TV-Kritik „World on Fire“: Überzeugt die neue TVNOW-Serie?

    Ambitionierte, prominent besetzte Weltkriegsserie paart großes Melodrama mit klugen Beobachtungen

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 30.09.2019, 07:00 Uhr

    Fragmentiert in „World on Fire“: Harry (Jonah Hauer-King) – alleine und mit Kasia (Zofia Wichłacz), daneben Lois (Julia Brown). – Bild: TVNOW / © Mammoth Screen Limited 2019
    Fragmentiert in „World on Fire“: Harry (Jonah Hauer-King) – alleine und mit Kasia (Zofia Wichłacz), daneben Lois (Julia Brown).

    Wenn Großbritannien von einem Thema nicht lassen kann, dann sind es die zwei Weltkriege des 20. Jahrhunderts – siegreich ging das Land aus beiden hervor, und als gemeinschaftsstiftende Erinnerungsanker dienen sie bis heute, vielleicht sogar gerade heute, da sich das Vereinigte Königreich angesichts des Brexit-Chaos gespaltener präsentiert denn je. Christopher Nolans Meisterwerk „Dunkirk“ – ein mehrperspektivischer Nachvollzug der Operation Dynamo im Mai 1940 – holte eine einschneidende Episode des Zweiten Weltkriegs zuletzt prominent ins filmkünstlerische Rampenlicht, bei „Downton Abbey“ lugte der Erste Weltkrieg ins beschauliche Bild hinein, kürzlich erst liefen die kriegsthematischen „The Halcyon“ (ITV) und „SS-GB“ (BBC). Das sind nur ein paar Premium-Beispiele der ewig langen Kette britischer Kino- und Fernsehproduktionen zum Thema, von denen viele allerdings vor allem in die Schmonzettenecke gehören: Tragische Liebesgeschichten lassen sich eben besonders gut erzählen, wenn die Fallhöhe möglichst riesig ist und es im Umfeld der Protagonisten nur noch um Leben und Tod geht.

    „World On Fire“ ist der neueste Eintrag in dieser Liste – will aber erkennbar mehr als das sein: BBC One bewarb das Projekt betont ambitioniert. Und gleich zu Beginn macht Autor Peter Bowker deutlich, dass er den Fokus in diesem Siebenteiler weiter aufziehen möchte, als dies gewöhnlich der Fall ist. Da schmuggeln sich im März 1939 zwei attraktive junge Menschen aus Manchester unter eine grölende Menschenmenge, die einem Mann auf einer Bühne zujubelt. Als die beiden anfangen, „Bye Bye Blackshirts!“ zu skandieren, wird klar, um wen es sich da handelt auf der Bühne: Es ist Oswald Mosley, Führer der British Union of Fascists (BUF). In einer Serie über den Weltkrieg, der die Welt in Brand (world on fire) setzt, hält Bowker („Die Besatzer“, „Dr. Monroe“) gleich zu Beginn fest, dass der Faschismus seinerzeit, wie heute auch wieder, ein globales Phänomen war. Anders als viele frühere Weltkriegsdramen sortiert er die Welt nicht in Gute und Böse ein, „World on Fire“ will die world lieber wörtlich nehmen, Verbindungslinien aufspüren und in der Makroperspektive sichtbar machen – und zumindest die ersten beiden Episoden zeigen, dass diese Differenzierungsanstrengungen sogar gelingen können, ohne dabei im Umkehrschluss die Singularität von Hitlers Nationalisozialismus zu verharmlosen.

    Der Plot erstreckt sich über mehrere kriegsbeteiligte Länder, ein internationaler Cast spricht in diversen Sprachen, und sollte der Zuspruch entsprechend groß sein, ist das ganze Projekt sogar staffelweise über alle fünf Kriegsjahre angelegt (die erste Staffel deckt 1939/40 ab). Mehr noch: Bowker überlässt dabei den Zivilisten die Bühne. In der Serie geht es nicht um strategische Manöver zackig kommandierender Generäle und schnarrender Obersturmbannführer, sondern um jene, die von diesem Krieg, auf allen Seiten, in Mitleidenschaft gezogen werden: die Soldaten, die Daheimgebliebenen, die Flüchtenden.

    Junge Liebe zwischen Harry (Jonah Hauer-King) und Kasia (Zofia Wichlacz) im Schatten der berittenen polnischen Soldaten – die gegen Nazi-Panzer keine Chance haben werden.
    Junge Liebe zwischen Harry (Jonah Hauer-King) und Kasia (Zofia Wichlacz) im Schatten der berittenen polnischen Soldaten – die gegen Nazi-Panzer keine Chance haben werden.

    Die attraktiven jungen Menschen aus der Eingangssequenz sind Harry Chase (Jonah Hauer-King aus dem tollen BBC-Vierteiler „Howards End“) und Lois Bennett (Julia Brown). Als Gegensatzpaar sind sie das erste Beispiel für Bowkers Ansatz, den Diversity-Gedanken nicht nur in Sachen Geschlecht und Ethnie, sondern auch in weiteren Kategorien wie Sexualität und Klassenzugehörigkeit in die Erzählung einzubeziehen. Harry kommt aus wohlhabendem Hause, seine eisige, mit sarkastischem Witz gesegnete Mutter Robina (reißt jede Szene mit Genuss an sich: Lesley Manville aus „Der seidene Faden“) residiert nach dem Suizid ihres Gatten in einem pompösen Landsitz und erwartet von ihrem Spross, möglichst schnell möglichst viel Karriere zu machen. Fabrikarbeiterin Lois hingegen lebt mit ihrem pazifistischen Busfahrervater Douglas („Game of Thrones“-Star Sean Bean, inzwischen 60, als gütiger Witwer im Pollunder) und dem arbeitslosen Tunichtgutbruder Tom (Ewan Mitchell aus „The Halcyon“) in einer bescheidenen Wohnung in Manchester. Hier steht also Upper Class gegen Proletariat, etwas simpel zeichnet Bowker Robina als empathiefreie Luxus-Matrone, die für die Antifa-Flausen ihres Sohnes keinerlei Verständnis hat, Douglas dagegen als ehrlichen Arbeiter, der stolz über seine Tochter spricht, als wäre sie Arya Stark: My daughter is her own woman. Harry und Lois stehen wie Romeo und Julia zwischen den Stühlen, und es ist kein Wunder, dass das Paar bald auseinandergerissen wird.

    Lois Bennett (Julia Brown) hat sich nach dem Tod der Mutter lange um Vater und Bruder gekümmert, nun versucht sie sich als Sängerin – und unterhält die Truppen.
    Lois Bennett (Julia Brown) hat sich nach dem Tod der Mutter lange um Vater und Bruder gekümmert, nun versucht sie sich als Sängerin – und unterhält die Truppen.

    Nach dem Zeitsprung in den späten August ’38 wird das Panorama erweitert. Harry arbeitet nun als Dolmetscher im polnischen Warschau, Lois beginnt in Manchester eine Karriere als Jazzsängerin. Die US-amerikanische Radiojournalistin Nancy Campbell (großartig: Helen Hunt, „Verrückt nach Dir“, „Besser gehts nicht“), die zwischen Berlin und Warschau pendelt, entdeckt per Zufall, was bevorsteht: die Mobilmachung und der deutsche Überfall auf Polen am 1. September. Harry steckt nun in der amourösen Zwickmühle, da er sich in Warschau gleich in die nächste junge Frau verliebt hat: Verzweifelt versucht er, Kasia (Zofia Wichłacz) vor der anstehenden Bombardierung der Stadt zur Ausreise aus Polen zu bewegen, doch die bleibt lieber bei ihrer Mutter (Agata Kulesza aus „Ida“), während ihr Vater (Tomasz Kot aus „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“) und Bruder (Mateusz Więcławek) als Freiwillige in Danzig gegen die Wehrmacht antreten. Nancys Arzt-Neffe Webster (Brian J. Smith, „Sense8“) verlustiert sich derweil in sündig rot ausgeleuchteten Pariser Jazzbars, verliebt sich dort in den schwarzen Musiker Albert (Parker Sawyers, „My First Lady“), während in Berlin Nancys deutsche Nachbarn, das Ehepaar Rossler (Victoria Mayer aus „Kommissar Stolberg“ und Johannes Zeiler aus „CopStories“), nicht nur um ihren im Krieg befindlichen Sohn bangen, sondern auch um ihre kranke Tochter, die bei den Nazis als „unwertes Leben“ eingestuft werden könnte.

    Nancy Campbell (Helen Hunt) ist eine in Nazideutschland geduldete, aber durchaus eng überwachte amerikanische Radio-Journalistin. Ihr Weltbild ist vom Sieg der Faschisten Francos in Spanien düster gefärbt.
    Nancy Campbell (Helen Hunt) ist eine in Nazideutschland geduldete, aber durchaus eng überwachte amerikanische Radio-Journalistin. Ihr Weltbild ist vom Sieg der Faschisten Francos in Spanien düster gefärbt.

    Schon in der ersten halben Stunde der Pilotepisode kurvt Bowker einmal quer durch Europa, von England nach Polen nach Deutschland und Frankreich und wieder zurück, wie der Plot überhaupt ein beeindruckendes Tempo an den Tag legt: Aufs erste Gewehrfeuer, auf den ersten Bombenhagel, auf die ersten sterbenden Sympathiefiguren muss man nicht lange warten, Liebende werden getrennt, treffen sich wieder, neue Abschiede kündigen sich an, angeblich sollen in der ersten Staffel noch die Luftschlacht um England, die Besetzung von Paris und die Schlacht um Dünkirchen Thema werden: Da muss man sich ranhalten in nur sieben einstündigen Episoden.

    Schon allein, weil alles so rasant vonstatten geht, ist „World on Fire“ äußerst unterhaltsam – und schrammt trotzdem immer wieder haarscharf an der Kolportage, am Schmonzettenhaften vorbei. Die puppenstubenhaften Außenkulissen (wie üblich von Prag gedoubelt) und Interieurs wirken in der aufgeräumten Regie von Adam Smith („Klein Dorrit“) immer ein bisschen artifiziell, so dass sich fast das Gefühl einer fast surreal theaterhaften Kriegswelt einstellt, wie in Quentin Tarantinos„Inglourious Basterds“ oder Paul Verhoevens „Black Book“. Dazu passt auch der Hang der Macher, in jeder freien Minute auf Teufel kommt raus Detailverweise auf damalige Medienereignisse unterzubringen: Im Kino läuft gerade der „neue Film mit Emil Jannings„, und in der Küche in Manchester knarzt die Kriegserklärungsrede von Premierminister Chamberlain nebenbei im Radio, fast unbeachtet von den Bennetts. Wenn Kasia schließlich in Rock und Bluse durch Warschau hetzt und dabei dem Gewehrfeuer von Nazis mehrfach nur so gerade eben entkommt, wird die Grenze zum Trashigen sogar kurz überschritten.

    Douglas Bennett (Sean Bean) hat den Horror des Ersten Weltkriegs gesehen – und leidet auch weiterhin unter diesem. Er hat eigenen Ansichten über den Krieg – und über die Hoffnungen seiner Tochter.
    Douglas Bennett (Sean Bean) hat den Horror des Ersten Weltkriegs gesehen – und leidet auch weiterhin unter diesem. Er hat eigenen Ansichten über den Krieg – und über die Hoffnungen seiner Tochter.

    Trotzdem funktioniert „World on Fire“ – vor allem, weil der Rhythmus stimmt. Auf intime Familienszenen folgt Romantisches, Action und Tragik takten den Stoff durch, Langeweile kommt keine auf, die Episoden schließen zudem mit melodramatisch effektiven Pointen – und auch das Casting stimmt bis in die kleinen Rollen: Yrsa Daley-Ward etwa, eine der derzeit spannendsten Spoken-Word-Poetinnen Englands, spielt Lois’ schwarze Arbeits- und Bühnenkollegin Connie, und als Redakteur Schmidt, Nancys Nazi-loyaler Redakteur, ist Max Riemelt („Napola – Elite für den Führer“, „Sense8“) mit Nickelbrille und nach hintem geschmiertem Haar kaum wiederzuerkennen.

    Dass Bowker geschliffene Dialoge schreiben kann, zeigt sich immer wieder: „Wir befinden uns im Krieg“, blafft Schmidt Nancy einmal an. Die entgegnet: „Wenn Sie ‚wir‘ sagen, meinen Sie dann Deutschland – oder Sie und mich?“ Nancy hat sowieso die besten Dialogzeilen. Einmal rät sie Harry an einer Stelle: „Machen Sie bloß, was richtig ist, und nicht das, was britisch ist.“ (Der Brexit-Seitenhieb muss gewollt sein.) Auch Lesley Manville wird von Autorenseite mit vergnüglich viel Gift und Galle versorgt. Dennoch ist davon auszugehen, dass in guter alter „Doktor Schiwago“- und „Fackeln im Sturm“-Tradition das Liebesdreieck Lois-Harry-Kasia als primäres Gerüst der Serie herhalten muss. Das kann gutgehen, aber auch schnell entgleisen, Stand jetzt gibt es eher Grund zu Optimismus, zumal da in den ersten Episoden keine allzu falschen Töne angeschlagen werden. Während Jonah Hauer-King eine etwas glatte Performance abliefert, überzeugen Julia Brown und vor allem Zofia Wichłacz (eine Art polnische Emilia Clarke) auf voller Linie, vor allem auch in ihrem Bemühen, die manchmal etwas grobschlächtigen (um nicht zu schreiben: altbekannten) melodramatischen Gesten des Plots in lebendigen, sympathischen Figuren aufgehen zu lassen.

    „Unmittelbar vor dem Nazi-Einmarsch in Paris“ ist ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für den amerikanischen Arzt Webster (Brian J. Smith), seine homosexullen Gefühle für Musiker Alber (Parker Sawyers) zu erforschen.
    „Unmittelbar vor dem Nazi-Einmarsch in Paris“ ist ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für den amerikanischen Arzt Webster (Brian J. Smith), seine homosexullen Gefühle für Musiker Alber (Parker Sawyers) zu erforschen.

    Am besten ist „World on Fire“ allerdings immer dann, wenn eher am Rande Beobachtungen zu machen sind, die das Geschehen prägnanter auf den Punkt bringen als alle Vordergründigkeiten der Haupthandlung – wenn etwa wie beiläufig ein Rabbiner gezeigt wird, der nach der Bombardierung Warschaus auf einem Trümmerhügel steht und in die Wolken ruft: „Es gibt keinen Gott im Himmel, nur die Bomben der Nazis!“, oder wenn sich die Propagandabilder der Kinowochenschau gleichsam in die Augen der kleinen Rossler-Tochter bohren und einen epileptischen Anfall einleiten. In solchen Momenten geht das Serienkonzept einer multiperspektivischen Beleuchtung der Kriegswirkungen auf das zivile Leben hervorragend auf. Wenn derlei nicht in den Hintergrund gerät, könnte der BBC tatsächlich ein ebenso packendes wie kluges Historiendrama gelungen sein.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „World on Fire“.

    Meine Wertung: 3,5/5

    © Alle Bilder: BBC/Mammoth Screen

    TVNOW veröffentlicht die siebenteilige Serie „World on Fire“ ab dem 29. September 2019 mit wöchentlichen neuen Episoden – parallel zur Weltpremiere bei der BBC.

    Trailer zu „World on Fire“ (englisch)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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