„Evil“: Das neue „Akte X“ für unsere Zeit? – Review

    Katja Herbers und Mike Colter brillieren zwischen Horror und Wissenschaft

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 14.10.2019, 12:00 Uhr

    Mike Coulter, Katja Herbers und Aasif Mandvi in „Evil“ – Bild: CBS
    Mike Coulter, Katja Herbers und Aasif Mandvi in „Evil“

    Immer wenn sich mal wieder das Gefühl breitmacht, dass angesichts all der neuen Streaming-, Kabel- und Pay-TV-Produktionen kein Mensch mehr über die Neustarts der kommerziellen US-Networks zu reden braucht, taucht dann doch wieder eine sehenswerte Produktion auf. Eine solche ist „Evil“ definitiv. Auf den ersten Blick scheint dies eines dieser typischen dreiviertelstündigen CBS-Procedurals zu sein, in der ein mehr oder weniger gegensätzlich angelegtes Ermittlerteam wöchentlich Fälle löst und dabei nur marginal von horizontalen Handlungslinien behelligt wird. Die naheliegende Frage all jener, deren Watchlist sowieso aus allen Nähten platzt, lautet also: Warum braucht es jetzt noch eine weitere dieser Serien?

    Auf den zweiten Blick sieht die Sache schon anders aus: Hinter „Evil“ steht nämlich das gefeierte Autoren-Ehepaar Michelle und Robert King, das nach sieben (Golden-Globe-gekrönten) Staffeln „Good Wife“ und bislang drei (Emmy-nominierten) Staffeln des Spin-Offs „The Good Fight“ mit Ausnahme-Procedurals jede Menge Erfahrung hat. Auch diese beiden Serien (ebenfalls CBS) bedienten sich dieser typischen Serienstruktur, um sie mit hintergründigem Witz und manch doppeltem Boden kunstvoll zu variieren oder sogar zu unterlaufen. (Kurz sei angemerkt, dass „Good Wife“ in Deutschland wie Ballast von ProSieben zu Kabel Eins weitergeschoben bzw. regelrecht versenkt wurde. Inzwischen nimmt sich der Pay-TV-Sender Fox beider Serien an.)

    Auf den dritten Blick sieht die Sache endgültig völlig anders aus, denn schon die Prämisse von „Evil“ wirkt so abstrus, dass das Ergebnis entweder ungenießbar oder eben toll sein muss: Da arbeiten also in bewährter „Akte X“-Manier eine rationale, allem Metaphysischen gegenüber skeptische Rechtspsychologin, ein gläubiger Ex-Journalist in Priesterausbildung sowie ein trockenhumoriger Handwerker/Computerexperte zusammen, um im Auftrag der katholischen Kirche herauszufinden, ob hinter dem besessen-psychopathischen Verhalten diverser Krimineller oder unerklärlichen Vorkommnissen tatsächlich der Teufel, also das titelgebende Böse, steckt – oder aber ganz logische und erklärliche Dinge, die der geblendete Blick bloß nicht erkennen will.

    Sympathisch, aber auch undurchschaubar: David Acosta (Mike Colter)
    Sympathisch, aber auch undurchschaubar: David Acosta (Mike Colter)

    Bei den Ermittlungen funkt ihnen beständig Michael Emerson dazwischen, der als wahnwichtelnder Doktor hier alle Register des Michael-Emerson-Typischen zieht und mit großer Freude am irren Augenrollen eine Art Best of seiner beliebtesten Schurkenparts (Ben Linus aus „Lost“, William Hinks aus „Practice – Die Anwälte“, der Abt aus „Der Name der Rose“) auf den Bildschirm bringt. Klingt nach Trash? Und ob! Die Kings aber schaffen es, daraus packendes Erzählfernsehen zu machen: „Evil“ ist spannende Unterhaltung, lässt aber im „Good Wife“-Stil immer auch ein ein gewisses Augenzwinkern erkennen und eine sich selbst kommentierende Parallelperspektive mitlaufen, die sich des Trash-Potenzials durchaus bewusst zu sein scheint. (Noch eine Anmerkung: Gleiches hatten die Kings vor drei Jahren, mit etwas zu wenig Mut fürs eigene Vorhaben, auch mit der den Trump-Wahlkampf kommentierenden Polithorrorsatire „BrainDead“ versucht – CBS zog nach einer Staffel den Stecker.)

    Damit das Vorhaben funktioniert, braucht es einen guten Cast, und den gibt’s hier zweifelsohne. Zum Beispiel darf die nie genug zu bewundernde Niederländerin Katja Herbers glänzen, die nach größeren („Manhattan“) und kleineren („Westworld“, „The Leftovers“) Nebenrollen hier endlich mal als vollwertige Protagonistin genutzt wird: In einer souveränen und unwiderstehlichen Mischung aus Katherine-Hepburn-hafter Toughness und zarter Verhuschtheit spielt sie die Psychologin Kristen Bouchard, die eingangs für die New Yorker Staatsanwaltschaft Interviews mit Straftätern führt, ehe sie sich von der Kirche abwerben lässt. Der charmante David Acosta, gespielt vom immer sympathischen Mike Colter („Marvel’s Luke Cage“), hat sich erst auf dem zweiten Bildungsweg dem Glauben zugewandt und arbeitet nun als Gutachter im kirchlichen Auftrag – assistiert vom Technik- und Computerexperten Ben Shakir (Comedian Aasif Mandvi), der hemdsärmelig und schnoddrig manches vermeintliche Dämonengrollen als defekt ratternde Spülmaschine enttarnt.

    Ist der Serienkiller Orson LeRoux (Darren Pettie) einfach nur ein geistesgestörter, sadistischer Mensch oder übernatürlichen Ursprungs? Kristen Bouchard (Katja Herbers) soll für die Staatsanwaltschaft ursprünglich ein psychologisches Gutachten erstellen, doch David Acosta (Mike Colter) bringt andere Ideen ins Spiel.
    Ist der Serienkiller Orson LeRoux (Darren Pettie) einfach nur ein geistesgestörter, sadistischer Mensch oder übernatürlichen Ursprungs? Kristen Bouchard (Katja Herbers) soll für die Staatsanwaltschaft ursprünglich ein psychologisches Gutachten erstellen, doch David Acosta (Mike Colter) bringt andere Ideen ins Spiel.

    Genau das ist die Trennlinie, an der „Evil“ sich entlanghangelt: Was ist echt, was Einbildung? Was ist ein „Deep Fake“ in Form nachretuschierter Fotos, vorgespielten Verhaltens, manipulierter Videos? Was bleibt dagegen unerklärlich? Wo endet die mentale Störung und beginnt das Übersinnliche? Ist das vermeintliche „Wunder“ nur eine „medizinische Singularität“? Natürlich behandelt „Evil“ solche Fragestellungen nicht trocken-thesenhaft, sondern anhand handfester Kriminalfälle, die in King-typischer Rasanz, die niemals Langeweile entstehen lässt, abgearbeitet werden. Egal ob es in der Pilotfolge um einen vermeintlich von Dämonen besessenen Mörder geht, hinter dessen erratischem Verhalten eventuell doch nur der als künftige Nemesis eingeführte Dr. Leland Townsend (Emerson) steckt, oder um die verstorbene Krankenhauspatientin aus Folge zwei (Hannah Hodson aus „HawthoRNe“), die drei Stunden nach dem Tod während der Autopsie wieder zum Leben erwacht (was mit Engeln zu tun haben könnte – oder mit nachlässiger Arbeit des Krankenhauspersonals): Stets lassen die Kings das thematische Spannungsfeld flirren. Manch rationale Antwort scheint überzeugend, anderes bleibt offen, so dass es eben nicht nur den drei Protagonisten, sondern auch den Zuschauern überlassen bleibt, was sie aus den verwischten Grenzen machen. Bouchard selbst, die verdächtig vernarbte Handgelenke hat und offenbar in keiner glücklichen Ehe lebt, hat als Sparringspartner ihren eigenen Therapeuten: Wie sehr diesem Dr. Boggs (Kurt Fuller aus „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“) zu trauen ist, muss sich noch erweisen.

    „Evil“ führt aber auch noch eine Schattenfigur ein, anhand der sich das zentrale Thema sogar noch konkreter durchspielen lässt. In der Nacht wird Bouchard nämlich von einem Incubus heimgesucht. Dieser spirrelige, rotäugige Dämon, der sich absurderweise „George“ nennt, bedrängt sie sexuell, schnippelt ihr Gliedmaßen ab und lässt sich nur hartnäckig aus der (ihrer?) Realität vertreiben: Ist er ein tatsächliches Wesen oder ein Alptraum, ein Hirngespinst? Bouchard, die sich, weil ihr Mann als Bergführer im Himalaya arbeitet, allein um ihre vier Töchter (Brooklyn Shuck, Skylar Gray, Maddy Crocco und Dalya Knapp) kümmern muss, ist entsetzt, als auch ihre jüngste Tochter behauptet, diesen „George“ des Nachts zu sehen, dann aber erleichtert, als sie den Incubus als Darsteller einer Gruselfernsehserie wiedererkennt, die ihre Töchter schauen. Das führt zu einem jener gekonnt selbstreferenziellen Volten, für die die Kings bekannt sind: Bouchard zeigt ihren Töchtern ein Making-of-Video zu ebenjener Gruselserie, in der dem Dämonen-Darsteller Marti Matulis (der eben auch in „Evil“ den „George“ spielt) gerade seine Gruselmaske angeklebt wird. Damit verlagert sich die Ist-alles-nicht-echt-oder?-Grundthematik von der Plot- auf die Meta-Ebene und gleichzeitig auch schon wieder zurück – und das ist ganz schön smart. „Du bist nicht real“, ruft Kristen ihm in der nächsten Nacht entgegen. „Du bist aus einer schlechten Fernsehserie!“ Ha, na also!

    Mal wieder genial: Michael Emerson als undurchschaubarer Bösewicht Leland Townsend.
    Mal wieder genial: Michael Emerson als undurchschaubarer Bösewicht Leland Townsend.

    Was man glauben will oder nicht, das zieht sich auf vielen Ebenen durch die Serie. Auch der eingangs etwas eindimensionale Acosta präsentiert sich bald als gequälte Seele mit noch nicht ganz geklärtem Vorleben, dem tagsüber Dr. Townsend als personifiziertes schlechtes Gewissen erscheint und der sich nachts halluzinogene Pilztees aufbrüht: Von der Zimmerdecke rieselt ihm das mutmaßlich „göttliche Wunder“ dann als drogeninduzierter Lichterrausch entgegen. Basiert der Glaube des angehenden Kirchenmanns nur auf Drogenerfahrungen? Das wäre vielleicht die Ansicht von Bouchards anti-autoritärer Mutter Sheryl (Rockerin in Leopardenbluse: Christine Lahti aus „Chicago Hope“), die mit Ideologemen aller Couleur, ob nun Wissenschaft oder Glaubenssystem, nichts zu tun haben will und, bevor sie zu ihrem nächsten Date davonprescht, ihren Enkeltöchtern einschärft: „Benehmt euch daneben! Hört nicht auf eure Mutter!“ Zur professionellen Attitüde von Kristen Bouchard verhält sich die Renitenz der Oma ungefähr so wie die Kirchenoberen, mit denen der aufrichtige Acosta zu tun hat: Diese sind entweder dauerbesoffen oder absichtlich desinteressiert. Unbeantwortete Fragen? Besser keine schlafenden Hunde wecken.

    Das Böse des Serientitels wird übrigens durchaus auch politisch interpretiert. „Die Welt“, klagt Acosta einmal, „entwickelt sich zum Schlimmeren.“ Er nimmt die sozialen Medien als Beispiel, die zwar kommunikationsfördernd wirkten, aber eine entscheidende Schattenseite besäßen: Das Böse sei durch sie nicht länger isoliert. Sie, die Bösen, könnten nun jederzeit miteinander sprechen. Und sich absprechen. Klar, dass einem bei solchen Sätzen die rechtsextremen Attentäter von Christchurch oder zuletzt Halle in den Sinn kommen: Die Täter, die sich in einschlägigen Onlineforen tummelten, sind ein schrecklicher Beleg dafür, wie sich mörderische Umtriebe im Netz hochschaukeln können. Fast harmlos, aber immer noch bezeichnend für die veränderte Diskussionslage unserer Zeit, sind dagegen die Kommentarspalten der einschlägigen Film- und Serienbewertungsportale, in denen „Evil“ nach der zweiten Episode von empörten Trump-Sympathisanten angegangen wurde – weil in dieser Folge rassistische Missstände im Krankenhaus thematisiert werden.

    Als David (Mike Colter) und Ben (Aasif Mandvi) ihren nächsten Fall erhalten, ist Kristen Bouchard (Katja Herbers) wieder mit dabei.
    Als David (Mike Colter) und Ben (Aasif Mandvi) ihren nächsten Fall erhalten, ist Kristen Bouchard (Katja Herbers) wieder mit dabei.

    Politisch aber, so viel sollte seit „Good Wife“ bekannt sein, sind die Serien der Kings immer. „Evil“ macht da keine Ausnahme, und man darf gespannt sein, auf welche Weise die Serie etwa die Missbrauchsskandale in der Kirche thematisieren wird. Ausgelassen wird das Thema gewiss nicht. In einer weiteren selbstironischen Einlage wird Bouchard am Ende der Pilotfolge von Acosta und Shakir gefragt, ob sie sich ihnen denn nun anschließen wolle. Die Psychologin guckt nur knapp an der Kamera vorbei und meint dann halb verträumt, halb schelmisch, als spreche sie stellvertretend für die Betrachter: „I mean, I could have a look.“ Ja, tatsächlich: Allen, die sich wenigstens halbwegs für Procedurals, für King-Serien, für Katja Herbers, Mike Colter oder aber das unaussprechlich Böse interessieren, sei ein Blick auf „Evil“ dringend ans Herz gelegt.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten beiden Folgen der Serie „Evil“.

    Meine Wertung: 4/5

    © Alle Bilder: CBS

    In den USA läuft „Evil“ aktuell mit durchwachsenen Einschaltquoten bei CBS. Eine deutsche Heimat ist zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht bekannt geworden – da die Serie von CBS TV Studios kommt, hat vermutlich die ProSiebenSat.1-Gruppe ein Vorkaufsrecht.

    Trailer zu „Evil“ (englisch)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1967) am melden

      ist dann auch nur die frage, wer das ding ausstrahlen wird....
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        Liest sich interessant genug um da mal rein zu schnuppern. Akte X, Mulder, Scully bleiben ein einmaliges Kultvergnügen. Unerreicht.
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