Talk, Urteile und Krawall – Das deutsche Nachmittagsprogramm im Wandel

    War früher wirklich alles besser?

    Glenn Riedmeier und Lukas Respondek – 05.07.2017, 15:05 Uhr (erstmals veröffentlicht am 19.06.2017)

    Betrachtet man die Entwicklung des deutschen Fernsehens über mehrere Jahre hinweg, lassen sich Phänomene des Zeitgeists erkennen. Dies trifft beispielsweise auf das Abendprogramm zu, wo in den vergangenen Jahren ein erheblicher Zuwachs an Krimis zu verzeichnen war (fernsehserien.de berichtete). Doch auch das Nachmittagsprogramm befindet sich in einem ständigen Wandel und im Laufe der Jahre traten immer wieder Formate in den Vordergrund, die eine Zeit lang den Markt beherrschten – nur um etwas später wieder von der Bildfläche zu verschwinden. Auch lassen sich unterschiedliche Fokussierungen im öffentlich-rechtlichen und im privaten Fernsehen feststellen. Im nun folgenden Special werden die Trends des Nachmittagsprogramms im Wandel der Zeit näher analysiert und miteinander verglichen. Als Grundlage für die grafischen Statistiken wurde das Nachmittagsprogramm von 14 bis 18 Uhr untersucht, anhand von Stichproben jeweils aus der letzten Januar- und der letzten Juliwoche eines Jahres.

    Talkshows

    RTL/ProSieben/Sat.1

    Insbesondere in den 1990er Jahren waren Talkshows nahezu das Synonym für Nachmittagsfernsehen. Hans Meiser war Pionier dieses Genres und ging mit der nach ihm benannten Sendung am 14. September 1992 an den Start. Bis 2001 moderierte er insgesamt 1700 Mal die Show, die „erstmals ganz normale Menschen ins Fernsehen“ bringen wollte. Bis zu heute unvorstellbaren 40 Prozent Marktanteil wurden erreicht. Dieser Erfolg führte zu einer regelrechten Talkshow-Schwemme. Allein RTL hatte bis zu fünf derartiger Sendungen gleichzeitig im Programm. Die bekanntesten waren „Ilona Christen“ (1993–1999), „Bärbel Schäfer“ (1995–2002), „Birte Karalus“ (1998–2000) und „Die Oliver Geissen Show“ (1999–2009). In der Anfangsphase besaßen die Talkshows noch ein gewisses Niveau und eine akzeptable Gesprächskultur, doch im Laufe der Jahre nahm der Krawall-Faktor und die Sensationsgeilheit zu.

    ProSieben zog mit „Arabella“ (1994–2004), „Andreas Türck“ (1998–2002) und „Nicole – Entscheidung am Nachmittag“ (1999–2001) nach. In Sat.1 starteten „Kerner“ (1996–1998) und „Jörg Pilawa“ (1998–2000) ihre Karrieren als Talkshow-Moderatoren, außerdem talkten Vera Int-Veen („Vera am Mittag“, 1996–2006), Sonja Zietlow („Sonja“, 1997–2001) und Franklin Schmidt („Franklin“, 2000–2004) viele Jahre zur Mittagszeit. Zu den weniger erfolgreichen Formaten zählten „Ricky!“ (1999–2000) und „Peter Imhof“ (2000–2001) in Sat.1 sowie „Sabrina“ (1999–2000) und „Natascha Zuraw“ (2008) bei RTL. RTL II schickte mit „Wildfang – Der Teenie-Talk“ (1996–1997) ein auf ein noch jüngeres Publikum ausgerichtetes Format an den Start, das sich allerdings nur ein knappes Jahr hielt. Das Erste versuchte sein Glück mit „Rehmsen“ (1995–1996) und „Juliane & Andrea“ (1996), doch der richtige Erfolg stellte sich nur bei „Fliege“ (1994–2005) ein. Die von Pfarrer Jürgen Fliege moderierte Show war deutlich ruhiger und biederer und somit ein Gegenpol zu den krawalligen Talkshows der Privatsender.

    Mit Beginn der 2000er Jahre ging das Talkshow-Angebot spürbar zurück. „Arabella“ wurde in mehreren Etappen in den geskripteten Talk „Das Geständnis – Heute sage ich alles“ (2004–2006) umgewandelt, zudem startete die Scripted Reality „Abschlussklasse“ (2003–2006) innerhalb der Talkshow. Des Weiteren wurden die klassischen Talkformate auf ProSieben durch Pseudo-Beratungstalks wie „Die Jugendberaterin“ (2002–2003) und „Dr. Verena Breitenbach“ (2002–2003) ersetzt. Am langlebigsten waren die Formate „Britt – Der Talk um Eins“ und „Zwei bei Kallwass“, an denen Sat.1 von 2001 bis 2013 festhielt, gefolgt von der „Oliver Geissen Show“, die von 1999 bis 2009 bei RTL lief. Ziemlich glücklos im Bereich Talkshow war übrigens das ZDF: 1998 startete der Mainzer Sender „Mensch, Ohrner!“ mit Thomas Ohrner, was allerdings nach 10 Monaten eingestellt wurde. 2013 unternahm man mit „inka!“ den Versuch eines Talkshow-Revivals, doch die Sendung mit Inka Bause blieb gerade mal zwei Monate on Air.

    Der frechste Versuch, das Talkshow-Genre wiederzubeleben, geht allerdings auf das Konto von Sat.1. Mit „Annica Hansen – Der Talk“ und „Ernst-Marcus Thomas – Der Talk“ ließ der Sender 2012 zwei komplett geskriptete Talkshows auf die Zuschauer los. Die zeigten dem Sender allerdings die rote Karte, weshalb der Spuk nach jeweils zehn Folgen schnell wieder beendet wurde.

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