„Leverage: Redemption“: Raubzugnachschub mit alten und neuen Stars – Review

    Das Revival der Krimiserie macht umstandslos da weiter, wo damals aufgehört wurde

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 17.07.2021, 13:35 Uhr

    Das Team legt wieder los: Parker (Beth Riesgraf, l.), Sophie (Gina Bellman, M.), Alec (Aldis Hodge, 2.v.r.) und Eliot (Christian Kane, r.) machen fortan mit Anwalt Harry (Noah Wyle, 2.v.l.) gemeinsame Sache,. – Bild: imdb tv
    Das Team legt wieder los: Parker (Beth Riesgraf, l.), Sophie (Gina Bellman, M.), Alec (Aldis Hodge, 2.v.r.) und Eliot (Christian Kane, r.) machen fortan mit Anwalt Harry (Noah Wyle, 2.v.l.) gemeinsame Sache,.

    In komplizierten Zeiten wie unseren ist nichts so reizvoll wie der Rückzug ins Bewährte. Dieser Erklärungsansatz für die Sequel-, Prequel- und Rebooteritis in Film und Fernsehen liegt besonders dort nahe, wo die Stars von früher nach längerer Pause wieder in ihre angestammten Rollen schlüpfen. Das hat uns in den letzten Jahren von „Psych“ bis „Twin Peaks“ unverhofften Nachschub beschert, von „Cobra Kai“ oder „Mighty Ducks: Game Changer“ und ihrem nostalgischen Rückgriff auf die Popkultur vergangener Dekaden ganz zu schweigen. Bei „Leverage“ ist die Pause nicht ganz so lang gewesen: Neun Jahre nach dem Ende der beliebten Heist-Krimi-Serie machen vier der fünf Stars in „Leverage: Redemption“ (beim Streamingdienst imdb.tv) nahezu ansatzlos so weiter wie zuvor. Fans werden ihn lieben, diesen Rückzug ins Bewährte.

    Als „Leverage“ 2008 beim US-Kabelsender TNT an den Start ging, passte das Konzept ideal in die Zeit: In der Weltfinanzkrise, mit all den millionenschweren Spitzenbankern, die sich ihre Läden vom Staat retten ließen und auf den Trümmern der in der Blase geplatzten Immobilien tanzten, traf eine Serie, in der smarte Kriminelle mit dem Herz am rechten Fleck die ganz großen Fische erwischten, den richtigen Nerv. All jenen ging es an den Kragen, derer die Justiz auf regulärem Wege nicht habhaft werden konnte: miese Manager, fiese Bosse, korrupte Politiker. Die Schadenfreude am Ende jeder Episode gehörte zum Spaß an dieser Serie ebenso dazu wie die ausgeklügelten Strategien im „Kobra, übernehmen Sie“- oder „Ocean’s Eleven“-Style und die teils abstrusen Verkleidungen, mit denen das Leverage-Team zu Werke ging, um die Mächtigen zu Fall zu bringen – außerdem das gut geölte Zusammenspiel der fünf Hauptdarsteller.

    Für die (in Deutschland bei VOX gelaufene) Serie war dann allerdings nach fünf Jahren Schluss. Mit nüchternem Blick darf man aus heutiger Sicht bilanzieren: „Leverage“ zählte nicht zum Serien-Hochadel, war nie Material für Bestenlisten und prestigereiche Awards. Eher gehörte die von „Catwoman“-Autor John Rogers und „King of Queens“-Produzent Chris Downey entwickelte sowie vom „Independence Day“-Drehbuchautor Dean Devlin aufs Gleis gesetzte Krimisause in die Kategorie clean fun. Unterhaltsam war „Leverage“ immer, geradezu ideal zum Zwischendurchschauen.

    Neu dabei für jüngere Zielgruppen: Hackerin Breanna (Aleyse Shannon). imdb tv

    Ins Jahr 2021 ließ sich „Leverage“ jetzt erstaunlich gut verpflanzen. Geschrieben noch in der Trump-Ära für eine gefühlt noch unsicher gewordene Welt der Umbrüche, gedreht während der Corona-Pandemie, ist auf eine Sache Verlass: Power-Schurken gibt es heute nicht weniger als vor neun Jahren. Also braucht es auch noch ein Team wie die Leverage-Leute, die als „Avengers“ oder Neo-Robin-Hoods im Digitalganovengewand die Geknechteten retten, indem sie die Erniedriger zur Rechenschaft ziehen. Utopisch, klar. Ein bisschen simpel auch, sowieso. Aber immer noch ziemlich gutes Entertainment. Man merkt sofort, dass Devlin (als Regisseur) sowie das Autorengespann Rogers und Downey erneut federführend mit an Bord sind und Sorge tragen, dass sich das Ergebnis treu bleibt.

    Vom alten Team nicht mehr dabei ist lediglich Timothy Hutton. Ob er keine Lust auf diese Neuauflage hatte oder ob’s an einem im vergangenen Jahr publik gewordenen #metoo-Vorwurf gegen den Oscarpreisträger lag, darüber kann man nur spekulieren. Jedenfalls wurde seine Figur, der Ex-Versicherungsdetektiv Nate Ford, immerhin das Mastermind des Teams, von den Autoren abgemurkst. Gleich zu Beginn treffen sich die alten Mitstreiter an seinem Grabstein. Zur Erinnerung führen sie sich mit ihren alten Spitznamen ein: „Hacker“ Alex Hardison (Aldis Hodge), der sich in alle Systeme reinhacken kann und der Technikexperte des Teams ist, „Thief“ Parker (Beth Riesgraf), Alex’ Freundin, vor der kein Safe sicher ist und die sich immer noch akrobatisch an allen Lasersicherungssystemen vorbeiwinden kann, „Hitter“ Eliot Spencer, der Martial-Arts-Prügler mit Ambitionen auf mehr, den Christian Kane mit seinem stets frisch zurechtgeföhnten Wallehaar immer noch so spielt wie einen mitteltumben Schiffsschaukelbremser im Körper eines texanischen Anzugmodels – und schließlich „Grifter“ Sophie Devereaux (Gina Bellman), die geniale Betrügerin, die in immer neue Rollen und Klamotten schlüpft, um ihre Opfer anzulocken.

    Am Ende der letzten Staffel hatte Nate Sophie einen Heiratsantrag gemacht; zu Beginn von „Leverage: Redemption“ erfahren wir, dass Nate inzwischen gestorben ist, nach glücklichen Ehejahren. Sophie trauert, wird aber von den Ex-Kollegen schon bald dazu überredet, weiterzumachen. Endlich mal wieder was stehlen! Zwar leiten Eliot und Alec zwar „Leverage International“, ein weltweites Franchise aus zwölf Diebesbanden, die sich ihre hehren Zwecke und genialen Moves vom Originalteam abgeguckt haben, zwar ist Eliot überdies als Geschäftsführer einer Food-Truck-Kette tätig und Alec als Programmierer für die Logistik von Flüchtlingslagern, doch ausgelastet sind sie damit nicht. Ganz zu schweigen von Parker, die sich danach verzehrt, endlich wieder mal durch Lüftungsschächte robben zu dürfen, um in Geheimräume vorzudringen. Alec stöhnt zwar: Wir haben doch Lüftungsschächte in unser Haus eingebaut, damit Du dort drin Zeit verbringen kannst! Doch Parker mault nur: Die kenne ich doch schon alle.

    Meister der beknackten Verkleidungen: Sophie und Eliot schleusen sich mal wieder irgendwo ein. imdb tv

    Mehr Motivation brauchen die Autoren nicht, um die vier Veteranen direkt wieder in medias res zu schicken. Keine zehn Minuten braucht die erste Folge, um das Team wieder unbefugt in die Hallen der Mächtigen und Reichen einzuschleusen, während auf dem Soundtrack die Geigen pizzicato gezupft werden, um das Schlitzohrige an der Situation zu betonen. Tatsächlich fühlt sich dieser schnelle Übergang in die Gefilde des aus „Leverage“ Vertrauten überraschend ungezwungen an: Man schaut einfach liebgewonnenen Leuten von damals zu, die das machen, was die Fans wollen, nur dass sie jetzt eben älter sind: Mitte dreißig (Hodge) bis Mitte fünfzig (Bellman).

    Geschmeidig gelingt die Integration der beiden neuen Teammitglieder. Das erste wird sozusagen dem ersten Fall abgerungen – Harry Wilson war lange Anwalt und Ausputzer genau jener Mächtigen und Korrupten, gegen die sich das Leverage-Team in der Regel wendet. Jetzt aber hat er die Schnauze voll und bietet sich dem Team als Inside Man an, auch um so vielleicht etwas Karma zurückgewinnen zu können. Der Titelzusatz „Redemption“ (Erlösung) bezieht sich zweifellos auf Harry. „Emergency Room“-Star Noah Wyle, der den Harry spielt, ist prominenter als der Rest der Besetzung, doch fügt er sich organisch in die Gruppe ein. Harry ist weniger gleichwertiger Ersatz für die Chef-Figur Nate als einfach ein weiteres Teammitglied, das willkommene Expertise (Insiderwissen) beisteuern kann und eine interessante Perspektive liefert – Harry kommt nun mal von der „bösen Seite“.

    In der zweiten neuen Episode (die ersten acht sind veröffentlicht, weitere acht sind bestellt und sollen später im Jahr folgen), die inhaltlich mit dem Piloten eine Doppelfolge bildet, stößt dann die junge Breanna Casey (Aleyse Shannon aus „Black Christmas“) zum Team. Sie wuchs bei der gleichen Pflegemutter wie Alec auf, wurde von Parker in Diebesdingen gecoacht und hat als Hackerin aus der gewieften Generation Z womöglich noch bessere Tricks drauf als Alec. Das ist gut, schließlich muss sie ihn nun mehr oder weniger ersetzen, denn Aldis Hodge konnte sich für die Serie nicht fest verpflichten lassen. Weil er beim Dreh noch bei „City on a Hill“ auf dem Gehaltszettel stand, verabschiedet sich Alec bereits nach zwei Folgen aus „Leverage: Redemption“, um in Sri Lanka Gutes zu tun und höchstens sporadisch noch in der Serie vorbeizuschauen. Was natürlich ziemlich schade ist, denn schauspielerisch machte er neben Bellman stets die beste Figur.

    Nur zufrieden in Lüftungsschächten: Parker (Beth Riesgraf). imdb tv

    Doch auch mit Wyle und Shannon als Harry und Breanna kann man sich das „Leverage“-Team auf Dauer gut vorstellen, zumal trotz ein paar ausgewechselter Parameter alles seinen gewohnten Gang geht. Das Hauptquartier der Diebe liegt nach Chicago, Los Angeles, Boston und Portland in den bisherigen Staffeln diesmal im Süden der USA, in New Orleans, genauer gesagt: in einem stillgelegten Restaurant im French Quarter.

    Davon abgesehen wird aber sofort alles geliefert, was das „Leverage“-Fanherz begehrt: der heist of the week mit immer neuen Einbruch-Ideen, die obligatorischen Prügelszenen mit Eliot zu funkigem Schubidu-Rock, die ebenso obligatorischen Flashbacks, die gegen Ende aufdecken, mit welchen Tricks die Helden vorgegangen sind. Dieser typische „Detektiv Rockford“-trifft–„Der Clou“-trifft–„Ein Colt für alle Fälle“-Vibes mit Thrill und Witz und etwas Selbstironie konnten aus den alten Staffeln herübergerettet werden. Und zumindest der Fall aus den ersten beiden Folgen zeigt, dass sich die Autoren immer noch an den Schurkereien der realen Welt orientieren: Der eitle, ölige Kunstsammler Fletcher Maxwell (Reed Diamond aus „Homicide“), der seine Milliarden mit Opioiden machte, erinnert nicht von ungefähr an die Pharma-Firma Sackler, die in den USA mit ihrem Schmerzmittel OxyContin die Opioidkrise mitauslöste und von ihr profitierte, sich ansonsten aber als Wohltäter und Kunstfeingeister geriert und Museen vom Guggenheim bis zur Tate mit Sponsorengeldern flutete.

    Brisante Themen wie dieses mit amüsanten Trickdiebereien, cleveren Computertüfteleien und irren Verkleidungstravestien zu verbinden, die mal ins Boston Art Museum, mal in einen Geldbunker in Panama führen – das ist immer noch das große Ding im „Leverage“-Zirkus. Und es funktioniert noch, auch wenn man wie damals bilanzieren muss: Die großen Preise absahnen werden wohl andere Serien. „Leverage: Redemption“ ist eher ein lockere Späßchen. Aber genau diese Lockerheit, die muss man erst mal hinkriegen.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie „Leverage: Redemption“.

    Meine Wertung: 3,5/​5

    Die Serie „Leverage: Redemption“ wird in den USA bei dem Streamingdienst imdb.tv veröffentlicht – der hgehört wie Prime Video zu Amazon, finanziert sich allerdings durch Werbung und ist aktuell nur in den USA aktiv. In Deutschland hat die Mediengruppe RTL die Serie beim Produktionssudio Electric Entertainment lizenziert.

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Freue mich darauf, Leverage hat Spaß gemacht, wie es sonst nur britische Serien schaffen.
      Das Aldis Hodge nicht so oft dabei ist, finde ich schade - hoffe auf mehr in den nächsten Staffeln!
      Spielfreude und Können, gute Plots, Intelligenz und Witz in spannenden Bildern - was will man mehr von guter Unterhaltung!!! Stimme mit dem Autor überein: das soll erst einmal einer nachmachen!
      • am

        Der Produzent Dean Devlin hat bei Twitter bekannt gegeben, dass Leverage Redemption am 4. Oktober in Deutschland startet.
        • am

          Ich habe Leverage sehr gerne (und auch ziemlich oft) angesehen und freue mich total auf die neuen Folgen. Schade um Timothy Hutton, aber die anderen vier werden den Verlust wohl wettmachen. Und ich hoffe auch sehr auf eine Ausstrahlung bei netflix oder Prime.
          • am

            Ich liebe die Serie und hoffe, dass irgendein Streamingdienst sich der neuen Folgen annimmt und zeigt. Im Free-TV muss man dann sowieso eine Ewigkeit warten.

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