„Wayne“: Derber Roadtrip mit rabiaten Teen-Rebellen

    Actionkomödie in Serienform von YouTube Premium ist wenig zimperlich und toll besetzt

    "Wayne": Derber Roadtrip mit rabiaten Teen-Rebellen – Actionkomödie in Serienform von YouTube Premium ist wenig zimperlich und toll besetzt – Bild: YouTube Prime
    Mit Baseball-Schläger und Rosen: „Wayne“

    Wer nach den nicht einmal drei Stunden Laufzeit der britischen Netflix-Serie „The End of the F***ing World“ (TEOFTW) (auf die wir kürzlich erst einen begeisterten Blick warfen) ungeduldig auf den zwar bestätigten, aber noch nicht terminierten Nachschub wartet, der sollte in der Zwischenzeit mal testweise in „Wayne“ hineinstreamen. Die zehnteilige US-Produktion für YouTubes „Premium“-Dienst kann man in verschiedener Hinsicht mit TEOFTFW vergleichen: Auch hier begeben sich zwei Teenie-Außenseiter aus desaströsen Familienverhältnissen als verquer-romantisches Liebespaar on the road, sie machen Halt in Motels, Diners und Supermärkten, begehen Verbrechen, werden schließlich wie weiland Bonnie & Clyde von Gesetzeshütern gejagt; auch hier ist der begleitende Humor äußerst dunkel und die Gesamtanmutung die eines Roadmovies, das in kurze (in diesem Fall: gut halbstündige) Episoden aufgeteilt wurde. In TEOFTW ging es von einem unbekannten Ort an eine unbekannte Küste durch Südengland, in „Wayne“ von Brockton, Massachusetts, nach Ocala, Florida, also etwa 1300 Meilen von Nord nach Süd durch den Osten der USA.

    Die YouTube-Antwort auf TEOFTW, als welche „Wayne“ bereits bezeichnet wurde, ist das Ergebnis aber natürlich schon deshalb nicht, weil Autor Shawn Simmons und die filmerfahrenen Produzenten um Rhett Reese und Paul Wernick („Deadpool“, „Zombieland“) die Serie bereits entwickelten, als das erfolgreiche Brit-Projekt noch gar nicht durchgestartet war. Aber auch der Tonfall ist ein ganz anderer – obgleich sich die beiden jungen Stars ebenfalls bestens in der Kunst des komischen Deadpan-Minimalismus und rabiaten Fluchens auskennen. Doch wo in der Comic-Umsetzung TEOFTW eine schwer zu fassende, fast märchenhafte Ort- und Zeitlosigkeit dominierte, spielt „Wayne“ im Hier und Jetzt der depravierten USA, in einem Umfeld aus Arbeitslosigkeit, Schulgewalt und Missbrauch. Während TEOFTW die „Bonnie & Clyde“-Teenie-Variante mit Lynch- und Tarantino-Zitaten anreicherte und durch den Soundtrack mit Graham Coxons Originalmusik und allerlei Sixties-Klassikern in ein fast surreales Nirgendwo verschob, dröhnt in „Wayne“ brüll-lauter Punkrock und Retro-Metal der Marke The Sword auf der Tonspur, dazu röhren die Motoren von Dirt Bikes, alten Pontiacs und blutgierigen Kettensägen. „Wayne“, so der Eindruck nach den ersten Folgen, ist viel mehr Actionkomödie als die britische Konkurrenz, alles wirkt trashiger und prolliger. Das Binge-Potenzial leidet darunter allerdings nicht die Spur.

    Die Hauptlast des Gelingens tragen die zwei tollen Protagonisten: Mark McKenna war mir bislang nur als Nebendarsteller in der Musikdramödie „Sing Street“ (er war einer aus der Band) ein Begriff, hier spielt er den prügelfreudigen Highschool-Outlaw Wayne mit James-Dean-Gedächtnisfurchen auf der Stirn und modisch fragwürdiger Jeansjacke bemerkenswert punktgenau auf der Linie zwischen maulfaulem Minimalismus und pointierter mimischer Verweigerung. Spielpartnerin Ciara Bravo, ein ehemaliger Kinderstar („Second Chance“, „Big Time Rush“), kontert ihn als Del gekonnt mit nie versiegenden, herrlich übellaunigen Fluchwortkaskaden. So viele F-Wörter hat man ungefähr seit „The Wire“ nicht mehr gehört. Die genau austarierte Mixtur aus wortkargem und biestigem No-Bullshit-Gehabe grenzt durchaus mitunter ans Anstrengende, zahlt sich aber immer wieder aus, wenn sich die beiden Jugendlichen gegenseitig, inmitten des gewalttätigen Chaos, in das sie sich hineinbegeben, ab und an den Anflug eines Lächelns oder, ganz selten, sogar ein Küsschen gönnen. Das ist dann so, als würde in der Hölle kurz die Sonne aufgehen.

    Wayne (Mark McKenna) und Del (Ciara Bravo)

    Die üble Laune kann man den beiden sowieso nicht verdenken: Die von Iain B. McDonald inszenierte Pilotepisode (als Lockstoff frei abrufbar auf YouTube) führt in die Verhältnisse ein, unter denen Wayne und Del ihr bisheriges Leben fristen mussten. Der 16-jährige Wayne lebt mit seinem Vater („Rectify“-Autor Ray McKinnon) allein in einem Haus, dessen Miete sie sich nicht mehr leisten können. Der Vater kann nicht mehr arbeiten, seit ihn sein Blue-Collar-Job in der Industrie an Krebs erkranken ließ. Waynes Mutter rannte vor Jahren mit einem anderen Mann (Produzent Kirk Ward höchstselbst) nach Florida davon – und nahm bei dieser Gelegenheit auch den geliebten 78er Pontiac Trans Am ihres Gatten mit. Ein Akt der ultimativen Entmannung sozusagen. Wayne, der schon lange nur noch sehr sporadisch die Schule besucht, hat sich seither einen kompromiss- und schonungslosen Sinn für Gerechtigkeit zugelegt: Gleich die Eingangsszene zeigt, wie er mit Eisbrocken die Scheiben eines Geschäfts einschmeißt, das einem Mann gehört, der zuvor das Herz der Pflegerin seines Vaters brach – dass Wayne dabei gleich von drei Leuten übel verprügelt wird, nimmt er stoisch und wortlos als Kollateralschaden in Kauf. In den weiteren Folgen wird Wayne immer wieder in die Mangel genommen, wie eine Looney-Tunes-Figur trägt er heftigste Blessuren davon, lässt sich in seinem Weg aber nicht beirren. McKenna spielt das großartig.

    Wayne (Mark McKenna)ist es gewohnt, dass ihm das Leben kräftig auf die Schnauze gibt

    Die 15-jährige Del – Kurzform von Delilah – hingegen kanalisiert ihre prekäre Lebenssituation in flirrende Wut. Sie wohnt, gleichfalls mutterlos, mit ihrem gewalttätigen White-Trash-Vater (köstlich von der Rolle: Dean Winters aus „Oz – Hölle hinter Gittern“) und zwei slapstickhaft oberdämlichen Zwillingsbrüdern zusammen, verkauft geklaute Kekse in der Nachbarschaft, um das Startkapital für eine künftige Bürgermeisterkandidatur zusammenzubekommen. Schon knapp zehn Minuten nach dem ersten Kennenlernen fragt Wayne die taffe Del, ob sie seine Freundin sein wolle. Keinen Tag später stimmt sie zu – unter der Voraussetzung freilich, dass sie bloß nie seine „schwitzige Hand“ halten müsse und niemals für ihn kochen müsse, es sei denn, sie koche ohnehin für sich selbst. Als Waynes Vater stirbt, fackelt der Junge nicht lange: Er zündet das marode Haus an, holt Del ab und macht sich mit ihr gemeinsam auf den Weg nach Florida, um Vaters Pontiac zurückholen. Auf einem Offroad-Motorrad. Mit dieser losen Zielvorgabe (natürlich ist, wie in jedem Roadmovie, der Weg das Ziel) beginnt eine locker episodisch strukturierte Anti-Bildungsreise gen Süden, bei der es weder sonderlich subtil noch irgendwie zimperlich zugeht. Nicht umsonst, werden sensiblere Gemüter am Anfang der Folgen vor verstörendem Inhalt gewarnt: In den ersten Folgen werden – nur zum Beispiel – Nasen abgebissen, Füße durchgesägt, Fernseher auf Köpfe geworfen, Köpfe mit Trompeten traktiert, Gesichter mit Säure verätzt und Rentner mit Baseballschlägern aus ihrem Wohnmobil vertrieben. Regisseur Steve Pink (der die „Hot Tub Time Machine“-Komödien drehte und hier ab der zweiten Folge das Ruder übernimmt) inszeniert das mit großer Lust am Slapstick, aber immer auch verstörend deftig. Wayne und Del geraten an cracksüchtige Kellnerinnen, schießfreudige Golfplatzbewacher und eine Clique bratziger Collegestudenten im Spring-Break-Rausch, sie hinterlassen eine Verzweiflungsspur der Verwüstung und erfreuen sich immer wieder gegenseitig an ihrer bad-ass-haftigkeit.

    90 Pfund geballte Teenager-Wut: Del (Ciara Bravo)

    Natürlich sind ihnen bald viele andere Leute auf der Spur: Waynes einziger Freund Orlando (auch gut: Joshua J. Williams aus „Deckname Quarry“) nimmt den überforderten Schulleiter (Mike O’Malley, „Glee“) mit auf eine Verfolgungsfahrt, auch aus der nicht ganz unberechtigten Angst heraus, Dels Vater und Brüder könnten Wayne umbringen wollen. Jene rasen den Teenie-Ausreißern nämlich ebenfalls hinterher wie die beiden Polizisten Officer Jay (James Earl, „Scream Queens“) und Sergeant Geller (Stephen Kearin, „Kirby Buckets“). Letzterer war einen halben Tag lang fälschlicherweise davon überzeugt, Krebs zu haben und ist seither bestrebt, allen Menschen eine „zweite Chance“ zuzugestehen. Abigail Spencer („Rectify“, „Timeless“) steht als Dels Mutter auch noch auf dem Besetzungszettel, und in Florida vererbt Waynes Stiefvater den begehrten Pontiac an den tumben Kleinganoven Reggie, der einen Alligator als Haustier hält und einen Gold-Grill mit der Aufschrift „Killer“ auf den Zähnen trägt, aber erst 17 ist.

    Man merkt schon: Das schräge Personal aus Douchebags und Dumpfbacken ist schwer auf Comedy gebürstet, doch trotz der beträchtlichen Albernheit, die die Macher aus den diversen Konfrontationen gezielt heraustrommeln, geht die Sache auf – nicht zuletzt, weil sich die Grobheiten immer in der Lass-mich-in-Ruhe-Attitüde der beiden Hauptfiguren spiegeln. Zuschauern, die in Roadmovie-Konzepten eher das Seelengrüblerische und Selbstfindungsmelancholische suchen, könnte „Wayne“ trotzdem recht bald auf den Zeiger gehen: Die „Wayne“-Welt ist, wie „Wayne’s World“, doch sehr laut und plärrig geraten, immer etwas „drüber“ und weit mehr am Fun interessiert als an allem anderen. Wer damit aber klarkommt, wird sich hier prächtig unterhalten fühlen.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten drei Episoden der Serie „Wayne“.

    Meine Wertung: 4/5


    © Alle Bilder: YouTube

    Die komplette erste Staffel der Serie „Wayne“ mit zehn Episoden ist für Abonnenten von YouTube Premium bei YouTube verfügbar, allerdings auch in Deutschland nur im englischen Ton, wahlweise mit deutschen Untertiteln. Auch ohne Abonnement kann man sich die Auftaktfolge der Serie ansehen (Link).

    Trailer zu „Wayne“

    21.01.2019, 19:05 Uhr – Gian-Philip Andreas/fernsehserien.de

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas
    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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