„American Rust“: Jeff Daniels und Maura Tierney in stilvoller Tristesse – Review

    Showtime-Krimidrama ist ambitioniert, aber zu durchschnittlich

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 28.09.2021, 18:30 Uhr

    American Rust – Bild: Showtime
    American Rust

    Buell ist eine Kleinstadt, wie es sie tausendfach in den USA gibt: unauffällig, weit abgelegen von den glitzernden Metropolen, wirtschaftlich schon seit Jahrzehnten im Niedergang begriffen. Buell liegt in Pennsylvania, im sogenannten Rust Belt: den ehemaligen Industriestaaten, in denen nach dem Abbau der Stahlindustrie nur noch die Arbeitslosigkeit floriert. „American Rust“ heißt dann auch der dort spielende Abgesang auf den amerikanischen Traum, den der US-Premiumsender Showtime hier in Serienform vorlegt, basierend auf einem Roman von Phillip Meyer.

    Im Mittelpunkt der Handlung stehen vor allem zwei Familien plus ein alleinstehender Mann. Der Loner ist Del Harris, der örtliche Polizeichef. Er schleppt allerlei traumatische Erlebnisse aus seiner Vergangenheit mit sich herum, unter anderem als Veteran des ersten Golfkriegs. Seine inneren Dämonen bekämpft er mit Psychopharmaka, die er sich heimlich den ganzen Tag über einwirft, um im Beruf funktionieren zu können. Jeff Daniels („The Newsroom“) spielt Harris mit seinen üblichen eineinhalb Gesichtsausdrücken und gedämpft murmelnder Stimme, was zu diesem Ritter von der traurigen Gestalt aber ausnehmend gut passt. Harris hat eine Affäre mit Grace Poe (Maura Tierney), die in einer Textilfabrik als Näherin arbeitet. Grace ist zwar auf dem Papier verheiratet, ihr Ehemann Virgil (Mark Pellegrino) hat sich aber schon seit Monaten nicht mehr zuhause blicken lassen.

    Bei ihr lebt noch der gemeinsame Sohn Billy (Alex Neustaedter), dem eigentlich ein Football-Stipendium den Weg aus der Sackgasse bahnen sollte, der aber doch in Buell hängengeblieben ist. Billy ist mit Isaac English (David Álvarez) befreundet, einem sensiblen jungen Mann mit lateinamerikanischer Mutter, der seinen verwitweten Vater Henry (Bill Camp) pflegt. Isaacs Schwester Lee (Julia Mayorga) hingegen hat den Absprung geschafft, ist weggezogen und hat einen wohlhabenden Mann geheiratet. Ihre große Liebe war (ist?) allerdings der arme zurückgelassene Billy.

    Ein Mann mit vielen Traumata: Chief Del Harris (Jeff Daniels) Showtime

    Klingt alles ganz schön deprimierend? Ist es auch. Eine Wohlfühlserie möchte die von Dan Futterman („Capote“, „The Looming Tower“) entwickelte Serie jedenfalls ebenso wenig sein, wie leichte Unterhaltung. „American Rust“ ist eher eine jener Kabelserien, zu denen man sich den Zugang erst erarbeiten muss. Das machen einem zwei Zeitsprünge zu Beginn auch nicht einfacher. Denn schon nach knapp der Hälfte der einstündigen Pilotfolge gibt es einen längeren Rückblick, der zeigt, was vor sechs Monaten mit den Protagonisten geschah. Darin erfahren wir unter anderem, wie Billy zu seiner Bewährungsstrafe kam, die in der Erzählgegenwart gerade abläuft. Doch sein Pech reißt nicht ab, gerät er doch auch noch unter Mordverdacht. Und Polizeichef Harris muss sich nun entscheiden, ob er den Sohn seiner Geliebten zu schützen versuchen soll.

    Obwohl es sich formal also um eine Krimiserie handelt, werden Freunde spannender Serien wohl nicht auf ihre Kosten kommen. „American Rust“ erinnert eher an die erste Staffel von HBOs „True Detective“ mit ihren melancholischen Figuren und der trostlosen Atmosphäre, ohne allerdings deren philosophische Tiefen zu erreichen. Die Showtime-Produktion setzt mehr auf allgemeine Sozialkritik, indem sie etwa die Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor thematisiert (im Laufe der Staffel wird Grace noch einen Arbeitskampf der Näherinnen vom Zaum brechen) und die gesellschaftlichen Folgen der Drogenepidemie in manchen US-Bundesstaaten aufzeigt. Das sind durchaus interessante Themen, die hier allerdings im Rahmen einer sehr gemächlich erzählten Geschichte aufgegriffen werden.

    Komplizierte Liebesbeziehung: Harris und Grace Poe (Maura Tierney) Showtime

    Am ehesten funktioniert die Serie noch als Porträt einer Kleinstadtgemeinde, in der jeder jeden kennt oder zumindest irgendwie mit jedem verbunden ist. Das deprimierende Gefühl vor allem der jungen Leute, in Perspektivlosigkeit festzustecken, die Ambivalenz zwischen Heimatverbundenheit und Fluchtwillen ist etwas, das sicher viele nachfühlen können. Allzu realistisch wirkt die Geschichte dabei leider nicht. So fragt man sich relativ schnell, wie dieser antriebslos wirkende Harris immer noch Polizeichef sein kann. Völlig unglaubwürdig wird es dann in einer der wenigen Actionszenen, wenn Isaac bei einem Spaziergang auf einen zugefrorenen See steigt und einbricht. Wie sein Begleiter es schafft, nicht nur minutenlang unter Wasser nach ihm zu suchen, sondern ihn dann auch noch zurück an die Oberfläche zu bringen, dürfte komplett unmöglich sein.

    Handwerklich gibt es an der Serie nichts zu meckern. Wie von Showtime gewohnt, haben die Macher viel Wert auf authentische Ausstattung und gute Kameraarbeit gelegt. Und auch die SchauspielerInnen können überzeugen, wobei es besonders schön ist, Ex–„Emergency Room“-Schwester Maura Tierney nach „The Affair“ wieder in einer anspruchsvollen Serienhauptrolle zu sehen. Leider fehlt dem Ganzen aber etwas Zwingendes, das einen dazu bringen würde, für die nächste Folge unbedingt wieder einschalten zu wollen. So bleibt „American Rust“ nach den ersten Episoden eine zwar ambitionierte, aber auch reichlich durchschnittliche Dramaserie, die sehr viel deprimierende Stimmung, aber zu wenig echtes Drama bietet.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie „American Rust“.

    Meine Wertung: 3,5/​5

    Die erste Staffel von „American Rust“ läuft seit dem 5. September 2021 wöchentlich in den USA. Ein deutscher Sender ist noch nicht bekannt.

    Trailer zur Serie „American Rust“ (englisch)

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv​a>.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1967) am

      Ich bin schon ewig Fan von Daniels und Tierney, werde also garantiert da mal rein gucken!

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