The Strain – Review

    TV-Kritik zum Horrorspektakel von Guillermo del Toro – von Gian-Philip Andreas

    Rezension von Gian-Philip Andreas – 11.08.2014, 11:42 Uhr

    Seuchenspezialist mit alberner Perücke: Dr. Ephraim „Eph“ Goodweather (Corey Stoll)

    In der Zeit zwischen seinem zweiten „Hellboy“-Film und der letztjährigen Rückkehr auf die Kinoleinwand mit „Pacific Rim“ hat der mexikanische Star-Regisseur Guillermo del Toro vor allem geschrieben: den „Hobbit“. Und Bücher. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Chuck Hogan veröffentlichte er die Horror-Romantrilogie „The Strain“, über die einige Kritiker urteilten, sie lese sich, als habe jemand Drehbuchanweisungen und -dialoge notdürftig in Prosaform gezwungen. Die wohl von Anfang an eingeplante Verfilmung in serieller Form ist nun auf FX zu begutachten, jenem Kabelsender, der mit „Fargo“ und „Tyrant“ dieses Jahr schon Himmel und Hölle der Fernsehserienwelt bediente. Mit „The Strain“ zeigt er nun, dass er auch keine Scheu vor beispiellos blutigen Kopfzertrümmerungsbrutalitäten hat.

    Zu erleben ist mal wieder eine Vampirgeschichte, die mit der in diesem Genre üblich gewordenen Glitzerwelt der „Vampire Diaries“ oder gar der Schmachthakenromantik von „Twilight“ indes nichts zu tun hat. Stattdessen orientiert sich del Toro (der auch die 70-minütige Pilotepisode inszenierte) an alten Dracula- bzw. Nosferatu-Motiven, vor allem aber an der Dramaturgie des Zombiefilms, die sich über epidemische Panik definiert. Eine Panik, die derzeit in so einigen Serien („Helix“, „The Last Ship“) durchdekliniert wird. Fast logisch deshalb, dass als zentrale Protagonisten hier Mitarbeiter der Seuchenbekämpfung (CDC, Center for Disease Control) herhalten.

    Es geht gruselig los: Da landet ein Flugzeug auf dem New Yorker JFK-Airport – und alle Insassen sind tot. Vorher sieht man schon etwas Großes, Dunkles, Mächtiges aus dem Frachtraum rauschen: ein Monster? Gestartet ist das Flugzeug in Berlin, es kam somit aus der sogenannten „Alten Welt“ (lies: Europa) in die „Neue Welt“ (lies: USA) – und hatte womöglich eine Seuche an Bord. Die eilig herbeigerufenen Spezialisten des CDC ermitteln im Hinblick auf ein mögliches Virus, das die Flugzeuginsassen über den Wolken dahingerafft haben könnte. Dann der erste große Schock: Nicht alle Toten sind tatsächlich tot! Der Pilot, ein Emo-Rocker, eine schnippische Anwältin und ein weiterer Mann wachen urplötzlich wieder auf, können sich allerdings an nichts erinnern.

    Während nun CDC-Spezialist Dr. Ephraim „Eph“ Goodweather („House of Cards“-Glatzkopf Corey Stoll mit alberner Perücke) und seine ihn anhimmelnde Assistentin, Dr. Nora Martinez (Mía Maestro, „Alias – Die Agentin“) mit den Ermittlungen beginnen, Quarantäne verhängen und sich nach gängigem Muster mit ignoranten Politikern und Vorgesetzten herumplagen, werden sukzessive andere Figuren eingeführt, die mit dem Vorfall direkt zu tun haben oder aber zu tun bekommen. Gus (Miguel Gomez) etwa ist ein Latino-Kleingangster – ein einziges Stereotyp, das man von del Toro eigentlich nicht erwartet hätte. Viel interessanter ist der ukrainische Kammerjäger Vasiliy Fet (Kevin Durand, „Lost“). Er kommt erstmals in der zweiten Episode vor, hat ein paar coole Szenen, und als er irgendwann ganze Schwärme von Ratten aus der Kanalisation fliehen sieht, deutet sich langsam an, dass er neben Eph und Martinez zu den Schlüsselfiguren werden könnte. Im Kampf gegen das Böse, um das es hier geht.

    Von diesem Bösen eine Ahnung zu haben scheint ein anderer, der hier die Rolle des zunächst verkannten Warners übernimmt: Der alte Professor Abraham Setrakian führt ein Pfandleihgeschäft, das gleich zu Beginn von Gus ausgeraubt werden soll – was der Alte taff verhindert. Gespielt wird Setrakian vom immer sehenswerten David Bradley, der zuletzt in „Broadchurch“ und als Walder Frey in „Game of Thrones“ beeindruckte und spätestens seit letzterer Rolle etwas latent Bedrohliches ausstrahlt. In „The Strain“ identifiziert ihn eine Nummer am Arm sehr bald als jüdischen Holocaust-Überlebenden, und das zuckende, an einen Herzmuskel erinnernde Gebilde, das er daheim in einem Glas beherbergt und mit Bluttropfen füttert, deutet darauf hin, dass er auch noch andere Schrecknisse bewältigt hat. Aber Moment mal, kam das Flugzeug nicht aus Berlin?

    Die ihren Chef anhimmelnde Assistentin: Dr. Nora Martinez (Mía Maestro)
    Womit wir bei den offenkundigen Bösewichtern angelangt wären. Was also plant Eldritch Palmer (Jonathan Hyde), der greise, todkranke und milliardenschwere Chef der Firma „Stoneheart“? Offenbar erwartet er „Fracht“ aus der Todesmaschine und steht deshalb mit dem sinistren Thomas Eichorst im Bunde. Dessen sekundenweise die Farbe wechselnde Iris zeigt sofort: Ein Mensch ist das nicht (mehr). Sein deutscher Darsteller Richard Sammel (immer gern gebucht als Nazi in internationalen Produkten) spielt den undurchsichtigen Schurken mit einem gespenstischen gestischem Minimalismus und ein paar gefährlich freundlichen Christoph-Waltz-Anleihen. Eichorst lernte Professor Setrakian schon im Dritten Reich kennen, hat sich seither aber optisch nicht verändert. Ein Nazi-Vampir? Fürwahr: So trashig scheint es zu werden! In der dritten Episode enthüllt dann ein wunderbares Intro, wie Eichorst „eigentlich“ aussieht und wie er sich für die Öffentlichkeit verkleidet – es ist zugleich ein schönes Sinnbild für die theatralische Maskerade, die Geschichten wie dieser schließlich immer zu eigen sind.

    Worum es geht, schält sich dann relativ zügig heraus: Den maladen Milliardär Palmer giert es faustisch nach Unsterblichkeit, dazu lässt er einen mächtigen Vampir aus Europa, den „Master“, einfliegen (der seltsamerweise Englisch spricht). Organisator der Aktion ist Eichorst, der als unwissenden Helfer unter anderem Gus einspannt. Durch eine Verkettung von Umständen, an denen der vermeintlich arglose, mit einer krebskranken Gattin gestrafte CDC-Beamte Jim Kent („Herr der Ringe“-Sam Sean Astin) ganz und gar nicht unschuldig ist, kommt der „Master“ im Sarg aus der Quarantänezone heraus – womit der vampirischen Ansteckung keine Grenzen mehr gesetzt sind.

    Es gibt sehr blutige, sehr eklige Szenen in „The Strain“ und diverse Gruselkabinettstücke, etwa wenn der „Master“ zuschlägt oder sich die Überlebenden allmählich in Vampire verwandeln und sich ein wurmartiger Zungenersatz in ihnen heranbildet, oder wenn sich die Toten in der Pathologie erheben und anschicken, in die Stadt auszuschwärmen. Das Vampirische hat hier nichts Sexuelles mehr – es verbreitet sich virengleich-widerlich, eben wie im Zombiefilm oder verwandten Epidemiethrillern wie „28 Days Later“. Bestes Beispiel dafür ist Emo-Rocker Gabriel (Jack Kesy), der aussieht wie eine Mischung aus Marilyn Manson und Jared Leto, weshalb seine Vampirwerdung zunächst nicht weiter auffällt – bis ihm dann am Pissoir großartig lapidar der Penis abfällt. Richtig gelesen. Vampire pflanzen sich eben nicht fort, sie beißen sich durch.

    In dieser Hinsicht jedenfalls erweist sich „The Strain“ als imponierend gruselig und phasenweise spannend. Plotmäßig ist das alles natürlich nicht neu – und auch nicht immer gut gelöst. Die verschiedenen Figuren (Gus, Setrakian, Fet, Eichorst) und ihre Handlungsstränge spielen sich auf stilistisch sehr disparaten Ebenen ab. Problematisch sind leider ausgerechnet die Hauptfiguren: Das Duo Eph/Martinez wirkt in den ersten Folgen ärgerlich reizlos, vor allem Eph langweilt als x-te Variante des genialischen Ermittlers, der zugleich private Probleme hat. So kämpft er hier mit seiner bereits neu verbandelten Frau Kelly (Natalie Brown) um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn Zach (Fun Fact: Ben Hyland spielte auch in „House of Cards“ Stolls Sohn), außerdem ist er Alkoholiker, Narzisst und Kontrollfreak. Diese völlig abgestandenen Seifenopernversatzstücke nehmen in der Serie irritierend viel Raum ein, ohne dass sie der Eph-Figur allerdings mehr Tiefe verleihen würden. Stattdessen stören sie eher als unerwünscht retardierendes Moment: So viel lieber würde man doch mehr von der Infektions-Exploitation und vom Nazi-Dracula-Trash sehen … 

    Wie sich da handlungsmäßig die Gewichte verteilen, wie sich die diversen Figuren-Plots fügen werden, ob sich vielleicht sogar die Dialoge verbessern (was sie gerne dürften), das wird sich noch erweisen. Bis jetzt präsentiert sich „The Strain“ als weitgehend unterhaltsamer Thriller mit reichlich Gore, Ekel-Getier und Body-Horror nach David-Cronenberg-Manier, mit guten Schocks und ein paar wirklich starken Darstellern. Nichts davon ist wirklich neu, aber Genrefans können getrost einschalten.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Folgen von „The Strain“.


    Meine Wertung: 3,5/5


    Gian-Philip Andreas
    © Alle Bilder: FX Productions

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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