„Wendehammer“ wandelt auf den Pfaden von „Desperate Housewives“ und „Vorstadtweiber“ – Review

    ZDF punktet mit neuer Vorstadt-Soap, ähm, -Dramedy

    Gregor Löcher
    Rezension von Gregor Löcher – 12.05.2022, 13:47 Uhr (erstmals veröffentlicht am 05.05.2022)

    Die Frauen aus dem Wendehammer (v. l.): Meike (Meike Droste), Julia (Alice Dwyer), Franziska (Susan Hoecke), Samira (Elmira Rafizadeh) und Nadine (Friederike Linke) – Bild: ZDF und Hardy Spitz; Getty Image / Serviceplan
    Die Frauen aus dem Wendehammer (v. l.): Meike (Meike Droste), Julia (Alice Dwyer), Franziska (Susan Hoecke), Samira (Elmira Rafizadeh) und Nadine (Friederike Linke)

    Als Wendehammer wird eine Verbreiterung am Ende einer Sackgasse für das Wenden von Fahrzeugen bezeichnet. Im übertragenen Sinne bedeutet dies aber auch das Zusammenleben mehrerer Wohnparteien in einer Anordnung, in der sich alle gegenseitig in die mehr oder weniger gepflegten Vorgärten schauen können, oder eben in die Behausungen, inklusive Schlafzimmer – sofern die Vorhänge nicht akkurat zugezogen wurden. An solch einem Schauplatz spielt die neue ZDF-Primetime-Serie „Wendehammer“, in der fünf Freundinnen mit ihren jeweiligen Familien in ihren Doppelhaushälften wohnen und die einen Geheimnisse miteinander teilen und die anderen voreinander hüten – bzw. ein großes Geheimnis vor dem ganzen Rest des kleinen Orts. Alles Zutaten also, die Serienfans nicht neu sind – deshalb stellt sich die Frage, ob Zuschauende, die bereits „Desperate Housewives“ und „Vorstadtweiber“ gesehen haben, hier abermals auf ihre Kosten kommen können oder den „Wendehammer“ als same old same old wieder von der Watchlist streichen können.

    In der gelungenen Auftaktsequenz schwimmt ein Hund durch einen flachen See, um einen Ball zu erhaschen, der hineingeworfen wurde. Die Kameraperspektive von unten lässt vermuten, dass dort auf dem Grund des Gewässers etwas lauert, das genau wie die Wasserpflanzen nach oben strebt und nur darauf wartet, wieder an die Oberfläche zu gelangen. Auch Meike (Meike Droste, „Mord mit Aussicht“), Ehefrau, Mutter und Hundebesitzerin, scheint äußerst nervös wegen des Schwimmausflugs ihres Vierbeiners zu sein. Man ahnt es: Sie befürchtet, er könnte mehr zurückbringen als nur den geworfenen Ball. Dabei hat sie gerade schon genug andere Sorgen: Der ersehnte Kitaplatz für ihr jüngstes Kind ist nicht in Sicht, aber Meike will in ihren Job zurückkehren, um die Raten für das Haus abbezahlen zu können. Und dann ist auch noch ihr Handy weg! Zu einem der Running Gags der Serie gehört es, dass Meike jede brenzlige Situation im Kopf so lange weiterspinnt, bis die in einer Katastrophe endet. So zum Beispiel die Vorstellung, dass die ältere Tochter als Teenager bestimmt Drogen nehmen wird, weil sie als Dreijährige nicht auf den Schulausflug in den Zoo durfte.

    Wenn der Postmann (Konstantin Frank) zweimal klingelt… ZDF und MOOVIE GmbH /​ Hardy Spitz

    Als Meike den bisherigen Tag in ihrer Erinnerung Revue passieren lässt, um zu rekonstruieren, wo ihr Telefon geblieben ist, lernen wir auch ihre Nachbarinnen kennen: Franziska (Susan Hoecke, „Sekretärinnen“), die Bree Van de Kamp des Wendehammers, die versucht, sich und ihrer Familie ein perfektes Leben zu bieten, aber durch die hohen Ansprüche, die alle an sie haben, innerlich derart angespannt ist, dass sie den Stress mit der Heckenschere an ihren Zimmerpflanzen auslassen muss; Nadine (Friederike Linke, „In aller Freundschaft – Die Krankenschwestern“), die Frau für alles beim Lokalblättchen, die sich von ihrem Mann, einem Schiffskoch, vernachlässigt fühlt und deshalb außerehelichen Abenteuern gegenüber aufgeschlossen ist – zum Beispiel mit dem Postboten. Ihr Rollenprofil lässt an Gabrielle Solis denken, die in „Desperate Housewives“ ein Verhältnis mit dem Gärtner hatte;

    Samira (Elmira Rafizadeh, „Merz gegen Merz“), die zielstrebige Ärztin, der ein Kind nicht in den Karriereplan passen würde, weshalb es mit ihrem Ehemann schon seit längerem kriselt, der sich unbedingt ein Kind wünscht; sowie Julia (Alice Dwyer, „Herr und Frau Bulle“), die im Gegensatz zu den anderen vier Frauen nicht bereits ihr Leben lang in dem kleinen Ort wohnt und folglich auch nichts von den Dingen weiß, die sich dort vor Jahren zugetragen haben. Und sich insofern ausgeschlossen fühlt, wenn ihre Nachbarinnen wiederholt verstohlene Treffen abhalten, zu denen Julia nicht eingeladen ist. Was die „Neue“ nicht ahnen kann: Besagte Treffen dienen dem Zweck, ein Geheimnis zu bewahren, das Meike, Franziska, Nadine und Samira seit vielen Jahren hüten und das auf dem Grund des eingangs erwähnten Sees liegt. So viel sei verraten: Es ist eine Leiche! Das ist nicht wirklich ein Spoiler, denn es wird von Anfang an klar, dass die Beunruhigung der Frauen über das fortschreitende Absinken des Pegels im See durch nichts anderes ausgelöst wird als die Befürchtung, dass etwas ans Tageslicht befördert wird, was dort auf dem Grund des Sees liegt.

    Im Wendehammer gibt es viele Geheimnisse zu hüten.ZDF und MOOVIE GmbH /​ Hardy Spitz

    Somit ist die Grundkonstellation von „Wendehammer“ durchaus sehr mit der von „Desperate Housewives“ vergleichbar; es gibt eine Mystery-Storyline, die alle Protagonistinnen miteinander verbindet und die als längerer episodenübergreifender Handlungsbogen angelegt ist. Zusätzlich hat aber auch jede der Frauen ihre eigenen Herausforderungen zu meistern, die sich irgendwie alle aus denselben Problemfeldern nähren: Erwartungsdruck der Eltern, Unaufrichtigkeit den Ehepartnern gegenüber, finanzielle Sorgen, aber auch berufliches Vorankommen und dadurch entstehende Konflikte. Franziska gibt dem Druck ihres Vaters nach und nimmt ihr abgebrochenes Jurastudium wieder auf, um seinem Wunsch zu entsprechen, später seine Kanzlei zu übernehmen; Julia gibt vor, ihre Doktorarbeit zu schreiben, weil ihre Eltern das so von ihr erwarten – obwohl sie eigentlich lieber Rollschuhlaufen würde.

    Die Art und Weise, wie die einzelnen Geschichten ineinander verwoben sind, in Verbindung mit den Themen Familie, Liebe und (Lebens-) Lügen aus der Sicht von Frauen, erinnert zweifelsohne an eine Seifenoper – ohne dass dies anrüchig gemeint ist. Im Gegenteil: der Suchtfaktor, der die Zuschauenden dieses Seriengenres oftmals immer wieder zum Einschalten bringt, funktioniert auch bei „Wendehammer“; je mehr Hindernisse sich für die Protagonistinnen auftun, desto mehr kann man sich fragen, wie sie denn da wohl wieder rauskommen – und man bleibt dran, um zu erfahren, wie es weitergeht. Gleichzeitig ist die Erzählweise der Handlung zu einem großen Teil komödiantisch ausgeprägt – Inszenierung und Musik regen oftmals zum Schmunzeln an, wenngleich den dargestellten Charakteren in der jeweiligen Situation oftmals gar nicht zum Lachen zumute ist. Beispielsweise ein im Schlafzimmer eingeschlossener, röchelnder Postbote mit Katzenhaarallergie (wobei diese Szene sehr konstruiert wirkte).

    Volontärin Mona (Nele Trebs, l.) wirbelt mehr Staub auf, als Nadine (Friederike Linke) lieb sein kann.ZDF und MOOVIE GmbH /​ Hardy Spitz

    Es gibt auch sehenswerte männliche Darsteller im Ensemble (u. a. Maximilian von Pufendorf, Marc Benjamin Puch, Jonas Laux) – aber der Fokus liegt klar auf den fünf Frauen. Schauspielerische Leistungen, Drehbuch, Schnitt und Musik fügen sich zu einem gelungenen, sehenswerten Ganzen, das man Zuschauenden, die sich an Serien wie „Desperate Housewives“ oder „Vorstadtweiber“ erfreut haben, bedenkenlos als Serientipp empfehlen kann. Wenngleich „Wendehammer“ zugegeben weit weniger subversiv und bösartig ist als die genannten Vorlagen. Bei den Housewives sagte deren Erschaffer Marc Cherry damals: Ich wollte eine Satire drehen, aber weil da niemand einschalten würde, haben wir es einfach ‚Seifenoper‘ genannt! Das ZDF geht den anderen Weg und bezeichnet „Wendehammer“ gerade nicht als Soap, sondern als Ensembleserie und komödiantische Primetime-Serie. Das ist sie auch – aber eine zusätzliche Prise Soap hat schließlich fast noch keiner Serie geschadet.

    Dieser Text beruht auf Sichtung von zwei Episoden der sechsteiligen ersten Staffel von „Wendehammer“.

    Meine Wertung: 3,5/​5

    Alle sechs Episoden von „Wendehammer“ liegen seit dem 5. Mai in der ZDFmediathek bereit. Die lineare Ausstrahlung im ZDF erfolgt ab dem 12. Mai donnerstags ab 20:15 Uhr in Doppelfolgen.

    Über den Autor

    Gregor Löcher wurde in den späten 70er-Jahren in Nürnberg geboren und entdeckte seine Leidenschaft für Fernsehserien aller Art in den 80er-Jahren, dem Jahrzehnt der Primetime-Soaps wie dem Denver Clan und Falcon Crest, was ihn prägte. Seitdem sind Faibles für viele weitere Serien und Seriengenres hinzugekommen, namentlich das der Comedyserie. Seit 2008 ist er als Webentwickler für fernsehserien.de tätig und hat zum Glück nach wie vor die Zeit, sich die eine oder andere Serie anzusehen.

    Lieblingsserien: Desperate Housewives, 24, Will & Grace, Die Brücke

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