Talk, Urteile und Krawall – Das deutsche Nachmittagsprogramm im Wandel

    War früher wirklich alles besser?

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    Talk, Urteile und Krawall - Das deutsche Nachmittagsprogramm im Wandel – War früher wirklich alles besser? – Bild: RTL/Sat.1/Stefan Menne

    Betrachtet man die Entwicklung des deutschen Fernsehens über mehrere Jahre hinweg, lassen sich Phänomene des Zeitgeists erkennen. Dies trifft beispielsweise auf das Abendprogramm zu, wo in den vergangenen Jahren ein erheblicher Zuwachs an Krimis zu verzeichnen war (fernsehserien.de berichtete). Doch auch das Nachmittagsprogramm befindet sich in einem ständigen Wandel und im Laufe der Jahre traten immer wieder Formate in den Vordergrund, die eine Zeit lang den Markt beherrschten – nur um etwas später wieder von der Bildfläche zu verschwinden. Auch lassen sich unterschiedliche Fokussierungen im öffentlich-rechtlichen und im privaten Fernsehen feststellen. Im nun folgenden Special werden die Trends des Nachmittagsprogramms im Wandel der Zeit näher analysiert und miteinander verglichen. Als Grundlage für die grafischen Statistiken wurde das Nachmittagsprogramm von 14 bis 18 Uhr untersucht, anhand von Stichproben jeweils aus der letzten Januar- und der letzten Juliwoche eines Jahres.

    Talkshows

    Bilder: RTL/ProSieben/Sat.1

    Insbesondere in den 1990er Jahren waren Talkshows nahezu das Synonym für Nachmittagsfernsehen. Hans Meiser war Pionier dieses Genres und ging mit der nach ihm benannten Sendung am 14. September 1992 an den Start. Bis 2001 moderierte er insgesamt 1700 Mal die Show, die „erstmals ganz normale Menschen ins Fernsehen“ bringen wollte. Bis zu heute unvorstellbaren 40 Prozent Marktanteil wurden erreicht. Dieser Erfolg führte zu einer regelrechten Talkshow-Schwemme. Allein RTL hatte bis zu fünf derartiger Sendungen gleichzeitig im Programm. Die bekanntesten waren „Ilona Christen“ (1993–1999), „Bärbel Schäfer“ (1995–2002), „Birte Karalus“ (1998–2000) und „Die Oliver Geissen Show“ (1999–2009). In der Anfangsphase besaßen die Talkshows noch ein gewisses Niveau und eine akzeptable Gesprächskultur, doch im Laufe der Jahre nahm der Krawall-Faktor und die Sensationsgeilheit zu.

    ProSieben zog mit „Arabella“ (1994–2004), „Andreas Türck“ (1998–2002) und „Nicole – Entscheidung am Nachmittag“ (1999–2001) nach. In Sat.1 starteten „Kerner“ (1996–1998) und „Jörg Pilawa“ (1998–2000) ihre Karrieren als Talkshow-Moderatoren, außerdem talkten Vera Int-Veen („Vera am Mittag“, 1996–2006), Sonja Zietlow („Sonja“, 1997–2001) und Franklin Schmidt („Franklin“, 2000–2004) viele Jahre zur Mittagszeit. Zu den weniger erfolgreichen Formaten zählten „Ricky!“ (1999–2000) und „Peter Imhof“ (2000–2001) in Sat.1 sowie „Sabrina“ (1999–2000) und „Natascha Zuraw“ (2008) bei RTL. RTL II schickte mit „Wildfang – Der Teenie-Talk“ (1996–1997) ein auf ein noch jüngeres Publikum ausgerichtetes Format an den Start, das sich allerdings nur ein knappes Jahr hielt. Das Erste versuchte sein Glück mit „Rehmsen“ (1995–1996) und „Juliane & Andrea“ (1996), doch der richtige Erfolg stellte sich nur bei „Fliege“ (1994–2005) ein. Die von Pfarrer Jürgen Fliege moderierte Show war deutlich ruhiger und biederer und somit ein Gegenpol zu den krawalligen Talkshows der Privatsender.
    Talkshow Statistik

    Mit Beginn der 2000er Jahre ging das Talkshow-Angebot spürbar zurück. „Arabella“ wurde in mehreren Etappen in den geskripteten Talk „Das Geständnis – Heute sage ich alles“ (2004–2006) umgewandelt, zudem startete die Scripted Reality „Abschlussklasse“ (2003–2006) innerhalb der Talkshow. Des Weiteren wurden die klassischen Talkformate auf ProSieben durch Pseudo-Beratungstalks wie „Die Jugendberaterin“ (2002–2003) und „Dr. Verena Breitenbach“ (2002–2003) ersetzt. Am langlebigsten waren die Formate „Britt – Der Talk um Eins“ und „Zwei bei Kallwass“, an denen Sat.1 von 2001 bis 2013 festhielt, gefolgt von der „Oliver Geissen Show“, die von 1999 bis 2009 bei RTL lief. Ziemlich glücklos im Bereich Talkshow war übrigens das ZDF: 1998 startete der Mainzer Sender „Mensch, Ohrner!“ mit Thomas Ohrner, was allerdings nach 10 Monaten eingestellt wurde. 2013 unternahm man mit „inka!“ den Versuch eines Talkshow-Revivals, doch die Sendung mit Inka Bause blieb gerade mal zwei Monate on Air.

    Der frechste Versuch, das Talkshow-Genre wiederzubeleben, geht allerdings auf das Konto von Sat.1. Mit „Annica Hansen – Der Talk“ und „Ernst-Marcus Thomas – Der Talk“ ließ der Sender 2012 zwei komplett geskriptete Talkshows auf die Zuschauer los. Die zeigten dem Sender allerdings die rote Karte, weshalb der Spuk nach jeweils zehn Folgen schnell wieder beendet wurde.

    05.07.2017, 15:05 Uhr – Glenn Riedmeier & Lukas Respondek/fernsehserien.de

    Über den Autor

    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier ist Jahrgang '85 und gehört zu der Generation, die in ihrer Kindheit am Wochenende früh aufgestanden ist, um stundenlang die Cartoonblöcke der Privatsender zu gucken. "Bim Bam Bino", "Vampy" und der "Li-La-Launebär" waren ständige Begleiter zwischen den "Schlümpfen", "Familie Feuerstein" und "Bugs Bunny". Die Leidenschaft für animierte Serien ist bis heute erhalten geblieben, zusätzlich begeistert er sich für Gameshows wie z.B. "Ruck Zuck" oder "Kaum zu glauben!". Auch für Realityshows wie den Klassiker "Big Brother" hat er eine Ader, doch am meisten schlägt sein Herz für Comedyformate wie "Die Harald Schmidt Show" und "PussyTerror TV", hält diesbezüglich aber auch die Augen in Österreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten offen. Im Serienbereich begeistern ihn Sitcomklassiker wie "Eine schrecklich nette Familie" und "Roseanne", aber auch schräge Mysteryserien wie "Twin Peaks" und "Orphan Black". Seit Anfang 2013 ist er bei fernsehserien.de vorrangig für den nationalen Bereich zuständig und schreibt News und TV-Kritiken, führt Interviews und veröffentlicht Specials.

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Roseanne, Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • Mioni (geb. 1986) am 21.07.2018 21:42

      In den 90ern bis Mitte 2000 fand man immer was im Programm. Heute hingegen eher überhaupt nichts. Wenn ich an beispielsweise Vox denke lief vor 13 Jahren am Samstag noch Filme am Samstag Nachmittag jetzt mit dem Shoppinggedönst ist es einfach nur schrecklich. Die Talkshows waren anfangs ganz ok aber irgendwann nervte es nur noch. Als die Gerichtsshows und die Hartz4 Produktionen anfingen war alles eher was für die Toilette zum runter spülen. Das sich das bis heute hält ist mir ein Rätsel. Zum Glück gibt es Netflix und Co. wo man immer zurückgreifen kann.
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      • Brigidde (geb. 1974) am 12.07.2017 14:28

        Mit der Zeit der Talkshows hörte bei mir irgendwie das Nachmittagsprogramm auf zu existieren. Früher hab ich echt gern gezappt, irgendwo lief immer eine Serie - egal ob Trick- oder Real. Mittlerweile hab ich das Gefühl, das überall das gleiche läuft und zwar in Dauerschleife. Wenn ich wirklich mal nachmittags die Glotze anmach, dann lande ich eher bei Doku-Sendern. Der Rest ist mir einfach zu doof und macht mich aggressiv.
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        • cassiel am 05.07.2017 23:48

          Ein tolles Special. Besser und witziger hätte Walulis die jüngere Geschichte des deutschen Fernsehnachmittags auch nicht zusammenfassen können. Und nach ca. 20 Minuten Lesezeit kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren mir unendlich viel Zeit auf der Informationsmüllhalde erspart zu haben. Das nenn ich mal rationelles Fernsehen :D
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          • Sentinel2003 (geb. 1967) am 05.07.2017 20:17

            Jepp, DANKE fuer diesen Artikel...manche Talkshow - Namen hatte ich schon vergessen...und, ich wusste nicht, das sogar Annica Hansen eine Talkshow hattte...
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            • Helmprobst am 05.07.2017 17:15 via tvforen.de

              Sehr interessante Zeitreise! Vielen Dank an die Autoren für die Recherche. Meinem Empfinden nach gab es den größten Qualitätsverlust bei VOX zu verzeichen. War lange Zeit meine persönliche Nr. 1 am Nachmittag, und ist inzwischen der Sender, der mich insgesamt am wenigsten anspricht.

              Der Verzicht auf Kindersendungen in den Hauptprogrammen (ARD/ZDF; Kabel1/RTL2) war meiner Meinung nach auch ein gravierender Fehler. Klar gibt es Spartenprogramme für Kinder, aber es fand eben keine Gewöhnung mehr an ein bestimmtes Haupt-Programm statt. Die 'Kids', die mit Bim Bam Bino und Vampy groß geworden sind, sind dann ab einem bestimmten Alter meist für die Sendungen für erwachsenere Zuschauer (z.B. Serien) bei einem Kanal geblieben. Das fehlt halt jetzt. Und wenn man sich die Quoten der ARD auf dem 16.15 Uhr-Sendeplatz anschaut stellt sich schon die Frage, ob mit der "Sesamstrasse" oder der Maus nicht doch auch ähnliche Werte zu erzielen wären.

              Ausserdem ist mir aufgefallen, dass sich im Laufe der Jahre noch etwas anderes im Nachmittagsprogramm, zumindest bei einigen Sendern, geändert hat: waren es früher mehrere unterschiedliche Serien gleichen Genres mit jeweils einer Folge pro Tag, ging man Schritt für Schritt dazu über, lieber Doppel- und Dreifachfolgen nur noch einer Serie zu zeigen. Besonders extensiv war hier ja seinerzeit RTL2, wo "Immer wieder Jim" oder der "King of Queens" mit tw. 5 neuen Folgen am Stück jeden Nachmittag zu sehen waren.

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