clive Owen (die zusammen bereits 2006 für „Children of Men“ vor der Kamera standen) sind immer eine sichere Bank, ebenso wie Jennifer Jason Leigh, die in den vergangenen Jahren mit vielseitigen Rollen, unter anderem in Quentin Tarantinos „The Hateful 8“, ein schönes Comeback erlebte. Die große Überraschung ist aber Dane DeHaan, als Valerian in Luc Bessons Science-Fiction-Spektakel ziemlich farblos, hier aber überzeugend eindringlich den bedrohlich-fanatischen Stalker spielend. Und wenn der einen ahnungslosen Mieter, der in einer früheren Wohnung der Landons lebt, mit einem Redeschwall über dessen Fernsehkonsum und vorbestimmte Einsamkeit überschüttet, gibt es sogar mal etwas zum Schmunzeln. Ob man sich allerdings wegen solcher kurzen gelungenen Momente ansonsten quälend langatmige knapp einstündige Episoden ansehen möchte, bleibt jedem selbst überlassen.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden der Miniserie.

    Meine Wertung: 3/​5

    Die Miniserie startet im deutschsprachigen Raum am 4. Juni mit zwei Folgen auf Apple TV+, die weiteren sechs Episoden folgen dann wöchentlich freitags.

    Trailer zu „Lisey’s Story“ (englisch)

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv​a>.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Klasse Kritik. Ich hab nur eine Episode geschafft.
      • (geb. 1967) am

        @Ein Leser:

        das stimmt null!! Was wurden hier schon für Serrien kritisiert und ferade mal 2 oder 2,5 Sterne vergeben!
        • am

          Schöne Kritik. Ich bin allerdings der Meinung, dass Ihr euer Wertungsschema überdenken solltet. 3/5 Sternen ist rein rechnerisch über dem Durchschnitt und sollte damit auch nur für eine Serie vergeben werden, die oberhalb des Durchschnitts ist. Das lässt sich bei dieser Serie aber aus der Kritik nicht herauslesen. Ich habe das Gefühl, dass sich eure Bewertungen meist im Bereich von 3-4 Sternen bewegen. Hier könnt Ihr ruhig etwas mutiger sein. 

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