„Stuart Fails to Save the Universe“: Ein Sci-Fi-Abenteuer zerlegt die Sitcom-Norm – Review

Das dritte Spin-off von „The Big Bang Theory“ zieht sein eigenes Ding durch – und gewinnt

Gian-Philip Andreas
Rezension von Gian-Philip Andreas – 23.07.2026, 17:30 Uhr

Achtung, Chaos! Auf ihrem interdimensionalen Trip müssen sich Kripke (John Ross Bowie), Bert (Brian Posehn), Denise (Lauren Lapkus) und Stuart (Kevin Sussman, v. l. n. r.) auf so manche Überraschung gefasst machen. – Bild: HBO Max
Achtung, Chaos! Auf ihrem interdimensionalen Trip müssen sich Kripke (John Ross Bowie), Bert (Brian Posehn), Denise (Lauren Lapkus) und Stuart (Kevin Sussman, v. l. n. r.) auf so manche Überraschung gefasst machen.

In einem an gelungenen Neuauflagen (von „Scrubs“ bis zur „Muppet Show“) nicht armen Jahr kommt nun noch Sitcom-König Chuck Lorre um die Ecke – mit Nachschub für Fans der „Big Bang Theory“. „Stuart Fails to Save the Universe“ ist das dritte Spin-off der Comedy-Erfolgsserie und formal das bislang wagemutigste. Mit der Hatz des verdrucksten Comicverkäufers Stuart Bloom durch ein verrücktes Multiversum wagt es sich auf neues Terrain – und das nicht nur, weil es das erste der Spin-offs ist, das beim Streamer HBO Max an den Start geht und sich über die Regeln der Familienfreundlichkeit hinwegsetzen kann. Auch löst es sich als fröhlich über die Meta-Ebenen hüpfende Sci-Fi-Abenteuerkomödie beherzt von den üblichen Sitcom-Konventionen. Das macht überraschend viel Spaß und die Serie zur besten Lorre-Produktion seit dem Original. „Stuart Fails to Save the Universe“ erinnert an ein wild zusammenfabuliertes Comicheft und hätte bestens auf den Wohnzimmertisch von Sheldon und Leonard gepasst.

Eine Seriennebenfigur zur Hauptfigur eines Spin-offs zu machen, ist nichts Neues mehr, aber immer noch ein Wagnis: Was, wenn eine Figur, die zuvor vor allem deshalb funktionierte, weil sie selten auftauchte und dadurch immer „frisch“ blieb, ihren Reiz verliert, sobald sie die erzählerische Hauptlast tragen muss? Was, wenn sie nur deshalb zum Publikumsfavoriten wurde, weil sie sich als ideale Spiegelfigur für die Protagonisten eignete, die nun aber nicht mehr dabei sind? Bei „Better Call Saul“ hat dieser Wechsel vom Seitenrand ins Zentrum toll funktioniert, doch gerade im Comedy-Genre ging es immer mal wieder schief – man denke nur an „Joey“ (nach „Friends“) oder „The Tortellis“ (nach „Cheers“). Kultfiguren können eben alles Kultige verlieren, wenn ihnen der ursprüngliche Kontext entzogen wird. Bei „Stuart“, zum Glück, ist das nicht passiert.

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Chuck Lorre hat sein „Big Bang Theory“-Franchise (TBBT) nach dem Finale der Mutterserie vor sieben Jahren nach hinten und zur Seite hin erweitert: In „Young Sheldon“ lieferte er die Origin Story des ehemaligen Protagonisten Sheldon Cooper nach, in „Georgie & Mandy“ wurde von dort aus an den Rand geschwenkt. Die typische Ästhetik verfilmten Boulevardtheaters, die mit ihrem Multi-Camera-Setup vor Live-Publikum die klassischen Sitcoms und auch TBBT prägte, wurde für „Young Sheldon“ aufgegeben und in „George & Mandy“ wieder hervorgeholt, nur um jetzt erneut eingemottet zu werden.

Das macht „Stuart Fails to Save the Universe“ zu einem besonderen Erlebnis. Einerseits nämlich geht es in den zehn sehr kurzen und sehr unterhaltsamen Episoden (mehrere unterbieten die typische Sitcom-Länge von 22 Minuten noch deutlich) viel stärker zurück in die Welt der Originalserie als in den beiden letzten Spin-offs, andererseits sorgt es für irritierende (aber gewinnbringende) Effekte, die liebgewonnenen Figuren von damals plötzlich in einer ganz anderen Ästhetik agieren zu sehen.

Stuart und Denise: ein Paar für die Ewigkeit? Nicht in jeder Realität! HBO Max

Im Zentrum der Show stehen vier TBBT-Charaktere, die zu den All-Time-Favorites unter den Nebenfiguren der Mutterserie zählen. Stuart (gespielt vom inzwischen 55-jährigen Kevin Sussman) wurde zwar in den späteren TBBT-Staffeln in den Main Cast aufgenommen, seit seinem ersten Auftritt in Staffel 2 aber blieb er bis zum Schluss mehr oder weniger konstant der mit peinigend wenig Selbstbewusstsein gesegnete Comicverkäufer, gegen dessen soziale Inkompatibilität sogar die Physik-Nerds Sheldon und Leonard bisweilen offensiv wirken konnten. Eine klassische Nebenfigur.

Bert Kibbler (gespielt vom bärig-bärtigen Stand-up-Comedian Brian Posehn) war ab der sechsten Staffel dabei: ein Geologe, der seine wissenschaftliche Disziplin gegen die Arroganz der Physiker in seinem Umfeld verteidigen musste und mit herrlicher Deadface-Mimik selbst haarsträubendste Gags konterte. Kollege Barry Kripke (John Ross Bowie) hingegen war (ab der zweiten Staffel) Sheldon und Leonards ausdauernd unerträglicher Gegenspieler – ein Stinkstiefel mit Sprachfehler von unterhaltsamer Gemeinheit. Und Denise? Stuarts Love Interest (gespielt von Lauren Lapkus) wurde erst spät eingeführt, gegen Ende von Staffel 11, als eine ähnlich nerdige Mitarbeiterin von Stuart, die es tatsächlich zu seiner Freundin bringen durfte.

Diese vier Fan-Favoriten werden nun von Lorre, TBBT-Miterfinder Bill Prady und „Beacon 23“-Showrunner Zak Penn in ein irrwitziges Szenario hineingestellt, das die übliche Multiversen-Mythologie aus Filmen wie „Everything Everywhere All at Once“ oder Serien wie „Loki“ mit Slapstick-Humor à la Mel Brooks, bissigen Onelinern in TBBT-Manier und einer entschieden selbstironischen Grundhaltung verbindet. „Stuart Fails to Save the Universe“ entpuppt sich dabei, bei aller Albernheit und Rasanz, als verblüffend komplexe Klamotte über das Wesen von Menschen, die ihren (auch sich selbst) zugeschriebenen Status als Nebenfigur oder „NPC“ zu überwinden lernen. Dazu noch ist es eine Serie über das Wesen der (Fernseh-)Komödie selbst.

Bange Blick aus dem Comicladen: Stuart, Kripke und Bert gucken nach, in welcher Form der Wirklichkeit sie nun schon wieder gelandet sein könnten. HBO Max

Der Grundplot ist so absurd wie zweckmäßig: Stuart hat ein von Leonard und Sheldon erfundenes Gerät beschädigt und damit einen multiversalen Weltuntergang eingeläutet. Wie genau diese Maschine (die an ein klobiges Küchengerät erinnert) funktioniert, wird mehrfach ansatzweise erläutert, ist für die Serie aber nur bedingt wichtig. Entscheidend ist nur, dass Stuart mit den erwähnten anderen drei TBBT-Alumni Denise, Kripke und Bert mittels dieser Kiste pro Folge in einer neuen „Realität“ des Multivversums landen und Zug für Zug eine Lösung für das Weltuntergangsproblem finden müssen. Dass das lange nicht gut geht, deutet schon der Titel an, der Stuarts Scheitern aber immerhin im Präsens festhält, was für die Zukunft Hoffnung macht.

Der Reiz der Serie besteht a) im skurrilen Worldbuilding dieser pro Episode wechselnden Realitäten und b) in der herrlich quatschigen Weise, in der die vier (Anti-)Helden darin auf- oder untergehen. Mit viel Lust und Freude machen sich die Darsteller und Autoren daran, die längst etablierten Figuren in völlig anderen Kontexten, Umwelten, Wirklichkeiten neu zu erfinden: Das ist von Anfang an zu spüren und macht den Großteil der Freude aus, die die Episoden bereiten. In meiner Karriere ging es meist nur darum, dass Leute auf dem Sofa saßen und quatschten, erzählte Lorre im Februar dem People Magazine. Darauf hatte er keine Lust mehr. In „Stuart Fails to Save the Universe“ geht es nun einmal quer durch den Genre-Stilgarten, mit CGI-Effekten noch und nöcher und jeder Menge Lust, die üblichen Sitcom-Normen zu sprengen.

So beginnt das Ganze etwa in einer post-apokalyptischen Welt à la „Fallout“, in der draußen Riesenmotten und Zombiehunde wüten und interdimensionale Müllschlucker im Raum schweben. In dieser Welt ist Kripke ein fieser Superschurke, der in der Caltech-Uni ein mörderisches Regime führt, während Bert in Stuarts runtergekommenen Laden im kalifornischen Pasadena Comics gegen Konservendosen eintauscht.

Nach und nach geht es – zack! – in immer neue Szenarien: in eines zum Beispiel, in dem alle stets „glücklich“ sind und, wenn sie’s doch mal nicht sind, von im Himmel schwebenden Kontrolldrohnen elektrogeschockt werden. Dann, zack, rüber in eine Welt, in der Magie real ist und Wissenschaftler verbrannt werden (Also wie in unserer Wirklichkeit!, spottet Stuart). Zack, weiter in eine Realität, in der alles nur eine Psychose von Stuart zu sein scheint, zack, weiter zu einem indigenen, polyamourös lebenden Stamm, zack, in eine Welt voller Zentauren, zack, in eine Welt der Telepathie – um nur einige Varianten zu nennen.

Die Protagonisten nehmen dabei immer neue Rollen ein: Mal ist Kripke der schwule Nachbar, mal ein panischer Pinguin. Es ist ein wilder Ritt, der tatsächlich so wirkt, als würde man einen Comicband mit Storys verschiedener Autoren und Zeichner durchblättern, die die Titelhelden durch völlig unterschiedliche Narrative jagen – was natürlich bestens zur Welt von Stuart und TBBT generell passt.

Ein Tyrann der Postapokalypse: Supreme Ruler Barry Kripke hält Widerstandskämpferin Denise gefangen. HBO Max

Auf ihrem Weg begegnen den vier verhinderten Weltrettern lauter Gestalten, die echte TBBT-Fans bestens kennen. Ein bisschen ist im Vorfeld schon durchgesickert, ein wenig wurde sogar offiziell bekanntgegeben. So dürfen wir etwa vermelden, dass es ein Wiedersehen mit Wil Wheaton gibt, auch mit Riki Lindhome als Dr. Ramona Nowitzki oder Joshua Malina als Caltech-Präsident Liebert. Auch ein paar alte Nebenfiguren tauchen auf, die man gar nicht mehr so auf dem Zettel hatte – das sind schöne Überraschungen.

Andere wichtige Gastauftritte sollen (und wollen) wir nicht verraten, können aber vermelden, dass beinahe jede Episode Entsprechendes zu bieten hat. Schon nach den ersten paar Minuten beginnt der Reigen und wer darauf hofft, dass auch ein paar der Hauptdarsteller aus TBBT vorbeischauen, zieht sicher nicht enttäuscht von dannen. Das Schöne ist, dass das alles kein bloßer Fanservice bleibt. Im Gegenteil: Das sind größtenteils keine kurzen Cameos, sondern gut geschriebene Szenen und Sequenzen, die mit den Plots zentral zu tun haben.

Die wechselnden Welten werden bis in kleinste Details hinein ausgestaltet und von Running Gags flankiert, die immer im Dienst des Worldbuilding stehen: Mit Trevor (Josh Brener aus „Silicon Valley“) und Kyle (Ryan Cartwright) sind beispielsweise zwei Stammkunden von Stuart stets so brutal, nett oder seltsam, wie es die jeweilige Realität erfordert. Gleiches gilt für die Comics in Stuarts Laden, die je nach Weltvariante ihre Gestalt verändern. Das Produktionsdesign geht dabei äußerst liebevoll zu Werke.

Weil zudem nicht mehr auf CBS gesendet, sondern bei HBO Max gestreamt wird, müssen auch keine strengen Network-Sensibilitäten beachtet werden: Mal regnet es also Blutfontänen, während Gliedmaßen durch die Luft fliegen, gelegentlich schallt ein F-Wort über die Tonspur, und die pro Episode neu gestalteten Vorspänne (zum Titelsong von Danny Elfman) stehen im augenzwinkernden Dialog mit einem Publikum, das als kenntnisreich vorausgesetzt wird.

Dieses Meta-Konzept durchzieht alle Episoden. So taucht etwa einmal Christine Baranski auf, die in der Mutterserie Leonards Mutter spielte, hier aber als sie selbst auftritt. Dann steht bei Stuart plötzlich ein Comicbuch im Regal, das den Namen der Serie trägt, deren Held er ist: Der Comic-Plot bringt ihn in genau jener Geschichte weiter, die die Serie selbst erzählt. Das ist wahrscheinlich das Originellste an dieser unerwartet gelungenen Produktion: dass der Tanz auf den Meta-Ebenen kein bloßer Selbstzweck bleibt, sondern auf der erzählerischen Ebene in ein vielschichtiges Finale hinüberleitet. Wenn dann plötzlich eine Lach-Tonspur aus dem Off erklingt, wenn die vierte Wand zum Zuschauer kippt und Stuart & Co. ihren eigenen Darstellern begegnen (die in zehn Episoden von Neben- zu Hauptdarstellern wurden), dann ist aus diesem comicbunten Sci-Fi-Spektakel mit Legacy-Anstrich längst viel mehr geworden, als man zuvor erwartet hatte.

Meine Wertung: 4/​5

„Stuart Fails to Save the Universe“ wird in Deutschland parallel zur US-Premiere ab dem 24. Juli auf dem Streamingdienst HBO Max veröffentlicht.

Über den Autor

Gian-Philip Andreas hat Kom­mu­ni­ka­tions­wis­sen­schaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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