„Marvel’s What If…?“: Mischkost im Möglichkeitsraum – Review

    Die erste Animationsserie des Marvel Cinematic Universe verwirbelt vergnügt Plots und Charaktere

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 10.08.2021, 19:22 Uhr

    Frau mit Schild: Peggy Carter nascht am Superserum und wird zur muskelbepackten Captain Carter. – Bild: Disney
    Frau mit Schild: Peggy Carter nascht am Superserum und wird zur muskelbepackten Captain Carter.

    Niemand ist leichter zu enttäuschen, als der eingefleischte Fan. Oft genug würde er am liebsten selbst das Ruder in die Hand nehmen, um Helden in die gewünschte dramaturgische Richtung zu bugsieren oder Entscheidungen der Showrunner zurückzudrehen. Was wäre, wenn…? Den Möglichkeitsraum, mit dem diese Frage lockt, öffnet der Comic-Platzhirsch Marvel nun gleich selbst, stellvertretend für so manchen Fan, der sich ganz andere Dinge mit den Superhelden vorstellen könnte als das, was die bislang 24 Filme und 15 Serien des Marvel Cinematic Universe (MCU) mit ihnen angestellt haben. „What If…?“ ist in diesem Jahr nun schon die vierte MCU-Serie aus der sogenannten „Phase Four“ – und sie ist die erste animierte. Als Anthologieserie erzählt sie in jeder ihrer neun Folgen eine eigene Geschichte in der Möglichkeitsform, und das auch noch in unterschiedlichen Genres und Tonlagen. Das ist die Gefahr, als Gemischtwarenladen zu enden, durchaus gegeben. Wir haben die ersten drei Episoden gesehen und beantworten ein paar drängende Fragen.

    Was wäre, wenn – wie wird diese Titelfrage durchgespielt?

    Die Frage bezieht sich jeweils auf entscheidende Szenen der bisherigen Filme des MCU (und womöglich auch der Serien). Dabei wird ein zentraler Erzählbaustein ausgetauscht und dann durchgespielt, wie sich die bekannte Story dadurch verändert hätte. In der Serie, die auf einer gleichnamigen, seit 1977 erscheinenden Marvel-Comicreihe basiert, dreht es sich zunächst um folgende Austauschfragen: Was wäre, wenn nicht der schmächtige Steve Rogers, sondern Peggy Carter in „Captain America: The First Avenger“ das Supersoldaten-Serum verabreicht bekommen hätte? Was wäre, wenn Yondu und seine Ravengers in „Guardians of the Galaxy“ nicht Peter Quill, sondern versehentlich T’Challa, den Prinzen von Wakanda, entführt hätten? Und – nicht auszudenken! – was wäre, wenn Iron Man, Thor, Hawkeye und Hulk bereits ermordet worden wären, ehe Nick Fury sie als Avengers hätte zusammenführen können?

    Ist das Ganze nur als Gedankenspiel gemeint?

    Nein. Es geht tatsächlich nicht um den Konjunktiv, sondern um Varianten. Die letzte Marvel-Miniserie „Loki“ führte jüngst das sogenannte Multiversum ins MCU ein – verschiedene Timelines, in denen sich Ereignisse unterschiedlich entwickeln. Dieses Konzept soll demnächst auch im Kino, vermutlich in den kommenden „Spider-Man“- und „Doctor Strange“-Fortsetzungen, weiter eine Rolle spielen, für „What If…“ ist es jetzt schon grundlegend.

    Denn das, was in den Episoden passiert, gilt als „kanonisch“, das heißt, es kann in weiteren Episoden möglicher späterer Staffeln – oder auch in kommenden Filmen und Serien des Realfilm-MCU eine Rolle spielen. Außerdem konzentrieren sich die einzelnen Folgen nicht nur auf jeweils einen bestimmten Film, vielmehr wird wild gemischt, wird die Vielzahl bereits etablierter Figuren nach Belieben durcheinandergewirbelt.

    Für Marvel ist das eine herrliche Ernte des bisher Aufgebauten: Es liegt inzwischen ein Erzähluniversum vor, das mit dem Multiversums-Trick potenziell unendlich viele weitere Male durchgespielt werden kann. Nur Überdruss is the limit.

    Thor ist tot: dumm gelaufen für Nick Fury und Hawkeye. Disney

    Sind in der Originalfassung die angestammten Stars des MCU zu hören?

    Teils. Tatsächlich standen mehr als 50 Mitglieder der MCU-Besetzung, zu der inzwischen bekanntlich halb Hollywood zählt, auch hinter dem Mikro von „What If…?“

    In den ersten Folgen sind Hauptfiguren wie Hayley Atwell als Peggy Carter, Sebastian Stan als Bucky Barnes, Samuel L. Jackson als Nick Fury, Jeremy Renner als Hawkeye, Mark Ruffalo als Bruce Banner, Clark Gregg als Agent Coulson und auch Tom Hiddleston als Loki mit dabei – neben ein paar größeren und kleineren Überraschungsgästen aus den Filmen, die wir hier nicht spoilern wollen.

    Wunderbar ist das unverhoffte Wiederhören mit dem im letzten August verstorbenen Chadwick Boseman als T’Challa – als alternativem Star-Lord kann er seiner Figur noch mal ganz andere Facetten verleihen als in der bewährten Funktion des Black Panther. Die Aufnahmen müssen also definitiv vor Sommer 2020gemacht worden sein, was Spekulationen darüber den Wind aus den Segeln nimmt, hinter dem auffälligen Fehlen anderer Original-Stars könnten aktuelle Querelen stecken.

    Neben Scarlett Johansson (Stimme als Black Widow: Lake Bell), die sich derzeit juristisch mit Disney anlegt, Robert Downey Jr. (Stimme als Iron Man: Mick Wingert) oder auch Hugo Weaving (Stimme als Red Skull: Ross Marquand aus „The Walking Dead“) und Chris Evans als Steve Rogers wurden noch diverse andere aus dem MCU bekannte Figuren stimmlich umbesetzt. Ob’s an Terminschwierigkeiten oder Bocklosigkeit der Stars lag – wir wissen es nicht. Drax-Darsteller Dave Bautista gab jüngst ebenso enttäuscht wie medienwirksam an, gar nicht erst gefragt worden zu sein.

    Wie ist die Animation?

    Die ist ganz im Stil klassischer US-Comics gehalten, auch ließ sich die Animationsabteilung um Stephan Franck von amerikanischen Illustratorenlegenden wie J. C. Leyendecker oder Norman Rockwell inspirieren. Das Cel-Shading-Ergebnis ist schick, aber auch ein wenig clean. Vor allem ist alles auf größtmögliche optische Nähe zu den Szenen und Figuren der Filme und Serien ausgerichtet – was für all jene enttäuschend sein dürfte, die sich von einer Serie, die die Abweichung vom Bekannten zelebrieren will, vielleicht auch stilistisch etwas mehr Wagemut erhofft haben als die möglichst originalgetreue Reinszenierung ikonischer MCU-Szenen wie die des in einem Werbe-Donut sitzenden Iron Man, des Zugcrashs aus „Captain America“ oder des Kampfes im gläsernen Uni-Gang aus „Der unglaubliche Hulk“.

    Denn obwohl die einzelnen Episoden in Stillage, Humorebene und zeitlicher Epoche ganz andere Akzente setzen, bleibt der Zeichenstil gleich; auch das Charakterdesign versucht sich möglichst genau an den in den Rollen etablierten Cast anzupassen. Was dazu führt, dass der animierte Tony Stark so aussieht wie Robert Downey Jr. – und man sich den stimmleihenden Mick Wingert im Gehirn quasi so zurechthört, dass er zu Downey passt. Angeblich wurde beim Casting nicht auf die akustische Ähnlichkeit der Sprecher geachtet. Sie ist aber faktisch gegeben.

    In den ersten Folgen noch nicht zu sehen, aber definitiv mit dabei: Doctor Strange (oder eine Variante von ihm). Disney

    Wie sind denn nun die Folgen?

    Unterschiedlich gut – wie es bei einer Anthologieserie zu erwarten war. Die erste Episode, die Peggy Carter zur breitschultrigen Supersoldatin aufpumpt und dann mehr oder weniger in dasselbe Vierzigerjahre-Kriegsabenteuer schickt wie Steve Rogers im ersten „Captain America“-Film, sorgt schon ein bisschen für Achselzucken, weil sie außer der Ersetzung Captain Americas durch Captain Carter wenig Originelles wagt und mit Dominic Cooper (als Howard Stark), Stanley Tucci (als Dr. Erskine), Toby Jones (als Arnim Zola), Neal McDonough (als Dum Dum Dugan) sowie, aus dem „Agent Carter“-Kurzfilm importiert, Bradley Whitford (als Captain Flynn) viele Figuren in letztlich gleichbleibenden Rollen aufmarschieren lässt. Am Ende der halben Stunde bleibt man leicht ratlos zurück. Angeblich soll Captain Carter zu so etwas wie der Zentralfigur von „What If…?“ aufgebaut werden, ihre Entwicklung also weiterverfolgt werden: Dann hätte diese Origin Story doch noch ihren Sinn.

    Die zweite Folge – die schwächste der ersten drei – präsentiert sich als Witzeparade, die einen dürren Plot – den Einbruch beim eitlen Collector (Benicio del Toro) – vor allem über die kurios wirkende Verquickung der Guardians of the Galaxy mit Black Panther erzählt. Wenn der im Getümmel fröhlich mitwirkende Thanos (Josh Brolin), auf dessen Endbosserei die ersten drei Filmphasen des MCU bekanntlich länglich hinarbeiteten, hier als Gagmaschine über Genozid und Fingerschnipserei witzelt, ist das Fanservice für die einen, bloße Albernheit für manch andere.

    Die dritte Folge ist wieder besser, lässt die Avengers dahinmeucheln, Loki in bewährter Selbstbesoffenheit aufkreuzen und Fan-Liebling Coulson (dessen eigene MCU-Serie „Agents of S.H.I.E.L.D.“ in der vierten Staffel übrigens selbst schon mal eine „What-If…?“-Storyline hatte) mal wieder die besten Sprüche klopfen: Selbst, wenn er verfault, riecht er wie Lavendel, sagt der Agent staunend über den toten Thor.

    Gibt es ein verbindendes Element?

    Ja – den „Watcher“. So heißt hier der Erzähler, der „Twilight Zone“-mäßig jede Episode einleitet und wieder beendet. Gottgleich kann er zwar das ganze Multiversum und alle parallel dahinzuckelnden Timelines, dieses „Prisma unendlicher Möglichkeiten“, beobachten, eingreifen kann und will er aber nicht. Marvel-Neuzugang Jeffrey Wright („Westworld“) spricht ihn mit sonorer Hexenmeisterstimme.

    Der Watcher wacht über alle Timelines zwischen Wakanda, Washington und Wolfenbüttel Disney

    Für wen ist das Ganze?

    „What If…?“ ist vor allem ideales Fanfutter für Marvel-Aficionados, die der ganzen Sause nicht nur noch nicht überdrüssig geworden sind, sondern, im Gegenteil, beharrlich mehr wollen. Das bekommen sie hier auch – ohne Zweifel. Die 30-minütigen Episoden sind unterhaltsam, rasant und sehen gut aus. Angekündigt sind übrigens noch Folgen, die die Genres Krimi, Klamotte und Liebestragödie abdecken sollen – da darf man gespannt sein.

    Qualitativ werden sie sich, so viel ist klar, weiterhin unterscheiden, auch wenn Regisseur Bryan Andrews, hauptberuflich Storyboard-Zeichner, die ganze Staffel inszenierte. Der selbstreferenzielle, oft genug selbstironische Duktus, den Hauptautorin A.C. Bradley („Trolljäger“) anschlägt, ist allerdings auch in vielen MCU-Kinofilmen vorherrschend, also nichts wirklich Neues, ebenfalls keine Variante zum Bekannten.

    Für alle nicht ganz so eingefleischten Fans stellen sich sowieso spätestens nach der zweiten Episode eher grundsätzliche Fragen: Wenn Marvel den eigenen Output so sehr als Steinbruch oder Kramkiste (böser gesagt: als Grabbeltisch) begreift, dass er nach Gusto wieder umgepflügt, neu sortiert, restrukturiert werden kann wie in „What If…?“, wo kann dann jemals das Ende sein? Die blinkenden Dollarzeichen in den Augen der Disney-Leute hoffen natürlich, dass dieses Ende möglichst nie kommt.

    Und doch ist der Preis dieser ganzen Multiversifizierung eine gewisse Beliebigkeit: Wenn jederzeit alles passieren kann mit den MCU-Figuren, wenn sie, hier gestorben, in der dortigen Timeline wieder auftauchen können, dann wird es schwer, mit ihnen mitzufiebern, um sie zu bangen, sie zu vermissen. Das ist weniger das Problem dieser neuen Serie – als das dieses mit so viel Macht ausgreifenden Franchises an sich.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden der Serie „Marvel’s What If…?“

    Meine Wertung: 3,5/​5

    Die erste Staffel von „Marvel’s What If…?“ wird weltweit bei Disney+ ab dem 11. August 2021 veröffentlicht. Neue Folgen gibt es wöchentlich, immer mittwochs um 9:00 Uhr deutscher Zeit. Neben der ersten Staffel wurde bereits eine zweite beauftragt.

    Trailer zu „Marvel’s What If…?“ (Synchronfassung)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1970) am

      Das MCU hat (im Moment) nur vier Serien: WandaVision, Falcon & The Winter Soldier, Loki und jetzt What if...?
      • am

        Nehme mal an, es wurden Animationsserien dazugezählt (die ich aber auch nicht kenne)...

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