„Decision Game“: Leidvolle Strategie im Einheitsbrei – Review

    Neustart in der ZDFmediathek kann kaum eigene Akzente setzen

    Ralf Döbele
    Rezension von Ralf Döbele – 26.08.2022, 11:00 Uhr

    „Decision Game“ mit Eva Meckbach – Bild: ZDF/Stanislav Honzik
    „Decision Game“ mit Eva Meckbach

    Für ZDFneo ist die Strategie, für die Sie sich als Zuschauerin oder Zuschauer entscheiden sollen, klar: Die Wahl muss auf die Mediathek fallen, in der am heutigen 26. August ein neuer sechsteiliger Thriller als „neoriginal“ Premiere feiert. „Decision Game“, das dann linear bei ZDFneo am 6. und 7. September läuft, lockt mit einer spannenden Prämisse: Was, wenn eine Riskoanalystin nicht nur das Risikolevel eines geschäftlichen Vorgangs oder der Investition in ein Land einschätzen muss, sondern die Gefahr für Leib und Leben einer nahen Angehörigen, die von Unbekannten entführt wurde?

    Was zunächst nach einer Mischung aus „A Beautiful Mind“ und des „Taken“-Franchise klingt, liest sich in der Ankündigung durchaus reizvoll. Die Risikoanalystin Vera, verkörpert von „Rampensau“-Veteranin Eva Meckbach, arbeitet für ein Versicherungsunternehmen und ist mit der Risikobewertung des ostafrikanischen Landes Burundi betraut. Privat sitzt der Schmerz nach dem Tod ihrer Tochter vor Jahren bei einem Kletterunfall noch tief. Vera leidet unter Angstzuständen und findet Halt bei ihrem Ehemann, dem BKA-Beamten Alex (Shenja Lacher). Zeitgleich überwacht sie den Bewegungsradius ihres überlebenden Kindes Elsa (Paula Hartmann„Almost Fly“) ganz besonders streng.

    Als Elsa von Unbekannten entführt wird, steht relativ schnell fest: Das Motiv für die Tat liegt nicht im Job von Alex, sondern in dem von Eva. Die Entführer wollen erreichen, dass Vera die Risikobewertung für Burundi nach oben korrigiert. Die begabte Mathematikerin kalkuliert mithilfe ihres früheren Mentors Professor Thalmann (Robert Hunger-Bühler„Der Zürich-Krimi“) das Risiko in der verfahrenen Situation: Gibt sie den Entführern, was sie vollen, gibt es für sie keinen Grund mehr, Elsa am Leben zu lassen. Doch was, wenn sie genau gegenteilig handelt und die Bewertung von Burundi herabsetzt?

    Vera (Eva Meckbach, r.) erfährt ein dunkles Geheimnis über ihren Mann Alex (Shenja Lacher). ZDF/​Stanislav Honzík

    Die strategischen Winkelzüge, mit denen Vera die Entführer in Schach hält, sind der Selling Point von „Decision Game“, das große Versprechen des Formats, das sich gegen allerlei Entführungsstorylines behaupten muss, die der geübte Serienfan zwischen „SOKO“ und „Akte X“ schon in seinem Leben mitgemacht hat. Tatsächlich sind diese Strategien an sich auch richtig interessant. Sie versickern leider nur in einem tristen Einheitsbrei von fehlgeleiteter Figurenentwicklung und uninteressanten stilistischen und strukturellen Entscheidungen. Wenn die Cliffhanger Spannung pur bieten, der Rest der Handlung aber eher mäandert, stimmt die Balance nicht.

    Die Welt von „Decision Game“ ist überaus trist und das fängt bei der Optik an. Das Lebensumfeld von Vera, weder im Büro, noch in ihrem Privatleben, ist besonders interessant. Ihr Arbeitsplatz wirkt wie eine abgespeckte Version von Jessica Chastains Wirkungsstätte in „Die Erfindung der Wahrheit“. Die erzählerischen Fronten sind in der Versicherung dabei recht klar gesetzt: Die Männer sind aufdringlich, irritiert und abweisend, die Frauen zwinkern sich zu, wenn sie im Arbeitsalltag gegen sie bestehen. Wer diese Menschen sind oder was sie diesen Karriereweg hat einschlagen lassen, bleibt nebulös.

    Und Vera selbst? Eva Meckbach tut, was sie kann, mit all dem Halbgaren, das die Serienschöpfer Johannes Lackner („Der letzte Bulle“) und Alban Rehnitz („Türkisch für Anfänger“) ihr hier anvertrauen. Vera balanciert ständig am Rande eines Ausnahmezustands, bis ihr der nächste brillante Schachzug gegen die Entführer einfällt. Sicher, natürlich hat sie als Mutter panische Angst davor, durch eine falsche Entscheidung ihr noch verbliebenes Kind zu verlieren. Als Zuschauer ist dies aber recht schnell ermüdend. Mitreißende Stärke, die aus der Hauptfigur erwächst und dazu führt, dass man sie anfeuert und mit ihr mitfiebert, sucht man hier weitgehend vergeblich.

    Veras (Eva Meckbach) Tochter ist nicht am vereinbarten Treffpunkt erschienen. Stanislav Honzík

    Auch die mathematischen Überlegungen von Vera, das Entstehen der Risikoanalyse, der möglicherweise schicksalshaften Entscheidungen – all das geschieht viel zu abrupt und fast schon unter Ausschluss des Zuschauers. Gut, Vera steht vor ihrer großen Strategie-Tafel, zieht ihre Schlüsse und berät sich hier und da mit ihrem früheren Professor, charismatisch, wenn auch klischeehaft undurchsichtig gespielt von Robert Hunger-Bühler. Doch solche Momente, in denen Vera beispielsweise bei einer riskanten Autofahrt das Risiko der Entführer am eigenen Leib zu spüren bekommt, wirken kaum glaubhaft genug, um die Entstehung der folgenden Strategien zu rechtfertigen.

    Was ist aus dem vermeintlichen Selling Point der Serie geworden? Filme wie „A Beautiful Mind“, „Begabt – Die Gleichung eines Lebens“ oder auch eine Serie wie „Emergency Room“ haben es vorgemacht: Wenn man Fachchinesisch gut inszeniert, kann es auf Zuschauer eine betörende Wirkung ausstrahlen. Man muss nicht alles verstehen, um fasziniert zu sein, solange man aber versteht, wie man von A nach B und schließlich nach C gekommen ist. Und das richtige Fachchinesisch in diesem Fall wäre höhere Mathematik! Es gäbe sicher genug Zuschauer, die in dem vermeintlich ach so verhassten Schulfach gar nicht so schlecht waren und ihre Freunde an einer ausführlicheren Schilderung der vermeintlich übergroßen Talente Veras gehabt hätten.

    Ein erzählerisches Problem, das sich bei vielen Streamingserien der jüngeren Vergangenheit feststellen lässt, wiederholt sich auch hier: Anstatt den Zuschauern Zeit zu geben, die Figuren näher kennenzulernen und sich mit ihnen anzufreunden, werden sie praktisch sofort in den Ausnahmezustand katapultiert. Gerade angesichts der großzügigen Erzähldauer von sechs 45-minütigen Episoden ist das absolut unverständlich. Ein längerer Prolog, der uns Veras Lebensweg bis hierher, das Verhältnis zu ihrer Tochter und die Narben, die bei ihr zurückgeblieben sind, spannend und in Ruhe vorstellt, wäre dringend notwendig gewesen. So aber lautet die Devise: Wir müssen sofort mitfühlen, nur weil hier die Tochter einer Mutter entführt wird! Aber das ist zu wenig.

    Elsa (Paula Hartmann, l.) mit einem ihrer Entführer (Jakob Diehl) ZDF/​Stanislav Honzík

    Während Ehemann Alex, der sich vornehmlich durch lautes Fuck!-Schreien und unrealistische BKA-Kollegen hervortut, erschreckend blass bleibt, ist zumindest Entführungsopfer Elsa (Paula Hartmann) mit ihrem Sinn für Humor und ihrem Lebenshunger ein echter Lichtblick. Vor allem in der vierten Episode darf sie glänzen und erhält für ihre Figur mehr Raum. Auch die Szenen, in denen der Ort der Entführung selbst im Mittelpunkt stehen, sind ausgerechnet die interessantesten. Die Entführer-Riege, angeführt von Roeland Wiesnekker und Jakob Diehl ist undurchschaubar, aber erschreckend vielschichtig und sympathisch – was auf der Seite der vermeintlich „Guten“ hier kaum gelingt. Ein merkwürdiger Gegensatz, der zur Schieflage des recht langatmigen Thrillers beiträgt. Entscheidungen wie der Einsatz zahlreicher Close-Ups und eines oft unpassend wirkenden Dokumentarstils sowie ein monotoner Klangteppich tun der ZDFneo-Serie ebenfalls keinen Gefallen.

    „Decision Game“ verspricht viel, löst beim Ansehen aber vor allem Unverständnis und Frust aus. Frust darüber, dass eine potenziell überaus spannende Prämisse über strategisches Denken im kreativen Chaos schlechter Entscheidungen untergeht. Das wäre Jessica Chastain nicht passiert.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten vier Episoden von „Decision Game“.

    Meine Wertung: 2/​5

    Die ZDFneo-Serie „Decision Game“ ist ab Freitag, den 26. August in der ZDFmediathek abrufbar. Die lineare Ausstrahlung erfolgt dann in zwei Dreierpacks ab 20:15 Uhr am Dienstag, den 6. und am Mittwoch, den 7. September.

    Über den Autor

    Ralf Döbele ist Jahrgang 1981 und geriet schon in frühester Kindheit in den Bann von "Der Denver-Clan", "Star Trek" und "Aktenzeichen XY…ungelöst". Davon hat er sich als klassisches Fernsehkind auch bis heute nicht wieder erholt. Vor allem US-Serien aus allen sieben Jahrzehnten TV-Geschichte haben es ihm angetan. Zu Ralfs Lieblingen gehören Dramaserien wie "Friday Night Lights" oder "The West Wing" genauso wie die Prime Time Soaps "Melrose Place" und "Falcon Crest", die Comedys "I Love Lucy" und "M*A*S*H" oder das "Law & Order"-Franchise. Aber auch deutsche Kultserien wie "Derrick" oder "Bella Block" finden sich in seinem DVD-Regal, das ständig aus allen Nähten platzt. Ralf ist als freier Redakteur für fernsehserien.de tätig und kümmert sich dabei hauptsächlich um tagesaktuelle News und um Specials über die Geschichte von deutschen und amerikanischen Kultformaten.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Star Trek – Enterprise, Aktenzeichen XY… Ungelöst

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1962) am

      Ein ziemlichlicher Griff ins Klo. Die ersten 30 Minuten habe ich krampfhaft versucht, irgendetwas positives an der Handlung zu finden, jedoch ohne Erfolg. Es komm null Spannung auf, die schauspielerische Leistung ist minimal, zum einschlafen das ganze.
      • am

        Vier Folgen habe ich nicht durchgehalten. Nach 20 Minuten war Schluss
        • (geb. 1950) am

          Wenn ich deine Kritik lese und ich kann sie nachvollziehen, weil sie bei fast allen deutschen Serien so ist, denke wir haben die schlechtesten Regisseure hier in Deutschland. Deshalb schaue ich keine deutscvhen Serie mehr an.

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