„The Shards“: Reich und schön … und tot?! – Review
„The Shards“: Reich und schön … und tot?! – Review
Ryan Murphys Verfilmung von Bret Easton Ellis’ autofiktionalem Bestseller um Teens und Serienkiller im Los Angeles der 1980er-Jahre schillert verführerisch
Bei Ryan Murphy scheint der Tag mehr als 24 Stunden zu haben. Wie sonst lässt sich der kontinuierliche kreative Output des „American Horror Story“-Schöpfers erklären? Ende 2025 kam das von der Kritik verrissene Anwaltsdrama „All’s Fair“ heraus. Anfang 2026 schlug der von ihm, zusammen mit Matthew Hodgson, entwickelte Body-Horror-Thriller „The Beauty“ auf. Und nur wenige Monate später kündigt sich mit „The Shards“, einer Verfilmung des gleichnamigen Romans von „American Psycho“-Autor Bret Easton Ellis, die nächste Serienproduktion aus Murphys Feder an. Kein Wunder, dass die Qualität bei einer derartigen Schlagzahl schwankt. Nach dem Reinfall von „All’s Fair“ und dem misslungenen satirischen Rundumschlag mit „The Beauty“ geht es nun, zum Glück, wieder etwas aufwärts. Auch wenn die bislang neunteilige Literaturadaption (eine zweite Staffel ist offenkundig anvisiert) ihre Macken hat, geht von dem saftigen, Wahrheit und Imagination verquirlenden Mix aus High-Society-Beschau, Coming-of-Age-Geschichte und Serienkillermär eine düster funkelnde Anziehungskraft aus.
Im Los Angeles des Jahres 1981 wächst Bret Ellis (Igby Rigney), ein Alter Ego des Vorlagengebers, der mit Murphy auch die Serie konzipierte, in vornehmsten Kreisen auf. Während seine Eltern, so wie viele Erziehungsberichtigte in „The Shards“, permanent abwesend sind, angeblich auf Reisen in Europa, beginnt der junge Mann sein Abschlussjahr an der exklusiven Griffin-Highschool. Schon zu diesem Zeitpunkt treibt ihn der Wunsch, Schriftsteller zu werden, um. Dass der die Journalistin Joan Didion verehrende Bret an seinem Debütwerk arbeitet, bekommen wir zwar mit. Allzu oft sehen wir ihn aber nicht vor seiner Schreibmaschine sitzen.
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Befeuert wird seine Fantasie gleichwohl von den blutigen Geschehnissen rund um seinen Wohnort, seine Schule und seine Clique. Während Bret, seine feste Freundin Debbie Schaffer (Sängerin Hayes Warner in ihrem Schauspieldebüt), die Überfliegerin Susan Reynolds (Cindy Crawfords Tochter Kaia Gerber) und ihr Partner, die Sportskanone Thom Wright (Graham Campbell), ihren privilegierten Alltag genießen, treibt in der Stadt der Engel ein Trawler genannter Serienmörder sein Unwesen, der es auf Teenager wie sie abgesehen hat. Die Gabe der Jugend sei das Gefühl, unbesiegbar, unsterblich zu sein, konstatiert der auch als Erzähler fungierende Bret an einer Stelle. Und genau dieses Empfinden attackiert der Killer mit seinen makaber inszenierten Taten. Das Auftauchen des Meuchlers, so Ellis, bedeute für ihn und die anderen Abschlussschüler den Übertritt in die Welt der Erwachsenen, in die Welt des Todes. Das oft bemühte Bild der Highschool als Schauplatz von Überlebenskämpfen ist hier wortwörtlich zu nehmen.
Debbie (Hayes Warner) und Bret (Igby Rigney) sind ein Paar. FX/Ray Mickshaw
Anders als seine Freunde begegnet Bret dem neuen Kommilitonen Robert Mallory (Richard Geres Sohn Homer Gere) mit Zurückhaltung. Mehr noch: Er verdächtigt ihn, Böses im Schilde zu führen, ein Virus zu sein, der die Gruppe infizieren und zerstören wird. Der angehende Schriftsteller ist sich sicher, Robert vor einem Jahr in einer Vorstellung von Stanley Kubricks„Shining“ gesehen zu haben. Doch Mallory bestreitet, den Film zu kennen. Von detektivischem Eifer gepackt, beschattet Bret daraufhin den Neuankömmling, dem er irgendwann sogar die Verbrechen des Trawlers zutraut. Was ihn bestärkt: Robert hat eine nebulöse Vorgeschichte und Zeit in der Psychiatrie verbracht. Logisch also, dass er der Killer ist. Oder etwa nicht? Als Zuschauer darf man die überstürzten Schlussfolgerungen des Protagonisten durchaus hinterfragen. Scheint er sie doch auf klischeehafte Vorstellungen zu gründen, die auch durch das Kino geprägt wurden. Ein Kino, das seelische Erkrankungen oft mit gewaltsamen Neigungen in Verbindung bringt.
Andererseits blitzt hinter Mallorys öligem Charme in einigen Momenten sehr wohl zerstörerisches Potenzial auf. Das Katz-und-Maus-Spiel, das sich zwischen ihm und Ellis entspinnt, das sich auch durch eine seltsame Faszination auszeichnet, ist einer der Spannungsmotoren der Serie. Gleichzeitig fragt man sich, ob die Morde des Trawlers und die parallel über Los Angeles hereinbrechenden Gewaltexzesse einer ominösen Sekte unter den Jugendlichen nicht noch mehr Panik und Bestürzung auslösen müssten. Bret ist zwar beunruhigt, sucht nach Spuren, wirkt manchmal aber auch so, als passiere um ihn herum nichts Lebensbedrohliches. Mit seinen Freunden hockt er oft in schicken Clubs herum und verliert sich in Gesprächen über Oberflächlichkeiten.
Wie viele Ryan-Murphy-Produktionen stellt „The Shards“ den Glanz des abgebildeten Settings, der großen Häuser in den Hollywood Hills, der teuren Autos und der exquisiten Kleidung, fast schon aggressiv aus. Wir tauchen ein in eine Welt, die den meisten Zuschauern fremd sein dürfte, in der Drogen stets griffbereit sind, in der alles auf Perfektion getrimmt ist. Hinter der schönen Fassade herrschen allerdings, das kennt man, Missgunst, Eitelkeiten und Verlorenheit. In der Darstellung der Abgründe schwankt die Romanverfilmung zwischen platt und scharfsichtig.
Auch Susan (Kaia Gerber) hat es nicht immer leicht. FX/Ray Mickshaw
Das Leiden von Debbies Mutter Liz (Evan Rachel Wood) beispielsweise, die als Frau des seine Macht missbrauchenden Filmproduzenten Terry Schaffer (Wes Bentley) ein Leben im goldenen Käfig führt, versuchen die Macher, in einer imaginierten, plakativen Oscar-Rede auf den Punkt zu bringen. Thoms Erkenntnis wiederum, dass er schon in der Highschool seinen Zenit erreicht hat, von nun an in der Mittelmäßigkeit versinken wird, verleiht der anfangs so stereotyp wirkenden Figur des blonden Sportschönlings eine spannende Facette. Gleiches gilt für seine Freundin Susan, die an einem Punkt aus ihrem Herzen einmal keine Mördergrube macht. Manchmal habe sie es satt, die ewige, von allen angehimmelte Gewinnerin zu sein. Denn diese Rolle koste unglaublich viel Kraft.
Wenn es um tiefgreifende Ängste, existenzielle Unsicherheiten geht, ist auch Bret ganz vorne mit dabei. Immerhin hält er vor seinem Umfeld geheim, dass er eigentlich auf Männer steht und mit zwei Mitschülern Affären hat. Besonders die Beziehung zum kiffenden Außenseiter Matt Kelner (Owen Painter) bedeutet ihm viel. Das zeigt seine Reaktion, als ihr Verhältnis nachhaltig erschüttert wird. Wie sehr seine versteckte Sexualität ihn beschäftigt, spürt man in dieser emotional aufwühlenden Form nur selten. Dass er massiv mit dem Thema ringt, offenbart jedoch vor allem eine Aussage: Als psychotischer Serienmörder geoutet zu werden, sei ihm lieber, als dass die Welt ihn als Schwulen kennenlerne.
Die Voice-over-Kommentare des Protagonisten verpassen der süffigen, von Sex (freilich nur züchtig, wie man es aus US-Produktionen kennt), Drugs und Crime erzählenden Geschichte einen nachdenklichen Anstrich. Mitunter rutscht „The Shards“ durch die Einschübe aber auch ins arg Geschwätzige ab. Bret wiederholt mitunter Dinge, die im Bild zu sehen sind, oder vergleicht die Situation der wohlhabenden Schülerschaft von 1981 mit den Herausforderungen der heutigen Jugend. Einsichten über Erzählermonologe zu vermitteln, ist verlockend, in einem audiovisuellen Medium, inflationär verwendet, allerdings nicht sehr elegant.
Steven (Jordan Roth, hinten) hat für Liz Schaffer (Evan Rachel Wood) ein offenes Ohr. FX/Ray Mickshaw
Nur gut, dass die Serie mit ihrer flirrenden, elektronischen (was sonst in einem 1980er-Jahre-Szenario!?) Musikuntermalung, ihren teils geisterhaften Kamerafahrten einen fast tranceartigen Sog erzeugt. Als ein Highlight entpuppt sich die fünfte Episode. Hier fügt der in dieser Folge selbst Regie führende Ryan Murphy bekannte Songs aus der Handlungszeit, kleine und große Dramen unter den Teenagern und die Gefahr durch den Killer während der Live-Aufnahme eines TV-Tanzwettbewerbs höchst unterhaltsam zusammen. Zu den faszinierenden Elementen gehört außerdem Terry Shaffers spitzzüngiger Assistent Steven Reinhardt, den Jordan Roth mit der richtigen Portion Zynismus und Theatralik spielt. Eine Figur, die als Drogenkurier und Mädchen für alles herhält, sich aber eigentlich künstlerisch verwirklichen möchte und unter deren Oberfläche es gefährlich zu brodeln scheint. Wann immer Steven die Bühne betritt, knistert es.
Sicherlich fällt es schwer, Igby Rigney und seinen Kollegen Jugendliche von 17 oder 18 Jahren abzukaufen. Darüber lässt sich jedoch leichter hinwegsehen als gedacht. Interessanterweise verleihen gerade Irritationen und Ungereimtheiten der Serie bzw. dem zugrundeliegenden Bestseller einen überraschenden Reiz. Allen voran das Spiel mit Wahrheit und Fantasie, mit Bret Easton Ellis’ persönlichem Hintergrund und seinen „Erlebnissen“ am Ende seiner Highschool-Zeit. Der Killer mit dem Namen Trawler ist eine Erfindung des Schriftstellers. Inspiriert wurde der Antagonist jedoch zweifellos von einigen berüchtigten Mördern aus der US-amerikanischen Kriminalgeschichte, die wiederum ein schillerndes Eigenleben in der Popkultur, vor allem im Kino, führen. Die tiefe Verwurzelung des Stoffes in der Fiktion unterstreichen die vielen Verweise auf bekannte Werke des Spannungs- und Horrorfilms, darunter „Chinatown“, „Scream“, „Carrie“ und „Der Pate“. In der Fernsehadaption spekulieren zwei Polizisten einmal darüber, ob eine aufgefundene Leiche auf das Konto des Trawlers oder doch des Night Stalkers gehe. Bei Letzterem handelt es sich um einen real existierenden Serientäter, der allerdings – Achtung: Anachronismus! – Los Angeles nicht 1981, sondern erst Mitte der 1980er-Jahre in Angst und Schrecken versetzte. Wer sich für derartige erzählerische Brüche begeistern kann, dürfte an „The Shards“ seine Freude haben.
Meine Wertung: 3,5/5
Die ersten beiden Folgen der Serie „The Shards“ werden am Donnerstag, den 6. August auf Disney+ veröffentlicht.
Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.