The Family – Review

    Großartiger Cast trägt wenig originelles Mystery- und Familien-Drama – von Gian-Philip Andreas

    Rezension von Gian-Philip Andreas – 28.03.2016, 12:57 Uhr

    Im Zentrum der ABC-Serie „The Family“ steht eine zerschmetterte Familie

    Die Rückkehr des Verlorengeglaubten. Die Heimkehr des Täters. Motive, die unschlagbar sind als Katalysatoren für die dramatische Dekonstruktion einer festgefügten Gemeinschaft. Im Film zündete die Rückkehr des ehemals Vertrauten und dann irritierend Fremden schon ungezählte Male, das Seriengewerbe hat gerade in den letzten Jahren mehrfach beeindruckendes Kapital aus dieser Prämisse geschlagen (von „Rectify“ bis „The Returned“). Die 13-teilige, solide besetzte ABC-Serie „The Family“ (konzipiert von Jenna Bans, die unter Shonda Rhimes’ Ägide viele Folgen von „Grey’s Anatomy“ und „Scandal“ produzierte), nimmt sich nun auf zwei Zeitebenen beide Varianten vor und ergänzt sie um so etwas wie ein Politdrama, durch das, gleichwohl ins Provinzielle verlegt, ein sanfter Hauch „House of Cards“-geschulter Desillusionierung weht. Gleich in der ersten Folge ächzt die pubertierende Tochter der Bürgermeisterin über deren Akzeptanz von Stimmenkauf: „Demokratie ist ganz schön tot.“

    Die erste Variante des Rückkehrmotivs: das Opfer. Der achtjährige Adam Warren war zehn Jahre vor Einsetzen der Handlung während eines Wahlkampffestes seiner Mutter (der angehenden Bürgermeisterin) plötzlich vermisst worden. Als Täter wurde später der Nachbarn der Warrens, Hank Asher, verhaftet: Der pädophile Sonderling gestand die Ermordung des mit ihm befreundeten Jungen und ging dafür ins Gefängnis. Doch jetzt taumelt Adam, inzwischen 18 Jahre alt und von „The Killing“) gespielt, mit leicht zerzauster Kaspar-Hauser-Frisur eine Landstraße entlang: Offenbar konnte er seinem Peiniger entkommen, der ihn zehn Jahre lang in einem Bunker im Wald gefangenhielt und missbrauchte.

    Das erzählt Pilotfilm-Regisseur Paul McGuigan („Wicker Park“) beinahe atemlos – leider kleistert er die schnelle Szenenfolge fast durchgängig mit manipulativ dramatisierender Musik und effektheischenden Zeitlupen zu. Man merkt mal wieder: Leerstellen, die vom Zuschauer selbst zu füllen wären, sind im Network-Fernsehen nicht gern gesehen. Zum Glück ist da die Schauspielveteranin Joan Allen, dreifach oscarnominiert (bekannt aber vor allem durch ihre Rolle in „Im Körper des Feindes“), in der Hauptrolle der Claire Warren: Die republikanische Bürgermeisterin des fiktiven Städtchens Red Pines im nordöstlichen US-Bundesstaat Maine wird von ihr mit bewährt eisiger Präzision verkörpert. Das Drehbuch gibt Allen Gelegenheit, sowohl die Schneidigkeit einer machtbewussten Matriarchin als auch die verzweifelte Sorge einer Mutter auszuspielen, die eine Dekade lang mit der vermeintlichen Gewissheit leben musste, ihr jüngster Sohn sei einem grausamen Verbrechen zum Opfer gefallen.

    Auch wenn es ein positiver Schock ist – als Schock wird es dennoch empfunden, wenn Adam plötzlich wieder da ist, derangiert durch das große Elternhaus schleicht und freiwillig im Wandschrank schläft. Seine Schwester Willa (als Teenager: Madeleine Arthur; erwachsen: Alison Pill aus „The Newsroom“) ist von der Polit-Skeptikerin zur rechten Hand der rechtskonservativen Mutter herangewachsen, zur Assistentin, die deren neue Kampagne managt: Claire, die beliebte Bürgermeisterin, möchte nämlich höher hinaus und Gouverneurin von Maine werden. Adams älterer Bruder Danny hingegen (als Teenager: Rarmian Newton, erwachsen: Zach Gilford aus „Friday Night Lights“) ist vom populären Football-Hunk zum Säufer und Tunichtgut mutiert. Auch einen Vater gibt es: Claires entfremdeter Ehemann John (Rupert Graves, Lestrade im BBC–„Sherlock“) ist Schriftsteller und steht tief im Schatten seiner Frau.

    Bindeglied zur zweiten Variante des Rückkehrermotivs – diesmal den Täter betreffend – ist die Polizistin Nina Meyer (Margot Bingham). Sie hatte Hank damals verhaftet, wurde deshalb befördert und muss den unschuldig Verurteilten nun wieder aus dem Knast zurückholen. Hank, mit 300.000 Dollar entschädigt, kehrt ins Haus seiner verstorbenen Mutter zurück, das direkt neben dem Anwesen der Warrens liegt, und kann die Abneigungen gegen ihn nicht abschütteln. Famos gespielt wird er von Andrew McCarthy, der in den Achtzigerjahren zum „Brat Pack“ junger, beliebter RomCom-Darsteller gehörte, mehrere populäre Komödien drehte („Immer Ärger mit Bernie“) und jetzt, mit gräulichem Haar und verkniffenem Mund einen fulminanten Imagewechsel hinlegt. Sein Hank schillert beunruhigend zwischen bedauernswertem Opfer, dem das Leben und die Umwelt übel mitgespielt hatte, und zwielichtigem Sexualstraftäter, von dem nach den ersten Folgen noch nicht bekannt ist, wie viel Dreck am Stecken er tatsächlich hat.

    Brilliert als Matriarchin und Mutter: Joan Allen
    Die Rückkehr beider Personen sorgt für Verwerfungen und in Red Pines, „The Family“ will dabei offenbar auf vieles hinaus. Am interessantesten ist, was die Rückkehr des plötzlich wieder lebendigen Sohnes in Claire auslöst: Einerseits planlos in der Frage, wie das Kind ins alte (Familien-)Leben zu reintegrieren wäre, nutzt sie den glücklichen Schicksalsschlag andererseits gnadenlos zu PR-Zwecken in Sachen Gouverneursamt-Kandidatur aus, die auch populistische Forderungen nach einem härteren Sexualstrafrecht umfasst. Der Balanceakt zwischen privater Verunsicherung und äußerer Macht-Fassade gelingt Joan Allen erwartbar gut.

    Demgegenüber wirken die Verwerfungen im Rest der Familie eher banal, bisweilen soapig trivial: John hatte mal eine Affäre mit Nina, was Claire bis heute nicht zu wissen scheint, ganz im Gegensatz zu Tochter Willa, die aktiv mitvertuschte und das jetzt gegen den Vater einzusetzen bereit ist. Willa selbst war, man erfährt’s recht bald, maßgeblich für die Verhaftung Hanks verantwortlich, was einen religiösen Schuldkomplex in ihr verwurzelte. Am ödesten ist Danny, der ältere Sohn, unstet und bindungslos und leichtes Opfer der ehrgeizigen Reporterin Bridey Cruz (Floriana Lima, „Mob Doctor“), die die Familiengeheimnisse der Warrens aus ihm herauslocken möchte. Seit den vergleichbaren, aber qualitativ deutlich besseren Mini-Serien „Broadchurch“ und „The Missing“ scheint die Figur des ruchlosen Zeitungsreporters zwingend zu solchen Knabenmissbrauchsgeschichten dazuzugehören.

    Das alles ist solide, aber nicht sehr einfallsreich inszeniert. Es gibt ein paar gezwungen scheinende Walk-and-Talk-Sequenzen (Bridey mit ihrem Chefredakteur, Nina mit dem Polizeichef) und ein paar laue Spannungsmomente, wenn sich Nina in den Wäldern auf die Suche nach dem tatsächlichen Kidnapper macht. Dieser darf dann auch schon ein paarmal durchs Bild huschen. Die zwei Zeitebenen halten sich eingangs durchaus recht geschickt die Waage, während der Hang der Autoren, zentrale Sätze für den unaufmerksamen Zuschauer mehrfach wiederholen zu lassen, zu den nervtötenderen Aspekten der Serie gehört. Abzuwarten bleibt, ob die wechselnde Perspektive (die Pilotepisode wird von Ninas Off-Erzählstimme gerahmt, die zweite Folge von Adam) nur Masche bleibt oder noch erzählerischen Mehrwert abwirft.

    Die bleibenden Momente sind jedenfalls den teils sehenswerten Darstellerleistungen geschuldet (Allen und McCarthy vorneweg) – und dem Mystery-Anteil: Ist Adam wirklich Adam oder eventuell ein zweites Opfer des Täters, das sich nur als Adam ausgibt? Was weiß Hank wirklich über die Tat – und warum hält er Adams Kinderhandschuhe versteckt? Jenna Bans und die Regisseure verstehen es, diese Fragestellungen halbwegs spannend herauszuarbeiten.

    Fürs bloße Dranbleiben reicht es also. Nur originell ist hier eben nichts. Die Inszenierung hakt die Story eher glatt ab – es bleibt nicht viel Luft zum Atmen und kein Platz für jene emotionalen Hallräume, die etwa „Rectify“ zu so einer überzeugenden Rückkehrergeschichte gemacht haben. Die Ungeheuerlichkeit etwa, die es für eine Familie bedeuten muss, ein zu Grabe getragenes Kind nach all der Trauer wieder lebendig und zehn Jahre älter vor sich zu sehen, wirkt hier jedenfalls arg unterbelichtet. Mag sein, dass der vielversprechende Polit-Aspekt im Laufe der Serie noch wichtiger wird (als Claires demokratischer Widersacher ist „Melrose Place“-Beau Grant Show angekündigt) und die Frage beackert, wie man als politische Hardlinerin sein Ding durchziehen kann, während das persönliche Umfeld mit all seinen Gewissheiten kollabiert. Das könnte dann durchaus spannend werden. Mag aber genauso gut sein, dass „The Family“ als Psychokrimi, Familiendrama, Reporterstory und Polit-Serie am Ende doch schlichtweg überfrachtet ist.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten zwei Episoden der Serie.

    Meine Wertung: 3 / 5

    © Alle Bilder: ABC

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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