The Odd Couple – Review

    Neuauflage des Comedy-Klassikers mit Matthew Perry – von Gian-Philip Andreas

    Rezension von Gian-Philip Andreas – 09.03.2015, 12:00 Uhr

    Die neueste Variante des ungleichen Männerpaars: Oscar Madison (Matthew Perry) und Felix Unger (Thomas Lennon) Bild:
    Die neueste Variante des ungleichen Männerpaars: Oscar Madison (Matthew Perry) und Felix Unger (Thomas Lennon) Bild:

    Wer gerne schimpft über die Ideenlosigkeit der großen amerikanischen Networks, wer sich darüber beklagt, dass diese Networks es Hollywood immer mehr nachtun mit ihrer Recyclitis und ihrer steten Neuverwurstung des Bekannten und Bewährten, der bekommt jetzt von CBS brandneues Argumentationsmaterial geliefert: „The Odd Couple“ ist ein Remake von, genau, „The Odd Couple“, dem Stück, dem Film, der Sitcom über zwei ungleiche WG-Genossen im Dauer-Clinch. Angeblich hat Hauptdarsteller Matthew Perry, dessen „Friends“-Ruhm inzwischen schon mehr als ein Jahrzehnt lang verblasst, diese Neu-Adaption schon länger in der Pipeline gehabt. Doch erst jetzt hat es geklappt: als Midseason-Füllstoff für den Donnerstagabend, prominent programmiert zwischen „The Big Bang Theory“ und „Mom“.

    Kurze Rekapitulation: „The Odd Couple“ ist zunächst einmal ein (1965 uraufgeführtes) Theaterstück von Neil Simon. Auch heute noch wird es gern und oft in den Boulevardtheatern dieser Welt gezeigt. Auf diesem Stück basiert der oscarnominierte Kinofilm „Ein seltsames Paar“ von 1968, ein Klassiker der Filmkomödie mit Jack Lemmonund Walter Matthau. Ab 1970 gab es dann fünf Staffeln „Männerwirtschaft“ (so der deutsche Titel) auf ABC, mit Tony Randall und Jack „Quincy“ Klugman, ein Sitcom-Evergreen. Die davon abgeleiteten Spin-Offs The Oddball Couple (1975, Zeichentrick) und „The New Odd Couple“ (1982, mit schwarzen Hauptdarstellern) liefen jeweils nur eine Staffel lang. 1998 schließlich fanden sich Lemmon und Matthau sogar noch einmal zusammen, um ihre alten Rollen im Kinofilm „Immer noch ein seltsames Paar“ wieder aufzunehmen – drei Jahrzehnte nach dem Original. Zu dem Zeitpunkt hatte Neil Simon längst eine weibliche Version seines Erfolgsstücks lanciert: „The Female Odd Couple“.

    Wenn man also einen Stoff als ausgelutscht bezeichnen kann, dann es ist es wohl dieser. Dennoch belegt diese Versionsgeschichte eben auch, dass die Grundprämisse von Stück, Film und Serie unkaputtbar zu sein scheint: Zwei charakterlich entgegengesetzte Mittvierziger, ein Pedant und ein Chaot, werden in eine (Zwangs-)WG gesteckt, der Rest kommt von allein. Im Grunde steckt dieses Prinzip, leicht abgewandelt, als Kern in zahlreichen Sitcoms, auch der CBS-Hit „The Big Bang Theory“ basiert – mit der Wohngemeinschaft von Leonard Hofstatter und Sheldon Cooper – darauf. Das macht die Frage nur noch dringlicher: Weshalb jetzt ein weiteres Remake des Originals?

    Die ersten Folgen des neuen „Odd Couple“ geben leider keine überzeugende Antwort darauf. Matthew Perry entwickelte die Neuversion gemeinsam mit Joe Keenan („Frasier“) und Danny Jacobson („Verrückt nach Dir“), zwei Autor-/Produzenten-Veteranen der 90er-Jahre-Sitcom-Szene, der er auch selbst entstammt. Doch warum er sie als „Herzensprojekt“ bezeichnet, will sich nicht so recht erschließen. Wohlmeinend kann man sie als (leicht) modernisierte Kopie von bereits Bekanntem bezeichnen: als Recycling der besten Gags von früher, dargeboten von Schauspielern, die inzwischen auch Smartphones nutzen. Das ist nicht per se falsch, so wie ja auch das Theaterstück heute immer wieder neu inszeniert wird. Nur: Wenn schon Boulevardtheater-Fernsehen, dann auch richtig.

    Oscars Agent und Saufkumpan: Teddy (Wendell Pierce) Bild:
    Oscars Agent und Saufkumpan: Teddy (Wendell Pierce) Bild:

    Doch leider hört der Spaß schon beim schauspielerischen Ungleichgewicht in den Hauptrollen auf: Vollblut-Komiker Thomas Lennon fühlt sich sofort wohl in der (zugegebenermaßen dankbareren) Rolle des peniblen Hypochonders Felix Unger, der zu Beginn der Pilot-Episode, frisch verlassen von seiner Ehefrau Ashley, in der New Yorker Wohnung seines schludrigen (und inzwischen geschiedenen) Ex-College-Freunds Oscar Madison aufschlägt. Lennon drückt dem Therapie-Touristen Felix sofort seinen eigenen Stempel auf. Ideale Voraussetzung dafür ist seine Fähigkeit, pfeilschnell zwischen tiefer Depression und manischem Optimismus hin- und herzuswitchen: Eben heult er noch suizidal über seine neue Situation als Single, dann zaubert er schon freudig erregt in der Küche das nächste vegane Menü für Oscar und dessen Kumpels. Das klappt von der ersten Szene an gut, obgleich Lennon die Rolle deutlich anders anlegt als seine berühmten Vorgänger Lemmon und Randall. Sein Felix fällt eher in die Kategorie „gutherzig-nervig“, die derzeit etwa auch Lennons „Reno 911!“-Kollege Joe Lo Truglio als Detective Boyle in „Brooklyn Nine-Nine“ kultiviert.

    Matthew Perry kann dem wenig entgegensetzen. Er spielt den an simpler Bedürfnisbefriedigung interessierten Schlunz Oscar Madison mit einer wenig variablen Plärr-Stimme und fast permanent weit aufgerissenen Augen, so als stünde vor jeder seiner Textzeilen die Regieanweisung „entgeistert starren“. Das passt zu einigen Pointen, aber eben längst nicht zu allen. Stattdessen sieht er die meiste Zeit über schlicht erschrocken aus – ein befremdlicher Effekt. Auch das Timing beim Abfeuern seiner Pointen sitzt nicht immer, manchmal wirkt er dagegen so, als sei er sich nicht ganz sicher, welche Kamera im Sitcom-typischen Multi-Camera-Setup gerade auf ihn gerichtet ist. Man möge mich nicht missverstehen: Perry ist ein sympathischer Typ, und als Oscar kann man ihn sich eigentlich sehr gut vorstellen, doch so ganz scheint er sich in dieser Rolle (noch?) nicht gefunden zu haben. Konsequenz: Das für das Gelingen eines „Odd Couple“ zwingend erforderliche Pingpong aus giftigen, bisweilen auch scharfen Retourkutschen, das gegenseitige Sich-in-den-Wahnsinn-Treiben, das Lemmon und Matthau in den Filmen ebenso gut draufhatten wie Randall und Klugman in der ABC-Serie, das trägt in den ersten drei Episoden eher die Züge einer lauwarmen Bromance. Es zündet nicht recht zwischen den beiden Hauptdarstellern. Es scheint eher so, als spiele da jemand die Originalserie nach, ohne einen eigenen Zugang zum Stoff gefunden zu haben, ja, auch ohne diesen finden zu wollen.

    Um sie herum mühen sich diverse andere Darsteller um pointenreiche Ablenkung: Leslie Bibb („Gesetz der Rache“) spielt die langbeinige, blonde Model-Nachbarin Casey, der Oscar hinterherstalkt, Lindsay Sloane („Starlets“) deren weniger langbeinige Schwester Emily. Dass diese ein neurotisches Mauerblümchen sein soll, bleibt jedoch eher Behauptung. In der zweiten Folge heuert sie als konfuse Bedienung in Oscars Stamm-Sportsbar an. Sloanes bisweilen übertriebenes Spiel versucht mit Perry mitzuhalten, schießt dabei aber eher übers Ziel hinaus. Als Oscars Poker- und Saufkumpane treten „The Wire“-Star Wendell Pierce (als Teddy, Oscars Agent) und „Kids in the Hall“-Comedian Dave Foley (als Roy) auf: Erstaunlicherweise funktionieren deren Pointen besser als manche des Hauptdarstellerduos. Gleiches gilt auch für Yvette Nicole Brown („Community“), die als Oscars sarkastische Assistentin Dina einige Male sehenswert die Augen rollen darf. Allerdings scheint ihre fast permanente Anwesenheit beim (von zu Hause arbeitenden) Sportreporter Oscar ein bisschen konstruiert.

    Auf der Plot-Ebene gibt es wenig Überraschendes. Die Pilot-Episode hält sich eng an die Vorläufer und bezieht ihren Humor einzig aus dem bewährten Zusammenprall der beiden konträren Charaktere. Schon in den nächsten beiden Episoden geht den Autoren der Saft aus: Da mischt sich Felix eher halb-lustig in einen Auftrag Oscars ein, der als Ghostwriter die Autobiografie eines Baseballspielers schreiben soll, und Oscar organisiert eine lieblose Überraschungs-Geburtstagsparty für den Neu-Mitbewohner. Letztere Folge beginnt mit einem verklemmten Sexwitz, manövriert sich dann mit vielen Rohrkrepierer-Gags (und immerhin einem schön brachialen optischen Witz) durch die improvisierte Party hindurch, fügt ein bisschen lauen Slapstick auf der Rollschuhbahn hinzu … und endet mit einem weiteren verklemmten Sexwitz. Bei aller noch nicht gestorbenen Hoffnung auf bessere Episoden: Das ist dann doch etwas dürftig.

    So kann dieses letztlich überflüssige neue „Odd Couple“ nur in einem ganz anderen Punkt auftrumpfen: In keiner mir bekannten Sitcom ist in jüngster Zeit ein derart penetranter „Laugh Track“ verwendet worden. Nach wirklich jedem Satz wird geradezu hysterisches Gelächter eingespielt. Das geht schnell auf die Nerven – und wirkt ziemlich verzweifelt.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden der Serie.

    Meine Wertung: 2/5

    © Alle Bilder: CBS Television Studios

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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