Die militärische Vorerfahrung kommt ihr in jeder Lebenslage zugute: Frances Neagley (Maria Sten) nutzt als Privatdetektivin überraschend schweres Gerät.
Die Staffelübergabe ist klug gewählt: Am Tag, an dem die letzte Episode der aktuellen Staffel von „Reacher“ veröffentlicht wird, geht Amazon Prime Video mit dem Spin-off an den Start. In „Neagley“ wird Jack Reachers Ex-Militär-Kollegin und regelmäßige Unterstützerin Frances Neagley ins Zentrum ihrer eigenen Serie gestellt – und anders als bei der Mutterserie stehen alle Episoden auf einen Schlag zum Abruf bereit. Im Wesentlichen bedient sich der achtteilige Actionkrimi der Plot-Mechaniken, die auch das Original nutzt; der wenig originelle Plot und die erzwungen wirkende Psychologisierung der Hauptfigur werden dabei von der charismatischen Dänin Maria Sten in der Titelrolle weitgehend wettgemacht.
Kann das überhaupt funktionieren: eine Serie aus dem „Reacher“-Universum – nur eben (fast) ohne Reacher? Das war die im Vorfeld dieser Spin-off-Serie vielgestellte Frage. Tatsächlich hing das Gelingen von „Reacher“ ja wesentlich am eckigen Charme ihres Hauptdarstellers: Alan Ritchson vermochte es im Verlauf der Staffeln immer besser, die stiernackige Hünenhaftigkeit der von Krimi-Kultautor Lee Child erfundenen Reacher-Figur mit dezenter Ironie zu unterlaufen. Den Schiffsschaukelbremser-Charme dieses wortkargen Armee-Veteranen macht er so auch für jene erträglich, die mit der pulp fiction dieser actiongespickten Kolportage-Thriller nicht allzu viel am Hut hatten.
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Nun aber muss Maria Sten die Sache alleine stemmen. Sie spielt Frances Neagley, die mit Reacher einst gemeinsam in der 110th Special Investigations Unit als Militärpolizistin unterwegs war. Neben Reacher selbst ist sie die einzige Figur, die in „Reacher“ regelmäßig zu sehen ist – und in Maria Stens Interpretation ist sie dabei immer angemessen badass. Neagley ist damit auch die einzige Person, auf die sich der unstet von Ort zu Ort reisende Reacher dauerhaft verlassen kann, getragen von einer fast geschwisterlichen Freundschaft, angenehm frei von romantischen Untertönen.
Verdächtigerweise ist Neagley nun ausgerechnet in der derzeit laufenden vierten Staffel von „Reacher“ bislang nicht aufgetaucht – ein Novum in der Serie. Während dieser Text entsteht, ist die letzte Episode der Staffel allerdings noch nicht veröffentlicht worden; verwundern würde es nicht, wenn Neagley im Finale doch noch ihre Aufwartung machen würde. Sie würde sich dann sozusagen selbst den Staffelstab in die Hand drücken, um danach direkt mit ihrer eigenen Show weiterzumachen.
Neagley trauert – gemeinsam mit ihrem zusammengewürfelten Helfertrio: (v. l.) Keno (Jasper Jones), Renee (Adeline Rudolph) und Detective Riley (Greyston Holt)Amazon Prime Video
In „Neagley“ wiederum steht am Anfang gleich eine Sequenz, in der auch Jack Reacher mitmischt. Das Kidnapping eines jungen Mädchens, das mit dem Rest der Staffel nichts zu tun hat, wird von Neagley und Reacher in bewährtem Teamwork vereitelt. Es gibt das übliche Gefrotzel, danach den gemeinsamen Besuch eines Baseballspiels – dann ist Reacher aber schnell wieder weg. Bis zur achten Episode, in der er für einen (emotional verblüffend wirksamen) Besuch ein weiteres Mal vorbeischaut, ist „Neagley“ komplett Reacher-frei. Das ist unerlässlich, um Marie Sten auf der ihr zur Verfügung gestellten Solo-Bühne nicht gleich wieder an den Rand zu drängen – man sollte sich dessen aber bewusst sein, sofern man sich hier so etwas wie eine „Reacher“-Variante erhoffte.
Die Serie spielt in (und um) Chicago, wo Neagley als Privatdetektivin tätig ist. Als Angestellte einer Detektei widersetzt sie sich den Regeln, was ihr nicht nur Ärger mit dem Chef und ihren Kunden, sondern auch mit der Polizei einhandelt, deren Ermittlungserfolgen sie regelmäßig zuvorkommt. Der Fall, mit dem sie es in dieser Staffel zu tun bekommt, ist, wie es in Krimiserien längst allzu üblich ist, ein persönlicher: Ein alter Schulfreund kam auf auffällige Weise ums Leben. Nackt war er, auf den Gleisen wandelnd, schnurstracks in eine auf ihn zurasende S-Bahn gelaufen. Suizid? Ein Drogentrip? Neagley geht der Sache auf den Grund.
Für das, was nun kommt, bedient sich „Reacher“-Showrunner Nick Santora, der das Spin-off zusammen mit dem Krimi-erfahrenen Nicholas Wootton (Emmy für „NYPD Blue“) entwickelte, der aus der Mutterserie bekannten Dramaturgie: Nach und nach tut sich Neagley mit weiteren Leuten zusammen, die ihr dabei helfen, eine Verschwörung aufzudecken. In diesem Fall ist das zunächst der ebenso freundliche wie gutaussehende Polizist Hudson Riley (Greyston Holt aus „Lonesome Dove Church“), der Neagley dort unterstützen soll, wo der Fall nach polizeilichen Ressourcen und Erlaubnissen ruft. Die zwangsläufig romantisch orientierte Will-they-won’t-they-Dynamik zwischen Neagley und ihm wird zwar nie voll ausgespielt, wirkt aber dennoch ein bisschen behauptet.
Mit im Bunde ist auch Renee (Adeline Rudolph aus „Mortal Kombat II“), Assistentin von Neagleys Boss. Sie wird als antagonistisch/intrigant eingeführt, will eigentlich aber selbst Privatdetektivin werden und lässt sich dafür schließlich von Neagley coachen – ehe sie selbst mittendrin im Getümmel landet. Das Helfershelfer-Trio komplett macht der junge Kleinkriminelle Keno (Jasper Jones), der von Neagley instrumentalisiert und in die kriminellen Untergründe, in die der Fall führt, eingeschleust wird.
Was Sektenführer so tun: Lawrence Cole (Damon Herriman) spielt seinen Anhängern abends Iggy Pops „The Passenger“ vor – bevor er sich blutigeren Dingen widmet. Amazon Prime Video
Der Plot selbst entpuppt sich leider als nicht allzu einfallsreich. Hier zeigt sich am ehesten, dass sich „Neagley“ nicht, wie die Mutterserie, auf einen vorhandenen Lee-Child-Roman stützen kann. Stattdessen haben sich Santora und Wootton die Handlung selbst aus den Rippen leiern müssen – Grundlage war hier lediglich die Figur Neagley selbst, und zwar so, wie sie Maria Sten in der „Reacher“-Serie interpretierte.
Dagegen ist prinzipiell nichts zu sagen, doch das, was dabei herumgekommen ist, ist so originell nicht. Da geht es einerseits um eine Bauernhof-Sekte in Lee County. Den Sektenführer Lawrence Cole spielt Damon Herriman – mit Retro-Brille und irrem Grundgestus – so, als habe er seine Darstellung des Charles Manson (den er sowohl in Quentin Tarantinos„Once Upon a Time in Hollywood“ als auch in der Serie „Mindhunter“ verkörperte) so angepasst, dass er auch in eine dieser auf Effekt getrimmten True-Crime-Verherrlichungen von Ryan Murphy passen würde. Mit der Figur des Cole, der seinen Jüngern auf der Sektenfarm abends Iggy-Pop-Songs auf der Gitarre vorschrammelt und sicher an David Koresh, den berüchtigten Sektenführer von Waco, erinnern soll, kratzt „Neagley“ am Komödiantischen. Mit ihm ist die Serie nah am Camp, am Pulp, am Sich-selbst-nicht-wirklich-ernst-Nehmen – etwas, was ihr andernorts abgeht.
Einen weiteren Bösewicht gibt es auch noch. Der Pharma-Unternehmer Pierce Woodrow (Matthew Del Negro aus „City on a Hill“) bringt missliebige Komplizen gerne auf Parkbänken um die Ecke und will ein extrem effektives Antidepressivum entwickeln lassen. Wie der Pharma-Plot mit der Sektenfarm zusammenhängt und beides mit dem Tod von Neagleys Schulfreund, das ist ebenso schnell erahnbar wie die Bestätigung der Regel, dass hinter jedem Fiesling noch ein größerer steht – und natürlich hängt die Polizei selbst ebenfalls mit drin. Wirklich größere Überraschungen und Wendungen gibt es bis zum Ende nicht zu bestaunen.
Dessen ungeachtet ist „Neagley“ keineswegs langweilig oder spannungslos geraten. Im Gegenteil, man bleibt gut dran. Um den jungen Keno etwa, der für Neagley undercover die Sekte infiltrieren soll, darf man einige Male sehr verstärkt bangen. Pro Episode wird zudem mindestens eine kompetent inszenierte Actionsequenz serviert (Verfolgungsjagden über die Dächer Chicagos, ausgewachsene Ballereien, hemmungslose Prügeleien), die es in puncto Unwahrscheinlichkeiten – wie viele Anschläge kann jemand überleben? – absolut mit „Reacher“ aufnehmen können. Und dazwischen säbelt sich auch schon mal jemand das eigene Geschlechtsteil ab. Seien wir ehrlich: Für derlei übertriebenen Kirmes-Krimi-Kram schauen wir uns solche Serien doch an.
Darstellerisch ist das Ganze neben Neagley selbst vor allem in der zweiten Reihe überzeugend, u.a. mit Rebecca Liddiard („Alias Grace“) als eisiger Farmverwalterin oder Jessica Clement („Generation V“) als Cole-Jüngerin. „Sliders“-Star Jerry O’Connell hat außerdem einen herrlich schmierigen Cameo-Auftritt als er selbst – in einem Werbespot für das Wunderpharmazeutikum, um das sich der Plot dreht.
Hoher Besuch aus der Mutterserie: Jack Reacher (Alan Ritchson) beehrt die Staffel mit zwei gelungenen Gastauftritten. Amazon Prime Video
Weniger überzeugend geriet dagegen die Psychologisierung der Hauptfigur, die sich ihrer (aus „Reacher“ bekannten) Berührungsangst widmet: Warum will Neagley sich von niemandem berühren, also: anfassen lassen? Dazu geht die Serie analytisch in ihre Kindheit zurück und damit auch ins Leben ihres Polizisten-Vaters, der in der Jetztzeit der Serie als freundlicher alter Mann im Sterben liegt – doch ein dunkles Geheimnis birgt, das seiner fälligen Enthüllung harrt. Genau wie der Hauptplot fällt diese Enthüllung allerdings nicht sonderlich außergewöhnlich aus, weshalb sich umso mehr die Frage stellt, welchen Mehrwert dieser Traumabewältigungsnebenstrang am Ende hat. Für den „Reacher“ der Romane und der Serie hat sich die relative Vergangenheitslosigkeit nämlich immer als Vorteil erwiesen: Der Typ, der mit Hirn und Muskeln all diese brutalen Verbrechen löst, bleibt zu einem gewissen Grad ein unbeschriebenes Blatt.
In „Neagley“ wird das Blatt dagegen eifrig beschrieben – und nicht nur das eigene. Auch Detective Riley darf nicht einfach ein Cop sein. Er ist ein Cop, der aus einer Familie von Kriminellen stammt, sich gleichzeitig von ihr lösen will und doch nicht von ihr loskommt. Das führt zu Szenen, die der Handlung wenig Substanzielles hinzufügen und ihr eher im Weg stehen. Es ist nun mal ein Actionkrimi, kein Charakterdrama.
Zum Glück aber folgt verlässlich schnell wieder eine jener Szenen, in denen Maria Sten einfach das machen darf, wofür sie gebucht wurde: zünftig und zielgerichtet zu Werke zu gehen. Vielleicht ist es also gut, dass das private Trauma nun abgeräumt ist. In einer möglichen zweiten Staffel – mit einem idealerweise inspirierter konstruierten Fall und etwas größerer Lockerheit im Zugang – kann sich „Neagley“ dann ganz aufs Wesentliche besinnen.
Meine Wertung: 3,5/5
Die achtteilige Auftaktstaaffel von „Neagley“ wurde bei Prime Video am 16. September komplett veröffentlicht.
Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) - gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).